23.05.2017

Lesungen 26.12.2008


Lesung vom Fest des hl. Stephanus:
Apg 6,8-10; 7,54-60

Aus der Apostelgeschichte:

Stephanus aber, voll Gnade und Kraft,
tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk.
Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertiner
und Zyrenäer und Alexandriner
und Leute aus Zilizien und der Provinz Asien
erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten;
aber sie konnten der Weisheit und dem Geist,
mit dem er sprach, nicht widerstehen.
Als sie das hörten, waren sie aufs äußerste über ihn empört
und knirschten mit den Zähnen.
Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist,
blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes
und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief:
Ich sehe den Himmel offen
und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.
Da erhoben sie ein lautes Geschrei,
hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los,
trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.
Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder,
der Saulus hieß.
So steinigten sie Stephanus;
er aber betete und rief:
Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!
Dann sank er in die Knie und schrie laut:
Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!
Nach diesen Worten starb er.



Das griechische Wort stéphanos bezeichnet den aus Zweigen (oftmals aus Palmzweigen) geflochtenen "Kranz des Siegers", der bei den antiken Wettkämpfen dem Sieger überreicht und aufgesetzt wurde. Im Hintergrund dieser Ehrung steht wahrscheinlich der strahlende Leuchtkranz der Sonne, die so genannte corona. Verschiedentlich wurde der Kranz auch als Zeichen der Priester- oder Beamtenwürde getragen. Manchmal bekam der so Ausgezeichnete den Namen stephanos, der in späterer Zeit allgemein zu einem Vornamen geworden ist. Stephanus begegnet uns erstmals im sechsten Kapitel der Apostelgeschichte als führender Mann der Hellenisten innerhalb der Urgemeinde. Bei ihnen wird es sich um Juden gehandelt haben, die in der weltweiten Diaspora geboren worden und aufgewachsen waren, aber später - aus welchen Gründen auch immer - in das "Land der Väter" gezogen sind. Ihre Muttersprache war das Griechische, der aramäischen Umgangssprache in Palästina waren sie nur begrenzt mächtig. Apg 6,1-8 zeigt uns, dass es Zwistigkeiten zwischen den Hellenisten und den aus Palästina stammenden Juden, den so genannten Hebräern, gegeben hat. Stephanus wird als jüdischer Hellenist wohl ebenfalls aus der Diaspora nach Palästina gekommen sein. Es kann angenommen werden, dass seine Heimat das ägyptische Alexandrien gewesen ist - manche Aspekte der Stephanusrede (Apg 7,2-53) sprechen nach Meinung der Exegeten dafür. Neben seiner Tätigkeit als Armenpfleger in der Urgemeinde fand er Gelegenheit, diesen seinen Bekannten das Evangelium zu verkünden. Stephanus wurde durch seine hellenistischen Widersacher denunziert und ebenso wie bei der Passion Christi treten gegen ihn falsche Zeugen auf, welche ihm Aussagen gegen Moses, Gott, den Tempel und das Gesetz nachsagen. Von der Menge wird er vor den Hohen Rat gebracht und muss sich vor diesem verteidigen. Die Einzelheiten dieses Prozesses, bzw. dieses Geschehens, liegen für uns völlig im Dunkeln. Der lukanische Bericht schwankt zwischen der Schilderung eines ordentlichen Verfahrens und Lynchjustiz hin und her. Jedenfalls wird der Angeklagte in seiner Verteidigungsrede unterbrochen, vor die Stadt gebracht und dort gesteinigt. Interessant ist das "kleine Detail am Rande": hier taucht, historisch gesehen, Paulus erstmals im Neuen Testament auf. Stephanus stirbt betend und mit einer Vision des erhöhten Herrn vor Augen. Selbst im Tode wollte er Jesus ähnlich sein und betet daher für seine Mörder. Die Tatsache, dass auch "angesehene" Bürger Jerusalems bei seinem Begräbnis anwesend waren, könnte dafür sprechen, dass er doch nicht rechtmäßig verurteilt worden ist. In seiner Verteidigungsrede, die einer damaligen Synagogenpredigt nicht unähnlich ist, geht Stephanus ausführlich auf die Geschichte Israels im Blick auf sein Gottesverhältnis und auf Gottes Treue zu seinem Volk trotz vielfacher Untreue Israels ein. Er hebt hervor, dass Gottes Heil seit jeher nicht an den Tempel gebunden war. Diese distanzierte Haltung zum Tempelkult findet sich schon bei den alttestamentlichen Propheten, aber auch bei Jesus und im zeitgenössischen Judentum der Diaspora, das wegen seiner großen geographischen Entfernung zu Jerusalem andere Formen der "Frömmigkeitsausübung" finden musste, die den Opferkult im Tempel ersetzen konnten. In Alexandria, der vermutlichen Heimat des Stephanus, hatte man längst die hermeneutischen Methoden der Spiritualisierung und der Allegorese entwickelt. Der alexandrinische Philosoph Philo, ein Zeitgenosse des Stephanus, hat sie in seinen Kommentaren zu alttestamentlichen Texten zur Blüte gebracht. Bei Stephanus kommen noch die heilsgeschichtliche Sicht der Gottesgeschichte mit Israel und eine recht urtümliche Christologie dazu. Vor allem mit seiner Vision des erhöhten Jesus in unmittelbarer Nähe Gottes dürfte Stephanus absolut nicht in das religiöse Weltbild der jüdischen Theologen gepasst haben und so wird es annäherungsweise erklärlich, weshalb er auf schärfste Kritik stieß und letztlich hingerichtet wurde.


Stephanus, einer der sieben urkirchlichen "Diakone", die zum Dienst am Tisch der Armen eingesetzt waren, wird als Mann voll Kraft und Hl. Geist geschildert. Das öffentliche Wirken des Heiligen wird mit Wundern berichtet. Doch seine Worte, seine Predigt, wird ihm zum Verhängnis. Vor dem Hohen Rat wird er unter dem Zeugnis falscher Zeugen wegen drei Punkten angeklagt: - Er stelle die Gültigkeit des jüdischen Gesetzes in Frage. - Er wende sich gegen den Tempel. - Er lästere Gott. Stephanus selbst verteidigt sich in der längsten Rede der Apostelgeschichte (7:1- 53), aber seine Worte verwandeln sich zur Anklage seiner Ankläger und Richter. Im Zentrum steht ein Überblick über die Geschichte des Volkes Israel. Die in einer Vision gegebene Bestätigung der Richtigkeit dessen, was Stephanus gesagt hatte, empört die Zuhörer. Diese Rede reizt die Zuhörer aufs höchste, so dass sie ihn gleich richten, wie die in seiner Verteidigung angeführten Gottesmänner. In einem Akt der Lynchjustiz wird Stephanus zum ersten Märtyrer. Lukas, der als Verfasser der Apostelgeschichte gilt, schildert die Hinrichtung des Diakons mit vielen Parallelen zur Kreuzigung Jesu. Außerhalb der Stadtmauern wird an ihm die jüdische Art der Hinrichtung (Steinigung) vollzogen. Die Worte des sterbenden Stephanus erinnern an die letzten Worte Jesu am Kreuz. Das Martyrium des Heiligen markierte eine Wende in der Geschichte des jungen Christentums und war das Signal zur ersten größeren Christenverfolgung. Die Gemeinde von Jerusalem zersplitterte sich, was dazu beitrug, dass sich die Botschaft Jesu über die Grenzen der Stadt hinaus verbreitete.


Der heutigen Lesung geht die Wahl der ersten 7 Diakone voraus (6,1-7) und damit wird ein neues, dem Kreis der Zwölf untergeordnetes Gemeindeamt geschaffen. Diakonie war aber, wie an Stephanus (Apg 6,8 - 7,53) zu sehen ist, von Anfang an auch Teilnahme an der Verkündigungsaufgabe der Apostel. Der Stephanusprozess erinnert an den Prozess Jesu, in dem gleichfalls von falschen Zeugen die Anklage erhoben wurde, Jesus stellte den Tempel als den einzigen Ort der Gottesbegegnung in Frage. Der Vorwurf, das alttestamentliche Gesetz als überholt abzutun, verbindet Stephanus mit seinem "Nachfolger" Paulus (Apg 21,28). Die Rede des Stephanus (Apg 7,1-53) wird in der heutigen Lesung übersprungen (vgl. "ungekürzte Fassung"). Stephanus reagiert mit einer langen Rede auf die Vorwürfe. Er greift auf die Geschichte Israels zurück um zu zeigen, dass das Volk Israel nie bereit war, den Heilswillen Gottes anzuerkennen. Israel hat immer das abgelehnt, was Gottes Wille war. Die Kreuzigung des Gerechten (d. h. des Messias) ist daher – wie auch die Hinrichtung des Stephanus - nur eine Folge der immerzu widersätzlichen Haltung Israels gegen die Heilstaten Gottes. Stephanus hat seine Richter der Empörung gegen Gott, der Übertretung des Gesetzes und des Messiasmordes angeklagt (51-53). Die Umkehrung der Gerichtssituation wird durch das Bekenntnis, Jesus stehe als der Menschensohn zur Rechten Gottes, ins Unerträgliche gesteigert.


Evangelium vom Fest des hl. Stephanus:
Mt 10,17-22

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Nehmt euch vor den Menschen in acht!
Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen
und in ihren Synagogen auspeitschen.
Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt,
damit ihr vor ihnen und den Heiden Zeugnis ablegt.
Wenn man euch vor Gericht stellt,
macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt;
denn es wird euch in jener Stunde eingegeben,
was ihr sagen sollt.
Nicht ihr werdet dann reden,
sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.
Brüder werden einander dem Tod ausliefern
und Väter ihre Kinder,
und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen
und sie in den Tod schicken.
Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehaßt werden;
wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.



Der Text des Evangeliums stammt aus der so genannten "Aussendungsrede" (Mt 9,35 - 11,1). Matthäus komponierte hierbei aus überlieferten Worten Jesu eine eigene Rede zusammen. Adressaten dieser Rede sind nicht allein die Jünger Jesu sondern gleichsam alle Christinnen und Christen. Dass es sich dabei um keine authentische Rede Jesu handeln kann, wird beispielsweise an der Formulierung "... und in ihren Synagogen auspeitschen..." deutlich, denn Jesus selbst hätte nie von "ihren" Synagogen gesprochen. Vielmehr hat der Autor hier bereits die Zeit der ersten Verfolgungen und Anfeindungen vor Augen. Das Kennzeichen für das Leben der Jünger ist nach dem Evangeliumstext die Verfolgung. Die Verfolgung droht den Jüngern dabei von verschiedenen Seiten: Mitmenschen, Familie, Repräsentanten des jeweils herrschenden Systems etc..


Die heutige Perikope ist aus der Aussendungsrede (9,35 - 11,1) genommen. Mattäus stellt aus Worten Jesu, die bei verschiedenen Gelegenheiten gesprochen wurden, eine Aussendungsrede zusammen. Sie ist nicht allein an die zwölf Apostel gerichtet, manches gilt für alle ChristenInnen ("JüngerInnen"). Der heutige Evangeliumsabschnitt befasst sich mit dem Los der Jünger, wobei nur der 1. Teil (10,17-22 von 10,16–39) gelesen wird. Das Jüngerlos ist die Verfolgung. Die Jünger werden ohne irdische Macht in eine Welt der Feinde geschickt, die Ausrüstung sind das "Ich" Jesu und die kluge Zurückhaltung. Die Verfolgung droht gleich von mehreren Seiten: durch jüdische und heidnische Obrigkeiten, aber auch von eigenen Familien. Die Jünger Christi können aber nicht ausgerottet werden. Sie sollen um die Geborgenheit im Geist Vaters wissen und das ist ihre Rettung.


Immer wieder hat Jesus seine Jünger darauf hingewiesen, was sie von den Menschen zu erwarten haben, aber auch, was sie - wenn sie treu sind - von Gott zu erwarten haben. Die "Welt" wird ihr Tun und Wirken nicht anerkennen, doch Gott sie "entschädigen" und ihnen Ewiges Leben schenken. In der Stunde der Entscheidung, dann „wenn es darauf ankommt", wird der Hl. Geist selbst, ihre Worte formen und ihnen die "Sprache abnehmen". Im Zusammenhang mit dem Gedächtnis des hl. Stephanus sind die Worte mehr als prophetisch: Die eigenen Angehörigen werden einen verleugnen, aber Gott, der Herr, bleibt treu und sendet seinen Beistand, den Heiligen Geist.