20.11.2017

Lesungen 14.09.2017


1. Lesung vom Fest Kreuzerhöhung:
Num 21,4-9

Lesung aus dem Buch Numeri:

In jenen Tagen brachen die Israeliten vom Berg Hor auf
und schlugen die Richtung zum Schilfmeer ein,
um Edom zu umgehen.
Unterwegs aber verlor das Volk den Mut,
es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte:
Warum habt ihr uns aus Ägypten herausgeführt?
Etwa damit wir in der Wüste sterben?
Es gibt weder Brot noch Wasser.
Dieser elenden Nahrung sind wir überdrüssig.
Da schickte der Herr Giftschlangen unter das Volk.
Sie bissen die Menschen und viele Israeliten starben.
Die Leute kamen zu Mose und sagten:
Wir haben gesündigt,
denn wir haben uns gegen den Herrn und gegen dich aufgelehnt.
Bete zum Herrn, dass er uns von den Schlangen befreit.
Da betete Mose für das Volk.
Der Herr antwortete Mose:
Mach dir eine Schlange und häng sie an einer Fahnenstange auf!
Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben,
wenn er sie ansieht.
Mose machte also eine Schlange aus Kupfer
und hängte sie an einer Fahnenstange auf.
Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde
und zu der Kupferschlange aufblickte,
blieb er am Leben.



Das Buch Numeri wird in der hebräischen Bibel „In der Wüste“ genannt. Dies ist auch der rote Faden „Ödland, Wüstengebiet“, der sich als bewusster theologischer Gedanke, dass sich Gott dort offenbart, wo es kein fruchtbares Land gibt, durch das ganze Buch Numeri zieht. Auch in den Versen der Lesung Numeri 21,4-9 ist dies erfahrbar. Die Verankerung dieser Erzählung zwischen einer erfolgreichen kriegerischen Inbesitznahme von Arad (eine ätiologische Geschichte) und dem Aufbruch weiter nach Moab zeigt auf, dass Israel sich auf seiner Wanderung in einem alten Kulturland bewegt. Die Komposition von „Murrgeschichten“ bzw. Rettungsgeschichten im Buch Numeri, erfährt in dieser Erzählung durch die priesterschriftliche Geschichtsschreibung eine „ausführlichere“ Schilderung als sonst. Durch das Einfügen örtlicher Begebenheiten, werden Einblicke in das damalige religiöse und historische Umfeld Israels möglich. Religiöse Kulthandlungen in diesen Gebieten waren für Israel Herausforderungen sich zu „outen“, zu seinen eigenen Erfahrungen mit JHWH zu stehen. Sie führten jedoch auch immer wieder zu einer Inkulturation, so wie diese Erzählung es aufzeigt. Das uralte Abbaugebiet von Kupfererz in der Wüste Zin und der dort bei Ausgrabungen aufgefundene ägyptische Hathortempel (Harthor war die ägyptische Göttin des Bergbaus) geben den geschichtlichen und religiösen Background für dieses Ereignis. Die Rettungsgeschichte mit der kupfernen Schlange, welche auf einer gut sichtbaren Standarte befestigt wurde (Vers 8), ist daraus zu verstehen (Schlangen waren Teil der Lebenswelt Ägyptens, ihre Verehrung sollte die Macht des tödlichen Bisses abwehren). In Vers 5 wird Mose wieder einmal als „Hauptverantwortlicher“ der lebensbedrohenden Situation der Israeliten in diesem „wüsten“ Gebiet dargestellt. Er soll „möglichst“ mit JHWH diese Situation bereinigen (Vers 7b, Fürbittgebet des Mose). Neu im Vers 7 ist, dass es zu einem Erkennen des Volkes Israel kommt: Nicht Mose allein trägt Verantwortung, ganz Israel wird sich seiner Verantwortung bei der Abkehr von JHWH bewusst (Vers 7a). Diese Erkenntnis eröffnet neue Zukunftsperspektiven für Israel, lässt den Aufbruch mit JHWHs Hilfe, der unter ihnen, in ihrer Mitte sein „Zelt“ aufschlägt, aufs Neue wagen. Die erfahrene Geschichte (Vergangenheit) zeigt hier im Buch Numeri auf, dass lebensbedrohliche Situationen kein Grund sind, an der Treue JHWH, der zu seinem Volk und seinen Verheißungen steht, zu zweifeln. (c) Hannelore Jäggle, Wien


Das Volk Israel lehnt sich gegen Gott auf und wird dafür mit Schlangenbissen gestraft. Die Auflehnung geschieht im Herzen und ist nicht öffentlich. Wenn nun die Schlange aus Kupfer im Lager aufgestellt wird, wird das Thema der Schuld öffentlich. Wer auf die Schlange blickt, gibt zu: Auch ich habe mich abgewendet. Das Volk kann nun sehen, wo es steht und den Weg zur Umkehr finden. Es kann sich wieder hinter Gott sammeln und neu den Weg aus der Wüste ins Gelobte Land wagen.


Den Israeliten galt die Wüste als ein Ort der Schlangen und Skorpione (vgl. Dtn 8:15; Jes 14:29 und 30:6). Es erstaunt daher nicht, dass in die Erzählungen des Wüstenzuges auch eine Schlangenplage Eingang gefunden hat. Der Text Num 21:4-9 interpretiert diese "Schlangeninvasion" als Strafe für die Auflehnung der Israeliten Gott und Mose gegenüber. Doch aufgrund des Schuldbekenntnisses der Israeliten und der Fürsprache des Mose gewährt Gott die Rettung: Eine an einer langen - und damit weithin sichtbaren - Stange montierte kupferne Schlange wird angefertigt. Dank des Anblicks der Schlange, als Zeichen des Glaubens an die Heilkraft Gottes, blieben die Israeliten trotz aller Schlangenbisse am Leben. In den Kupferminen von Timna (etwa 20km nördlich von Eilat) wurde bei Ausgrabungen eine 12 cm lange Kupferschlange mit goldenem Kopf gefunden. Wahrscheinlich diente sie als Kultgegenstand eines midianitischen Heiligtums in dieser Gegend. Jedenfalls beweist sie, dass um etwa 1200 v. Chr. in dieser Gegend solche Kupferschlangen nicht unbekannt gewesen sind. Im Vorderen Orient galten Schlangen zudem als Symbole des Lebens (vgl. die Äskulapnatter als noch heute bestehendes Symbol von Ärzten und Apothekern) und als Symbol von heilbringenden Gottheiten. Der Text in Num 21 weist aber nicht der Schlange als solcher Heilkraft zu, vielmehr verweist hier die Schlange auf den eigentlichen Retter. Wahrscheinlich hat Israel so einen bereits bekannten Brauch aus der Umwelt in die eigene Glaubenswelt übernommen, ihn aber theologisch neu geformt, bzw. uminterpretiert. Diese These wird durch Weish 16:7 gestützt, wo es heißt: "Wer sich dorthin wandte, wurde nicht durch das gerettet, was er anschaute, sondern durch dich, den Retter aller." Die christliche Tradition interpretierte den Text von Num 21 im Anschluß an Joh 3:14 als eine mögliche Urform der rettenden Kraft, die vom Kreuze Jesu ausgeht: Jeder durch die Sünde Verwundete soll voll Vertrauen an den erhöhten Erlöser glauben.


Antwortpsalm zum Fest Kreuzerhöhung
Ps 78,1-2. 34-39

R: Vergesst die Taten Gottes nicht! - R         

Mein Volk, vernimm meine Weisung!          
Wendet euer Ohr zu den Worten meines Mundes!
Ich öffne meinen Mund zu einem Spruch;
ich will die Geheimnisse der Vorzeit verkünden. - (R)

Wenn Gott dreinschlug, fragten sie nach ihm;
kehrten um und suchten ihn.
Sie dachten daran, dass Gott ihr Fels ist,
Gott, der Höchste, ihr Erlöser. - (R)

Doch sie täuschten ihn mit falschen Worten,
und ihre Zunge belog ihn.
Ihr Herz hielt nicht fest zu ihm,
sie hielten seinem Bund nicht die Treue. - (R)

Er aber vergab ihnen voll Erbarmen die Schuld
und tilgte sein Volk nicht aus.
Denn er dachte daran, dass sie nichts sind als Fleisch,
nur ein Hauch, der vergeht und nicht wiederkehrt. -


2. Lesung vom Fest der Kreuzerhöhung:
Phil 2,6-11

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper:

Christus Jesus war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
"Jesus Christus ist der Herr" - zur Ehre Gottes, des Vaters.



Der Hymnus aus dem Philipperbrief ist älter als der Brief selbst. Paulus zitiert ihn. Aus dem Abstieg Jesu ("Er entäußerte sich, wurde wie ein Sklave") wird nun der Aufstieg Jesu ("Jesus Christus ist der Herr"). Das eine geschah durch Christus aus Liebe zu den Menschen, das andere geschieht durch die Glaubenden aus Liebe zu Christus. Die Kreuzerhöhung ist die Ermutigung, diesen Schritt der Liebe zu gehen.


Der Philipperhymnuns, wie dieser Teil des Philipperbriefes in der Liturgie genannt wird, stellt rein formell ein Fremdkörper im Brief dar. Auf einmal wird ein Lied dazwischengeschoben – etwas für Paulus Neues bricht an. Dieser Christushymnus ist Zeugnis der Kenosis Christi. In knapper Sprache und sorgfältiger Wortwahl wird das Christusgeheimnis versucht zu entfalten: Er war ganz Gott und ganz Mensch. Als dieser Mensch ist er Knecht/Sklave. Der Abstieg von Gott zum Knecht ist ein gewaltiger Schritt nach unten, der sein Ende am Kreuz findet. Jenes Kreuz ist gleichsam der Wendepunkt in diesem Hymnus (Vers 8). Mit dem Kreuz wird Jesus Christus zugleich wieder erhöht (Verse 9-11). Mit dem Namen, den Gott ihm verleiht, ist das Wesentliche dieses Menschen ausgedrückt, die Wichtigkeit der Person deutlich gemacht. Der Verfasser des Philipperhymnus bedient sich dabei eines Zitates aus dem Buch des Propheten Jesaja, wenn der Name jenes erhöhten Christus von jedem Munde gepriesen wird. Kyrios – Herr – ist Jesus Christus und mit ihm wird auch zugleich der Vater verherrlicht. Aufgrund des großartigen Aufbaues des Philipperhymnus geht man davon aus, dass Paulus diesen Hymnus aus der Liturgie der jungen Christengemeinde übernommen hat oder dieser später eingefügt worden ist. Der Philipperhymnus ist ein glänzendes Beispiel für das feiernde Nachdenken der Urgemeinde über die Erlösungstat Gottes.


Paulus zitiert einen Hymnus, der in der frühen Kirche unbefangen das Geheimnis Christi mit dem –alten und in der Mythologie verbreiteten – Schema Abstieg / Aufstieg besingt. Der Entäußerung, die bis in den Tod reicht, wird der "verliehene Name" gegenübergestellt, der im Christus-Bekenntnis "Herr ist Jesus" mündet. Wir begegnen hier dem ursprünglichen Glaubensbekenntnis, das noch ohne streitbehaftete (und auslegungsbedürftige) Sätze zusammenfasst, was christliches Leben ausmacht: dass er das letzte Wort hat, über alles – und für alle. Paulus, ein Meister, der das Evangelium in Briefen zu den Menschen bringt, entwindet den Hymnus mythologischen Denkmustern und verbindet das Leben Jesu mit dem seiner Jüngerinnen und Jünger: Seid untereinander auch so gesinnt… In einem Leben, das dem "Leben in Christus Jesus entspricht", erweist sich das Bekenntnis zu ihm als tragfähig und wirklich. Bedenken, zumal die vielen Bedenken, die von Gottesdienst zu Gottesdienst heute variiert werden, werden von Paulus nicht geteilt. Er hat das Zutrauen, das ein Leben gelingt, in dem Jesus als der "Kyrios" bekannt und angerufen wird. Dass der Ort Philippi keine Insel der Seligen ist, weiß Paulus, hindert ihn aber nicht, den Lebenslauf Christi als Verheißung und Vorbild hinzustellen. Als Paulus den Hymnus aufgreift und ihn zitiert, gibt es die schriftlich ausformulierten Evangelien noch nicht. Heute gelesen, mutet er wie eine Kurzfassung des Evangeliums an, das vierfach überliefert wird und auch die Briefe im NT prägt. Nicht zuletzt geht es darum, Jesu Namen zu tragen (Taufe), sich mit ihm zu schmücken und zu segnen. Im übrigen: der Christus-Hymnus, aus alter Zeit von Paulus gerettet, steht auch dafür, dass, wie der Theologe Edmund Schlink sagte, das Dogma Lobpreis und Lebenshilfe ist (und nicht das Gerüst, um Wahrheiten festzulegen).


Ruf vor dem Evangelium am Fest Kreuzerhöhung

Halleluja. Halleluja.
Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich;
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.
Halleluja.


Evangelium vom Fest Kreuzerhöhung:
Joh 3,13-17

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes:

In jener Zeit sprach Jesus zu Nikodemus:
Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen
außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist:
der Menschensohn.
Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat,
so muß der Menschensohn erhöht werden,
damit jeder, der (an ihn) glaubt,
in ihm das ewige Leben hat.
Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt,
daß er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt,
nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt,
damit er die Welt richtet,
sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.



Das Nikodemusgespräch findet in der Nacht mit einem erfahrenen und weisen Pharisäer statt. Gerade in der Begegnung mit einem, der Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk kennt, keimt die Frage auf: "Und wer bist du, Jesus?" Jesus gibt ihm die Antwort aus der Heilsgeschichte heraus. Wenn es schon früher die Erfahrung mit einem Gott des Erbarmens und der Liebe gab, dann gilt sie auch jetzt. So ist die Geschichte des Buches Numeri ein Spiegel für die neue und größere Geschichte Gottes in Jesus.


Im Evangelium wird das Bild der Lesung aus dem Buch Numeri aufgegriffen. Die erhöhte Schlange ist das Symbol für den erhöhten Christus am Kreuz. Entsprechend ist die Kreuzigungsszene bei Johannes nicht durchzogen von Leid, sondern von einer ergebenen Haltung. Diese Deutung erfordert eine Antwort auf die Frage: Wie ist Gottes Weg dann? Die Antwort liegt im Vers Joh 3,16: Gott hat geliebt, Gott hat den Sohn gesandt, Gott hat ihn als Anfang des ewigen Lebens gegeben.


Der Text sagt zunächst aus, dass keiner in den Himmel aufgestiegen ist außer dem vom Himmel Herabgestiegenen. Das Ziel der eschatologischen Belehrung ist die Vermittlung des Heils, das im Zugang zur Welt Gottes, dem himmlischen Reich des Lebens besteht. Der Gedankengang vom Aufstieg des einzigen wirklich aus dem Himmel Stammenden steht im Vordergrund und so soll die Heilsabsicht Gottes bei der Sendung des Sohnes über jeden Zweifel erhoben werden. Wenn es dennoch zu einem Gericht kommt, so resultiert dies aus dem Unglauben, da sich der, der an den Gottessohn nicht glaubt, damit selbst sein Urteil spricht. Zuvor stehen die grundlegenden Sätze über den Aufstieg des Menschensohnes in die himmlische Welt, die über die Erhöhung am Kreuz geführt hat, um allen an ihn Glaubenden in ihm das Leben zu schenken. Der Menschensohn hat seinen Weg des Abstiegs in die Welt und des Aufstiegs in den Himmel nicht für sich selbst unternommen, sondern um Gottes universale Heilsabsicht zu verwirklichen.