21.08.2017

Lesungen 11.06.2017


1. Lesung vom Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr A:
Ex 34, 4b. 5-6. 8-9

Lesung aus dem Buch Exodus:

Am Morgen stand Mose zeitig auf
und ging auf den Sinai hinauf,
wie es ihm der Herr aufgetragen hatte.
Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit.
Der Herr aber stieg in der Wolke herab
und stellte sich dort neben ihn hin.
Er rief den Namen Jahwe aus.
Der Herr ging an ihm vorüber und rief:
Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott,
langmütig, reich an Huld und Treue:
Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden.
Er sagte: Wenn ich deine Gnade gefunden habe, mein Herr,
dann ziehe doch mein Herr mit uns.
Es ist zwar ein störrisches Volk,
doch vergib uns unsere Schuld und Sünde,
und laß uns dein Eigentum sein!



Der Abschnitt Ex 34,4-6,8-9 findet sich innerhalb der Erzählung von der Bundesschließung am Sinai. Nach allgemeinem Urteil ist sie in Beziehung mit Ex 19,10-16 und Ex 24,12-15 zu sehen. V 4b: Mose steigt auf den Gipfel des Berges Sinai. Das tut er, weil Jahwe ihm das befohlen hat. Die Initiative zu ihrer Begegnung liegt also bei Gott. Entsprechend der übrigen Darstellung kommt Jahwe wieder auf den Berg herab. Der Berg ist also nicht die Wohnung Gottes, sondern nur die Stätte, wo er sich offenbart. Bei der Erscheinung Gottes handelt es sich aber nicht um ein direktes Sehen des göttlichen Wesens, denn Gott bleibt in der Wolke verborgen. V 5-6: Steht Mose in der Gegenwart Gottes, so „ruft“ er nun seinen Namen an. Dieses Verb ist ein terminus technicus und bezeichnete das öffentliche, meist kultische Bekenntnis zu Jahwe als Gott. Die logischen zum Ritual gehörenden Aktionen wie „sich beugen“ und „sich niederwerfen“ sind gleichfalls aus dem kultischen Ritual. In der geläufigen Sprache, die aus der Tradition des Kults stammte, erzählt hier der Jahwist die Begegnung Gottes mit Mose auf dem Berg Sinai, als ein Geschehen, das zum zentralen Akt der Geschichte Israels, dem Bundesschluß, gehört. V 8-9: Mose beruft sich auf die Gunst, die er bei Jahwe genießt, und tritt fürbittend für sein Volk ein. Mose wiederholt hier in der Stunde der Bundesschließung, was er Jahwe bereits vorgetragen hatte. Er weiß wohl, daß sein Volk ein halsstarriges ist, aber gerade deswegen braucht es Jahwes ständige Gegenwart und Fürsorge in seiner Mitte. Das Volk zeigte sich bereits vor der Bundesschließung untreu, und so wollte Jahwe keinen Bund mehr schließen. Nicht dem eigenen Ja, sondern Liebe Gottes, entspringt der Bund. Das sollte Israel nicht mehr vergessen, daß es das eigenen Dasein der Initiative und unverdienten Liebe Jahwes verdankt. Was der Bund bedeutete, wird in diesem Zusammenhang auch gesagt: Eigentum Jahewes werden. Es geht also um Totaliät. Ihm ganz zu gehören mit allem, was man hat.


Die Perikope ist in den dritten großen Erzählbogen des Buches Exodus eingespannt. Nachdem in diesem Buch zunächst vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten (erster Erzählbogen) und dann vom Weg durch die Wüste und von der Gesetzesgabe bzw. vom Bundesschluß am Sinai (zweiter Erzählbogen) berichtet worden ist, wird in Ex 24,12-40,38 folgendes geschildert: Mose erhält auf dem Sinai den Auftrag zur Errichtung eines Zeltheiligtums und zur Einsetzung des priesterlichen Dienstes. Währenddessen übertritt das Volk durch die Verehrung des goldenen Kalbes den bereits geschlossenen Bund. Jahwe erneuert den Bund und verkündet seine Vergebungsbereitschaft (vgl. die Lesungsperikope). Darauf folgt die Ausführung jenes Auftrags, der Mose bereits zuvor gegeben wurde. Die über dem Berg Sinai ruhende Wolke zieht über das Zeltheiligtum, welches gewissermaßen zu einem wandernden Ort der Gottesbegegnung wird. Sieht man von der Stellung der Perikope in der Konstruktion des Buches Exodus ab, wird darin einmal mehr ein Licht auf die Gotteserfahrung geworfen, welche dem Volk Israel am Berg Sinai zuteil geworden ist: Jahwe erweist sich als der nahe und anwesende, als der ansprechbare und barmherzige Gott. Er hält an seinem Bund, an seiner Gemeinschaft mit Israel fest. Israel darf sich als sein Eigentum empfinden. Es ist seiner Treue und seinem Langmut anempfohlen. Daß Gott einen Namen - Jahwe - hat, ergibt sich nicht von ungefähr. Im polytheistischen Kontext, in dem das Volk Israel lebte, war es wichtig den Namen eines bestimmten Gottes zu kennen, um ihn von den Göttern, welche die anderen verehrten, unterscheiden zu können. Außerdem hatte, wer den Namen eines Gottes kannte, Zugang zu diesem Gott. Man konnte ihn anrufen. Schließlich handelt es sich um einen sprechenden Namen, das heißt, es wurde mit ihm etwas über seinen Träger ausgesagt. Nach Ex 3,14 bedeutet Jahwe "Ich bin da", genauer: "Ich bin für euch da". Diese Zusage erschließt sich dem neutestamentlichen Gottesvolk, der Kirche, auf besondere Weise. In Jesus Christus und im Heiligen Geist hat sich Gott ganz und gar als derjenige mitgeteilt, der für sein Volk und darüber hinaus für die ganze Menschheit da ist. Er wird sichtbar und spürbar. Er öffnet sein Innerstes und stiftet Gemeinschaft mit denen, die an ihn glauben. Der hl. Irenäus von Lyon hat den Sohn und den Geist als die "zwei Hände" bezeichnet, mit denen Gott-Vater in der Welt wirkt. Immer handelt es sich aber um denselben Jahwe-Gott, der sich Israel am Sinai offenbarte. Tief sind die Brunnen der Gotteserfahrung!


Die erste Lesung erzählt von einer Erscheinung Gottes vor Mose auf dem Sinai. Bemerkenswert ist der der Berg Sinai als Ort der Erscheinung, der Morgen als Zeitpunkt, die Wolke als Attribut Gottes sowie das Zeremoniell. Der Berg Sinai ist der Ort der Gesetzesoffenbarung, der Berg Gottes schlechthin. Gott ist der Ferne, schwer zugänglich, nicht greifbar und verfügbar. Der unverrückbare Berg bürgt jedoch auch für Kontinuität, Beständigkeit über alle Zeiten hinweg. Berg und Wolke sind jedoch auch die Attribute des kanaanäischen Fruchtbarkeitsgottes Baal. Der Verfasser hat trotz aller Vorbehalte gegen den Baalskult keine Probleme, die Attribute dieses Gottes für Jahwe in Anspruch zu nehmen. Die Gotteserscheinung findet am Morgen statt. Dieses Moment könnte aus den Vorstellungen von Sonnengottkulten herrühren. Die Gottesbegegnung läuft nach einem altorientalischen Hofzeremoniell ab. Mose allein ist für würdig befunden worden, Gott gegenüberzutreten und die Anliegen des Volkes vorzutragen. Obwohl der Verfasser auf Gottesbilder anderer Kulturen zurückgreifen muß, stellt er damit den Gott Israels vor: Der ferne und zugleich nahe Gott. Zwar König und Richter, jedoch barmherzig und gnädig.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr A:
Ex 34, 4b-9

Lesung aus dem Buch Exodus:

Da hieb Mose zwei Tafeln aus Stein zurecht wie die ersten.
Am Morgen stand Mose zeitig auf und ging auf den Sinai hinauf,
wie es ihm der Herr aufgetragen hatte.
Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit.
Der Herr aber stieg in der Wolke herab
und stellte sich dort neben ihn hin.
Er rief den Namen Jahwe aus.
Der Herr ging an ihm vorüber und rief:
Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott,
langmütig, reich an Huld und Treue:
Er bewahrt Tausenden Huld,
nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg,
läßt aber (den Sünder) nicht ungestraft;
er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln,
an der dritten und vierten Generation.
Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden.
Er sagte:
Wenn ich deine Gnade gefunden habe, mein Herr,
dann ziehe doch mein Herr mit uns.
Es ist zwar ein störrisches Volk,
doch vergib uns unsere Schuld und Sünde,
und laß uns dein Eigentum sein!


Antwortpsalm am Dreifaltigkeitssonntag
Dan 3,52-56

Gepriesen bist du, Herr, du Gott unsrer Väter,
R Gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Gepriesen bist du im Tempel deiner heiligen Herrlichkeit,
R Gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Gepriesen bist du, der in die Tiefen schaut und auf Kerubim thront.
R Gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft.
R Gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels.
R Gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.


2. Lesung vom Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr A:
2 Kor 13,11-13

Lesung aus dem 2. Brief an die Korinther:

Brüder, freut euch,
kehrt zur Ordnung zurück,
laßt euch ermahnen,
seid eines Sinnes,
und lebt in Frieden!
Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.
Grüßt einander mit dem heiligen Kuß!
Es grüßen euch alle Heiligen.
Die Gnade Jesu Christi, des Herrn,
die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!



Der Text ist der Briefschluß des zweiten Korintherbriefes. Der Apostel rechtfertigt noch einmal sein Schreiben. Er greift in Korinth ein, um Gemeinde aufzubauen. Er weiß sich als Beauftragter des Herrn, und mit dessen Autorität war er auch aufgetreten. Nun folgen Freudenwünsche und Grüße, wie es die antike Briefform nahelegt. V 11: Hier folgt eine Reihe von Imperativen, von denen ein jeder einem ganz bestimmten Kontext angehört. Der Apostel spricht die Christen in Konrinth mit „Brüder“ an, nicht als Schüler. Das heißt, er weiß sich vor dem Herrn als Bruder unter Brüdern. Der erste Imperativ fordert zur Freude auf. Gemeint ist die eschatologische Freude, die der Wiederkunft Christi entgegensieht. Der nächste Imperativ fordert Vollkommenheit, die Realisation der Forderung Jesu. Die dritte Aufforderung heißt: Tröstet einander und ermahnt einander, baut einander als Gemeinde auf! Die nächste Mahnung gilt der Einheit im Denken und Trachten: Seid auf das Eine bedacht, was in Christus gilt. Sodann: Wahret Frieden und stiftet Frieden! Diese Imperative schärfen genau diese Lebensweise ein, die den Christen ausmachen und von seiner Umwelt abheben. V 12: Es folgt die Grußformel. Christen sollen einander begrüßen mit heiligem Kuß. Schließlich richtet der Apostel die Grüße der anderen Christen aus. Er nennt sie Heilige; solche, die zur Heiligkeit berufen sind und schon auf dem Weg ihrer Berufung sind. Sie sind ausgegrenzt aus der Welt des Bösen, sie sind Bereich Gottes und Christi. V 13: Bei diesem Vers handelt es sich um eine feststehende Formel, die höchstwahrscheinlich um eine liturgische Formel. Was den Christen hier zugesprochen und verheißen wird, ist die Liebe Gottes. Das nächste Gut für die Getauften ist die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist. Die getauften stehen im Kraftfeld dieses Geistes. Sie sind sein Werk und sind auf Gemeinschaft mit ihm angewiesen.


Die Perikope enthält die letzten Verse des zweiten Korintherbriefes. Die Schlußworte der paulinischen Schreiben gelten in der Regel als stark persönlich gefärbte Abschnitte. So gesehen sind mit der fünffachen Ermahnung ("freut euch, kehrt zur Ordnung zurück, laßt euch ermahnen, seid eines Sinnes, lebt in Frieden") die Herzensanliegen des Apostels gegenüber der Gemeinde von Korinth formuliert. Andererseits ist auffällig, daß der vorliegende Briefschluß knapper als in anderen Schreiben gehalten ist. Paulus sah sich in der von ihm gegründeten Gemeinde zunehmend mit internen Auseinandersetzungen, aber auch mit harter Opposition gegen sich selber konfrontiert. Die Kap. 10-13 des zweiten Konrintherbriefes enthalten eine scharfe Abrechnung mit den Gegnern und Kritikern. Die erhitzte Stimmung, in der diese Abrechnung gehalten ist, stand breit ausladenden Schlußworten offensichtlich entgegen. Immerhin greift Paulus am Ende nach einer bedeutungsschweren und in seinen Briefen singulären Segensformel: "Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen." Wie kommt er darauf? Dem Apostel ist an einer neuen Einheit mit der Gemeinde und in der Gemeinde gelegen. Von alleine, nur aus den Kräften menschlichen Bemühens, geht das nicht. Wann immer Einheit möglich wird, ist sie eine Gabe Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, jenes dreifaltigen Gottes, der in der Einheit der drei Personen selber als Gemeinschaft existiert. Dies ist die lebendige Überzeugung eines Mannes, dem die Unwilligkeit und Uneinigkeit der Gemeinde von Korinth einigen Ärger bereitete. Ob diese Überzeugung auch in unseren Gemeinden und in der Kirche von heute das letzte Wort hat?


Als zweite Lesung wurde der Schluß des 2. Briefes des Apostels Paulus an die Korinther ausgewählt. Er enthält ein trinitarische Segensformel, in der neben dem Sohn der Vater und der Heilige Geist angerufen werden. Solche Formeln sind im Neuen Testament durchwegs geläufig. Sie dürften im liturgischen Gebrauch entstanden sein und bilden die biblische Grundlage der Theologie des dreifaltigen Gottes. Der Briefschluß hält sich im übrigen an die damals geläufige Form, einen Brief abzuschließen. Paulus ermahnt seine Adressaten, zur Ordnung zurückzukehren. Eine Reihe von Problemen, die die Gemeinde von Korinth zu sprengen drohten, waren der Anlaß für diesen Brief. Auf die Ermahnung folgt eine Verheißung: Der Gott der Liebe und des Friedens wird mit euch sein. Die unseren Ohren ungewohnte Formulierung "mit heiligem Kuß" stammt einerseits aus einer jüdischen Umgangsform, welche in die christliche Liturgie übernommen worden ist: Der Kuß als Ausdruck der Versöhnung und des Friedens. Die Christen als Heilige zu bezeichnen, kommt ebenfalls aus dem liturgischen Sprachgebrauch.


Ruf vor dem Evangelium am Dreifaltigkeitssonntag
(vgl. Offb 1,8)

Halleluja. Halleluja.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Ehre sei dem einen Gott,
der war und der ist und der kommen wird.

Halleluja.


Evangelium vom Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr A:
Joh 3, 16-18

Aus dem hl. Evangelium nach Johannes:

Gott hat die Welt so sehr geliebt,
daß er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt,
nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.
Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt,
damit er die Welt richtet,
sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet;
wer nicht glaubt, ist schon gerichtet,
weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.



Der Perikopentext findet sich im Rahmen des sogenannten Nikodemusgespräches. Es geht beim Gespräch mit Nikodemus um die Wiedergeburt des Menschen aus dem Geist. Für den Christen geht es um diese Geistgeburt und ein geistgelenktes Leben. V 16: Dieser Vers hört sich bereits als eine liturgische und katechetische Formel aus dem Leben der Gemeinde an. Es ist andererseits die Theologie des Verfassers zu spüren. Nach Johannes ist es der Vater, der den Sohn dahingibt. Diese einmalige Tat ist der Erweis seiner Liebe. Dieses Ereignis hat Folgen. Jeder, der an den Sohn glaubt, soll nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben. An den Sohn glauben ist bereits Formel für die Nachfolge Jesu. Es heißt: in Jesus den Sohn Gottes sehen. Der Glaubende soll nicht zugrunde gehen, sondern im Sohn einen neuen und bleibenden Bestand haben. V 17: In formelhafter Wendung wird die Rede Jesu weiterführt, die eine Offenbarunsrede sein soll: Jesus offenbart den Vater und sich selbst als Sohn. Der Gesandte hat einen Auftrag, der heißt: die Welt retten und nicht richten. Die „Welt“ ist bei Johannes die Sphäre der Gottesferne. „Welt“ ist aber auch die Gesamtheit der Menschen, die gegen ihren eigenen Schöpfer stehen. Menschen und Welt sollen gerettet werden, sie sollen im Herrschaftsbereich des Sohnes und durch dessen Vermittlung gerettet werden. V 18: Der Glaubende hat die Krisis bereits durchschritten, er hat das Gericht des Sohnes nicht mehr vor sich. Der Glaube ist das Gericht. Die Antithese ist nun der Nicht-Glaubende. Auch er hat das Gericht bereits hinter sich, denn er richtet und verurteilt sich selbst durch seinen Unglauben. Er besteht darin, nicht an den Namen des einziggeborenen Gottessohnes zu glauben. Dieser Prozeß der Ablehnung ist bereits Gericht. Es gibt für Jesus keine neutrale Zone vor Gott. Es gibt nur die Alternative der Annahme oder der Abweisung.


Die Perikope entstammt jenem Abschnitt im Johannesevangelium, der unmittelbar an das Gespräch Jesu mit Nikodemus (Joh 3,1-13) anknüpft. Dieser "führende Mann unter den Juden", wie er genannt wird, kommt in der Dunkelheit der Nacht, in der Dunkelheit des verlorenen Zustandes der Welt, zu Jesus. Was ihm noch am Ende seines Gesprächs nebulös bleibt, wofür er sich zwar interessiert, aber noch nicht ereifern kann, das wird in den drei Versen der Perikope in helles Licht gesetzt: die Bedeutung der Sendung Jesu Christi. Wir haben es mit einem Grundriß der johanneischen Theologie zu tun. Gott bietet aus Liebe zur Welt das Kostbarste auf, das er hat, seinen Sohn - und damit sich selbst. Ohne Vorbehalt verschenkt er sich an die Welt, wird den Menschen Mitmensch und teilt ihr Geschick. Ziel der Hingabe des Sohnes ist die Rettung der Welt, die Rettung jedes einzelnen Menschen. Wenn der Mensch glaubt, wenn er auf die Initiative Gottes eingeht, wenn er vertrauensvoll seine Hand in die Hände des Sohnes legt, kann er Lebensglück und Lebensfülle, das ewige, will heißen: das göttliche Leben erreichen. Die menschliche Freiheit läßt freilich auch den Unglauben zu. Wer nicht glaubt, verhängt aus Eigenem über sich das Gericht, er verstellt sich selbst den Weg zu Lebensfülle und Lebensglück. Das Johannesevangelium läßt offen, ob Nikodemus noch anwesend ist, als Jesus seine Sendung erläutert. Es fehlt jede Reaktion. Fast scheint es, daß er sich bereits in die Dunkelheit der Nacht verabschiedet hat, aus der er gekommen war. Nikodemus begegnet noch einmal, als er im Hohen Rat dafür plädiert, Jesus eine gerechte und gesetzesgemäße Behandlung zuteil werden zu lassen (Joh 7,50). Schließlich führt er gemeinsam mit Josef von Arimathäa die Bestattung Jesu durch (Joh 19,39). Jetzt, da der vom Vater gesandte Sohn Leiden und Tod nicht scheute, um die Welt zu retten, steht Nikodemus als Glaubender da, beschämt vielleicht, aber bereit, Jesus jeden guten Dienst zu tun, ihn anzurühren, ihn zu bergen. Ein in unseren Breiten bekanntes Dreifaltigkeitsbild ist der Gnadenstuhl. Dieses Bild stellt Gott-Vater dar, der dem Betrachter den Gekreuzigten zeigt. Eine treffende Illustration für die Erkenntnis, zu welcher Nikodemus erst allmählich fand: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh 3,16). Der Heilige Geist, der auf dem Bild des Gnadenstuhls als Taube aufscheint, mag zu dieser Erkenntnis verhelfen!


Die Perikope stammt aus dem Zusammenhang einer Logienkette. Sie enthält jeweils ein Logion zum Thema Hingabe des Sohnes (Vers 16), Sendung des Sohnes (Vers 17) und Glaube und Gericht (Vers 18). Kernstück der Aussagen ist die Liebe Gottes, die bis zum Opfertod des Sohnes geht. Dramatisch gesteigert wird Darstellung im Wechsel von "Menschensohn" (Vers 14) zum "einzigen Sohn" (Vers 15ff). Auffallend ist die Gegenüberstellung der Liebe Gottes und der durch sie beeinflussten Welt. Auch betont Paulus die freie Willensentscheidung für den Glauben: Sie ermöglicht auch eine Ablehnung der Liebe Gottes, die eine prompte Tatstrafe nach sich zieht. Nach: Gnilka, J.; Johannesevangelium (=NEB NT 1), 29