20.11.2017

Lesungen 02.04.2017


1. Lesung vom 5. Fastensonntag, Lesejahr A:
Ez 37,12b-14

Lesung aus dem Buch Ezechiel:  

So spricht Gott, der Herr:
Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk,
aus euren Gräbern herauf.
Ich bringe euch zurück in das Land Israel.
Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk,
aus euren Gräbern heraufhole,
dann werdet ihr erkennen,
daß ich der Herr bin.
Ich hauche euch meinen Geist ein,
dann werdet ihr lebendig,
und ich bringe euch wieder in euer Land.
Dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin.
Ich habe gesprochen, und ich führe es aus
- Spruch des Herrn.



Die erste Lesung stammt aus dem Buch des Propheten Ezechiel und ist Teil einer der theologisch bedeutendsten Visionen des Alten Testaments. Die prophetische Schau, zu der Ezechiel von Gott geführt wird, beschreibt die Wiederbelebung ausgetrockneter Gebeine. Diese leblosen Knochen stehen da als Bild für das gleichsam leblose Volk Israel. Durch seinen Geist verleiht der Herr diesen Knochen nun neues Leben. - Ein Text voller Hoffnung, ein grossartiges Bekenntnis zum Leben schaffenden Gott.


Wir haben es mit einem visionären Vorgang zu tun, der auf das Haus Israel gedeutet wird. Zuvor spricht der Prophet prophetisch über Gebeine, die er in einer Ebene liegen sieht, damit sie sich zusammenfügen, mit Fleisch und Haut überzogen und folglich wieder lebendig werden. Sogar aus den Gräbern kommen sie hervor. Es entspricht spätjüdischer und neutestamentlicher Auferstehungsvorstellung. Den christlichen Auferstehungsglauben nimmt Ezechiel jedoch nicht vorweg. Es bleibt beim Bild der Wiederherstellung des Volkes. Im AT ist den Toten nur ein schattenhaftes Dasein in der Unterwelt beschieden. Erst ab dem 2. Jhdt. v. Chr. findet sich die Auferstehungserwartung im Judentum. Die Stelle zeigt, die Wiederbelebung der Toten durch Jahwe ist immer möglich. Nur die reale Erwartung ist etwas anderes.


Das Buch Ezechiel wurde wohl in den Jahren 594 - 560 v. Chr. im babylonischen Exil geschrieben. Der vorliegende Abschnitt deutet die vorausgegangene Vision von der Wiederbelebung der Toten ("So spricht Gott, der Herr zu deinen Gebeinen ... Ich überziehe euch mit Haut und hauche euch Atem ein, damit ihr lebendig werdet!" Ez 37,5a und 6b). Das Volk Israel befindet sich im Exil. Als von der Heimat abgeschnittenes Volk ist es ohne Hoffnung, es ist so gut wie gestorben und begraben. Der Gott Israel aber will, daß es lebt. Er holt sein Volk aus dem Grab der Verbannung und Hoffnungslosigkeit heraus und führt es in die Heimat zurück. Später wurde in diesem Text auch ein Hinweis auf die Auferstehung der Toten gesehen.


Erweiterete Fassung der
1. Lesung vom 5. Fastensonntag, Lesejahr A:
Ez 37,1-14


Lesung aus dem Buch Ezechiel:

Die Hand des Herrn legte sich auf mich, und der Herr brachte mich im Geist hinaus und versetzte mich mitten in die Ebene. Sie war voll von Gebeinen. Er führte mich ringsum an ihnen vorüber, und ich sah sehr viele über die Ebene verstreut liegen; sie waren ganz ausgetrocknet.
Er fragte mich: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Ich antwortete: Herr und Gott, das weißt nur du. Da sagte er zu mir: Sprich als Prophet über diese Gebeine, und sag zu ihnen: Ihr ausgetrockneten Gebeine, hört das Wort des Herrn! So spricht Gott, der Herr, zu diesen Gebeinen: Ich selbst bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. Ich spanne Sehnen über euch und umgebe euch mit Fleisch; ich überziehe euch mit Haut und bringe Geist in euch, dann werdet ihr lebendig. Dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin.

Da sprach ich als Prophet, wie mir befohlen war; und noch während ich redete, hörte ich auf einmal ein Geräusch: Die Gebeine rückten zusammen, Bein an Bein. Und als ich hinsah, waren plötzlich Sehnen auf ihnen, und Fleisch umgab sie, und Haut überzog sie. Aber es war noch kein Geist in ihnen.

Da sagte er zu mir: Rede als Prophet zum Geist, rede, Menschensohn, sag zum Geist: So spricht Gott, der Herr: Geist, komm herbei von den vier Winden! Hauch diese Erschlagenen an, damit sie lebendig werden.
Da sprach ich als Prophet, wie er mir befohlen hatte, und es kam Geist in sie. Sie wurden lebendig und standen auf - ein großes, gewaltiges Heer. Er sagte zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Jetzt sagt Israel: Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren. Deshalb tritt als Prophet auf, und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffne und euch, mein Volk, aus euren Gräbern heraufhole, dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin. Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig, und ich bringe euch wieder in euer Land. Dann werdet ihr erkennen, daß ich der Herr bin. Ich habe gesprochen, und ich führe es aus - Spruch des Herrn.


Antwortpsalm am 5. Fastensonntag (A)
Ps 130,1-8

R Beim Herrn ist die Huld,
bei ihm ist Erlösung in Fülle. - R

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir:
Herr, höre meine Stimme!
Wende dein Ohr mir zu,
achte auf mein lautes Flehen! - (R)

Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten,
Herr, wer könnte bestehen?
Doch bei dir ist Vergebung,
damit man in Ehrfurcht dir dient. - (R)

Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele,
ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn
mehr als die Wächter auf den Morgen. - (R)

Mehr als die Wächter auf den Morgen
soll Israel harren auf den Herrn.
Ja, er wird Israel erlösen
von all seinen Sünden. - R


2. Lesung vom 5. Fastensonntag, Lesejahr A:
Röm 8,8-11

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer:

Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen.
Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt,
da ja der Geist Gottes in euch wohnt.
Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.
Wenn Christus in euch ist,
dann ist zwar der Leib tot aufgrund der Sünde,
der Geist aber ist Leben aufgrund der Gerechtigkeit.
Wenn der Geist dessen in euch wohnt,
der Jesus von den Toten auferweckt hat,
dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat,
auch euren sterblichen Leib lebendig machen,
durch seinen Geist, der in euch wohnt.



Der Römerbrief gilt als das Testament des Paulus, als umfassendste und ausgereifteste Darlegung seiner Theologie von der Rechtfertigung durch den Glauben. Die zweite Lesung ist dem 8. Kapitel dieses Briefes entnommen, wo Paulus seine Anthropologie, d. h. seine Sicht des Menschen entwirft. Der Mensch ausserhalb des Glaubens ist in einem Teufelskreis von Sünde und Tod gefangen; der Christ aber lebt als Kind Gottes durch den Geist in vollkommener Freiheit.


Vom Fleisch bestimmte Menschen können kein gottwohlgefälliges Leben führen, resümiert Paulus. In Teilen vor unserer Perikope führt er aus, dass seit dem Sündenfall das Trachten des Fleisches im Widerspruch zu Gott steht. Von wem jedoch der Geist Besitz ergriffen hat, ist nicht mehr im Fleisch. Haarscharf unterscheidet Paulus zwischen Christen und Nichtchristen. Die Fähigkeit zu glauben und zum Bekenntnis hängt vom Geist ab. Und wer diesen nicht hat, kann nicht zu Christus gehören. Es ist biblisch vom AT her verständlich, dass der Geist die Leben schaffende Kraft ist. Und der Gekreuzigte und Auferweckte ist für Paulus der Repräsentant dafür. So werden die Christen an Jesu Tod und Auferstehung beteiligt. Christi Leib wird in den Tod gegeben. Der Leib der Christen wird genauso mit allen sündhaft wirkenden Leidenschafen in den Tod gegeben. Und Gott wirkt an den Glaubenden wie an Christus durch Auferweckung. Die Christen haben Teil an der Erlösung, stehen in der Erfüllung der Weisungen Gottes und sind sich der Auferstehung gewiss.


Der Apostel Paulus will im vorliegenden Abschnitt den Christen zusprechen, daß sie mit Geist beschenkt wurden, und damit zur Auferstehung berufen sind. Wenn Paulus vom Fleisch spricht, so meint er damit die ganze menschliche Existenz, mit all den Anstrengungen im Guten wie im Bösen. Dieser Mensch aber kommt nicht über seine Grenzen hinaus, er kann Gott nicht wirklich gefallen. Er bedarf des Geistes, der im Glauben und in der Taufe im Menschen "Wohnung" genommen hat. "So klar diese Bestimmung des Christenlebens ist, so ernst ist ihre Kehrseite: sofern einer den Geist Christi nicht hat, gehört dieser Mensch nicht zu den Christen. Der Satz unterscheidet in juristischer Präzision zwischen Christsein und Nichtchristsein." Aber auch wenn dieses "Christsein" noch nicht voll erreicht ist, so bleibt der Zuspruch in die Hoffnung auf die endzeitliche Auferweckung. (Vgl. NTD, Bd. 6, Göttingen 1989)


Ruf vor dem Evangelium am 5. Fastensonntag (A)
vgl. Joh 11,25a.26b

Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre! - R

(So spricht der Herr:)
Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Jeder, der an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.

Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre!


Evangelium vom 5. Fastensonntag, Lesejahr A:
Joh 11,1-45

Vorschlag zum Lesen mit verteilten Rollen: PDF-Format / RTF-Format

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes:

Ein Mann war krank,
Lazarus aus Betanien, dem Dorf,
in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.
Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt
und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat;
deren Bruder Lazarus war krank.
Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht:
Herr, dein Freund ist krank.
Als Jesus das hörte, sagte er:
Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen,
sondern dient der Verherrlichung Gottes:
Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.
Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.
Als er hörte, daß Lazarus krank war,
blieb er noch zwei Tage an dem Ort,
wo er sich aufhielt.
Danach sagte er zu den Jüngern:
Laßt uns wieder nach Judäa gehen.
Die Jünger entgegneten ihm:
Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen,
und du gehst wieder dorthin?
Jesus antwortete:
Hat der Tag nicht zwölf Stunden?
Wenn jemand am Tag umhergeht,
stößt er nicht an,
weil er das Licht dieser Welt sieht;
wenn aber jemand in der Nacht umhergeht,
stößt er an,
weil das Licht nicht in ihm ist.
So sprach er.
Dann sagte er zu ihnen:
Lazarus, unser Freund, schläft;
aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.
Da sagten die Jünger zu ihm:
Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.
Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen,
während sie meinten,
er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.
Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt:
Lazarus ist gestorben.
Und ich freue mich für euch,
daß ich nicht dort war;
denn ich will, daß ihr glaubt.
Doch wir wollen zu ihm gehen.
Da sagte Thomas, genannt Didymus (Zwilling),
zu den anderen Jüngern:
Dann laßt uns mit ihm gehen,
um mit ihm zu sterben.
Als Jesus ankam,
fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.
Betanien war nahe bei Jerusalem,
etwa fünfzehn Stadien entfernt.
Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen,
um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
Als Marta hörte, daß Jesus komme,
ging sie ihm entgegen,
Maria aber blieb im Haus.
Marta sagte zu Jesus:
Herr, wärst du hier gewesen,
dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
Aber auch jetzt weiß ich:
Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
Jesus sagte zu ihr:
Dein Bruder wird auferstehen.
Marta sagte zu ihm:
Ich weiß, daß er auferstehen wird
bei der Auferstehung am Letzten Tag.
Jesus erwiderte ihr:
Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
und jeder, der lebt und an mich glaubt,
wird auf ewig nicht sterben.
Glaubst du das?
Marta antwortete ihm:
Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist,
der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.
Nach diesen Worten ging sie weg,
rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr:
Der Meister ist da und läßt dich rufen.
Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.
Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen;
er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.
Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten,
sahen, daß sie plötzlich aufstand und hinausging.
Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab,
um dort zu weinen.
Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah,
fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm:
Herr, wärst du hier gewesen,
dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
Als Jesus sah, wie sie weinte
und wie auch die Juden weinten,
die mit ihr gekommen waren,
war er im Innersten erregt und erschüttert.
Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet?
Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!
Da weinte Jesus.
Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!
Einige aber sagten:
Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat,
hätte er dann nicht auch verhindern können,
daß dieser hier starb?
Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt,
und er ging zum Grab.
Es war eine Höhle,
die mit einem Stein verschlossen war.
Jesus sagte: Nehmt den Stein weg!
Marta, die Schwester des Verstorbenen,
entgegnete ihm:
Herr, er riecht aber schon,
denn es ist bereits der vierte Tag.
Jesus sagte zu ihr:
Habe ich dir nicht gesagt:
Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?
Da nahmen sie den Stein weg.
Jesus aber erhob seine Augen und sprach:
Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast.
Ich wußte, daß du mich immer erhörst;
aber wegen der Menge, die um mich herum steht,
habe ich es gesagt;
denn sie sollen glauben, daß du mich gesandt hast.
Nachdem er dies gesagt hatte,
rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!
Da kam der Verstorbene heraus;
seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt,
und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt.
Jesus sagte zu ihnen:
Löst ihm die Binden, und laßt ihn weggehen!
Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren
und gesehen hatten, was Jesus getan hatte,
kamen zum Glauben an ihn.



Der Exeget Schnackenburg bewertet die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus als das stärkste Zeichen Jesu. Die zentrale Christus-Aussage des Ereignisses ist: “Ich bin die Auferstehung und das Leben”. Die Bekehrung der Menge ist als eine vorgezogene Umsetzung des Sendungsbefehls zu verstehen: Jesus selbst beginnt schon, das Volk Gottes neu zu sammlen und von den zwölf Stämmen zu lösen. Damit ist der Zorn der Hohenpriester, von dem anschließend berichtet wird, heraufbeschworen und das Ende Jesu angedeutet.


Der Kranke wird mit Namen Lazarus - El-azar = Gott hat Hilfe gebracht - vorgestellt. Der Ort Betanien befindet sich etwa drei Kilometer von Jerusalem entfernt und ist nicht ident mit dem genannten Betanien im Kapitel 1 des Johannesevangeliums. Ebenfalls werden die beiden Schwestern ohne viel Umschweife eingeführt. Dies unterstreicht, dass diese Perikope auf geformte Überlieferung zurückgeht. Warum die beiden Frauen Jesu die Krankheit ihres Bruders Jesus mitteilen, begründet sich in der Freundschaft Jesu zu ihm. Durch diese Krankheit wird Gott und sein Sohn verherrlicht. Dieses letzte Wunderzeichen verherrlicht endgültig, führt zum Kreuz und zur Rückkehr zum Vater. Jesus bricht erst drei Tage nach Erhalt der Nachricht von der Krankheit seines Freundes nach Judäa auf. Die Erinnerung der Jünger an die Steinigungsabsicht der Juden nützt Jesus zur Erklärung, es bleibe ihm nur noch wenig Zeit auf Erden und die müsse er ausnutzen. Die Jünger missverstehen die Worte Jesu vom Schlaf und Auferweckung. Jesus gibt ihnen zu verstehen, dass Lazarus tot ist, und wäre er früher dort gewesen, wäre es nur eine Krankenheilung gewesen. Durch das Wunder der Totenerweckung werden sie aber Glauben lernen. Und durch Thomas wird erstmals vom Leiden der Jünger um Jesu willen gesprochen. Jesus findet Lazarus dann schon vier Tage im Grabe liegend vor. Dies verstärkt die Situation der Hoffnungslosigkeit. Viele Juden erfüllen die Pflicht des Trauerbesuches. Maria empfängt weiterhin die Trauergäste, während Martha Jesus entgegeneilt. Aus ihr spricht der Glaube an und das Vertrauen in Jesu Wunderkraft, die er von Gott hat. Der Evangelist verbindet die Wundergeschichten mit Gebetserhörung. Dadurch löst er Jesus aus der orientalischen Wundermanntradition heraus ohne aber diese gänzlich zu verlassen. Die Antwort Jesu, dass Lazarus auferstehen werde, stellt Martha nicht zufrieden, da dies eben als am Ende der Welt geschehend zu verstehen ist. Und da schiebt der Evangelist diese urchristliche Bekenntnisformel ein, Ich weiß, dass er auferstehen wird…, die er aber dann überbietet mit dem Ich-bin-Wort. Somit steht hier in dieser Szene der göttliche Lebensspender an sich. Der Glaubende, der den leiblichen Tod stirbt, wird leben, und der leibliche Tod verliert an Bedeutung. Hier bricht die urgemeindliche Tradition durch, die Totenerweckung an und für sich erwartet. Leben und Sterben werden in den Schatten des ewigen Lebens gestellt und in die Einheit mit Jesus und Gott gebracht. Und dennoch wird Lazarus in dieses Leben wieder zurückgeholt, obzwar dies durch das Ich-bin-Wort Jesu bereits überholt ist. Die weiteren Sätze geben die Hintergrundfolie für die Wiederbelebung. Maria erhält keine Antwort von Jesus. Dass sich Jesus erregt, finden wir auch in anderen Stellen. Das Widersprechen Martas Jesu, da er befiehlt den Stein vom Grab zu nehmen, zeigt, dass sie noch immer nicht begriffen hat. Sie hat nicht begriffen, dass die Totenerweckung die Herrlichkeit Gottes bringen wird. Jesus handelt nicht aus sich selbst und nicht zu seiner eigenen Ehre. Seine Wundertaten sind ihm von Gott gegebene Gaben. Somit wird auch sein Beten nicht zu einer Schaustellung, sonder setzt ihn in Verbindung und Einheit mit dem Vater. Diese Wundererzählung bringt der Evangelist Johannes nicht aus historischem Interesse sondern es geht ihm um Verkündigung. Denn wir lesen weiter nichts von einer Reaktion der Schwestern oder des Lazarus. Im Zentrum steht Jesus selbst als derjenige, der dort ist, wo alles hoffnungslos scheint.


Das Evangelium des Johannes wurde um das Jahr 100 geschrieben. Lazarus, der gestorben und vom Tode auferweckt wurde, war also zu dieser Zeit längst tot. Diese lange Wundergeschichte wird nicht aus historischem Interesse berichtet, sondern hat eine eindeutige Verkündigungsabsicht. Der Name Lazarus kommt von El azara, d.h. Gott hat Hilfe gebracht. Der Begriff Lazarett geht im übrigen auf den Namen Lazarus zurück. Dem Evangelisten ist es wichtig, auf den Kern dieser ganzen Geschichte rund um Lazarus hinzuweisen, nämlich auf die Worte Jesu: "Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben (11,25 und 26). Nach der Blindenheilung (Kap. 9) folgt in der Auferweckung des Lazarus eine Steigerung. Die Vollmacht Jesu wird unterstrichen, aber auch ein Hinweis gegeben auf den folgenden Tod und die Auferstehung von Jesus selbst. Jesu Gebet am Grab des Lazarus "soll den Zuhörern augenfällig zeigen, was er stets von sich gesagt hat: Er ist nichts von sich aus. Damit wird aber das Gebet nicht zum Schauspiel; denn die Volksmenge hört die Worte ja nicht. Sie sieht nur die Gebetshaltung und versteht sein Gebet als Bittgebet." Es ist das Bittgebet dessen, der in inniger Gemeinschaft und Einheit mit dem Vater steht. Jesus ist als Bittender immer zugleich schon der Beschenkte. "Das ist der wohl wichtigste Beitrag des vierten Evangeliums zum Wunder und Wunderverständnis im Urchristentum." (Vgl. NTD, Bd. 4, Göttingen 1987)


Kurzfassung des
Evangeliums vom 5. Fastensonntag, Lesejahr A:
Joh 11,3-7. 17. 20-27. 33b-45

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes:

In jener Zeit
sandten die Schwestern des Lazarus Jesus die Nachricht:
Herr, dein Freund ist krank.
Als Jesus das hörte, sagte er:
Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen,
sondern dient der Verherrlichung Gottes:
Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.
Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.
Als er hörte, daß Lazarus krank war,
blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.
Danach sagte er zu den Jüngern:
Laßt uns wieder nach Judäa gehen.

Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.
Als Marta hörte, daß Jesus komme, ging sie ihm entgegen,
Maria aber blieb im Haus.
Marta sagte zu Jesus:
Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
Aber auch jetzt weiß ich:
Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
Marta sagte zu ihm:
Ich weiß, daß er auferstehen wird
bei der Auferstehung am Letzten Tag.
Jesus erwiderte ihr:
Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
und jeder, der lebt und an mich glaubt,
wird auf ewig nicht sterben.
Glaubst du das?
Marta antwortete ihm:
Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist,
der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

Jesus war im Innersten erregt und erschüttert.
Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet?
Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!
Da weinte Jesus.
Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!
Einige aber sagten:
Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat,
hätte er dann nicht auch verhindern können,
daß dieser hier starb?
Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt,
und er ging zum Grab.
Es war eine Höhle,
die mit einem Stein verschlossen war.
Jesus sagte: Nehmt den Stein weg!
Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm:
Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.
Jesus sagte zu ihr:
Habe ich dir nicht gesagt:
Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?
Da nahmen sie den Stein weg.

Jesus aber erhob seine Augen und sprach:
Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast.
Ich wußte, daß du mich immer erhörst;
aber wegen der Menge, die um mich herum steht,
habe ich es gesagt;
denn sie sollen glauben, daß du mich gesandt hast.
Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme:
Lazarus, komm heraus!
Da kam der Verstorbene heraus;
seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt,
und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt.
Jesus sagte zu ihnen:
Löst ihm die Binden, und laßt ihn weggehen!

Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren
und gesehen hatten, was Jesus getan hatte,
kamen zum Glauben an ihn.