21.09.2017

Lesungen 03.09.2017


1. Lesung vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Jer 20,7-9

Lesung aus dem Buch Jeremia:

Du hast mich betört, o Herr,
und ich ließ mich betören;
du hast mich gepackt und überwältigt.
Zum Gespött bin ich geworden den ganzen Tag,
ein jeder verhöhnt mich.
Ja, sooft ich rede, muß ich schreien,
"Gewalt und Unterdrückung!" muß ich rufen.
Denn das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag
nur Spott und Hohn.
Sagte ich aber:
Ich will nicht mehr an ihn denken
und nicht mehr in seinem Namen sprechen!,
so war es mir,
als brenne in meinem Herzen ein Feuer,
eingeschlossen in meinem Innern.
Ich quälte mich, es auszuhalten,
und konnte nicht.



In diesem Text, der uns in einem wahren Gefühlsausbruch den Menschen Jeremias zeigt, zeigen sich der innere Zwiespalt und die tiefe Enttäuschung seines Prophetendaseins. Mit kühner Kritik, ja fast schon blasphemisch, kritisiert er sein Prophetenamt wobei er nicht davor zurückschreckt, den Vergleich mit einem naiven, von seinem Liebhaber verführten und dann sitzengelassenen Mädchen zu wählen. Es sind für ihn die gleichen Gefühle, die eine enttäuschte Liebe auslöst: Ärger über die eigene Dummheit, Ohnmacht, weil die Situation nicht zu ändern ist und Angst vor der Schande. Jeremias muss "Gewalt und Unterdrückung" erleiden und erfährt dazu noch, dass er sich mit dem Wort Gottes, das ihm aufgetragen worden war, nur lächerlich macht. Er befindet sich in einer tragischen Situation: Redet er, wie es seine Pflicht ist, macht er sich die ganze Welt zum Feind, schweigt er, muss er mit dem Gefühl leben, schuldig zu werden, weil er den Auftrag Gottes missachtet. In dieser für ihn nahzu unerträglichen Spannung erlebt er zugleich die reale Macht Gottes und weiss, dass ihm nur ein Weg offen bleibt: seine Sache in schonungsloser Offenheit Gott vorzutragen und auf ihn zu vertrauen.


Die Lesung trägt einige Verse aus den sogenannten Bekenntnissen des Propheten Jeremia vor. Es empfiehlt sich, diese Bekenntnisse, die über viele Kapitel verstreut sind, zusammenhängend zu lesen (11:18-23; 12:1-6; 15:10-21; 17:12-18; 18:18-23; 20:7-18). Jeremia trägt schwer an seiner Berufung zum Propheten, der Unheil anzukündigen und Unrecht anzukreiden hat. Er leidet an der Isolation, die ihm seine Predigt eingebracht hat. Von seinen Gegner wird er gehaßt und verfolgt - sie ließen ihn sogar in eine Zisterne werfen - von seinen Verwandeten wird er verlassen und gemieden. Gott gegenüber klagt er über sein Schicksal und klagt ihn an. Er vergleicht seine Situation und Gottesbeziehung mit einem Mädchen, das sich von seinem Liebhaber betören und überwältigen hat lassen. Und doch kommt er von ihm und seinem Auftrag nicht los.


Antwortpsalm am 20. Sonntag im Jahreskreis (A)
Ps
67,2-3. 5-6. 8

R Die Völker sollen dir danken, o Gott,
danken sollen dir die Völker alle. - R


Gott sei uns gnädig und segne uns.
Er lasse über uns sein Angesicht leuchten,
damit auf Erden sein Weg erkannt wird
und unter allen Völkern sein Heil. - (R)

Die Nationen sollen sich freuen und jubeln.
Denn du richtest den Erdkreis gerecht.
Du richtest die Völker nach Recht
und regierst die Nationen der Erden. - (R)

Die Völker sollen dir danken, o Gott,
danken sollen dir die Völker alle.
Es segne uns Gott.
Alle Welt fürchte und ehre ihn! - R


2. Lesung vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Röm 12,1-2

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer:

Angesichts des Erbarmens Gottes
ermahne ich euch, meine Brüder,
euch selbst
als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen,
das Gott gefällt;
das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst.
Gleicht euch nicht dieser Welt an,
sondern wandelt euch und erneuert euer Denken,
damit ihr prüfen und erkennen könnt,
was der Wille Gottes ist:
was ihm gefällt,
was gut und vollkommen ist.



Wie in allen Paulusbriefen stehen auch im Römerbrief im letzten Teil Schlussfolgerungen und praktische Mahnungen, wie das Leben des Christen auszusehen hat. Verse 1-2 bilden gleichsam die Überschrift und fassen das Wesentliche zusammen. Christliches Dasein ist "lebendiger Gottesdienst"; dies bedeutet ein Dasein für Gott und darin eingeschlossen ein Dasein für andere. Christliche Selbstverwirklichung geschieht paradoxer Weise im "Opfer", womit Paulus hier nicht einen neuen Kult meint, sondern die Bereitschaft zum Dienst in dieser Welt. "Wahrer und angemessener Gottesdienst" bedeutet dann ein ständiges, angespanntes Hinhören auf das, was das von Christus in Bewegung gesetzte Reich Gottes fordert. Es geht also nicht um die Einhaltung bestimmter Regeln und Normen, sondern um die Bereitschaft, einerseits diese konkrete Welt anzunehmen und andererseits durch diese Welt hindurch und zusammen mit dieser Welt zur "neuen Schöpfung" unterwegs zu sein.


Die ersten beiden Verse des 12. Kapitels des Römerbriefes bilden eine Art Überschrift über den folgenden Abschnitt. Während Paulus in den Kapiteln 1 bis 11 theologisch herausgearbeitet hat, was Gott an uns Menschen getan und durch Leben, Tod und Auferstehung Jesu bewirkt hat, beschreibt er in den nächsten Kapiteln konkrete Konsequenzen für das Leben der Christen. Diese haben den Charakter von Aufrufen und Mahnungen. Die erste Mahnung unserer Lesung fordert auf, daß Christen sich selbst als lebendiges und heiliges Opfer Gott darbringen. Den Hintergrund dieser Mahnung bildet ein grundlegender Wandel in der Auffassung von Opfer und Gottesdienst. Im Umfeld des Christentums werden und wurden seit jeher den Gottheiten blutige Opfer dargebracht. Tiere werden stellvertretend für den Opfernden getötet und Gott dargebracht. Paulus fordert das Opfern des eigenen Leibes als lebendiges Opfer. Damit ist nicht an Abtötung und Lebensverneinung gedacht, sondern ein Sich-in-den-Dienst-Gottes-Stellen gemeint. Gott fordert den ganzen Menschen. Dies versteht sich auch als Abgrenzung gegenüber Opfervorstellungen in manchen Mysterienkulten, die eher die geistige Hingabe forderten. Wer sich in den Dienst Gottes stellt, hat einen Dienst an den Schwestern und Brüdern zu leisten. Der wahre Gottesdienst zeigt sich im Umgang mit den Menschen. Die zweite Mahnung fordert die Verwandlung des Denkens der Christen. Die Hinwendung zum Menschen birgt die Gefahr eines Humanismus in sich, der die religiöse Dimension, die Wirklichkeit des Glaubens, die Beziehung zu Gott aus den Augen verliert. Christen sind den Menschen zugewandt, denken aber von Gott her. Die ist kein Widerspruch, da Gott sich den Menschen zugewandt hat, wie Paulus in der vorangehenden Kapiteln ausgeführt hat.


Ruf vor dem Evangelium am 22. Sonntag im Jahreskreis (A)
Eph 1,17-18

Halleluja. Halleluja.
Der Vater unseres Herrn Jesus Christus
erleuchte die Augen unseres Herzens,
damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.
Halleluja.


Evangelium vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 16,21-27

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

Jesus begann, seinen Jüngern zu erklären,
er müsse nach Jerusalem gehen
und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden;
er werde getötet werden,
aber am dritten Tag werde er auferstehen.
Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe;
er sagte:
Das soll Gott verhüten, Herr!
Das darf nicht mit dir geschehen!
Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus:
Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!
Du willst mich zu Fall bringen;
denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will,
sondern was die Menschen wollen.
Darauf sagte Jesus zu seinen Jüngern:
Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst,
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren;
wer aber sein Leben um meinetwillen verliert,
wird es gewinnen.
Was nützt es einem Menschen,
wenn er die ganze Welt gewinnt,
dabei aber sein Leben einbüßt?
Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?
Der Menschensohn wird mit seinen Engeln
in der Hoheit seines Vaters kommen
und jedem Menschen vergelten,
wie es seine Taten verdienen.



Die Zeit ist jetzt reif dafür, die Jünger in das Geheimnis des Leidens einzuführen. Gleich am Anfang steht das Wort "muss", das den Zuhörern klarmachen soll, es gibt hier keine andere Möglichkeit, es ist ein göttliches Muss, das nach der Ordnung des Heils Tod und Auferstehung vorsieht. Der Jude Petrus, der bis jetzt messianisches Wirken in den Zeichen, Worten und Taten Jesu erfahren hat, kann sich einen leidenden und von den Führern des alttestamentlichen Gottesvolkes zum Tod verurteilten Messias nicht vorstellen. Daher seine Reaktion: das ist unvorstellbar und kann und darf nicht geschehen! Die Antwort Jesu ist sehr hart und entspricht den Worten, die er dem Verführer gesagt hat (Mt 4,10). Aber dort, wo die Gedanken Gottes in das Denken der Menschen einbrechen, wird es für uns Menschen immer schwierig. Wir müssen so wie Petrus von vorn anfangen und uns bemühen, langsam diese Gedanken Gottes zu begreifen. Die Jünger waren auf den Aufruf Jesu hin ihm nachgefolgt. Nun soll aus dieser äußeren eine innere Nachfolge werden. Dafür ist es notwendig, "sich selbst zu verleugnen" und "sein Kreuz auf sich zu nehmen". Dies bedeutet sich aufzugeben und loszulassen, möglicherweise bis in den wirklichen Tod. In Vers 25 wird es für unser logisches Denken vollkommen unverständlich: Jeder Mensch strebt doch danach sein Leben zu "retten", zu bewahren und wird das Gegenteil von dem erreichen, was er will. Die Einsicht in die Wahrheit dieses Wortes zeigt sich nur dem, der es zu leben versucht, wie es die Jünger Jesu getan haben. Diese Einsicht ist aber zugleich die Voraussetzung das Leben, das über den Tod hinausgeht, zu erlangen. Denn "der Menschensohn" wird in seiner Herrlichkeit kommen und die, die in Gemeinschaft mit ihm stehen, zum ewigen Leben führen.


Dieser Abschnitt folgt unmittelbar auf das Messiasbekenntnis des Simon Petrus (Mt. 16:13 ff.). Stellvertretend für alle Jünger bekennt Petrus: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes". Jesus reagiert darauf mit der Berufung des Simon zum Petrus-Amt. Geradezu im Kontrast dazu steht nun die folgende Begebenheit: Jesus erläutert, daß er nach Jerusalem zu gehen habe, dort vieles erleiden und sogar getötet werde. Er geht seinem Prophetenschicksal entgegen. Dieses war für die Juden (auch für seine Jünger) mit ihrer Vorstellung vom Messias unvereinbar. Petrus will das aus seiner schlichten menschlichen Betrachtungsweise heraus verhüten. Jesus reagiert darauf mit unerwarteter Heftigkeit. Für ihn geht es um das Wesentliche seiner Berufung. Wie der Satan in der Erzählung von den Versuchungen Jesu ihn von seinem Weg abbringen wollte, will ihn Petrus vom Weg des Messias abbringen. An diese Begebenheit fügt der Evangelist ein Wort Jesu über die Nachfolge an. Wer Jünger Jesu sein will, wird letztlich den gleichen Weg zu gehen haben. In diesen Sätzen schwingt die Erfahrung der Jünger der ersten Generation mit. Sie haben und werden letztlich das gleiche Schicksal erfahren. "Der Jünger steht nicht über seinem Meister". Dessen sollten sich Leser späterer Jahrhunderte bewußt sein und dieses Wort nicht vorschnell auf andere Situationen übertragen. Vielmehr fordern uns diese Sätze heraus zu fragen: Worin besteht heute das Kreuz der Nachfolge? Das Leben "verlieren", um es zu gewinnen, ist eine paradoxe Weisheit, die sich in der Nachfolge Jesu bewahrheitet. Eine Wahrheit, eine Erfahrung Glaubender, die ermutigt, das Leben zu riskieren für eine Sache, die sich aus rein menschlicher Perspektive "nicht rechnet". Dies ist genau genommen etwas anderes, als einfach ja zu seinem eigenen Lebensschicksal zu sagen.