21.09.2017

Lesungen 14.04.2017


1. Lesung von der Feier vom Leiden und Sterben Christi:
Jes 52,13 - 53,12

Lesung aus dem Buch Jesaja:

Seht, mein Knecht hat Erfolg,
er wird groß sein und hoch erhaben.
Viele haben sich über ihn entsetzt,
so entstellt sah er aus,
nicht mehr wie ein Mensch,
seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen.
Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen,
Könige müssen vor ihm verstummen.
Denn was man ihnen noch nie erzählt hat, das sehen sie nun;
was sie niemals hörten, das erfahren sie jetzt.
Wer hat unserer Kunde geglaubt?
Der Arm des Herrn - wem wurde er offenbar?
Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein junger Sproß,
wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden.
Er hatte keine schöne und edle Gestalt,
so daß wir ihn anschauen mochten.
Er sah nicht so aus, daß wir Gefallen fanden an ihm.
Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden,
ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.
Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet;
wir schätzten ihn nicht.
Aber er hat unsere Krankheit getragen
und unsere Schmerzen auf sich geladen.
Wir meinten, er sei von Gott geschlagen,
von ihm getroffen und gebeugt.
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm,
durch seine Wunden sind wir geheilt.
Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe,
jeder ging für sich seinen Weg.
Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde mißhandelt und niedergedrückt,
aber er tat seinen Mund nicht auf.
Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt,
und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer,
so tat auch er seinen Mund nicht auf.
Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft,
doch wen kümmerte sein Geschick?
Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten
und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.
Bei den Ruchlosen gab man ihm sein Grab,
bei den Verbrechern seine Ruhestätte,
obwohl er kein Unrecht getan hat
und kein trügerisches Wort in seinem Mund war.
Doch der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen (Knecht),
er rettete den, der sein Leben als Sühnopfer hingab.
Er wird Nachkommen sehen und lange leben.
Der Plan des Herrn wird durch ihn gelingen.
Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht.
Er sättigt sich an Erkenntnis.
Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht;
er lädt ihre Schuld auf sich.
Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen,
und mit den Mächtigen teilt er die Beute,
weil er sein Leben dem Tod preisgab
und sich unter die Verbrecher rechnen ließ.
Denn er trug die Sünden von vielen und trat für die Schuldigen ein.



Das 4. Knecht-Gottes-Lied, das von Deuterojesaja überliefert wird, stellt eine Figur vor, die sich historischen Zuordnungen entzieht. Mitten im Exil, dass das Volk Gottes in Babylon erleidet und durchsteht, wird der Knecht Gottes vorgestellt: Seine Gestalt ist von Leiden gezeichnet, aber es ist fremdes Leiden, das er – stellvertretend – auf sich nimmt. „Unsere Sünden“ sind es, die er trägt. In diesem Lied wird auch der Ungehorsam des Volkes Gottes auf dem zerschundenen Körper des Knechtes sichtbar gemacht. Nur: wer ihn sieht, erschrickt vor ihm, wendet sich angewidert und hilflos ab – sieht selbst aber nicht, welche Rolle er in dieser Geschichte spielt. In diesem Lied verlieren die Augen ihre Unschuld. Sie, die die Welt an Schönheit und Erfolg messen, werden einer Schuld ansichtig, in die Menschen tief verwickelt sind. Aber das Lied weiß auch von einer großen Zuversicht: Jahwe findet Gefallen an seinem Knecht, macht ihn groß und rettet ihn. Von ihm heißt es: „Mein Knecht, der gerechte, macht die vielen gerecht.“ Nicht nur das Leiden, sondern auch die Auferstehung (wie wir übersetzen dürfen) ist bei ihm stellvertretend zu erblicken. Einer der ältesten Hymnen greift die Linien, die im 4. Knecht-Gottes-Lied auf vielfältige Weise verwoben sind, auf: Es ist der Christus-Hymnus, den Paulus in seinem Brief an die Gemeinde zu Philippi überliefert (2:5 ff.). Wenn auch der Knecht Gottes, der im Buch des 2. Jesaja Israel neu zu seiner Berufung verhilft, für uns nicht fassbar ist, so bekommt er doch in Jesus und seinem Geschick ein Gesicht: Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg. Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.


Der erste Vers der alttestamentlichen Lesung stellt einen neuen Einsatz mit der Gottesrede und der Aufforderung zum Sehen dar. Jahwe lenkt den Blick auf seinen Knecht. Dazwischengeschoben ist der Bericht eines anderen über das Leiden jenes Knechtes. Die Gottesrede selbst setzt mit "Mein Knecht" wieder ein. Eingerahmt von der Zusage Gottes werden die Verachtung und die Schmerzen des Gottesknechtes breit entfaltet. Dann macht sich ein Wechsel in der Darstellungsweise bemerkbar: Weg von der Vordergründigkeit werden nun die Hintergründe des Leidens durchschaut: Aus dem blossen "Meinen" wird die Gewissheit "Für uns": wegen unserer Krankheit und unserer Schmerzen, wegen unserer Sünden, zu unserem Heil, die Schuld von uns. Dann wird betont, dass der Gottesknecht all das Leid zu dem wortlos auf sich genommen hat. Seine Gefühle, sein Leid spielen keine Rolle. Es geht allein darum, den Plan Gottes zu erfüllen. Die Zwischenrede findet sein Ende in der Gewissheit, dass dieser getreue Knecht seinen Lohn erhalten wird. Zusammengefasst: Von der Vordergründigkeit der Oberflächlichkeit des Betrachters durch das Hintergründige des Warum auf die Verheissung einer licht- und heilvollen Zukunft.


Als alttestamentliche Lesung des Karfreitagsgottesdienstes ist das sog. vierte Lied vom Gottesknecht aus dem Jesaja-Buch vorgesehen. Die vier Gottesknechtslieder dürfte der Verfasser des zweiten Teiles des Jesajabuches bereits als zusammengehörige Überlieferungseinheit vorgefunden und an vier Stellen in sein Werk eingefügt haben. Als Verfasser des zweiten Teiles des Jesajabuches wird ein Schüler des "ersten" Jesaja in Betracht gezogen. Er lebte vermutlich im babylonischen Exil und suchte in seinen prohetischen Texten dem Volk in der Gefangenschaft Hoffnung zu geben. Ähnlich unklar wie die Person des "zweiten" Jesaja ist die Gestalt des Gottesknechtes, von dem die vier Gesänge erzählen. Ist mit dem Gottesknecht das in der Verbannung lebende Volk Israel selbst gemeint? Ist es der zweite Jesaja selbst? In diesem Falle hätten seine Jünger den vierten Gesang verfaßt. Dies läßt sich heute nicht mehr feststellen. Ebenso interessant wie die Person des Gottesknechtes ist die Theologie, die in diesen Liedern, vor allem im vierten dargeboten wird. Das Lied erzählt von einem Knecht, der im Ansehen der Menschen so weit abgesunken und erniedrigt ist, daß er als verachtet und auch von Gott verlassen gelten mußte. Seine Krankheit, seine Schmerzen, sein schlechtes Aussehen konnten damals nur als von Gott Verlassensein und als Strafe Gottes verstanden werden. Doch da kommt die Wende: Er hat die Erniedrigung nicht als Strafe für seine eigene Schuld erlitten, sondern er hat "unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen". Sein Leiden ist nicht als Strafe zu betrachten sondern als Sühne für die Schuld anderer, für unsere Schuld. Sein Leiden wird geschildert in der Art, wie in den Klagepsalmen Leidende ihr unverdientes und Unverstandenes Leid vor Gott zur Sprache bringen. Die zweite überraschende Wende setzt ein, wenn gesagt wird: Der geschlagene Knecht findet Gefallen bei Gott. Sein Leben wird durch Nachkommenschaft und lange Dauer gesegnet. Die Gottesknechtslieder dienten den Christen der ersten Generation als Verstehenshilfe für das unverstehbare Schicksal Jesu. Sie sahen in ihm den Gottesknecht, der trotz aller Redlichkeit die Schmach des Verbrechertodes zu erleiden hatte. Sie verstehen sein Leiden als Sühneleiden und als Weg zur Erhöhung durch Gott.


Antwortpsalm am Karfreitag     
Ps 31,2. 6. 12-13. 15-17. 25

R: Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist. - R

Bei dir, Herr, suche ich Zuflucht,
lass mich nie zugrunde gehen;
in deiner Gerechtigkeit rette mich!
In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist;
du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott. - (R)

Zum Spott geworden bin ich all meinen Feinden,
ein Hohn den Nachbarn, ein Schrecken den Freunden;
wer mich auf der Straße sieht, flieht vor mir.
Dem Gedächtnis bin ich entschwunden wie ein Toter,
bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß. - (R)

Ich aber, Herr, ich vertrau‘ auf dich,
ich sage: „Du bist mein Gott.“
In deiner Hand liegt mein Geschick:
entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger. - (R)

Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht,
hilf mir in deiner Güte !
Euer Herz sei Stark und unverzagt,
ihr alle, die ihr wartet auf den Herrn. - R


2. Lesung von der Feier vom Leiden und Sterben Christi:
Hebr 4,14-16; 5,7-9

Lesung aus dem Hebräerbrief:

Da wir nun einen erhabenen Hohenpriester haben,
der die Himmel durchschritten hat,
Jesus, den Sohn Gottes,
laßt uns an dem Bekenntnis festhalten.
Wir haben ja nicht einen Hohenpriester,
der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche,
sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist,
aber nicht gesündigt hat.
Laßt uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade,
damit wir Erbarmen und Gnade finden
und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit.
Als er auf Erden lebte,
hat er mit lautem Schreien und unter Tränen
Gebete und Bitten vor den gebracht,
der ihn aus dem Tod retten konnte,
und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.
Obwohl er der Sohn war,
hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt;
zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen,
der Urheber des ewigen Heils geworden.



Der Hebräerbrief deutet das Leben Jesu in den Bildern und der Sprache jüdischer Überlieferungen: Durchschritt der Hohepriester den Tempel, um am Versöhnungstag allein das Allerheiligste zu betreten, wird Jesus hier vorgestellt als der, der den Himmel durchschritten hat. Er ist hier zu Hause. Für den Hebräerbrief folgt daraus, an dem Bekenntnis festzuhalten: Er ist der Sohn Gottes. Der Gedankengang, der im Himmel beginnt, nähert sich menschlichen Erfahrungen. Von Schwachheiten ist die Rede und von der Versuchung. Ohne sie zu spezifizieren oder konkretisieren, wird der Hohepriester – Jesus – als der vor Augen gestellt, der „mitfühlen“ oder, eine andere Übersetzung, „mitleiden“ kann. Nur: gesündigt hat er nicht. Der Hebräerbrief setzt die Geschichten voraus, die in den Evangelien erzählt werden. Da ist von der vertrauten Nähe Jesu zu Menschen die Rede, aber auch von seiner Stellung und Würde. Im Hebräerbrief formuliert: ohne Sünde. Eine Szene, die zur Leidensgeschichte Jesu gehört, wird im Hebräerbrief besonders herausgehoben: Der sog. Gebetskampf Jesu in Gethsemane. Mit „lautem Schreien und unter Tränen“ hat Jesus mit seinem Vater gerungen. Aber was in der synoptischen Überlieferung zu dem Ja Jesu führt, den Kelch zu trinken, ist im Hebräerbrief zu dem Ja Gottes geworden, ihn aus seiner Angst zu befreien. Schon innerhalb der neutestamentlichen Überlieferung hat die Gethsemane-Erfahrung Jesu vielfältige Aneignungen hervorgebracht. Nach dem Hebräerbrief ist die Bitte Jesu, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, in der Auferstehung in Erfüllung gegangen. Am Schluss ist es fast eine Kurzformel, die das Leben Jesu zusammenfasst: Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt; zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden. Zu beachten ist: Jesus und die Seinen sind im Gehorsam miteinander verbunden.


In dieser Lesung vernehmen wir, dass Jesus, der Sohn Gottes, unser Hoherpriester ist. Damit trägt Jesus Christus einen Titel, der im weiteren entfaltet wird. Nicht nur "Kyrios", "Christus", sondern auch "Hoherpriester". Der Verfasser stellt Jesus Christus damit in die Reihe der Hohenpriester vor ihm, vor allem Aaron, dessen Amtseinsetzung zitiert wird. Während die Propheten jeweils von Gott berufen werden, wird die Würde des Hohenpriesters innerhalb der Familie weitergegeben. Dieses Spezifikum lässt uns aufhorchen, denn es verweist uns auf den Ursprung Jesu: Er ist Sohn Gottes. Dadurch wird Christus zum erhabendsten aller Hohenpriester – zugleich aber auch einer, der sich von den Menschen und seiner Gemeinde nicht entfernt, sondern den Menschen gleichgeworden ist. Diese Nähe ist Grund zum Bekenntnis und zur Zuversicht.


Die zweite Lesung des Karfreitags ist dem Hebräerbrief entnommen und möchte das unfaßbare Leiden Jesu theologisch deuten. Der Hebräerbrief entstand in einem Umfeld, das zutiefst mit der jüdischen Schrifttradiotion und dem jüdischen Tempelkult verbunden war und daraus lebte. Mit den Mitteln der überlieferten jüdischen Theologie versucht der Verfasser, das Christusereignis zu verstehen und in Worte zu fassen. Dabei ist er fest überzeugt, daß die jüdische Tradition in Jesus Christus ihr Ziel gefunden hat. Der Jerusalemer Tempelkult verstand sich als irdisches Abbild des realen Kultes vor dem Thron Gottes im Himmel. Die Rolle, die der Hohepriester im Tempelkult wahrnahm, nimmt in Wirklichkeit Jesus Christus im Himmel wahr. Für den Verfasser des Hebräerbriefes ist Jesus Christus der Hohepriester, der die Himmel durchschritten hat und zugleich unter Schreien und Tränen menschliche Existenz erfahren hat. Er ist Gott und Mensch zugleich. Wie der irdische Hohepriester die Gebete und Bitten des Volkes stellvertretend vor Gott bringt, bringt sie Christus im Himmel vor den Thron Gottes. Dies ist Anlaß, am Bekenntnis, daß Jesus der Sohn Gottes ist, festzuhalten und sich ihm in Gehorsam unterzuordnen.


Ruf vor der Passion am Karfreitag
Phil 2, 8b-9

Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre! - R

Christus wurde für uns gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott erhöht
und ihm den Namen gegeben, der über allen Namen ist.

Herr Jesus, dir sei Ruhm und Ehre!


Evangelium vom Karfreitag - Passionsgeschichte:
Joh 18,1 - 19,42

Das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus nach Johannes:

Die Verhaftung

Nach diesen Worten ging Jesus mit seinen Jüngern hinaus,
auf die andere Seite des Baches Kidron.
Dort war ein Garten; in den ging er mit seinen Jüngern hinein.
Auch Judas, der Verräter, der ihn auslieferte, kannte den Ort,
weil Jesus dort oft mit seinen Jüngern zusammengekommen war.
Judas holte die Soldaten und die Gerichtsdiener
der Hohenpriester und der Pharisäer,
und sie kamen dorthin mit Fackeln, Laternen und Waffen.
Jesus, der alles wußte, was mit ihm geschehen sollte,
ging hinaus und fragte sie: Wen sucht ihr?
Sie antworteten ihm: Jesus von Nazaret.
Er sagte zu ihnen: Ich bin es.
Auch Judas, der Verräter, stand bei ihnen.
Als er zu ihnen sagte: Ich bin es!,
wichen sie zurück und stürzten zu Boden.
Er fragte sie noch einmal: Wen sucht ihr?
Sie sagten: Jesus von Nazaret.
Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, daß ich es bin.
Wenn ihr mich sucht, dann laßt diese gehen!
So sollte sich das Wort erfüllen, das er gesagt hatte:
Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast.
Simon Petrus aber, der ein Schwert bei sich hatte, zog es,
schlug nach dem Diener des Hohenpriesters
und hieb ihm das rechte Ohr ab;
der Diener hieß Malchus.
Da sagte Jesus zu Petrus: Steck das Schwert in die Scheide!
Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat - soll ich ihn nicht trinken?

Das Verhör vor Hannas und die Verleugnung durch Petrus

Die Soldaten, ihre Befehlshaber und die Gerichtsdiener der Juden
nahmen Jesus fest, fesselten ihn und führten ihn zuerst zu Hannas;
er war nämlich der Schwiegervater des Kajaphas,
der in jenem Jahr Hoherpriester war.
Kajaphas aber war es, der den Juden den Rat gegeben hatte:
Es ist besser, daß ein einziger Mensch für das Volk stirbt.
Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus.
Dieser Jünger war mit dem Hohenpriester bekannt
und ging mit Jesus in den Hof des hohepriesterlichen Palastes.
Petrus aber blieb draußen am Tor stehen.
Da kam der andere Jünger, der Bekannte des Hohenpriesters, heraus;
er sprach mit der Pförtnerin und führte Petrus hinein.
Da sagte die Pförtnerin zu Petrus:
Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen?
Er antwortete: Nein.
Die Diener und die Knechte hatten sich ein Kohlenfeuer angezündet
und standen dabei, um sich zu wärmen; denn es war kalt.
Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.
Der Hohepriester befragte Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.
Jesus antwortete ihm: Ich habe offen vor aller Welt gesprochen.
Ich habe immer in der Synagoge und im Tempel gelehrt,
wo alle Juden zusammenkommen.
Nichts habe ich im geheimen gesprochen.
Warum fragst du mich?
Frag doch die, die mich gehört haben, was ich zu ihnen gesagt habe;
sie wissen, was ich geredet habe.
Auf diese Antwort hin schlug einer von den Knechten, der dabeistand,
Jesus ins Gesicht und sagte:
Redest du so mit dem Hohenpriester?
Jesus entgegnete ihm:
Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach;
wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?
Danach schickte ihn Hannas gefesselt zum Hohenpriester Kajaphas.
Simon Petrus aber stand (am Feuer) und wärmte sich.
Sie sagten zu ihm: Bist nicht auch du einer von seinen Jüngern?
Er leugnete und sagte: Nein.
Einer von den Dienern des Hohenpriesters,
ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte, sagte:
Habe ich dich nicht im Garten bei ihm gesehen?
Wieder leugnete Petrus, und gleich darauf krähte ein Hahn.

Das Verhör und die Verurteilung durch Pilatus

Von Kajaphas brachten sie Jesus zum Prätorium;
es war früh am Morgen.
Sie selbst gingen nicht in das Gebäude hinein,
um nicht unrein zu werden,
sondern das Paschalamm essen zu können.
Deshalb kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte:
Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Menschen?
Sie antworteten ihm:
Wenn er kein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir nicht ausgeliefert.
Pilatus sagte zu ihnen:
Nehmt ihr ihn doch, und richtet ihn nach eurem Gesetz!
Die Juden antworteten ihm:
Uns ist es nicht gestattet, jemand hinzurichten.
So sollte sich das Wort Jesu erfüllen, mit dem er angedeutet hatte,
auf welche Weise er sterben werde.
Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein,
ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?
Jesus antwortete:
Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?
Pilatus entgegnete:
Bin ich denn ein Jude?
Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert.
Was hast du getan?
Jesus antwortete:
Mein Königtum ist nicht von dieser Welt.
Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen,
damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde.
Aber mein Königtum ist nicht von hier.
Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König?
Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König.
Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen,
daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.
Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.
Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit?
Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus
und sagte zu ihnen: Ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.
Ihr seid gewohnt, daß ich euch am Paschafest einen Gefangenen freilasse. Wollt ihr also, daß ich euch den König der Juden freilasse?
Da schrien sie wieder: Nicht diesen, sondern Barabbas!
Barabbas aber war ein Straßenräuber.
Darauf ließ Pilatus Jesus geißeln.
Die Soldaten flochten einen Kranz aus Dornen;
den setzten sie ihm auf und legten ihm einen purpurroten Mantel um.
Sie stellten sich vor ihn hin und sagten: Heil dir, König der Juden!
Und sie schlugen ihm ins Gesicht.
Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen:
Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen,
daß ich keinen Grund finde, ihn zu verurteilen.
Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, da ist der Mensch!
Als die Hohenpriester und ihre Diener ihn sahen, schrien sie:
Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!
Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn, und kreuzigt ihn!
Denn ich finde keinen Grund, ihn zu verurteilen.
Die Juden entgegneten ihm:
Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muß er sterben,
weil er sich als Sohn Gottes ausgegeben hat.
Als Pilatus das hörte, wurde er noch ängstlicher.
Er ging wieder in das Prätorium hinein und fragte Jesus:
Woher stammst du?
Jesus aber gab ihm keine Antwort.
Da sagte Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit mir?
Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich freizulassen,
und Macht, dich zu kreuzigen?
Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich,
wenn es dir nicht von oben gegeben wäre;
darum liegt größere Schuld bei dem, der mich dir ausgeliefert hat.
Daraufhin wollte Pilatus ihn freilassen, aber die Juden schrien:
Wenn du ihn freiläßt, bist du kein Freund des Kaisers;
jeder, der sich als König ausgibt, lehnt sich gegen den Kaiser auf.
Auf diese Worte hin ließ Pilatus Jesus herausführen,
und er setzte sich auf den Richterstuhl
an dem Platz, der Lithostrotos, auf hebräisch Gabbata, heißt.
Es war am Rüsttag des Paschafestes, ungefähr um die sechste Stunde. Pilatus sagte zu den Juden: Da ist euer König!
Sie aber schrien: Weg mit ihm, kreuzige ihn!
Pilatus aber sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen?
Die Hohenpriester antworteten:
Wir haben keinen König außer dem Kaiser.
Da lieferte er ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt würde.

Die Hinrichtung Jesu

Sie übernahmen Jesus.
Er trug sein Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelhöhe,
die auf hebräisch Golgota heißt.
Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere,
auf jeder Seite einen, in der Mitte Jesus.
Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen;
die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden.
Dieses Schild lasen viele Juden,
weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag.
Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefaßt.
Die Hohenpriester der Juden sagten zu Pilatus:
Schreib nicht: Der König der Juden,
sondern daß er gesagt hat: Ich bin der König der Juden.
Pilatus antwortete:
Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.
Nachdem die Soldaten Jesus ans Kreuz geschlagen hatten,
nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus,
für jeden Soldaten einen.
Sie nahmen auch sein Untergewand,
das von oben her ganz durchgewebt und ohne Naht war.
Sie sagten zueinander:
Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll.
So sollte sich das Schriftwort erfüllen:
Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies führten die Soldaten aus.
Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter
und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas,
und Maria von Magdala.
Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte,
sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn!
Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter!
Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
Danach, als Jesus wußte, daß nun alles vollbracht war, sagte er,
damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet.
Ein Gefäß mit Essig stand da.
Sie steckten einen Schwamm mit Essig auf einen Ysopzweig
und hielten ihn an seinen Mund.
Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er:
Es ist vollbracht!
Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.

Die Bestattung des Leichnams

Weil Rüsttag war
und die Körper während des Sabbats nicht am Kreuz bleiben sollten,
baten die Juden Pilatus,
man möge den Gekreuzigten die Beine zerschlagen
und ihre Leichen dann abnehmen;
denn dieser Sabbat war ein großer Feiertag.
Also kamen die Soldaten und zerschlugen dem ersten die Beine,
dann dem andern, der mit ihm gekreuzigt worden war.
Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, daß er schon tot war,
zerschlugen sie ihm die Beine nicht,
sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite,
und sogleich floß Blut und Wasser heraus.
Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt,
und sein Zeugnis ist wahr.
Und er weiß, daß er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt.
Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte:
Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen.
Und ein anderes Schriftwort sagt:
Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben.
Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu,
aber aus Furcht vor den Juden nur heimlich.
Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen,
und Pilatus erlaubte es.
Also kam er und nahm den Leichnam ab.
Es kam auch Nikodemus,
der früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte.
Er brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund.
Sie nahmen den Leichnam Jesu
und umwickelten ihn mit Leinenbinden,
zusammen mit den wohlriechenden Salben,
wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist.
An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten,
und in dem Garten war ein neues Grab,
in dem noch niemand bestattet worden war.
Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag,
setzten sie Jesus dort bei.



Die Passionsgeschichte, die am Karfreitag vorgetragen wird, ist dem Johannes-Evangelium entnommen. Es ist eine dramatische Geschichte mit vielen Auseinandersetzungen, Dialogen und Perspektivwechseln. Schlüsselszenen sind: Die Gefangennahme Jesu Das Verhör vor dem Hohen Rat Die Verleugnung des Petrus Die Verhandlung vor Pilatus Geißelung und Verspottung Das Todesurteil Die Kreuzigung und Jesu Tod Die Grablegung. Schon bei der Gefangennahme, aber besonders in der Verhandlung vor Pilatus, ist Jesus der Herr, der das letzte Wort hat: Er lässt sich gefangen nehmen, verhören und verurteilen. Menschen sind zwar Akteure in dieser Geschichte, haben aber – im wahrsten Sinn dieses Wortes – „nichts“ zu sagen. Vor den religiösen und politischen Instanzen, die über Tod und Leben befinden, klärt sich der Wahrheitsanspruch Jesu. Es wird alles darauf ankommen, die Geschichte so vorzutragen, dass die Linien scharf hervortreten. Am Beispiel des Petrus wird in der Passionsgeschichte, wie sie Johannes überliefert, Gewalt einerseits (18,10 f.) und Versagen andererseits (18,15-18) zusammen gesehen: Der mit dem Schwert kämpfen will, verliert mit seinem Mund. Wenn davon zu reden ist, das Petrus Jesus verleugnet, ist auch davon zu reden, wie denn die Wahrheit Jesu bezeugt werden kann. Auf eine Wunde, die die Passionsgeschichte besonders in der johanneischen Fassung geschlagen hat, ist behutsam zu achten: Die Juden erscheinen in dieser Geschichte als die, die die Hauptschuld an Jesu Tod haben. Pilatus wird von ihnen seiner Karriere geopfert und vereinnahmt. Aber eine antijudaistische Interpretation des Evangeliums, bedauerlicherweise über lange Strecken der Auslegungsgeschichte geübt, wird dem Anspruch Jesu nicht gerecht, Herr des Verfahrens zu sein. Die Juden stehen hier stellvertretend für die Menschen, die sich der Wahrheit Jesu verschließen. Der schärfste Widerspruch wird von Jesus vor Pilatus formuliert: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Dieses Wort wird von Jesus ausgelegt: Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Was dieses „Hören“ angeht: Besonders in den Ich-bin-Worten Jesu ist festgehalten, wer er in Wahrheit ist: Brot, Weg, Tür, Licht, Leben usw. Und immer ausschließlich: DAS Brot, DER Weg, DIE Tür. Diese Ich-bin-Worte Jesu sind der rote Faden, der das Johannes-Evangelium durchzieht. Schon im Prolog heißt es: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat´s nicht ergriffen (1,4 f.).


In der Karfreitagsliturgie wird die Leidensgeschichte nach dem Evangelisten Johannes vorgetragen. Dieser griff auf eine von den anderen Evangelisten unabhängige Überlieferung zurück, setzte jedoch eigene theologische Akzente. Ihm geht es um mehr als die historische Beschreibung der Vorgänge um den Tod Jesu. So beschreibt Johannes nicht wie seine Evangelistenkollegen, wie schwer es Jesus fiel, sich in das einzufügen, was auf ihn zukam. Er, "der alles wußte, was mit ihm geschehen sollte", tritt selbstbewußt und überlegen den Soldaten und Dienern der Hohenpriester gegenüber und läßt sich festnehmen. Er ist der Sohn Gottes, der den Weg durch das Leiden hindurch zur Erhöhung und Verherrlichung geht. Im Verhör durch Hannas und Pilatus führt der Evangelist Johannes aus, was er bereits im Prolog zu seinem Evangelium hervorkehrt: "Das wahre Licht kam in die Welt [...] aber die Welt erkannt ihn nicht"; und "Er kam in sein Eigentum, aber die seinen nahmen ihn nicht auf". Im Prozeß Jesu ist dem Evangelisten wichtig, zu zeigen, daß Jesus der wahre "König der Juden" ist, von seinem Volk jedoch nicht als der Messias erkannt wird. Sie stellen ihn vor das staatliche Gericht. Pilatus ist zu feige, um der Wahrheit Rechnung zu tragen. Er läßt Jesus hinrichten, obwohl er erkannt hat, daß Jesus keinen politischen Anspruch stellt. Ein anderes Motiv, das die Passion des Johannes durchzieht, ist das des wahren Paschalammes. Johannes legt den Zeitablauf im Gegensatz zu den anderen drei Evangelien so fest, daß Jesus zu der Zeit am Kreuz stirbt, als im Tempel die Paschalämmer geschlachtet werden. Er ist das wahre Paschalamm, das für uns geschlachtet wurde... Er betont, daß ihm die Beine nicht zerschlagen wurden und daß seine Seite mit einer Lanze geöffnet wurde, sodaß Blut und Wasser daraus flossen. In den Bestimmungen für die Paschafeier (Ex 12:46) heißt es, daß dem Lamm kein Bein zerbrochen werden dürfe. Das Blut des Paschalammes schützte in Ägypten die Häuser der Israeliten vor dem Würgengel, der die Erstgeborenen der Ägypter schlug. Johannes beton auf Schritt und Tritt, wie souverän Jesus das Todesleiden durchgegangen ist. In allem sollte sich die Schrift erfüllen. Vom Kreuz aus vertraut er seine Mutter dem Jünger, den er liebte an, und diesen ihr. Mit den Worten "Es ist vollbracht!" neigt er sein Haupt und gibt er seinen Geist auf.