29.06.2017

Lesungen 05.03.2017


1. Lesung vom 1. Fastensonntag, Lesejahr A:
Gen 2,7-9; 3,1-7

Lesung aus dem Buch Genesis:

Gott, der Herr, formte den Menschen aus Erde vom Ackerboden
und blies in seine Nase den Lebensatem.
So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.
Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an
und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.
Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen,
verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten,
in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens
und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes,
die Gott, der Herr, gemacht hatte.
Sie sagte zu der Frau:
Hat Gott wirklich gesagt:
Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?
Die Frau entgegnete der Schlange:
Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen;
nur von den Früchten des Baumes,
der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt:
Davon dürft ihr nicht essen,
und daran dürft ihr nicht rühren,
sonst werdet ihr sterben.
Darauf sagte die Schlange zur Frau:
Nein, ihr werdet nicht sterben.
Gott weiß vielmehr:
Sobald ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf;
ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.
Da sah die Frau, daß es köstlich wäre,
von dem Baum zu essen,
daß der Baum eine Augenweide war
und dazu verlockte, klug zu werden.
Sie nahm von seinen Früchten und aß;
sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war,
und auch er aß.
Da gingen beiden die Augen auf,
und sie erkannten, daß sie nackt waren.
Sie hefteten Feigenblätter zusammen
und machten sich einen Schurz.



Die alttestamentliche Perikope stammt aus dem zweiten aber älteren Schöpfungsbericht und erzählt vom sog. Sündenfall des Menschen. Dieser Sündenfall hat zur Folge, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, weil er dessen Grenzen missachtet hat. Dort war ihm ein einfaches Leben geboten, weil alles Lebensnotwendige vorhanden war. Fortan musste er sich seinen Lebensunterhalt erarbeiten durch die Arbeit in der Landwirtschaft. Vor allem aber war er nun der Sterblichkeit verfallen.


Adam gilt als der erste Mensch. Aber wenn klar wird, dass der Name Adam nichts anderes heißt als Mensch, dann wird in dieser Geschichte nicht die Geschichte des ersten Menschen erzählt, sondern die Geschichte der Menschen, Menschheitsgeschichte sozusagen. Jedermann wäre auch nicht schlecht... Die Paradieserzählung wird gemeinhin zur Urgeschichte gezählt. Aber der Begriff ist unklar, weil die Urgeschichte sich nicht linear einordnen und in die Vorgeschichte verbannen lässt. Die Jetztzeit trägt Züge der Urzeit, die Urzeit selbst ist Teil jeder Zeit. Die Urgeschichte, wie sie in Gen 1 bis 11 (mit sehr verschiedenen Tönen und doch einem erkennbaren cantus firmus) vorliegt, erzählt von dem, was typisch ist für die Schöpfung Gottes, typisch auch für den Menschen, der sich aufmacht, das Fürchten zu lernen. Der die Unschuld verliert. Die Freiheit im Gebüsch versteckt. Die Unterstellung ist: Gott verbietet etwas. Gott will etwas für sich behalten. Gott will dies nicht teilen ... und bis heute denken Menschen, wenn ihnen Religion (oder was sie dafür halten) begegnet, an Verbote und Unmündigkeit. Aber die Menschen haben Gott als Gebenden kennen gelernt. Der Garten ist von ihm. Den Menschen wird anvertraut, ihn zu bebauen und zu bewahren. Eine Vertrauensstellung par excellance. Das Verbot, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, schützt den Menschen auch davor, den Garten verkommen zu lassen oder ihn zu zerstören - und sich gleich mit. Denn die Erkenntnis von gut und böse ist keine denkerische Möglichkeit, keine akademische Diskussion oder ein Spiel mit Alternativen. Die Erkenntnis von gut und böse setzt die Erfahrung voraus, durch eigene Schuld das Paradies, die Unschuld und die Freiheit zu verlieren. Die erste Frucht der Erkenntnis von gut und böse ist die Nacktheit. Erst sind es Schürze aus Feigenblätter, die schützen, später müssen es Waffen und Medienkampagnen sein. Angesichts der Nacktheit, die aber nichts davon offenbart, was in den Köpfen vorgeht oder hinter den Worten steckt, suchen Menschen Schutz. Sie sichern sich gegen den anderen. Sie sind ständig auf Suche nach Motiven. Sie analysieren Sätze, aber auch, was nicht gesagt wurde. Sie trennen objektiv und subjektiv. Nehmen Güterabwägungen vor. Und trauern, dass es keine Gerechtigkeit auf der Welt gibt.


In dieser Lesung wird eine Geschichte vorgetragen, die fast jeder Mensch kennt und die doch vielen unverständlich geblieben ist: Die Erzählung von der Erschaffung des Menschen und seines Ungehorsams gegenüber seinem Schöpfer. Das 2. und 3. Kapitel des Buches Genesis wollen nicht historisch verstanden werden. Sie suchen nach einer Antwort, warum der Mensch so ist, wie er ist. Woher kommt seine Sehnsucht nach einer heilen Welt, obwohl er die Welt als unheil erlebt? Die beiden Kapitel wollen nebeneinander und nicht nacheinander gelesen werden. Genesis 2 erzählt, wie die Welt sein könnte und sein sollte, Genesis 3, wie sie tatsächlich ist und warum sie so ist. Der ursprüngliche Text enthält ein dreifaches Wortspiel, das in der Übersetzung und auch im Bewußtsein der meisten Menschen verloren gegangen ist. Der Mensch (adam) wird aus dem Ackerboden (adamah) geformt. Noch ist nicht vom Mann die Rede. Adam müßte besser mit "Erdling" übersetzt werden. Vom Mann (iš) ist erst nach der Erschaffung der Frau (iššah) die Rede. Mit Adam ist der Mensch schlechthin, die ganze Menschheit, gemeint. Die Geschichte erzählt also, wie der Mensch ist: erdhaft und zugleich vom Lebensatem Gottes beseelt, Gott sorgt für ihn. Das 3. Kapitel erzählt meisterhaft von der Verführung des Menschen durch die Schlange zum Ungehorsam gegenüber seinem Schöpfer. Auch hier bedient sich der Verfasser eines Wortspiels: Das 2. Kapitel endet mit der Feststellung, daß die Menschen nackt (arom) waren, sich aber nicht voreinander schämten. Das 3. Kapitel beginnt mit der Vorstellung der Schlange als klug (arum), klüger als alle Tiere des Feldes. Die Menschen essen gegen das Gebot ihres Schöpfers, um klug und weise zu werden, erkennen aber, nachdem sie von der verbotenen Frucht gegessen haben, daß sie nackt sind. Die Erzählung enthält viele Momente, die auch in anderen Kulturen und Religionen vorkommen und in allen Mythologien eine wichtige Rolle spielen: die Erde, der Baum des Lebens, die Schlange als Symbol der Klugheit und Weisheit, die Frau als Symbol der Fruchtbarkeit (Mutter alles Lebendigen)... Der biblische Verfasser übernimmt diese Elemente aus seiner Umwelt und setzt im Nacherzählen seine eigenen theologischen Akzente.


Erweiterte Fassung der
1. Lesung vom 1. Fastensonntag, Lesejahr A:
Gen 2,4b - 3,24


Lesung aus dem Buch Genesis:

Zur Zeit, als Gott, der Herr, Himmel und Erde machte,
gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher
und wuchsen noch keine Feldpflanzen;
denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen,
und es gab noch keinen Menschen, der den Ackerboden bestellte;
aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf
und tränkte die ganze Fläche des Ackerbodens.
Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden
und blies in seine Nase den Lebensatem.
So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.
Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an
und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.
Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen,
verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten,
in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens
und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert;
dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen.
Der eine heißt Pischon;
er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt.
Das Gold jenes Landes ist gut;
dort gibt es auch Bdelliumharz und Karneolsteine.
Der zweite Strom heißt Gihon;
er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt.
Der dritte Strom heißt Tigris;
er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt.
Der vierte Strom ist der Eufrat.
Gott, der Herr, nahm also den Menschen
und setzte ihn in den Garten von Eden,
damit er ihn bebaue und hüte.
Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen:
Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen,
doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen;
denn sobald du davon ißt, wirst du sterben.
Dann sprach Gott, der Herr:
Es ist nicht gut, daß der Mensch allein bleibt.
Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.
Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes
und alle Vögel des Himmels
und führte sie dem Menschen zu,
um zu sehen, wie er sie benennen würde.
Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte,
so sollte es heißen.
Der Mensch gab Namen allem Vieh,
den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes.
Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.
Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen,
so daß er einschlief,
nahm eine seiner Rippen
und verschloß ihre Stelle mit Fleisch.
Gott, der Herr, baute aus der Rippe,
die er vom Menschen genommen hatte,
eine Frau
und führte sie dem Menschen zu.
Und der Mensch sprach:
Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.
Frau soll sie heißen;
denn vom Mann ist sie genommen.
Darum verläßt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau,
und sie werden ein Fleisch.
Beide, Adam und seine Frau, waren nackt,
aber sie schämten sich nicht voreinander.
Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes,
die Gott, der Herr, gemacht hatte.
Sie sagte zu der Frau:
Hat Gott wirklich gesagt:
Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?
Die Frau entgegnete der Schlange:
Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen;
nur von den Früchten des Baumes,
der in der Mitte des Gartens steht,
hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen,
und daran dürft ihr nicht rühren,
sonst werdet ihr sterben.
Darauf sagte die Schlange zur Frau:
Nein, ihr werdet nicht sterben.
Gott weiß vielmehr:
Sobald ihr davon eßt, gehen euch die Augen auf;
ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.
Da sah die Frau, daß es köstlich wäre, von dem Baum zu essen,
daß der Baum eine Augenweide war
und dazu verlockte, klug zu werden.
Sie nahm von seinen Früchten und aß;
sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.
Da gingen beiden die Augen auf,
und sie erkannten, daß sie nackt waren.
Sie hefteten Feigenblätter zusammen
und machten sich einen Schurz.
Als sie Gott, den Herrn, im Garten
gegen den Tagwind einherschreiten hörten,
versteckten sich Adam und seine Frau vor Gott, dem Herrn,
unter den Bäumen des Gartens.
Gott, der Herr, rief Adam zu und sprach: Wo bist du?
Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören;
da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin,
und versteckte mich.
Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist?
Hast du von dem Baum gegessen,
von dem zu essen ich dir verboten habe?
Adam antwortete:
Die Frau, die du mir beigesellt hast,
sie hat mir von dem Baum gegeben,
und so habe ich gegessen.
Gott, der Herr, sprach zu der Frau:
Was hast du da getan?
Die Frau antwortete:
Die Schlange hat mich verführt,
und so habe ich gegessen.
Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange:
Weil du das getan hast,
bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes.
Auf dem Bauch sollst du kriechen
und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau,
zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs.
Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.
Zur Frau sprach er:
Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst.
Unter Schmerzen gebierst du Kinder.
Du hast Verlangen nach deinem Mann;
er aber wird über dich herrschen.
Zu Adam sprach er:
Weil du auf deine Frau gehört
und von dem Baum gegessen hast,
von dem zu essen ich dir verboten hatte:
So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen.
Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.
Dornen und Disteln läßt er dir wachsen,
und die Pflanzen des Feldes mußt du essen.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen,
bis du zurückkehrst zum Ackerboden;
von ihm bist du ja genommen.
Denn Staub bist du, zum Staub mußt du zurück.
Adam nannte seine Frau Eva (Leben),
denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.
Gott, der Herr, machte Adam und seiner Frau Röcke aus Fellen
und bekleidete sie damit.
Dann sprach Gott, der Herr:
Seht, der Mensch ist geworden wie wir;
er erkennt Gut und Böse.
Daß er jetzt nicht die Hand ausstreckt,
auch vom Baum des Lebens nimmt, davon ißt und ewig lebt!
Gott, der Herr, schickte ihn aus dem Garten von Eden weg,
damit er den Ackerboden bestellte, von dem er genommen war.
Er vertrieb den Menschen
und stellte östlich des Gartens von Eden die Kerubim auf
und das lodernde Flammenschwert,
damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.


Antwortpsalm am 1. Fastensonntag (A)
Ps
51, 3-6b. 12-14. 17

R Erbarme dich unser, o Herr,
denn wir haben gesündigt. - R

Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld,
tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
Wasch meine Schuld von mir ab,
und mach mich rein von meiner Sünde! - (R)

Denn ich erkenne meine bösen Taten,
meine Sünde steht mir immer vor Augen.
Gegen dich allein habe ich gesündigt,
ich habe getan, was dir missfällt. - (R)

Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist!
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir! - (R)

Mach mich wieder froh mit deinem Heil;
mit einem willigen Geist rüste mich aus!
Herr, öffne mir die Lippen,
und mein Mund wird deinen Ruhm verkünden. - R


2. Lesung vom 1. Fastensonntag, Lesejahr A:
Röm 5,12-19

Lesung aus dem Römerbrief:

Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt
und durch die Sünde der Tod,
und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen,
weil alle sündigten.
Sünde war schon vor dem Gesetz in der Welt,
aber Sünde wird nicht angerechnet,
wo es kein Gesetz gibt;
dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose auch über die,
welche nicht wie Adam
durch Übertreten eines Gebots gesündigt hatten;
Adam aber ist die Gestalt,
die auf den Kommenden hinweist.
Doch anders als mit der Übertretung
verhält es sich mit der Gnade;
sind durch die Übertretung des einen
die vielen dem Tod anheimgefallen,
so ist erst recht die Gnade Gottes
und die Gabe,
die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus
bewirkt worden ist,
den vielen reichlich zuteil geworden.
Anders als mit dem,
was durch den einen Sünder verursacht wurde,
verhält es sich mit dieser Gabe:
Das Gericht
führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung,
die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung.
Ist durch die Übertretung des einen
der Tod zur Herrschaft gekommen,
durch diesen einen,
so werden erst recht alle,
denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit
reichlich zuteil wurde,
leben und herrschen durch den einen,
Jesus Christus.
Wie es also durch die Übertretung eines einzigen
für alle Menschen zur Verurteilung kam,
so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen
für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen,
die Leben gibt.
Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen
die vielen zu Sündern wurden,
so werden auch durch den Gehorsam des einen
die vielen zu Gerechten gemacht werden.



Auf den zweiten Schöpfungsbericht rekurrierend legt Paulus hier seine Gnadentheologie dar: Sowie einst einmal der Mensch durch die Sünde des Adam dem Tod verfallen ist, wurde er durch die rettende Auferstehung des Gottessohnes zu neuem Leben berufen. Wie durch einen Einzigen die Sünde kam, kam auch durch einen Einzige die Rettung.


In seinem Römerbrief stellt Paulus Adam und Christus gegenüber: Adam, der Mensch überhaupt, ist mit dem Tod verbunden. Seine Geschichte ist vertraut. Sie ist die Geschichte aller Menschen. In ihrer Sehnsucht nach Leben haben sie das Leben verwirkt, in dem Wunsch, darüber zu befinden, was "gut" und "böse" ist, haben sie ihre Unschuld verloren. Davon erzählt die Lesung. Christus aber, der Mensch Gottes, lässt Gnade und Gerechtigkeit "reichlich" zuteil werden. Paulus spricht von der "gerechten Tat eines einzigen" und markiert damit einen Neuanfang in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Nicht nur Adam und Christus stehen einander gegenüber, sondern auch die Vielen und der Eine, Tod und Leben. Entscheidend für Paulus ist die Beziehung zu Gott. Adam steht für den Ungehorsam (mögen die Menschen es auch Befreiung aus der Unmündigkeit nennen), Christus für den Gehorsam, der Leben überhaupt erst möglich macht: die ungeteilte Liebe zu Gott, das grenzenlose Vertrauen und eine Freiheit, die anderen Menschen zu gute kommt. Gehorsam kommt von "hören", "hören" aber heißt: das letzte Wort von IHM erwarten. Über "gut" und "böse", über Tod und Leben, über Adam und Christus.


Paulus stellt Adam und Christus gegenüber. Durch den Ungehorsam des einen kam der Tod in die Welt, durch den Gehorsam des anderen wurde das Leben neu geschenkt. Beide sind als "korporative Persönlichkeiten" anzusehen. D.h.: Im Stammvater eines Volkes ist bereits die gesamte Nachkommenschaft präsent. In diesem Sinne - und nicht in einem geschichtlichen - ist die Sünde der Nachkommen Adams und die Gerechtsprechung der "Nachkommen" des Christus zu verstehen. Adam verkörpert den Menschen, wie er von Anfang an verfaßt ist, die Menschheit schlechthin. Die Menschen haben sich von Anfang an von Gott und seinem Gebot gelöst und sind eigene Wege gegangen. Erst in Jesus Christus wurde diese Loslösung von Gott überwunden. Auch hier wieder durch die Tat des einen. Den "vielen", das sind alle, die sich zu Christus gehörig wissen, wird die Gerechtsprechung als unverdientes Geschenk (Gnade) zuteil.


Kurzfassung der
2. Lesung vom 1. Fastensonntag, Lesejahr A:
Röm 5,12. 17-19
 

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer:

Schwestern und Brüder!
Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt
und durch die Sünde der Tod,
und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen,
weil alle sündigten.
Ist durch die Übertretung des einen
der Tod zur Herrschaft gekommen,
durch diesen einen,
so werden erst recht alle,
denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde,
leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus.
Wie es also durch die Übertretung eines einzigen
für alle Menschen zur Verurteilung kam,
so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen
für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen,
die Leben gibt.
Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen
die vielen zu Sündern wurden,
so werden auch durch den Gehorsam des einen
die vielen zu Gerechten gemacht werden.


Ruf vor dem Evangelium am 1. Fastensonntag (A)
Mt 4,4b

Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre! - R
Nicht nur von Brot lebt der Mensch,
sondern von jedem Wort aus Gottes Mund.
Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre!


Evangelium vom 1. Fastensonntag, Lesjeahr A:
Mt 4,1-11

Vorschlag zum Lesen mit verteilten Rollen: PDF-Format / RTF-Format

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit
wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt;
dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden.
Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte,
bekam er Hunger.
Da trat der Versucher an ihn heran und sagte:
Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl,
daß aus diesen Steinen Brot wird.
Er aber antwortete:
In der Schrift heißt es:
Der Mensch lebt nicht nur von Brot,
sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.
Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt,
stellte ihn oben auf den Tempel
und sagte zu ihm:
Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab;
denn es heißt in der Schrift:
Seinen Engeln befiehlt er,
dich auf ihren Händen zu tragen,
damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
Jesus antwortete ihm:
In der Schrift heißt es auch:
Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.
Wieder nahm ihn der Teufel mit sich
und führte ihn auf einen sehr hohen Berg;
er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht
und sagte zu ihm:
Das alles will ich dir geben,
wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.
Da sagte Jesus zu ihm:
Weg mit dir, Satan!
Denn in der Schrift steht:
Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen
und ihm allein dienen.
Darauf ließ der Teufel von ihm ab,
und es kamen Engel und dienten ihm.



Die Versuchungsgeschichte ist wie der unmittelbar vorhergehende Taufbericht eine der Einführungsgeschichten, die von Jesus vor seinem öffentlichen Auftreten handeln. Derweil die Offenbarung am Jordan positiv darauf verweist, dass Jesus der Gottessohn ist, zeigt die Versuchungsgeschichte, wie sich Jesus auch unter Anfeindungen in seiner Göttlichkeit bewährt. Kierkegaard (Tagebücher 1834-55, Leipzig 21941, 402) stellt die klare und dauerhafte Entschiedenheit Jesu für seinen Gott heraus gegenüber den akzidentiellen Versuchungen des Teufels. Für die Hörer in den Gemeinden - vor allem für die Taufbewerber - ist die Botschaft klar: Euer Ja zu eurem Gott habe Bestand wie sein Ja zu den Menschen - ganz gleich, was der Augenblick mitbringt.


Jesus, vom Geist in die Wüste geführt, soll (so der Evangelist) in Versuchung geführt werden. Vom Teufel. Jesus ist am Anfang seines Weges. Weiß er, wohin sein Weg führt? In drei Versuchen (das ist die Ursprungsbedeutung auch von "Versuchung") will der Versucher (der, der durcheinanderbringt!) Jesus als Wundertäter aufbauen (Steine zu Brot), ihn Gott auf die Probe stellen lassen (in die Tiefe stürzen) und ihn letztlich selbst mit Macht korrumpieren (alle Reiche der Welt). Es ist eine Steigerung zu erkennen, die im Evangelium mit wenigen Worten durchgespielt wird. Würde Jesus auf die Möglichkeiten eingehen, hätte er seinen Weg verloren. Dabei wissen wir Leser/Hörer mehr, als Jesus wusste: Wir wissen, wer daran interessiert ist, Jesus "durcheinander zu bringen" - Jesus hat vierzig Tage Fasten hinter sich. Die erste Option riecht nach Brot ... nicht nach Versuchung. Jesus findet seinen Weg, indem er ablehnt, sich zu einem Wundertäter aufbauen zu lassen, er stellt auch Gott nicht auf die Probe und, was die Reiche der Welt angeht, wird er vor Gericht aussagen, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist. Dabei wehrt Jesus den Versucher jeweils mit einem Wort ab, das geschrieben ist. Jesus sieht sich nicht als Einzel- oder Sonderfall, der über der Schrift stünde - nein, er argumentiert mit der Schrift gegen den Versucher. Die Geschichte Gottes mit den Menschen steht auf dem Spiel, wenn sein einmal gegebenes Wort zur Disposition gestellt wird - sei es vom Versucher, sei es von Jesus. Damit ist der Weg Jesu klar. Die Schrift ist der größte Schatz, sich nicht durcheinander bringen zu lassen. Der Weg Jesu: Er teilt mit Menschen das Brot, er vertraut Gott und dient ihm allein. Davon erzählt das Evangelium. Für Menschen, die Wunder brauchen, Beweise für ihr Vertrauen suchen und die sich blenden lassen von Reichtum und Schönheit - eine klare Botschaft.


Im Evangelium wird am 1. Fastensonntag des Lesejahres A die Erzählung vom Fasten Jesu und von den darauffolgenden Versuchungen geboten. Während sich der Hinweis auf das Fasten auch beim Evangelisten Markus findet, wird die Geschichte von den Versuchungen nur von Matthäus und von Lukas überliefert. Das Fasten Jesu ist an einem Wendepunkt in seinem Leben zu finden. Voraus geht die Erzählung von der Berufung in der Taufe am Jordan. Und nach dem vorliegenden Evangelientext folgt das erste öffentliche Auftreten Jesu. Fasten war bei den Juden wie in allen Religionen ein selbstverständlich geübter religiöser Brauch. Die 40 Tage erinnern an die 40 Jahre, die das Volk Israel nach dem Auszug aus Ägypten in der Wüste verbracht hat. Es war eine Zeit der Schulung und Läuterung, in der Gott aus dem Haufen, der aus Ägypten aufbrach, sein Volk formte, bevor dieses das verheißene Land in Besitz nehmen konnte. Die Erzählung von den Versuchungen hat den Charakter eines gelehrten Streitgesprächs. Inhaltlich fassen die drei Versuchungen die Grundkonflikte Jesu um das rechte Messiasverständnis zusammen. Jesus will kein "Brotmessias" sein. Er weigert sich, vor den Priestern und Pharisäern seine Messianität durch ein Wunder unter Beweis zu stellen. Schließlich läßt er sich auch nicht vor den Karren einer politischen Messiaserwartung spannen. In der Auseinandersetzung, in welchem Sinne Jesus als Messias zu sehen ist, stehen auch die ersten christlichen Gemeinden Palästinas. Sie verteidigen den Messias, der leiden mußte und der nicht vom Kreuz herabstieg, gegenüber ihrer jüdischen Umgebung, in der nach wie vor verschiedenartige Messiaserwartungen lebendig waren.