28.02.2017

Lesungen 31.12.2016


Lesung für einen Jahresschlussgottesdienst:
Ez 34,11-16

Lesung aus dem Buch Ezechiel:

So spricht Gott, der Herr:
Jetzt will ich meine Schafe selber suchen
und mich selber um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert
an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben,
so kümmere ich mich um meine Schafe
und hole sie zurück von all den Orten,
wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.
Ich führe sie aus den Völkern heraus,
ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land.
Ich führe sie in den Bergen Israels auf die Weide,
in den Tälern und an allen bewohnten Orten des Landes.
Auf gute Weide will ich sie führen,
im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein.
Dort sollen sie auf guten Weideplätzen lagern,
auf den Bergen Israels sollen sie fette Weide finden.
Ich werde meine Schafe auf die Weide führen,
ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn.
Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen,
die vertriebenen zurückbringen,
die verletzten verbinden,
die schwachen kräftigen,
die fetten und starken behüten.
Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.



Der richtige Hirte sucht nicht sich selber, sondern er ist ganz da für seine Herde. In Christus ist diese Vision des Propheten erfüllt. Das Bild des Hirten, der über seine Herde wacht, ist nicht neu, aber immer eindrucksvoll. Jeremia verglich oft die Könige mit Hirten. Übten nicht Saul und David den Beruf des Hirten aus, ehe sie zu Königen Israels wurden? Jene, die Ezechiel als schlechte, gewissenlose Hirten schildert (Ez 34,2-10), sind ihre letzten Nachfolger in Juda. Ihr Eigennutz, ihre Verbrechen und Morde haben die Herde zerstreut. Aber auf dieses dunkle Bild folgt die Heilsverheißung: die Schafe werden wieder gesammelt, Israel wird wieder hergestellt. Wie der Psalmist verheißt (Ps 23), wacht Gott persönlich über jedes seiner Schafe, über das verirrte, verwundete, schwache - und auch über das fette, da es ja nur dann gesund bleiben kann, wenn es geschützt wird vor den Gefahren des Weges, der Raubtiere und der Unwetter. Diese Weissagung voll Hoffnung und Liebe verwendet Jesus zu seiner Parabel vom verlorenen Schaf und zur Allegorie vom guten Hirten.


Die Stimme des Propheten Ezechiel ertönt in der Zeit des Exils (586-538 v. Chr.). Die Ich-Rede des Propheten wird mit der Botenformel "so spricht Gott, der Herr" durchsetzt, sodass für den Leser und Hörer das Wort Jahwes klar und deutlich wird. In unserem Abschnitt bzw. im ganzen Kapitel 34 von Ezechiel dominiert das Bild des Hirten: In 34,1-10 findet sich ein Gerichts- und Wehewort über die schlechten Hirten, in 34,11-22 ein Heilswort, das wiederum in eine Gerichtsansage mündet. Gott selbst sorgt für Gerechtigkeit und Recht in seiner Herde des Volkes Israel. In 34,23-31 wird die Einsetzung des Knechtes David als neuen Hirten und damit die Erneuerung des Friedensbundes verheißen. Im Abschnitt unserer Lesung ist es Jahwe selbst, der seine Schafe aus der Zerstreuung zusammenführt, sie auf gute Weide im Bergland Israels führt und für Recht unter ihnen sorgt. Es wird ein Bild von Jahwe gezeichnet, das ihn selbst als aktiv zeigt, wenn es darauf ankommt. Er ist ein Gott, der sich für sein Volk im Exil einsetzt und dafür Sorge trägt, dass es Heimat findet.


Jahwe als Hirten zu betrachten ist keine Patentleistung Israels bzw. keine Kreation alttestamentlicher Theologie. Eine Gottheit als Hirte zu betrachten, war in der Umwelt Israels normale Erscheinung. Kann ein Entstehungsmotiv eines solchen Bildes - Gott als Hirte - in der Frustration über weltliche Herrscher geortet werden? Ezechiel gehört zu den Deportierten. 597 v. Chr. nahm Nebukadnezar Jerusalem ein. Die Oberschicht Jerusalems wurde nach Babel abtransportiert. 586 folgte in Jerusalem ein Aufstand gegen die babylonische Herrschaft, welcher niedergeschlagen wurde, wobei auch der Tempel in Jerusalem selbst zerstört wurde. Für das Babylonische Reich ein Nebenereignis am Rande; für die Judäer eine Weltkatastrophe. Enttäuschung, über die judäischen Könige, den Adel, Priester ... lenkt den Blick auf Jahwe! Wohliges gibt das griffige Bild aus der Alltagserscheinung vom Umgang des Hirten mit seiner Herde her. Nur so kann Jahwe sein im Gegensatz zu dem Pack, welches die Zerstreuung und Verschleppung bis nach Babel verschuldet hat.


Antwortpsalm für eine Jahresschlussfeier
Ps 23,1-6

R Der Herr ist mein Hirte,
nichts wird mir fehlen. - R

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein Verlangen;
er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. - (R)

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht
ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. - (R)

Du deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl,
du füllst mir reichlich den Becher. - (R)

Lauter Güte und Huld
werden mir folgen mein Leben lang,
und im Haus des Herrn
darf ich wohnen für lange Zeit. - R



Gottlose missachten den Willen Gottes. Im Sühnetod Jesu geht die Gnade dem Glauben voraus. Das Besondere, das Paulus hier aufgreift, ist, dass Jesus für Schwache und Gottlose stirbt. Für einen gerechten Menschen das Leben geben, ist in der Antike nicht sehr häufig bezeugt. Für eine gerechte Sache jedoch zu sterben, dazu finden sich viele Beispiele. Könige opfern sich, um Unheil von den Bürgern abzuwenden. Aber in Jesus wird dies alles übertroffen, da er eben für Gottlose stirbt! Und Paulus betont nochmals. bzw. malt noch deutlicher aus: werden wir bereits jetzt gerecht gemacht, um wie viel mehr erst dann? Erst dann beim Gericht! Der Gekreuzigte und Auferstandene tritt für uns ein, bürgt für uns bei Gott. Denn Versöhnung meint, Feindschaft findet ein Ende, Friedensschluss wird möglich. Indem Gott Jesus dahin gegeben hat, beendet er die Feindschaft der Sünder ihm gegenüber. Jetzt schon dürfen wir uns der Gegenwart Gottes rühmen, und nicht bloß harren auf künftige Errettung. Durch den Auferstandenen ist uns die Versöhnung mit Gott geschenkt.


Der Abschnitt spricht die Thematik von Sühne und Versöhnung durch Christus an. "Christus ist für die gottlosen Sünder gestorben, als sie noch schwach waren. Gottes Heilstat in Christus geht dem Glauben voran und gibt ihm seinen Grund in der Geschichte". Paulus spricht in diesem Kapitel auch die Frage der Rechtfertigung an. Gott will die Rettung aller. Sein "Gericht" will nicht verurteilen, sondern retten. (Vgl. NTD, Bd. 6, Göttingen 1989)


Evangelium zum Jahresschluss: Lk 4,16-22

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas:

In jener Zeit kam Jesus nach Nazaret,
wo er aufgewachsen war,
und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge.
Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen,
reichte man ihm das Buch des Propheten Jesja.
Er schlug das das Buch auf und fand die Stelle,
wo es heißt:
Der Geist des Herrn ruht auf mir;
denn der Herr hat mich gesalbt.
Er hat mich gesandt,
damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe;
damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht;
damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.
Dann schloss er das Buch,
gab es dem Synagogendiener und setzte sich.
Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet.
Da begann er, ihnen darzulegen:
heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.
Seine Rede fand bei allen Beifall;
sie staunten darüber, wie begnadet er redete, und sagten:
Ist das nicht der Sohn Josefs?



Lukas erzählt, dass Jesus in Nazareth aufgewachsen ist. Hier gehört er zur Gemeinde, die sich in der Synagoge versammelt, die Thora und die Propheten liest. Heute wird Jesaja gelesen. Jes 61. Der Text ist an der Reihe. Jesus trägt ihn vor. Dann legt er ihn aus. Nichts Ungewöhnliches. So war es Brauch in der Synagoge. Lukas stellt die Szene meisterhaft dar. Obwohl die Stelle aus dem Propheten Jesaja länger ist, zitiert er nur die ersten Verse ... die Rolle wird zurückgelegt, Jesus setzt sich, alle Augen sind auf ihn gerichtet … und dann nur ein Satz: "Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren." Kein Wort mehr. Hier in Nazareth beginnt Jesu Weg als Christus. In der Synagoge hält er seine „Antrittspredigt“. Sein Predigttext ist die prophetische Überlieferung, wie sie bei Jesaja zu finden ist. Das Evangelium soll den Armen verkündet werden: den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen. Zusammengefasst: das Gnadenjahr Gottes soll verkündigt und angesagt werden. Ohne die Fragen zu stellen, welche Jesaja-Version zitiert wird (hebräisch oder griechisch, vielleicht auch mit lukanischer Eingebung): Jesus sagt in Nazareth, dass mit ihm die Verheißung erfüllt ist. Sein Programm hat Konturen. Das ganze Evangelium erzählt, dass Menschen frei werden und den klaren Blick finden. Das „Gnadenjahr“ erinnert an die gute Weisung Gottes, dass Felder, Weiden, Tiere – die ganze Schöpfung sich ausruhen soll. Selbst Schuldverhältnisse sollten ein Ende haben. Denn Gott ruhte am siebten Tag „von allen seinen Werken“. Das „Gnadenjahr“ ist eine Verheißung, in die schöpferische Ruhe Gottes einzutreten, Frieden mit einander zu teilen und dann neu anzufangen. Die Reaktion? Nach Lukas geben alle Zeugnis von ihm und wundern sich. Ist das nicht Josefs Sohn? In der Weihnachtsgeschichte waren es die Engel, die Frieden verkündeten und auf das Kind in der Krippe verwiesen – jetzt tritt Jesus in Nazareth auf. Viele Orte folgen. Gottes Gnadenjahr wird verkündigt.


Ruf vor dem Evangelium am 15. Sonntag im Jahreskreis (C)
Joh
6,63c. 68c.

Halleluja. Halleluja.

Deine Worte, Herr, sind Geist und Leben.
Du hast Worte des ewigen Lebens.

Halleluja.


Evangelium für eine Jahresschlussfeier:
Joh 4,5-42

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes:

In jener Zeit kam Jesus zu einem Ort in Samarien,
der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag,
das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte.
Dort befand sich der Jakobsbrunnen.
Jesus war müde von der Reise
und setzte sich daher an den Brunnen;
es war um die sechste Stunde.
Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen.
Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken!
Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen,
um etwas zum Essen zu kaufen.

Die samaritische Frau sagte zu ihm:
Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?
Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.

Jesus antwortete ihr:
Wenn du wüßtest, worin die Gabe Gottes besteht
und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!,
dann hättest du ihn gebeten,
und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.

Sie sagte zu ihm:
Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief;
woher hast du also das lebendige Wasser?
Bist du etwa größer als unser Vater Jakob,
der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat,
wie seine Söhne und seine Herden?

Jesus antwortete ihr:
Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen;
wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde,
wird niemals mehr Durst haben;
vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe,
in ihm zur sprudelnden Quelle werden,
deren Wasser ewiges Leben schenkt.

Da sagte die Frau zu ihm:
Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe
und nicht mehr hierher kommen muß, um Wasser zu schöpfen.
Er sagte zu ihr:
Geh, ruf deinen Mann, und komm wieder her!
Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann.
Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann.
Denn fünf Männer hast du gehabt,
und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.
Damit hast du die Wahrheit gesagt.

Die Frau sagte zu ihm:
Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist.
Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet;
ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muß.

Jesus sprach zu ihr:
Glaube mir, Frau, die Stunde kommt,
zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem
den Vater anbeten werdet.
Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen;
denn das Heil kommt von den Juden.
Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da,
zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden
im Geist und in der Wahrheit;
denn so will der Vater angebetet werden.
Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten,
müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Die Frau sagte zu ihm:
Ich weiß, daß der Messias kommt,
das ist: der Gesalbte (Christus).
Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.

Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.
Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen.
Sie wunderten sich, daß er mit einer Frau sprach, aber keiner sagte:
Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr?
Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen,
eilte in den Ort und sagte zu den Leuten:
Kommt her, seht, da ist ein Mann,
der mir alles gesagt hat, was ich getan habe:
Ist er vielleicht der Messias?
Da liefen sie hinaus aus dem Ort und gingen zu Jesus.

Währenddessen drängten ihn seine Jünger: Rabbi, iß!
Er aber sagte zu ihnen:
Ich lebe von einer Speise, die ihr nicht kennt.
Da sagten die Jünger zueinander:
Hat ihm jemand etwas zu essen gebracht?

Jesus sprach zu ihnen:
Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat,
und sein Werk zu Ende zu führen.
Sagt ihr nicht: Noch vier Monate dauert es bis zur Ernte?
Ich aber sage euch: Blickt umher und seht, daß die Felder weiß sind,
reif zur Ernte.
Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn
und sammelt Frucht für das ewige Leben,
so daß sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen.
Denn hier hat das Sprichwort recht:
Einer sät, und ein anderer erntet.
Ich habe euch gesandt, zu ernten,
wofür ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet,
und ihr erntet die Frucht ihrer Arbeit.

Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus
auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte:
Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.
Als die Samariter zu ihm kamen,
baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben;
und er blieb dort zwei Tage.
Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn
aufgrund seiner eigenen Worte.

Und zu der Frau sagten sie:
Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir,
sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen:
Er ist wirklich der Retter der Welt.



Das Evangelium erzählt eine Begegnung am Brunnen. Sein Ort ist weder zufällig noch unwichtig: Sychar in Samarien. Für Juden ist Samarien unrein, obwohl der Brunnen mit dem Namen Jakob, einem der Väter Israels, eng verbunden ist. Jesus spricht als Jude und Mann - gegen die gute Sitte - eine Samariterin an und erbittet von ihr Wasser. Dass die Frau keinen Namen hat, macht sie "typisch" - ihre Lebensgeschichte allerdings, die Jesus kennt, gibt ihr die Würde, einmalig zu sein. Der Brunnen wird bei Johannes zu einem Ort der Offenbarung. Das Gespräch, das ohne Jünger geführt wird und Jesus mit der samaritanischen Frau allein zeigt, kreist um das Wasser: Jesus, der von der Frau das Wasser aus dem Brunnen erbittet, offenbart sich ihr als das "lebendige" Wasser, das ewiges Leben schenkt. Zu dieser Offenbarung - Jesus spricht am Ende sogar davon, der Messias zu sein - gehört, dass die Heiligen Orte, der Berg Garizim für die Samariter, der Berg Zion für die Juden, nicht mehr die Orte der Gegenwart Gottes sind, auch nicht mehr Menschen und Gebete trennen: "Die Stunde kommt - und sie ist schon da (!) -, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden." Dass die Stunde schon da ist, kann nur Jesus sagen. Er selbst ist da. Der, der um Wasser bat, ist die Wahrheit: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Johannes hat die Geschichte kunstvoll aufgebaut. Er legt der samaritanischen Frau in den Mund, was zu einem Bekenntnis wird. Oder: was ihr aufgeht: Erst ist Jesus ein Jude (V. 9), dann ein Prophet (V. 19b), am Ende formuliert sie die die Hoffnung, dass der Messias kommt (V. 25). Darauf hin offenbart sich ihr Jesus. Die fast schon intime Begegnung am Brunnen mit vielen zärtlichen Zwischentönen wird von Johannes geöffnet: Viele Samariter kommen zum Glauben und bitten Jesus, bei ihnen zu bleiben. Zwei Tage bleibt er bei ihnen (am dritten ist seine Auferstehung). Die Geschichte am Jakobsbrunnen endet mit der Begegnung der anderen Samariter mit der Frau. Sie legen vor ihr (!) das Bekenntnis ab: "Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt." Dieses Messiasbekenntnis ist gleich in zweifacher Hinsicht bemerkenswert: Es kommt aus dem Mund der Samariter (nicht der Juden), ist aber von einer Frau mit Vergangenheit bezeugt und vor ihr sogar bekannt. Johannes nimmt in dieser Begegnungsgeschichte das Osterzeugnis der Maria von Magdala vorweg (Joh. 20,11-18).


Betrachtet man die österliche Bußzeit als Vorbereitungszeit auf den Empfang des Taufsakramentes, so steht ab dem dritten Fastensonntag der konkrete Weg zu diesem Sakrament immer mehr im Mittelpunkt. In Sonntagsgottesdiensten und zusätzlichen Bußgottesdiensten soll die gemeinsame Vorbereitung geschehen. Dabei geht es nicht mehr um Glaubenswissen oder Glaubensbelehrung, sondern um die tiefere Erkenntnis Christi, um die Erkenntnis des eigenen Herzens oder die Befreiung vom "Negativen". Also um die intensive Vorbereitung auf die Osternacht und die Feier der Auferstehung. Das Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen zeigt, wie der Evangelist Johannes mit dem hintergründigen Sinn von Worten und Begriffen "spielt". Zunächst spricht Jesus von Wasser im wörtlichen Sinn. Mit seinem Angebot, "lebendiges Wasser" zu geben, kommt ein doppeldeutiger Begriff ins Spiel. Er kann, wörtlich verstanden, das fließende Wasser bezeichnen, im Unterschied zum Wasser aus der Zisterne. So fasst ihn die Frau zunächst auch auf. Zwar stellt sie erstmals die Frage nach der Würde Jesu ("Bist du etwa größer als unser Vater Jakob?"); doch ihr bleibt der tiefere Sinn des "lebendigen Wassers" selbst dann noch verborgen, als Jesus es auf das ewige Leben bezieht. Denn die Verheißung, das von Jesus gegebene Wasser werde nie mehr dürsten lassen, versteht sie als Erleichterung der täglichen Mühsal: Sie müsste nicht mehr zum Brunnen gehen, um Wasser zu schöpfen. Jesus meint dagegen, dass das menschliche Streben nach Sinn und Erfüllung gestillt wird; er spricht von der Gabe einer neuen Existenz, die auch den Tod überdauert - vielleicht mit besonderer Beziehung zum Geist. Dass die Frau dies letztlich versteht, zeigt eine fast unscheinbare Bemerkung: Sie läßt ihr Schöpfgefäß stehen, ehe ihr Zeugnis die Einwohner der Stadt zu Jesus führt.


Das Evangelium ist dem 4. Kapitel des Johannes entnommen. Jesus zieht auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem durch Samarien. Dieses Gebiet war einst Kernland des israelischen Nordreiches. Im 8. Jh. v. Chr. wurde es assyrische Provinz. Da sich in dieser Zeit die Bevölkerung mit der neuen Oberschicht mischte, wurde es von den Juden als kultisch unrein betrachtet. Es entwickelte sich ein eigenständiger samaritischer Kult, der sich trotz mehrfacher Versuche nie gänzlich auslöschen lies. In den Büchern des Neuen Testamentes treten an mehreren Stellen die religiösen Spannungen zwischen Juden und Samaritern zutage. Diese bilden auch den Hintergrund der Erzählung von der Begegnung Jesu mit der Frau am Jakobsbrunnen. Die Frau gilt in einem mehrfachen Sinn als vom Heil abgeschnitten: Als Frau, durch ihren Lebenswandel, als Samariterin. Trotzdem nimmt Jesus Kontakt zu ihr auf; nicht nur aus einer persönlichen Notlage heraus. Es kommt zu einer Begegnung, in der die Frau (und später auch die Leute aus ihrem Dorf) zum Glauben an den Messias findet, während Jesus von den eigenen Volksangehörigen als solcher abgelehnt (im folgenden Kapitel 5) wird. In der Erzählung haben Wasser und die Speisen, welche die Jünger besorgten, eine besondere symbolische Bedeutung. Man kann die Geschichte nicht lesen, ohne an die Wasser- und Speisungswunder des Alten Testamentes zu denken.