26.03.2017

Lesungen 31.12.2015


Lesung für einen Jahresschlussgottesdienst:
Ez 34,11-16

Lesung aus dem Buch Ezechiel:

So spricht Gott, der Herr:
Jetzt will ich meine Schafe selber suchen
und mich selber um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert
an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben,
so kümmere ich mich um meine Schafe
und hole sie zurück von all den Orten,
wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.
Ich führe sie aus den Völkern heraus,
ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land.
Ich führe sie in den Bergen Israels auf die Weide,
in den Tälern und an allen bewohnten Orten des Landes.
Auf gute Weide will ich sie führen,
im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein.
Dort sollen sie auf guten Weideplätzen lagern,
auf den Bergen Israels sollen sie fette Weide finden.
Ich werde meine Schafe auf die Weide führen,
ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn.
Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen,
die vertriebenen zurückbringen,
die verletzten verbinden,
die schwachen kräftigen,
die fetten und starken behüten.
Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.



Der richtige Hirte sucht nicht sich selber, sondern er ist ganz da für seine Herde. In Christus ist diese Vision des Propheten erfüllt. Das Bild des Hirten, der über seine Herde wacht, ist nicht neu, aber immer eindrucksvoll. Jeremia verglich oft die Könige mit Hirten. Übten nicht Saul und David den Beruf des Hirten aus, ehe sie zu Königen Israels wurden? Jene, die Ezechiel als schlechte, gewissenlose Hirten schildert (Ez 34,2-10), sind ihre letzten Nachfolger in Juda. Ihr Eigennutz, ihre Verbrechen und Morde haben die Herde zerstreut. Aber auf dieses dunkle Bild folgt die Heilsverheißung: die Schafe werden wieder gesammelt, Israel wird wieder hergestellt. Wie der Psalmist verheißt (Ps 23), wacht Gott persönlich über jedes seiner Schafe, über das verirrte, verwundete, schwache - und auch über das fette, da es ja nur dann gesund bleiben kann, wenn es geschützt wird vor den Gefahren des Weges, der Raubtiere und der Unwetter. Diese Weissagung voll Hoffnung und Liebe verwendet Jesus zu seiner Parabel vom verlorenen Schaf und zur Allegorie vom guten Hirten.


Die Stimme des Propheten Ezechiel ertönt in der Zeit des Exils (586-538 v. Chr.). Die Ich-Rede des Propheten wird mit der Botenformel "so spricht Gott, der Herr" durchsetzt, sodass für den Leser und Hörer das Wort Jahwes klar und deutlich wird. In unserem Abschnitt bzw. im ganzen Kapitel 34 von Ezechiel dominiert das Bild des Hirten: In 34,1-10 findet sich ein Gerichts- und Wehewort über die schlechten Hirten, in 34,11-22 ein Heilswort, das wiederum in eine Gerichtsansage mündet. Gott selbst sorgt für Gerechtigkeit und Recht in seiner Herde des Volkes Israel. In 34,23-31 wird die Einsetzung des Knechtes David als neuen Hirten und damit die Erneuerung des Friedensbundes verheißen. Im Abschnitt unserer Lesung ist es Jahwe selbst, der seine Schafe aus der Zerstreuung zusammenführt, sie auf gute Weide im Bergland Israels führt und für Recht unter ihnen sorgt. Es wird ein Bild von Jahwe gezeichnet, das ihn selbst als aktiv zeigt, wenn es darauf ankommt. Er ist ein Gott, der sich für sein Volk im Exil einsetzt und dafür Sorge trägt, dass es Heimat findet.


Jahwe als Hirten zu betrachten ist keine Patentleistung Israels bzw. keine Kreation alttestamentlicher Theologie. Eine Gottheit als Hirte zu betrachten, war in der Umwelt Israels normale Erscheinung. Kann ein Entstehungsmotiv eines solchen Bildes - Gott als Hirte - in der Frustration über weltliche Herrscher geortet werden? Ezechiel gehört zu den Deportierten. 597 v. Chr. nahm Nebukadnezar Jerusalem ein. Die Oberschicht Jerusalems wurde nach Babel abtransportiert. 586 folgte in Jerusalem ein Aufstand gegen die babylonische Herrschaft, welcher niedergeschlagen wurde, wobei auch der Tempel in Jerusalem selbst zerstört wurde. Für das Babylonische Reich ein Nebenereignis am Rande; für die Judäer eine Weltkatastrophe. Enttäuschung, über die judäischen Könige, den Adel, Priester ... lenkt den Blick auf Jahwe! Wohliges gibt das griffige Bild aus der Alltagserscheinung vom Umgang des Hirten mit seiner Herde her. Nur so kann Jahwe sein im Gegensatz zu dem Pack, welches die Zerstreuung und Verschleppung bis nach Babel verschuldet hat.


Evangelium zum Jahresschluss: Lk 4,16-22

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

In jener Zeit kam Jesus nach Nazaret,
wo er aufgewachsen war,
und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge.
Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen,
reichte man ihm das Buch des Propheten Jesja.
Er schlug das das Buch auf und fand die Stelle,
wo es heißt:
Der Geist des Herrn ruht auf mir;
denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
Dann schloss er das Buch,
gab es dem Synagogendiener und setzte sich.
Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.
Da begann er, ihnen darzulegen:
heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
Seine Rede fand bei allen Beifall;
sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten:
Ist das nicht der Sohn Josefs?



Lukas erzählt, dass Jesus in Nazareth aufgewachsen ist. Hier gehört er zur Gemeinde, die sich in der Synagoge versammelt, die Thora und die Propheten liest. Heute wird Jesaja gelesen. Jes 61. Der Text ist an der Reihe. Jesus trägt ihn vor. Dann legt er ihn aus. Nichts Ungewöhnliches. So war es Brauch in der Synagoge. Lukas stellt die Szene meisterhaft dar. Obwohl die Stelle aus dem Propheten Jesaja länger ist, zitiert er nur die ersten Verse ... die Rolle wird zurückgelegt, Jesus setzt sich, alle Augen sind auf ihn gerichtet … und dann nur ein Satz: "Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren." Kein Wort mehr. Hier in Nazareth beginnt Jesu Weg als Christus. In der Synagoge hält er seine „Antrittspredigt“. Sein Predigttext ist die prophetische Überlieferung, wie sie bei Jesaja zu finden ist. Das Evangelium soll den Armen verkündet werden: den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen. Zusammengefasst: das Gnadenjahr Gottes soll verkündigt und angesagt werden. Ohne die Fragen zu stellen, welche Jesaja-Version zitiert wird (hebräisch oder griechisch, vielleicht auch mit lukanischer Eingebung): Jesus sagt in Nazareth, dass mit ihm die Verheißung erfüllt ist. Sein Programm hat Konturen. Das ganze Evangelium erzählt, dass Menschen frei werden und den klaren Blick finden. Das „Gnadenjahr“ erinnert an die gute Weisung Gottes, dass Felder, Weiden, Tiere – die ganze Schöpfung sich ausruhen soll. Selbst Schuldverhältnisse sollten ein Ende haben. Denn Gott ruhte am siebten Tag „von allen seinen Werken“. Das „Gnadenjahr“ ist eine Verheißung, in die schöpferische Ruhe Gottes einzutreten, Frieden mit einander zu teilen und dann neu anzufangen. Die Reaktion? Nach Lukas geben alle Zeugnis von ihm und wundern sich. Ist das nicht Josefs Sohn? In der Weihnachtsgeschichte waren es die Engel, die Frieden verkündeten und auf das Kind in der Krippe verwiesen – jetzt tritt Jesus in Nazareth auf. Viele Orte folgen. Gottes Gnadenjahr wird verkündigt.