16.12.2017

Lesungen 31.12.2010


Lesung für einen Jahresschlussgottesdienst:
Ez 34,11-16

Lesung aus dem Buch Ezechiel:

So spricht Gott, der Herr:
Jetzt will ich meine Schafe selber suchen
und mich selber um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert
an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben,
so kümmere ich mich um meine Schafe
und hole sie zurück von all den Orten,
wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.
Ich führe sie aus den Völkern heraus,
ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land.
Ich führe sie in den Bergen Israels auf die Weide,
in den Tälern und an allen bewohnten Orten des Landes.
Auf gute Weide will ich sie führen,
im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein.
Dort sollen sie auf guten Weideplätzen lagern,
auf den Bergen Israels sollen sie fette Weide finden.
Ich werde meine Schafe auf die Weide führen,
ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn.
Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen,
die vertriebenen zurückbringen,
die verletzten verbinden,
die schwachen kräftigen,
die fetten und starken behüten.
Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.



Der richtige Hirte sucht nicht sich selber, sondern er ist ganz da für seine Herde. In Christus ist diese Vision des Propheten erfüllt. Das Bild des Hirten, der über seine Herde wacht, ist nicht neu, aber immer eindrucksvoll. Jeremia verglich oft die Könige mit Hirten. Übten nicht Saul und David den Beruf des Hirten aus, ehe sie zu Königen Israels wurden? Jene, die Ezechiel als schlechte, gewissenlose Hirten schildert (Ez 34,2-10), sind ihre letzten Nachfolger in Juda. Ihr Eigennutz, ihre Verbrechen und Morde haben die Herde zerstreut. Aber auf dieses dunkle Bild folgt die Heilsverheißung: die Schafe werden wieder gesammelt, Israel wird wieder hergestellt. Wie der Psalmist verheißt (Ps 23), wacht Gott persönlich über jedes seiner Schafe, über das verirrte, verwundete, schwache - und auch über das fette, da es ja nur dann gesund bleiben kann, wenn es geschützt wird vor den Gefahren des Weges, der Raubtiere und der Unwetter. Diese Weissagung voll Hoffnung und Liebe verwendet Jesus zu seiner Parabel vom verlorenen Schaf und zur Allegorie vom guten Hirten.


Die Stimme des Propheten Ezechiel ertönt in der Zeit des Exils (586-538 v. Chr.). Die Ich-Rede des Propheten wird mit der Botenformel "so spricht Gott, der Herr" durchsetzt, sodass für den Leser und Hörer das Wort Jahwes klar und deutlich wird. In unserem Abschnitt bzw. im ganzen Kapitel 34 von Ezechiel dominiert das Bild des Hirten: In 34,1-10 findet sich ein Gerichts- und Wehewort über die schlechten Hirten, in 34,11-22 ein Heilswort, das wiederum in eine Gerichtsansage mündet. Gott selbst sorgt für Gerechtigkeit und Recht in seiner Herde des Volkes Israel. In 34,23-31 wird die Einsetzung des Knechtes David als neuen Hirten und damit die Erneuerung des Friedensbundes verheißen. Im Abschnitt unserer Lesung ist es Jahwe selbst, der seine Schafe aus der Zerstreuung zusammenführt, sie auf gute Weide im Bergland Israels führt und für Recht unter ihnen sorgt. Es wird ein Bild von Jahwe gezeichnet, das ihn selbst als aktiv zeigt, wenn es darauf ankommt. Er ist ein Gott, der sich für sein Volk im Exil einsetzt und dafür Sorge trägt, dass es Heimat findet.


Jahwe als Hirten zu betrachten ist keine Patentleistung Israels bzw. keine Kreation alttestamentlicher Theologie. Eine Gottheit als Hirte zu betrachten, war in der Umwelt Israels normale Erscheinung. Kann ein Entstehungsmotiv eines solchen Bildes - Gott als Hirte - in der Frustration über weltliche Herrscher geortet werden? Ezechiel gehört zu den Deportierten. 597 v. Chr. nahm Nebukadnezar Jerusalem ein. Die Oberschicht Jerusalems wurde nach Babel abtransportiert. 586 folgte in Jerusalem ein Aufstand gegen die babylonische Herrschaft, welcher niedergeschlagen wurde, wobei auch der Tempel in Jerusalem selbst zerstört wurde. Für das Babylonische Reich ein Nebenereignis am Rande; für die Judäer eine Weltkatastrophe. Enttäuschung, über die judäischen Könige, den Adel, Priester ... lenkt den Blick auf Jahwe! Wohliges gibt das griffige Bild aus der Alltagserscheinung vom Umgang des Hirten mit seiner Herde her. Nur so kann Jahwe sein im Gegensatz zu dem Pack, welches die Zerstreuung und Verschleppung bis nach Babel verschuldet hat.


Evangelium vom Hochfest der Geburt des Herrn - Am Tag:
Joh 1,1-18

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes:

Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott,
und das Wort war Gott.
Im Anfang war es bei Gott.
Alles ist durch das Wort geworden,
und ohne das Wort wurde nichts,
was geworden ist.
In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
und die Finsternis hat es nicht erfaßt.
Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war;
sein Name war Johannes.
Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht,
damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
Er war nicht selbst das Licht,
er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet,
kam in die Welt.
Er war in der Welt,
und die Welt ist durch ihn geworden,
aber die Welt erkannte ihn nicht.
Er kam in sein Eigentum,
aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Allen aber, die ihn aufnahmen,
gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
allen, die an seinen Namen glauben,
die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches,
nicht aus dem Willen des Mannes,
sondern aus Gott geboren sind.
Und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
voll Gnade und Wahrheit.
Johannes legte Zeugnis für ihn ab und rief:
Dieser war es, über den ich gesagt habe:
Er, der nach mir kommt, ist mir voraus,
weil er vor mir war.
Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen,
Gnade über Gnade.
Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben,
die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.
Niemand hat Gott je gesehen.
Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht,
er hat Kunde gebracht.



Der Prolog, mit dem das Evangelium nach Johannes anfängt, kann als Schöpfungsgeschichte gelesen werden, im Hintergrund steht Gen 1 (also der Anfang der Bibel überhaupt). Wie ein Adler (das Symbol des Evangelisten) umkreist Johannes den Anfang: der Logos (Wort) ist da, er ist bei Gott, ja, er ist Gott. Aus dem Wort kommt die Schöpfung, nichts, das nicht aus dem Wort käme. Die erste Gabe des Wortes ist das Licht. Es leuchtet in der Finsternis, auch wenn die Finsternis nicht weiß, was Licht ist. Der Evangelist formuliert: "das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt". Hier wiegt jedes Wort: wahres Licht – jeden Menschen. Hier wird die alte Schöpfungsgeschichte, wie sie in Gen 1 zu finden ist, noch einmal erzählt. Jedoch aus einer besonderen Perspektive: Das Wort ist Fleisch geworden. Jesus wird vorgestellt als der, der Herrlichkeit und Wahrheit sichtbar macht - die Herrlichkeit und Wahrheit des Vaters. Im Prolog wird, fein nuanciert und auch formuliert, was mit Jesus geschieht. Sein Kreuz zeichnet sich von Anfang an ab: die Finsternis hat das Licht nicht erfasst, die Welt erkannte ihn nicht, die Seinen nahmen ihn nicht auf. Das Evangelium verspricht: "Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden", richtet aber gleichzeitig den Blick auf den "Logos", das Wort. Dass es Fleisch wird, sprengt vertraute Denkformen und fromme Erwartungen. Fleisch ist vergänglich, hinfällig, bedroht. Nach Jes 40 (und vielen Psalmen) ist das Fleisch wie Gras. So bezeugt der Prolog einerseits, dass Menschen Kinder Gottes werden, der Logos aber - Fleisch.


Im Gegensatz zu Lukas und Matthäus, die mit Kindheitsgeschichten ihr Evangelium eröffnen, leitet Johannes sein Evangelium mit einem philosophisch-theologischen Diskurs über den "Logos", über das "Wort Gottes" ein, ehe er die Erzählung vom Leben Jesu mit dem Auftreten Johannes des Täufers eröffnet (vgl. Mk 1). Es sind 3 Abschnitte zu unterscheiden: * 1-5 (das präexistente Sein des Logos); * 6-13 (das Kommen des Logos zu den Menschen); * 14-16.18 (Inkarnation und Heilsbedeutung für die Gläubigen). Der Prolog knüpft bewußt an Gen 1,1 an ("Im Anfang") - denn der Logos ist das Wort, mit dem Gott alles geschaffen hat (Vers 3); aber in Überhöhung: hier ist es ein personales, fleischgewordenes Wort - Jesus Christus. Dies ist der Zielpunkt des ganzen Hymnus: ein Preislied auf den Erlöser. Christus ist der Logos, die Weisheit - aber noch mehr: er ist Gott (Vers 1c). Für die Menschen ist der Logos der Übermittler von Leben und Licht (Vers 4) - und zwar des wahren Lichtes (Vers 9): Die Verse 6 bis 8 mit dem Bericht über Johannes den Täufer bringen den Logos in die konkrete Geschichte hinein - und ordnen Johannes klar unter den Logos ein. Vers 10f formuliert die Ablehnung des Logos durch die Welt - und doch gab es auch solche, die ihn erkannten und aufnahmen (Vers 12f) - und zwar im Glauben. Vers 14 bildet mit seiner Rückbindung auf Vers 1 den Höhepunkt: dieses Wort, von dem so Großes ausgesagt wird, wird Fleisch. (Fleisch meint hier nicht nur einfach "Mensch", sondern das Irdisch-Gebundene, das Vergängliche, das typisch Menschliche). Die Verse 15-18 sind theologische Einzelaussagen, die einen Übergang zum Folgenden darstellen. Einzuordnen ist dieser Hymnus in die "Wort-Gottes-Theologie" der Bibel: Wer Jesu Wort gläubig hört, hört Gottes Wort; Jesus ist aber das Wort selbst. Damit eröffnet er den Erlösungsweg der Menschen: Sie können sich ihm im Glauben anschließen und damit seinem Weg zurück empor zur Herrlichkeit anschließen.


Das Johannesevangelium kennt nicht die Kindheitsgeschichte Jesu, wie Matthäus oder Lukas sie erzählen, sondern es beginnt mit einem Prolog, der nicht nur wie der Stammbaum bei Matthäus die Väter mithereinnimmt sondern zum Ausgangspunkt vor die Erschaffung der Welt zurückgeht. Johannes zeigt damit, daß er einen ganz anderen Ansatz hat: statt vom irdischen Leben und Handeln Jesu auszugehen und es auf Gott hin durchscheinend werden zu lassen, versucht er von Anfang an, den Blick des Lesers zu weiten und ihn ein Stück in die "Welt Gottes" mithineinzunehmen. Im Vergleich zu den anderen Evangelien enthält das Johannesevangelium einige völlig neue Vorstellungen, die ihm dabei helfen sollen. Neben dem "Logos", dem personifizierten Wort Gottes, kennt Johannes zum Beispiel auch den "Paraklet", den von Gott gesandten Tröster und Beistand Gottes. Der Evangelist arbeitet auch sehr gern mit Dualismen, zum Beispiel Licht und Finsternis im ersten Kapitel. In dieses Lied über den Logos hat der Autor selbst Hinweise auf den Täufer eingeflochten und so den Text des Prologs als eine Art Tür zum Evangelium gestaltet. Im Hymnus klingen schon wichtige theologische Begriffe und Gedanken an, die beiden Erzählstücke über Johannes den Täufer schlagen die Brücke zum Beginn der Erzählung in Joh 1:19. Neben den schon erwähnten Worten "Leben" und "Licht" gehören zu den wichtigen theologischen Begriffen noch "Zeugnis", "Wahrheit", "Fleisch", "Glauben", "Sohn", "Vater", "gesandt sein", "Welt". Der allerwichtigste Begriff ist "das Wort" - "der logos". Im Johannesevangelium ist es das wirksame Wort Gottes selber, das die Menschen hineinführt in die Situation der Entscheidung für oder gegen Gott. Dieses Wort ist Jesus Christus selber, er spricht den Menschen an, er fordert ihn heraus zu antworten. "Das Wort" ist so Zusage der Liebe Gottes, des Heiles und des Lebens für die Menschen, das nicht nur geschrieben oder gesprochen bleibt, sondern wirksam wird, das heißt, Konsequenzen hat. In der Reaktion auf die Herausforderung des Wortes wird sichtbar, wofür sich der Mensch entscheidet: Glaube oder Unglaube, Heil oder Gericht, Leben oder Tod. Das ganze Evangelium steht in der Spannung der sich immer weiterzuspitzenden Entscheidungssituation, die das Kommen des Wortes ausgelöst hat.