29.04.2017

Lesungen 12.02.2017


1. Lesung vom 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Sir 15,15-20 (16-21)


Lesung aus dem Buch Jesus Sirach:

Gott gab ihm [dem Menschen] seine Gebote und Vorschriften.
Wenn du willst, kannst du das Gebot halten;
Gottes Willen zu tun ist Treue.
Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt;
streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt.
Der Mensch hat Leben und Tod vor sich;
was er begehrt, wird ihm zuteil.
Überreich ist die Weisheit des Herrn;
stark und mächtig ist er und sieht alles.
Die Augen Gottes schauen auf das Tun des Menschen,
er kennt alle seine Taten.
Keinem gebietet er zu sündigen,
und die Betrüger unterstützt er nicht.



Das Buch Jesus Sirach gehört zur alttestamentlichen Weisheitsliteratur, über dessen Verfasserschaft keine Klarheit herrscht. Deutlich zu erkennen ist wohl ein hoher Bildungsstand des Autors. Entstanden ist das Buch im 2. Jahrhundert v. Chr. entweder in Jerusalem oder im ägyptischen Alexandria. Es besteht zum einen Teil aus einer Sammlung von Sprichworten, zum anderen Teil aus einem Lobgesang auf die Schöpfung. Dort findet sich auch die heutige Lesungsperikope.


Der für die Liturgie ausgesuchte Textabschnitt ist Teil einer größeren Einheit (Sir 15,11-20). Die Verse 11 bis 14 lauten: "Sag nicht: Meine Sünde kommt von Gott. Denn was er haßt, das tut er nicht. Sag nicht: Er hat mich zu Fall gebracht. Denn er hat keine Freude an schlechten Menschen. Verabschäuungswürdiges haßt der Herr: alle, die ihn fürchten, bewahrt er davor. Er hat am Anfang den Menschen geschaffen und ihn der Macht der Eigenen Entscheidung überlassen." (vgl. "ungekürzte Fassung") Der Schreiber wehrt sich gegen die Tendenz, die auch uns nicht fremd ist: Der Mensch sucht die Schuld bei Gott. Die Auffassung der Griechen, daß der "Neid der Götter" den Menschen zu Fall bringt, steht wahrscheinlich dahinter. Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, damit er ein freies Ja zu Gott und seiner Liebe sagen kann. Gott riskiert gleichsam mit der Freiheit des Menschen auch, daß sie die Sünde ermöglicht. Gottes Weisheit will die Freiheit, um dem liebenden Menschen Anteil an seinem Heil zu geben, denn ohne Freiheit ist Liebe nicht möglich. Mit diesem Gedanken beginnt unsere Perikope. Die Wahlfreiheit wird zuerst im Bild von "Feuer und Wasser" angesprochen, dann aber ist in Anlehnung an Deutronomium 30,15-16 von Leben und Tod die Rede. Dort heißt es: "Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. Wenn du auf die Gebote der Herrn, deines Gottes, auf die ich dich heute verpflichte, hörst, ... dann wirst du leben und zahlreich werden ..." Am Schluß wird in Vers 20 der Gedanke vom Anfang der Perikope (Vers 11) wieder aufgegriffen: Der Sünder, der Betrüger, kann nicht Gott die Schuld für sein Versagen zuschieben.


Die Lesung ist dem Buch des Jerusalemer Weisheitslehrers Jesus Sirach entnommen. Jesus Sirach schreibt am Beginn des 2. Jahrhunderts vor. Chr. und sieht sich vielen neuen Geistesströmungen, die mit den hellenistischen Machthabern in Land Eingang gefunden haben, konfrontiert. Er verteidigt jüdische Überlieferung als Weisheit Gottes, die zum Leben führt, gegenüber griechisch-hellenistischen Weisheitslehren, welche die Freiheit des Menschen und damit die Möglichkeit, sich für das Gute oder das Böse zu entscheiden und für die eigenen Taten Verantwortung zu übernehmen, in Abrede stellen. Es ist hilfreich, auch die vorangehenden Verse (vgl. die "ungekürzte Fassung") zu lesen. Sie enthalten die Fragestellung, auf welche die Verse 15 bis 20 eine Antwort geben: Wer ist für das Böse in der Welt verantwortlich? Jesus Sirach weist den Gedanken, daß Gott das Böse gewollt haben könnte, mit der Überlegung zurück, daß Gott nicht etwas geschaffen haben kann, was er haßt. Er betont die Freiheit und Verantwortung des Menschen, der die Weisheit des Gottesgesetzes annehmen oder ablehnen kann. In seiner Argumentation lehnt er sich an Deuteronomium 30,15ff an.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Sir 15,11-20


Lesung aus dem Buch Jesus Sirach:

Sag nicht: Meine Sünde kommt von Gott.
Denn was er haßt, das tut er nicht.
Sag nicht: Er hat mich zu Fall gebracht.
Denn er hat keine Freude an schlechten Menschen.
Verabscheuungswürdiges haßt der Herr;
alle, die ihn fürchten, bewahrt er davor.
Er hat am Anfang den Menschen erschaffen
und ihn der Macht der eigenen Entscheidung überlassen.
Gott gab ihm [dem Menschen] seine Gebote und Vorschriften.
Wenn du willst, kannst du das Gebot halten;
Gottes Willen zu tun ist Treue.
Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt;
streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt.
Der Mensch hat Leben und Tod vor sich;
was er begehrt, wird ihm zuteil.
Überreich ist die Weisheit des Herrn;
stark und mächtig ist er und sieht alles.
Die Augen Gottes schauen auf das Tun des Menschen,
er kennt alle seine Taten.
Keinem gebietet er zu sündigen,
und die Betrüger unterstützt er nicht.


Antwortpsalm am 6. Sonntag im Jahreskreis (A)
Ps 119,1-2. 4-5. 17-18. 33-34

R Selig die Menschen,
die leben nach der Weisung des Herrn. - R

Wohl denen, deren Weg ohne Tadel ist,
die leben nach der Weisung des Herrn.
Wohl denen, die seine Vorschriften befolgen
und ihn suchen von ganzem Herzen. - (R)

Du hast deine Befehle gegeben,
damit man sie genau beachtet.
Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet,
deinen Geboten zu folgen! - (R)

Herr, tu deinem Knecht Gutes, erhalt mich am Leben!
Dann will ich dein Wort befolgen.
Öffne mir die Augen
für das Wunderbare an deiner Weisung! - (R)

Herr, weise mir den Weg deiner Gesetze!
Ich will ihn einhalten bis ans Ende.
Gib mir Einsicht, damit ich deiner Weisung folge
und mich an sie halte aus ganzem Herzen. - R


2. Lesung vom 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
1 Kor 2,6-10

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther:

Schwestern und Brüder!
Wir verkündigen Weisheit unter den Vollkommenen,
aber nicht Weisheit dieser Welt
oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden.
Vielmehr verkündigen wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes,
die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung.
Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt;
denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt,
so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt,
was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat,
was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist:
das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.
Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist.
Der Geist ergründet nämlich alles,
auch die Tiefen Gottes.



Nach der Gründung der christlichen Gemeinde in Korinth (50/51 oder 55/56 n. Chr.) blieben Paulus und seine Gefährten mittels Briefen mit den Christen in Kontakt. Als Autoren des ersten Korintherbriefes gelten Paulus selbst und Sosthenes weitestgehend als sicher. Aufgrund verschiedener Missstände ermahnt Paulus die Menschen in Korinth - einer lebendigen Hafenstadt! -, sich nicht zu sehr dem Weltlichen zu ergeben, sondern treue Gottsuchende zu bleiben. An ihnen, den treuen Christinnen und Christen, liegt es, ob der Glaube lebendig bleibt oder nicht.


Unser Textabschnitt gehört zu den schwer verständlichen Versen im 1. Korintherbrief. Gleich viermal kommt hier das Wort Weisheit vor. In den Abschnitten des Briefes, die diesen Versen voraus gehen, polemisiert Paulus gegen jegliche Weisheit und stellt ihr die "Torheit des Kreuzes" gegenüber (1 Kor 1,18 - 2,5). Der Hintergrund sowohl für die vorausgehende Polemik als auch für unsere Perikope ist wohl die Lehre der griechischen Mysterienkulte, gegen die sich der Apostel abgrenzt. Der in die Kulte der Gnosis "Eingeweihte" durfte sich als Vollkommener bezeichnen. Für Paulus sind all die "Vollkommenen", die die verborgene Weisheit Gottes annehmen, die Gott schon vor allen Zeiten vorausbestimmt hat (siehe Weisheitsliteratur des AT), die aber erst in Jesus Christus und in seinem Kreuzestod Jesu Christi offenbar geworden ist (Anspielung in Vers 8). Auch der Begriff "Machthaber dieser Welt" spricht gnostische Vorstellungen an. Kosmische Mächte und Gewalten spielen in diesem Gedankengut eine wichtige Rolle. Diese Mächte stehen zwar hinter der Auslieferung Jesu ans Kreuz, werden aber gerade durch den Kreuzestod Jesu (jetzt schon beginnend) am Ende der Tage für immer entmachtet. Der Vers 9 umschreibt in einer auch sprachlich sehr ausdrucksstarken Form diese Weisheit Gottes, - das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben: Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört, keinem Menschen ist es in den Sinn gekommen. Eines der Tagesgebete im Meßbuch gibt diesen Vers in Form eines Gebetes wieder ("Schlußgebete zur Auswahl" Nr. 1).


Paulus kämpft im griechischen Raum mit vielerlei religiösen Strömungen und Lehren; zum Teil philosophischer Art, zum Teil Heilslehren aus dem Osten wie z.B. die Gnosis oder Mysterienkulte. Einige dieser Gruppierungen beanspruchen für sich eine höhere Vollkommenheit und eine tiefere Einsicht in die Geheimnisse der Welt, als den übrigen Menschen zugänglich ist. In den der Lesung vorangehenden Versen 1 bis 5 betont Paulus, daß das Christentum mit diesen esoterischen Weiheitslehren nichts zu tun hat. Das schließt aber nicht aus, daß seine Lehre von Christus dem Gekreuzigten zu einer tieferen Einsicht in die Welt- und Lebenszusammenhänge hinführt. Dies ist eine Weisheit ganz anderer Art, keine Geheimlehre, sondern die Einführung in das Geheimnis der Weisheit Gottes durch den Geist, der den Christen in der Taufe zuteil geworden ist.


Ruf vor dem Evangelium am 6. Sonntag im Jahreskreis (A)
(Mt 11,25)

Halleluja. Halleluja.
Sei gepriesen, Vater, Herr des Himmels und der Erde;
du hast die Geheimnisse des Reiches den Unmündigen offenbart.
Halleluja.


Evangelium vom 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 5,17-37

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Denkt nicht, ich sei gekommen,
um das Gesetz und die Propheten aufzuheben.
Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben,
sondern um zu erfüllen.
Amen, das sage ich euch:
Bis Himmel und Erde vergehen,
wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen,
bevor nicht alles geschehen ist.
Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt
und die Menschen entsprechend lehrt,
der wird im Himmelreich der Kleinste sein.
Wer sie aber hält und halten lehrt,
der wird groß sein im Himmelreich.
Darum sage ich euch:
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist
als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer,
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist:
Du sollst nicht töten;
wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.
Ich aber sage euch:
Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt,
soll dem Gericht verfallen sein;
und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!,
soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein;
wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!,
soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.
Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst
und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat,
so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen;
geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder,
dann komm und opfere deine Gabe.
Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner,
olange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist.
Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen,
und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben,
und du wirst ins Gefängnis geworfen.
Amen, das sage ich dir:
Du kommst von dort nicht heraus,
bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.
Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist:
Du sollst nicht die Ehe brechen.
Ich aber sage euch:
Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht,
hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt,
dann reiß es aus und wirf es weg!
Denn es ist besser für dich,
daß eines deiner Glieder verlorengeht,
als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt,
dann hau sie ab und wirf sie weg!
Denn es ist besser für dich,
daß eines deiner Glieder verlorengeht,
als daß dein ganzer Leib in die Hölle kommt.
Ferner ist gesagt worden:
Wer seine Frau aus der Ehe entläßt,
muß ihr eine Scheidungsurkunde geben.
Ich aber sage euch:
Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt,
liefert sie dem Ehebruch aus;
und wer eine Frau heiratet,
die aus der Ehe entlassen worden ist,
begeht Ehebruch.
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist:
Du sollst keinen Meineid schwören,
und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast.
Ich aber sage euch:
Schwört überhaupt nicht,
weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron,
noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße,
noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs.
Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören;
denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen.
Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein;
alles andere stammt vom Bösen. 



Bei der vorliegenden Perikope handelt es sich um eine der programmatischen Reden Jesu. Jesus setzt seine Sendung in Beziehung zu vorherrschenden Traditionen. Er setzt sich auseinander mit dem jüdischen Gesetz: Das hat für ihn dauerhaft Bestand. In der exegetischen Diskussion wird vermutet, dass diese Rede, die der Evangelist wiedergibt, darauf verweist, dass es in der matthäischen Gemeinde hinsichtlich der Gesetzesgültigkeit Diskussionen gegeben haben könnte: entweder mit Außenstehenden oder mit verschiedenen Strömungen innerhalb der Gemeinde. Die Kernfrage, die mit der Rede beantwortet werden soll, lautet: Ist das Gesetz unabänderliche Norm für alle Zeiten oder dient es der Vorbereitung des Anbruchs einer neuen, messianischen Zeit. Jesus gibt die Antwort: Der Messias ist da und will vollenden, was das Gesetz will, ohne es zu verändern. Das Gesetz will Gerechtigkeit im Gleichstand - Jesus überspitzt das sogar noch und ruft dazu auf, Gerechtigkeit zu sehen als das Quentchen mehr zugunsten des Anderen.


Der Abschnitt der Bergpredigt, der an diesem Sonntag verkündet wird, gliedert sich in drei Teile. Die Verse 5,17–19 sind der sogenannte Vorspruch der Bergpredigt. Der Vers 5,17 bildet mit dem Vers 7,12 gleichsam den Rahmen zum Hauptteil der Bergpredigt. In beiden Versen werden "das Gesetz und die Propheten" verwendet. In diesen Versen (17–19 und auch noch 20) bestimmt der Evangelist das Verhältnis der judenchristlichen Gemeinde, an die er schreibt, zur Tora und zum Judentum überhaupt. Die Christen sind bereits aus der Synagoge ausgeschlossen, wollen aber trotzdem bewußt an ihrer Herkunft festhalten. Sie halten sich deshalb streng an die Vorschriften des jüdischen Gesetzes. Möglicherweise müssen sie sich auch gegen den Vorwurf der jüdischen Mitbewohner wehren, die Judenchristen würden die Tora verwerfen. Hinter dem Vers 18 steht die Auffassung: Es gibt große und kleine Gesetze und es gibt in Gottesreich verschiedene Plätze. Vielleicht spiegeln diese Verse auch schon die Auseinandersetzung mit der Heidenmission wieder: Der (Heiden-)Christ, der nicht alle Gesetze der Tora einhält, ist deshalb auch nicht vom Reich Gottes ausgeschlossen. - Das Ringen um die Toleranz gegenüber anderen (Lehr-)Meinungen ist auch der Kirche unserer Tage nicht fremd. Der Vers 5,20 erfüllt eine Brückenfunktion. Er faßt den Inhalt des Vorspruchs (5,17-19) zusammen und ist zugleich die Überschrift des Hauptteils (5,21 - 7,11). Die Gerechtigkeit, die Lebensführung nach dem Willen Gottes, ist Bedingung für das Eingehen in das Himmelreich. Sie muß weit größer sein als die der Pharisäer. Für Jesus ist in der Darstellung des Matthäusevangeliums das Liebesgebot die Mitte des Gesetzes (5,43-48; 22,35-40; 24,12). Nicht sklavisches Anklammern an die Bestimmungen des Gesetzes, sondern die Erfüllung des Liebesgebotes ist die "größere Gerechtigkeit". - Auch dieser Grundsatz hat für uns heute nichts von seiner Aktualität verloren. Der Abschnitt 5,21-37 enthält 4 der insgesamt 6 Antithesen der Bergpredigt (5,21-48). In den Antithesen wird immer einer Vorschrift des Ersten Testamentes eine Forderung Jesu gegenübergestellt. Die Formulierung "daß gesagt worden ist" ist eine Umschreibung für: Gott hat gesagt. "Die Alten" meint die Generation, die den Exodus erlebt hat. Die 1. Antithese erklärt den Zorn für genauso verwerflich wie das Töten. Der Christ soll mit seiner ganzen Einstellung und in seinem gesamten Verhalten auf das Wohl des "Bruders", des Volksgenossen, bedacht sein. In der 2. Antithese wird aus der Tora die uns als 6. Gebot bekannte Stelle zitiert (Ex 20,14; Dtn 5,18). Jesus verschärft dieses Gebot. Nicht erst eine bestimmte Handlung wie der vollzogene Geschlechtsverkehr erfüllt den Tatbestand des Ehebruchs. Dieser beginnt bereits mit der Absicht, eine fremde Ehe zu verletzen. Die 3. Antithese verurteilt die Möglichkeit der Ehescheidung, die in der Tora vorgesehen ist (vgl. Mk 10,1–12; Mt 5,31f; 19,1–2; Lk 16,18; 1 Kor 7,10f). Der Mann hat der Frau gegenüber eine Verantwortung, die jenseits aller Gesetze liegt, und der er sich auch nicht entziehen kann, indem er sich auf juridische Bestimmungen beruft. Die 4. Antithese verbietet das Schwören (vgl. Jak 5,12). Alles Reden des Christen soll wahrhaftig sein. Unsere Wahrhaftigkeit darf sich nicht auf den Eid beschränken. Auf alles, was wir sagen, soll man sich verlassen können. Die Antithesen zielen alle auf den ganzen Menschen. Mitmenschlichkeit kann sich nicht darin erschöpfen, nur bestimmte böse Handlungen zu unterlassen. Bloße Erfüllung von Geboten wird dem Nächsten nicht gerecht. Meine ganze Einstellung ist gefragt.


Das Evangelium ist der sog. Bergpredigt aus dem Evangelium des Matthäus entnommen. In sechs Antithesen stellt Jesus seine neue, vertiefte Ethik der Überlieferung, wie sie vor allem von den Schriftgelehrten und Pharisäern ausgelegt wurde, gegenüber. Der gesamte Text der 6 Antithesen ist für das Vortragen im Gottesdienst fast zu lang. Außerdem meinen namhafte Bibelwissenschatler, daß die dritte, fünfte und sechste Antithese nicht die gleiche Ursprünglichkeit wie die anderen drei beanspruchen können. Sie sind aus anderen überlieferten Jesusworten den ursprünglichen drei Antithesen nachgebildet worden. Die Kurzfassung beschränkt sich auf diese Versauswahl. Inhaltlich greift Jesus das fünfte und sechste der zehn Gebote sowie das Schwurgesetz auf und stell mit einem sehr selbstbewußten "Ich aber sage euch" seine eigenen ethischen Forderungen gegenüber. Ihm geht es dabei weder um eine Erweiterung noch Verschärfung der Forderungen der überlieferten Gebote, sondern um eine Rückführung auf den ursprünglichen Sinn. Jesus hat eine neue Qualität der Rechtschaffenheit im Auge.


Kurzfassung des
Evangeliums vom 6. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 5,
20-22a. 27-28. 33-34a. 37

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Denkt nicht, ich sei gekommen,
um das Gesetz und die Propheten aufzuheben.
Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben,
sondern um zu erfüllen.
Amen, das sage ich euch:
Bis Himmel und Erde vergehen,
wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen,
bevor nicht alles geschehen ist.
Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt
und die Menschen entsprechend lehrt,
der wird im Himmelreich der Kleinste sein.
Wer sie aber hält und halten lehrt,
der wird groß sein im Himmelreich.
Darum sage ich euch:
Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist
als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer,
werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist:
Du sollst nicht töten;
wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.
Ich aber sage euch:
Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt,
soll dem Gericht verfallen sein;
und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!,
soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein;
wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!,
soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.
Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst
und dir dabei einfällt, daß dein Bruder etwas gegen dich hat,
so laß deine Gabe dort vor dem Altar liegen;
geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder,
dann komm und opfere deine Gabe.
Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner,
olange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist.
Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen,
und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben,
und du wirst ins Gefängnis geworfen.
Amen, das sage ich dir:
Du kommst von dort nicht heraus,
bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.
Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist:
Du sollst nicht die Ehe brechen.
Ich aber sage euch:
Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht,
hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt,
dann reiß es aus und wirf es weg!
Denn es ist besser für dich,
daß eines deiner Glieder verlorengeht,
als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.
Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt,
dann hau sie ab und wirf sie weg!
Denn es ist besser für dich,
daß eines deiner Glieder verlorengeht,
als daß dein ganzer Leib in die Hölle kommt.
Ferner ist gesagt worden:
Wer seine Frau aus der Ehe entläßt,
muß ihr eine Scheidungsurkunde geben.
Ich aber sage euch:
Wer seine Frau entläßt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt,
liefert sie dem Ehebruch aus;
und wer eine Frau heiratet,
die aus der Ehe entlassen worden ist,
begeht Ehebruch.
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist:
Du sollst keinen Meineid schwören,
und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast.
Ich aber sage euch:
Schwört überhaupt nicht,
weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron,
noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße,
noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs.
Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören;
denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen.
Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein;
alles andere stammt vom Bösen.