18.10.2017

Kontexte 10.09.2017


Daß der Feind sich in einen Freund verwandelt

Aus: Martin Luther King, ich habe einen Traum. Herausgegeben von Hans-Eckehard Bahr und Heinrich W. Grosse. Benziger Verlag, Zürich und Düsseldorf 1999.


Seit mehr als zwölf Monaten haben wir Negerbürger von Montgomery einen gewaltlosen Protest gegen die Ungerechtigkeiten und Beschimpfungen in den städtischen Autobussen durchgeführt. Wir erkannten, daß es ehrenvoller ist, in Würde zu Fuß zu gehen, als in Schande zu fahren. Wir wollten lieber müde Füße haben als müde Seelen, und so beschlossen wir, so lange auf den Straßen Montgomerys zu laufen, bis die Mauern der Ungerechtigkeit niedergerissen waren.

Diese zwölf Monate waren nicht leicht. Unsere Füße sind oft müde gewesen. Wir haben, um unsere Beförderungsaktion durchhalten zu können, gegen eine ungeheure Übermacht kämpfen müssen. Es gab Tage, wo ungünstige Gerichtsentscheidungen wie eine Sturmflut über uns kamen, so daß wir durch Wasser der Verzweiflung hindurch mußten. Aber trotz allem sind wir vorwärtsgegangen in dem Glauben, daß, wenn wir kämpfen, Gott mit uns kämpft, und daß letzten Endes die Gerechtigkeit siegen wird. Wir haben in der Qual und Finsternis des Karfreitags gelebt, fest davon überzeugt, daß eines Tages der helle Sonnenglanz der Ostersonne am Horizont aufleuchten würde. Wir haben erlebt, wie die Wahrheit gekreuzigt und die Güte begraben wurde, aber wir sind vorwärtsgegangen in der Zuversicht, daß die Wahrheit, die zu Boden getreten wurde, wieder auferstehen wird. Jetzt ist unser Glaube gerechtfertigt. Heute morgen kam die lang erwartete gerichtliche Verfügung des Obersten Bundesgerichts in Sachen Bus-Segregation.

Auf Grund dieser Verfügung und auf Grund des einstimmigen Beschlusses, den die Montgomery Improvement Association (MIA) vor etwa einem Monat gefaßt hat, ist die einjährige Protestaktion gegen die Autobusse der Stadt hiermit offiziell beendet. Die Negerbürger von Montgomery werden aufgefordert, morgen früh zu den Bussen zurückzukehren.

Ich kann nicht schließen, ohne zur Vorsicht zu mahnen. Wir sind durch unsere Erfahrungen in diesem Jahr gewaltlosen Protestes innerlich so gewachsen, daß uns ein gerichtlicher »Sieg« über unsere weißen Brüder nicht befriedigen kann. Wir müssen Verständnis für die aufbringen, die uns unterdrückt haben, und auch für das, was ihnen der Gerichtsbeschluß auferlegt. Wir müssen ehrlich unsere eigenen Fehler einsehen. Wir müssen so handeln, daß ein Zusammenleben weißer und farbiger Menschen in einer wirklichen Harmonie der Interessen und des Verständnisses möglich ist. Wir wollen eine Integration, die auf gegenseitiger Achtung aufgebaut ist. Dies ist der Augenblick, wo wir ruhige Würde und kluge Zurückhaltung zeigen müssen. Wir dürfen uns von unseren Gefühlen nicht hinreißen lassen. Keiner von uns darf Gewalt anwenden; denn wenn wir jetzt gewalttätig werden, sind wir vergeblich zu Fuß gelaufen, und die zwölf glorreichen Monate werden zur Vorgeschichte einer dunklen Katastrophe werden. Wenn wir zu den Bussen zurückkehren, laßt uns so viel Liebe aufbringen, daß der Feind sich in einen Freund verwandelt. Wir müssen nun vom Protest zur Versöhnung kommen. Ich bin fest davon überzeugt, daß Gott in Montgomery am Werk ist. Alle, die guten Willens sind, Neger und Weiße, sollten mit ihm zusammen ans Werk gehen. Dann werden wir uns aus der finsteren, trostlosen Nacht der Unmenschlichkeit erheben und in den hellen, leuchtenden Morgen der Freiheit und Gerechtigkeit hineinschreiten können.



Ein Kultur der Barmherzigkeit

Aus: Walter Kardinal Kasper, Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2012.


Eine Kultur der Barmherzigkeit kann sich nicht auf materielle Hilfe für andere beschränken; notwendig ist auch ein barmherziger Umgang untereinander. Schon Paulus beklagt Parteibildungen in der Gemeinde (1 Kor 1,10-17); drastisch kritisiert er, dass sich Christen gegenseitig beißen und verschlingen, statt sich vom Geist Gottes leiten zu lassen (Gal 5,15). Bei den Kirchenvätern verstummen die Klagen über Lieblosigkeit unter Christen nicht. Eines der ersten nachbiblischen Zeugnisse, der erste Clemensbrief, muss schlichtend in der Gemeinde von Korinth eingreifen. Gregor von Nazianz beklagt sich bitterlich und mit drastischen Worten über Lieblosigkeiten und Streitereien in der Kirche, besonders im Klerus. »Schmach ist ausgegossen über die Führer.« »Wir fallen übereinander her und verschlingen einander.«32 Ähnlich deutliche Worte finden sich auch bei Chrysostomos. Für ihn ist die Lieblosigkeit unter Christen einfach beschämend.33 Für den heutigen Leser findet sich in diesen Kirchenvätertexten somit ein, wenn auch schwacher Trost: Was wir heute in der Kirche oft schmerzlich erleben, ist alles andere als neu; in der Vergangenheit war es offensichtlich nicht besser.
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Man kann das Wort Barmherzigkeit nicht nur im persönlichen Lebensbereich, sondern auch im institutionellen Bereich der Kirche missverstehen und missbrauchen. Das geschieht hier wie dort, wenn man es mit schwächlicher Nachsichtigkeit und mit einem Laissez-faire-Standpunkt verwechselt. Wo das geschieht gilt: Corruptio optimi pessima (der Verfall des Besten ist das Schlimmste). Es besteht dann die Gefahr, dass man aus Gottes teurer, am Kreuz mit dem eigenen Blut »erkauften« und »verdienten« Gnade eine billige Gnade macht und Gnade zur Schleuderware wird. Dietrich Bonhoeffer hat das Gemeinte ohne alle Umschweife klar ausgesprochen: »Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders.« »Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte.«
Der weitgehende Ausfall von Kirchendisziplin ist eine der Schwächen in der gegenwärtigen Kirche und ein Missverständnis dessen, was Barmherzigkeit im Neuen Testament und pastorale Dimension der Kirche meint. Der Abbau einer rigiden legalistischen Praxis ohne den gleichzeitigen Aufbau einer evangeliumsgemäßen neuen Praxis der Kirchendisziplin hat zu einem Vakuum geführt, das Skandale erlaubt hat, welche zu einer schweren Kirchenkrise geführt haben. Erst neuerdings scheint man sich im Zusammenhang der erschreckenden Fälle von sexuellem Missbrauch wieder auf die Notwendigkeit der Kirchendisziplin zu besinnen.



Schnelle Versöhnung

Aus: Kardinal Carlo M. Martini, Die Bergpredigt. Ermutigung zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2011 (2006).


Es ist sicherlich etwas sehr Schönes, sich zu versöhnen. Aus Anlass des Weihnachtsfestes kam mir in den Sinn, einem bestimmten Priester, mit dem ich als Bischof von Mailand einen Konflikt hatte, einen Brief zu schreiben. Ich konnte später feststellen, dass der Brief viel Gutes bewirkt hat. Allerdings frage ich mich, ob es immer möglich ist, sich in der strengen und konsequenten Weise zu versöhnen, wie die Bergpredigt das verlangt.

Am Ende der Verse steht die Ermahnung, sich mit der Versöhnung zu beeilen, nicht damit zu warten: »Vertrage dich ohne Zögern mit deinem Widersacher, solange du noch mit ihm unterwegs (zum Gericht) bist, damit der Widersacher dich nicht etwa dem Richter übergibt und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen wirst. Amen, ich sage dir: Du kommst von dort sicherlich nicht heraus, bis du den letzten Quadrans bezahlt hast« (5,25-26). Auch dieser Satz ist nicht leicht zu interpretieren. Es stellt sich die Frage: Wer ist der Gegner? Ist es der Bruder, der mit mir einen Rechtsstreit angefangen hat und mich jetzt vor Gericht schleppt? Oder ist es das fordernde Wort Gottes, zu dem ich mich durch mein Urteil über den Bruder in einen Gegensatz gebracht habe und das mich jetzt vor sein Gericht stellen will?

Auf jeden Fall will Jesus eine schnelle, eine sehr schnelle Versöhnung: Während wir selbst leider zum Aufschieben neigen, zur Trägheit und Nachlässigkeit, lässt Jesus nicht zu, dass wir die Zeit verrinnen lassen.

Langsam beginnt sich auch das Profil der Gemeinde abzuzeichnen, wie sie von Jesus gedacht war, eine Gemeinschaft von Kindern Gottes, deren Beziehungen untereinander wirklich geschwisterlich sind: höflich, freundlich, besorgt um den anderen, unfähig zu verletzen. Wie oft verletzen unsere Worte, wenn auch vielleicht unbeabsichtigt, die Menschen zu unserer Rechten und zu unserer Linken! Da kommen kleine Vorwürfe ins Spiel, oder ich deute etwas an, was später falsch interpretiert wird. Das alles will Jesus nicht, er will eine Gemeinschaft, in der es nicht zu den herkömmlichen Konflikten kommt, in der es keine Ablehnung des anderen gibt, in der Menschen einander also wirklich lieben.



Feigheit – Mut - Geduld

Aus: Schopenhauer für Gestreßte. Ausgewählt von Ursula Michels-Wenz. Insel-Taschenbuch 2504. Frankfurt am Main und Leipzig 1999.


Die Alten zählten den Mut den Tugenden, die Feigheit den Lastern bei: dem christlichen Sinne, der auf Wohlwollen und Dulden gerichtet ist und dessen Lehre alle Feindseligkeit, eigentlich sogar den Widerstand verbietet, entspricht dies nicht; daher es bei den Neuern weggefallen ist. Dennoch müssen wir zugeben, daß Feigheit uns mit einem edlen Charakter nicht wohl verträglich scheint - schon wegen der übergroßen Besorgnis um die eigene Person, welche sich darin verrät. Der Mut nun aber läßt sich auch darauf zurückführen, daß man den im gegenwärtigen Augenblicke drohenden Übeln willig entgegengeht, um dadurch größeren in der Zukunft liegenden vorzubeugen; während die Feigheit es umgekehrt hält. Nun ist jenes erstere der Charakter der Geduld, als welche eben in dem deutlichen Bewußtsein besteht, daß es noch größere Übel als die eben gegenwärtigen gibt und man durch heftiges Fliehen oder Abwehren dieser jene herbeiziehn könnte. Demnach wäre dann der Mut eine Art Geduld, und weil eben diese es ist, die uns zu Entbehrungen und Selbstüberwindungen jeder Art befähigt, so ist mittelst ihrer auch der Mut wenigstens der Tugend verwandt.



Gründe

Erich Fried in: Elmar Simma: Hätte aber die Liebe nicht, Salzburg-Wien: Otto-Müller-Verlag 2001.



Kultur der Aufmerksamkeit

Bernhard Meuser in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete, Erfstadt 2007.



Der christliche Verzicht auf Körperstrafen

Aus: Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert. Aschendorf Verlag, Münster 2009/2012.



Himmel und Hölle

Aus: Josef García-Cascales; Groß sei das Herz. Gedankensplitter. Verlag Hermagoras/Mohorjeva Klagenfurt-Ljubiljana-Wien 2011



Das große Herz

Aus: Josef García-Cascales; Groß sei das Herz. Gedankensplitter. Verlag Hermagoras/Mohorjeva Klagenfurt-Ljubiljana-Wien 2011



Zukunft

Aus: Petra Focke, Hermann Josef Lücker (Hrsg); Gott und die Welt. Gebete und Impulse für junge Menschen in allen Lebenslagen. ohne Ort, ohne Verlag, ohne Jahr.



Was zählt

Aus: Petra Focke, Hermann Josef Lücker (Hrsg); Gott und die Welt. Gebete und Impulse für junge Menschen in allen Lebenslagen. ohne Ort, ohne Verlag, ohne Jahr.



Weisheit aus China

Aus: Adalbert L. Balling (Hrsg); Weisheit der Völker. Heiteres & Besinnliches. Sprichwörter aus aller Welt. Missionsverlag Marianhill, Reimlingen 1985.



Zärtlichkeit

Aus: Andrea Schwarz; Ich mag Gänseblümchen. Unaufdringliche Gedanken. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1988 (7).



Kirche mit eigener Stimme

Aus: Karl Kardinal Lehmann, Mut zum Umdenken. Klare Positionen in schwieriger Zeit. Herder Freiburg Basel Wien 2000.



Was es heißt, »Kirche« zu sein

Lothar Zenetti in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Hohe Verlag Erfstadt 2007.



Kultur der Aufmerksamkeit

Bernhard Meuser in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Hohe Verlag Erfstadt 2007.



Mein Schutz, mein Panzer

Aus: Ulrich Schaffer, Sehnsucht nach Nähe. Kreuz Verlag Stuttgart 1986.



Sein geschlossenes System

Aus: Ulrich Schaffer, Neues umarmen. Für die Mutigen, die ihren Weg suchen. Edition Schaffer im Kreuz Verlag Stuttgart 1984.



Was ihm fehlt

Aus: Hermann Josef Coenen. In Ninive und anderswo. Meditationen. Patmos Verlag Düsseldorf 1989.