20.11.2017

Lesungen 10.09.2017


1. Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Ez 33,7-9

Lesung aus dem Buch Ezechiel:

So spricht der Herr:
Du aber, Menschensohn,
ich gebe dich dem Haus Israel als Wächter;
wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst,
mußt du sie vor mir warnen.
Wenn ich zu einem, der sich schuldig gemacht hat,
sage: Du mußt sterben!,
und wenn du nicht redest und den Schuldigen nicht warnst,
um ihn von seinem Weg abzubringen,
dann wird der Schuldige seiner Sünde wegen sterben.
Von dir aber fordere ich Rechenschaft für sein Blut.
Wenn du aber den Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast,
damit er umkehrt,
und wenn er dennoch auf seinem Weg nicht umkehrt,
dann wird er seiner Sünde wegen sterben;
du aber hast dein Leben gerettet.



Ezechiel wird hier von Gott zum Wächter für Israel ernannt. Der Prophet soll wachsam sein und vor den Konsequenzen warnen, wenn einer Wege geht, die ihn ins Verderben führen (Vers 7). Schwierig liest sich die Formulierung "Du musst sterben!" (Vers 8) als Gottesurteil, für dessen Vollstreckung eine Frist eingeräumt wird, in der der Prophet wirken kann. Anders klingt diese Stelle jedoch, wenn man Ez 33,11 ernst nimmt: "So wahr ich lebe - Spruch Gottes, des Herrn -, ich habe keinen Gefallen am Tod des Schuldigen, sondern daran, dass er auf seinem Weg umkehrt und am Leben bleibt." Hier zeigt sich Gott als der, der erfülltes Leben für jeden Menschen will. Um dies zu verwirklichen, braucht er wachsame Menschen. "Sterben" bezeichnet dann nicht gottgewollte Strafe für Schuld, sondern die unvermeidliche Folge davon, dass jemand gegen gottgewollte Lebendigkeit lebt und sich damit selbst "um sein (erfülltes) Leben bringt". Jeder, der solches bei einem anderen wachsam wahrnimmt, steht in der Verantwortung, liebevoll und deutlich zu warnen. Versäumt er dies, so wird er mitschuldig am Unglück des anderen (Vers 8). Teilt er dem anderen mit, was er sieht und ahnt, so hat er seine Aufgabe erfüllt. Ob der andere umkehrt oder nicht, steht dann allein in dessen eigener Verantwortung (Vers 9). Diese Gegenüberstellung von Alternativen verdeutlicht die Wichtigkeit und auch die Grenzen von Verantwortlichkeit einem Mitmenschen gegenüber. Zwischen den beiden Extremen "Das geht mich nichts an, deshalb mische ich mich nicht ein." und "Wenn ich sehe, dass einer in sein Unglück rennt, muss ich ihn retten!" wird ein gesunder Mittelweg aufgezeigt. So fordert diese Lesung heute dazu heraus, einen realistischen Umgang mit Verantwortung anderen gegenüber einzuüben. Claudia Simonis-Hippel, in: Bernhard Krautter/Franz-Josef Ortkemper (Hg.), Gottes Volk Lesejahr A 7/2011. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2011, S. 36-48


Ein Volk in der Verbannung fragt sich immer nach den Gründen seiner Geschichte. So ist es auch mit dem Volk Israel in der Babylonischen Gefangenschaft. Eine Erklärung war: Wir sind jetzt hier, weil wir gesündigt haben. Das hat uns in Gottes Augen strafwürdig gemacht. In diese Situation hinein kommt Ezechiel. Er wird berufen zum Wächter. Er soll mahnen, dass nicht wieder ein Leben in Sünde beginnt. Er soll aufpassen, dass ein Volk, das sich bekehrt hat, wieder seine alte Würde und Größe bekommen kann. Als Wächter hat er freilich keine Freiheit. Er muss Rechenschaft ablegen über jede erfolgreiche, mehr noch über jede vergebliche Mahnung an die Menschen.


Ezechiel möchte als Prophet den Israeliten die Augen öffnen, damit sie vor dem Unheil bewahrt bleiben. Die Situation des Volkes Israel war davon geprägt, dass das Gottesvolk nicht mehr in Sicherheit mit Gott in seiner Mitte wohnt, sondern dass die Menschen ins Exil deportiert worden waren. Der Heimat entwurzelt, herausgerissen aus festen Familien- und Volkstraditionen, bilden die Exulanten eine heterogene Gruppe. Einer diffusen Gemeinde steht nun Ezechiel gegenüber. Die Gefahr, vor der Ezechiel warnen muß, kommt nicht von außen durch einen feindlichen Angriff. Er muß vor Jahwe selbst warnen, der in seinem richtenden Handeln eine Bedrohung für das "ungläubig gewordene" Volk werden kann. Ezechiel versucht, den einzelnen in seiner Selbständigkeit und Verantwortlichkeit im Glauben für sich selber und seinen Mitmenschen anzusprechen.


Antwortpsalm am 23. Sonntag im Jahreskreis (A)
Ps 95,1-2. 6-9.

R Hört auf die Stimme des Herrn,
verhärtet nicht euer Herz! - R


Kommt, lasst uns jubeln vor dem Herrn
und zujauchzen dem Fels unsres Heiles!
Lasst uns mit Lob seinem Angesicht nahen,
vor ihm jauchzen mit Liedern! - (R)

Kommt, lasst uns niederfallen, uns vor ihm verneigen,
lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer!
Denn er ist unser Gott,
wir sind das Volk seiner Weide
die Herde, von seiner Hand geführt. - (R)

Ach, würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!
„Verhärtet euer Herz nicht wie in Meriba,
wie in der Wüste am Tag von Massa!
Dort haben eure Väter mich versucht,
sie haben mich auf die Probe gestellt
und hatten doch mein Tun gesehen.“ - R


2. Lesung vom 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Röm 13,8-10

Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer:

Bleibt niemand etwas schuldig;
nur die Liebe schuldet ihr einander immer.
Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt.
Denn die Gebote:
Du sollst nicht die Ehe brechen,
du sollst nicht töten,
du sollst nicht stehlen,
du sollst nicht begehren!,
und alle anderen Gebote
sind in dem einen Satz zusammengefaßt:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.
Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.



Mit der Formulierung "niemandem etwas schuldig bleiben" (Vers 8) greift Paulus eine Redewendung aus der hellenistischen Alltagssprache auf. Damit betont er, dass das "Einander-Lieben" die grundlegende und bleibende Aufgabe der Christen ist. In Vers 9 zitiert er Gebote aus dem Dekalog, der für das Judentum seiner Zeit eine sehr hohe Bedeutung hat: Die "Zehn Worte" hat Gott dem Volk unmittelbar zugesprochen. Sie sind auch für Christen eine Anleitung zum praktischen Tun der Liebe in verschiedenen Lebenslagen. Das Gebot der Nächstenliebe (Vers 9c) wird zitiert aus Lev 19,18 und beschränkte sich dort auf die Mitisraeliten. Auch Jesus bezieht sich darauf, aber geht darüber hinaus und fordert auch die Feindesliebe (Mt 5,43-44). Paulus bezeichnet nun die Liebe als "die Erfüllung des Gesetzes" (Vers 10). Damit betont er, dass es wesentlich um die grundlegende Haltung hinter dem sichtbaren Verhalten geht. Auch lieblos kann jemand die Gebote halten, aber umgekehrt "tut die Liebe dem Nächsten nichts Böses". Augustinus bringt es so auf dem Punkt: "Liebe, dann tu, was du willst." Claudia Simonis-Hippel, in: Bernhard Krautter/Franz-Josef Ortkemper (Hg.), Gottes Volk Lesejahr A 7/2011. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2011, S. 36-48.


War Röm 13,1-7 noch den Pflichten gegenüber der Obrigkeit gewidmet, geht es in Röm 13,8-10 um die Verpflichtung gegenüber dem Nächsten. Wer dieser Pflicht nachkommt, sucht Leben für den Nächsten und erfüllt das Gesetz (Röm 13,10). Gerade dies ist für Paulus ein wichtiger Begriff. Wer liebt, kommt dem Schritt nahe, der bei Gott einmal ewige Zukunft bedeuten wird.


Die vier Dekaloggebote, die Paulus als Auswahl anführt, stehen auf der 2. Gebotstafel des Mose und sollen das Leben des Nächsten vor Übergriffen schützen. Hintergrund ist das Liebesgebot. Der Glaube an Christus kommt in der Liebe zum Nächsten zur Wirkung. Gottes Gesetz spricht jedem Menschen einen unendlichen Wert zu. Deshalb ist für Paulus die Erfüllung des Gesetzes, sich selber und auch jedem Mitmenschen, ohne Wertunterschiede und ohne jede Ausnahme mit Liebe zu begegnen.


Ruf vor dem Evangelium am 23. Sonntag im Jahreskreis (A)
vgl. 2 Kor 5,19


Halleluja. Halleluja.
Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt
und uns das Wort von der Versöhnung anvertraut.
Halleluja.


Evangelium vom 23. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 18,15-20

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Wenn dein Bruder sündigt,
dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht.
Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.
Hört er aber nicht auf dich,
dann nimm einen oder zwei Männer mit,
denn jede Sache muß durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen
entschieden werden.
Hört er auch auf sie nicht,
dann sag es der Gemeinde.
Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht,
dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.
Amen, ich sage euch:
Alles, was ihr auf Erden binden werdet,
das wird auch im Himmel gebunden sein,
und alles, was ihr auf Erden lösen werdet,
das wird auch im Himmel gelöst sein.
Weiter sage ich euch:
Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten,
werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten.
Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen.



Dieser Text ist bei oberflächlichem Hören anfällig für verschiedene Arten von Missverständnissen: Der Begriff "Sünde" (Vers 15) lässt zunächst an konkrete Verfehlungen oder falsche Verhaltensweisen eines Menschen denken. Die Aufforderung, den anderen "zurechtzuweisen" (Vers 15), birgt die Gefahr, überheblich und besserwisserisch zu sein oder sich aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl zu überfordern. Die dreistufige Ermahnung des "Sünders" (Verse 15-17), die mit dem Ausschluss aus der Gemeinde enden kann, klingt nach einem Inquisitionsverfahren, dessen Beschlüsse gar "im Himmel" gültig bleiben sollen (Vers 18). Dies alles verkennt aber die eigentliche Zielrichtung dieses Evangeliums: Im vorhergehenden Abschnitt (Mt 18,12-14) wird Gott mit einem Hirten verglichen, der ausdauernd einem einzelnen verirrten Schaf nachgeht und sich am Wiedergefundenen freut. So zeigt dieser Text nun, wie Christen einander geschwisterlich beistehen können, um den Weg zu gottgewolltem, sinnerfülltem Leben immer wieder zu finden. Der Zustand der "Sünde" meint dann, dass ein Mensch nicht aus dem Geschenk Gottes heraus lebt und sein Leben als Ganzes nicht auf Gott und auf die Liebe zu sich selbst und den anderen ausgerichtet ist. Wenn jemand so an seinem Leben, an Sinn und Glück vorbei lebt, sind Christen in die Verantwortung gerufen, ihn mit Liebe und schier unendlicher Vergebungsbereitschaft "zurück zu gewinnen" (Vers 15c). Ganz konkrete Hinweise werden zu schrittweisem Vorgehen gegeben: Zunächst ist ein Einzelgespräch zu suchen, das die Privatsphäre des anderen schützt (Vers 15). Genügt dies nicht, so sollen ein oder zwei andere hinzugezogen werden, denn vielleicht ist der Mahnende ja im Unrecht oder ein anderer findet treffendere Worte (Vers 16). Solche "zwei oder drei" werden in Verse 19-20 ermutigt, in Gottes Namen ehrlich um das Heil eines anderen zu ringen und zu beten. Erst wenn einer auch am Zuspruch und den Bemühungen der ganzen Gemeinde "vorbeihört" (so wörtlich Vers 17), soll man sich von ihm lösen Vers 17c). Damit werden ganz realistisch die Grenzen der Verantwortung für einen anderen Menschen und dessen Freiheit anerkannt. Sich nicht für etwas verantwortlich zu fühlen, auf das man keinen Einfluss hat, dient auch der eigenen Psychohygiene. Den anderen loslassen bedeutet für Gläubige dann, ihn vertrauensvoll im Gebet Gott zu überlassen (Vers 19) - dem Gott, der jedem einzelnen auf seine Weise nachgeht, um ihn wieder auf Wege zu erfülltem Leben zu führen. Claudia Simonis-Hippel, in: Bernhard Krautter/Franz-Josef Ortkemper (Hg.), Gottes Volk Lesejahr A 7/2011. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2011, S. 36-48.


Im heutigen Evangelienabschnitt sind zwei Dinge zu finden: Die Anweisung über das rechte Verhalten gegenüber einem Sünder in der Gemeinde - und die Hinweise über die Kraft des Gebets und des religiösen Handelns. Wer bindet und wer bittet, tut dies im Namen Christi und in der Gemeinschaft der Gemeinde. Die Gemeinde bekommt daraus ein großes Gewicht und geistige Kraft. Genau darum muss sie darauf achten, die innere Kraft nicht zu schwächen. So ist die Mahnung des Sünders (und ggf. sein Ausschluss) auch eine Vergewisserung: "Wir werden in unserer Mitte Kraft bewahren!"


Die Verse 15-17 beinhalten eine rechtlich geprägte Weisung, die das Verhalten der Gemeinde zu einem "sündigen" Bruder regeln soll. Die Zurechtweisung eines Bruders hatte im Judentum eine lange Tradition. Ziel der vom Gesetz geforderten Zurechtweisung war nicht die Verurteilung, sondern die Zurückgewinnung des Bruders, und damit auch die Wiederherstellung der gottgewollten Ordnung. Die zeitweilige oder endgültige Aufhebung der (Tisch-)Gemeinschaft soll keinesfalls das letzte Mittel sein, um einen unbußfertigen Sünder nicht doch noch zur Umkehr zu bewegen. Matthäus verweist besonders auf das Gebet zu Gott. Das Machtmittel der Gemeinde ist letztlich das Gebet.