16.12.2017

Lesungen 01.10.2017


1. Lesung vom 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Ez 18,25-28

Lesung aus dem Buch Ezechiel:

So spricht der Herr:
Ihr aber sagt:
Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig.
Hört doch, ihr vom Haus Israel:
Mein Verhalten soll nicht richtig sein?
Nein, euer Verhalten ist nicht richtig.
Wenn der Gerechte sein rechtschaffenes Leben aufgibt und Unrecht tut,
muss er dafür sterben.
Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben.
Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt,
wird er sein Leben bewahren.
Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht
und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben.
Er wird nicht sterben.



Die Lesung spiegelt eine Auseinandersetzung wider: Das „Haus Israel“ – gemeint ist das Volk Gottes – beansprucht mehr Spiel- und Ermessensräume, Jahwe aber erwartet ein Verhalten, das seiner Treue entspricht. Wer das rechtschaffene Leben aufgibt und Unrecht tut, muss die Folgen tragen: den Tod. Es gibt so keine Zukunft, kein Leben. Aber wer umkehrt und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird sein Leben bewahren. Gottes Wort lässt sich auch in Ausnahmesituationen oder in Einzelfällen nicht aussetzen oder Zweckmäßigkeiten anpassen. Ezechiel, der die Geschichte der Menschen und seines Volkes gut kennt, sieht Leben und Zukunft nur da, wo Gottes Wort ernst genommen wird. Aktueller Anlass für die Auseinandersetzung, die mit allen Mitteln geführt wird, ist die Erfahrung der Niederlage, der Verbannung und der Machtlosigkeit. Das Volk Gottes sieht sich im babylonischen Exil aufgerieben und verlassen. Der erste Satz offenbart, dass die Menschen Gott die Schuld geben, modern: ihm Unverhältnismäßigkeit der Mittel vorwerfen. „Ihr sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Verhalten soll nicht richtig sein? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig.“ Die Lesung lenkt den Blick auf das rechte Verhalten – und auf das, was Zukunft und Leben verspricht.


Betrachtet man das Buch des Propheten Ezechiel als Ganzes, so kann man eine Dreiteilung festmachen, wie wir sie auch im Protojesaja, im griechischen Jeremia und bei Zefanja finden: A) Gericht über Israel. B) Gericht über andere Völker. C) Zusicherung von Heil für Israel. Unsere Lesung befindet sich im ersten Teil, wobei die Verkündigung des Gerichts einhergeht mit dem Heil für die Opfer von Übeltätern und die Gerechten. Die Wegführung nach Babylon (598 v. Chr.) schien die düstere Prognose der Gerichtspropheten zu bestätigen: Jahwe straft die Sünden des Volkes durch die Zerschlagung der Nation. Für die Exilanten wird diese Deutung der Verbannung als Strafe für die auf Israel lastende Sündenschuld zu einem religiösen Problem: die unschuldigen Söhne büßen der Frevel der schuldigen Väter. Aus dem Spottvers aus Ez 18,1 ("Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf“) wird in Vers 25 zur anklagenden Behauptung: Der Weg Jahwes ist nicht richtig! Der Prophet bringt nun eine belehrend Zurechtweisung, um die durch vielfaches Leid verhärteten Menschen aufzurütteln. Er stellt klar, daß es weder einer Übertragung der Schuld noch eine Vererbung der Gerechtigkeit von einer Generation auf die andere gibt. Jahwe befragt jeden einzelnen Menschen auf sein Tun hin. Konkret betrachtet heisst dies: Der Mensch ist hineingestellt, aufgrund des gegenwärtigen Gerichtes seine eigene Schuld zu bedenken. Im Vorspann unserer Lesung finden wir exakte Beispiele von einem gerechten und auch von einem ungerechten Leben. Die nächste Generation ist dabei nicht in die Schuld ihrer Vorfahren verstrickt: was zählt, ist das Tun von Recht und das Unterlassen von Unrecht. Jeder einzelne hat sein Tun selber zu verantworten. Unsere Sonntagsperikope ist ein Ausschnitt aus der Zurechtweisung des Ezechiel. Auf dem Hintergrund des Gnadenangebots Gottes, der aus die Bekehrung des Sünders wartet, sichert Jahwe dem Umkehrwilligen das Leben zu. Leben, das ist mehr als nur die Sicherung und Erhaltung der nackten Existenz, sondere die Wiederaufrichtung der durch das Gericht gebeugten, die neue Hineinnahme in die Lebensgemeinschaft mit Jahwe. Der, der Schuld auf sich geladen hat, hat die Möglichkeit, aus seiner Schuldhaftigkeit herauszukommen, hat die Möglichkeit der Umkehr. Wer aber das Leben in Gerechtigkeit aufs Spiel setzt und es verliert, der hat für immer verloren. Mit dieser Radikalität fordert dies JHWH ein, um sein Volk in die Verantwortung zu rufen: sein Volk, dass seine Schuld auf seinen Gott abzuschieben scheint: "Mein Verhalten soll nicht richtig sein?" (V25 und V29). Der Abschnitt endet mit dem dringenden Appell, mit dem Spruch des Herrn, der die letztliche Absicht Gottes aufzeigt: "Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt."


Hintergrund des heutigen Abschnittes aus dem Alten Testament ist die Erfahrung des Volkes Israel im babylonischen Exil (6. Jht. v. Chr.). Es waren Jahre der Krise des Gottesglaubens. Was ist das für ein mächtiger Gott, der die Söhne für die Schuld der Ahnen sterben läßt? Ist ein solcher Gott nicht ungerecht? Aber ein ungerechter Gott ist doch kein Gott. Der Prophet stellt eindeutig richtig: Gott kennt keine Kollektivschuld. Jahwe ist kein Rachegott. Gott hat nur die persönliche Schuld eines jeden Menschen im Auge. Die Folge daraus: Der Prophet fordert zur persönlichen Buße auf. Umkehr führt zur Befreiung und zu einem neuen Leben. Für Ezechiel steht fest: Gott will, daß der Mensch lebe! Und er gibt damit einem innerlich erneuerten Volk eine große Zukunftschance.


Antwortpsalm am 26. Sonntag im Jahreskreis
Ps 25,4-9

R Denk an dein Erbarmen, Herr,
und an die Taten deiner Huld! – R

Zeige mir, Herr, deine Wege,
lehre mich deine Pfade!
Führe mich in deiner Treue und lehre mich;
denn du bist der Gott meines Heiles.
Auf dich hoffe ich allezeit. - (R)

Denk an dein Erbarmen, Herr,
und an die Taten deiner Huld;
denn sie bestehen seit Ewigkeit.
Denk nicht an meine Jugendsünden und meine Frevel!
In deiner Huld denk an mich, Herr, denn du bist gütig. - (R)

Gut und gerecht ist der Herr,
darum weist er die Irrenden auf den rechten Weg.
Die Demütigen leitet er nach seinem Recht,
die Gebeugten lehrt er seinen Weg. - R


2. Lesung vom 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Phil 2,1-11

Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus an die Philipper:

Wenn es also Ermahnung in Christus gibt,
Zuspruch aus Liebe,
eine Gemeinschaft des Geistes,
herzliche Zuneigung und Erbarmen,
dann macht meine Freude dadurch vollkommen,
daß ihr eines Sinnes seid,
einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig,
dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut.
Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst.
Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl,
sondern auch auf das der anderen.
Seid untereinander so gesinnt,
wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:
Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.
Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.
Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
"Jesus Christus ist der Herr" -
zur Ehre Gottes, des Vaters.



Paulus überliefert einen der größten und schönsten Hymnen aus der Frühzeit der Kirche: den „Christushymnus“. Der, der Gott gleich war, wurden den Menschen gleich. Er erniedrigte sich, war gehorsam, gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Darum wurde er von Gott erhöht und bekam von ihm den Namen, der über alle Namen ist. Damit alle – Himmel und Erde werden hier zusammengerufen – sich ihm unterwerfen und ihn als den Herrn bekennen, griechisch: Kyrios. Herr ist Jesus. Der Hymnus bezieht alles auf die Ehre Gottes, des Vaters. Auch den Weg der Christen. „Seid untereinander so gesinnt“ – so wird der Hymnus von Paulus eingeleitet. Auf den Hymnus läuft hinaus, was Paulus über das Leben der Christen sagt – und vom Hymnus fällt das Licht auf Menschen, die die Gesinnung Jesu für sich übernehmen. Wenn Ermahnung, Zuspruch, Gemeinschaft und Herzlichkeit, dann ein Sinn, in Liebe miteinander verbunden, einmütig und einträchtig. Ziel ist Demut: einer schätze den andern höher ein als sich selbst. Der Hymnus begründet dies – in dem Herrn Jesus. Von der Kurzfassung sollte Abstand genommen werden. Der Hymnus gehört unbedingt dazu, ja trägt die Beschreibung des christlichen Lebens – und führt in den Lobpreis Gottes.


Paulus schreibt in seiner Gefangenschaft einen Brief an die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden, an Philippi. Mit ihr weiss er sich sehr verbunden, ist besorgt um sie. Von daher sind auch die Grundanliegen des Briefes zu verstehen, die sich auch in dieser Lesung widerspiegeln: Inmitten eines heidnischen Umfeldes bedarf die junge Christengemeinde der Festigung und Belehrung im Glauben. Die paulinische Paraklese meint darin mehr als Ermahnung "Dies und jenes sollt ihr tun", sondern vielmehr ein Besorgtsein, ein Sichkümmern, ein Inverantwortunggenommensein über die Distanz hinweg. Paulus wird von Unstimmigkeiten, von Streitereien und Prahlerei gehört haben, worauf er nun reagiert. Die Ermahnung hat dort ihren Platz, wo die Gemeinschaft im Geist und das Wohlwollen des Herzens wohnen. Grund und Motivation für diese geschwisterliche Zurechtweisung, die auch Eingang in unsere katholische Tradition gefunden hat, ist das Gemeinwohl vor allem Eigenwohl. In Phil 2,6-11 schiebt Paulus einen Christus-Hymnus ein. Die feierliche, gehobene Sprache der Mahnrede in den Versen 1-4 deutet bereits an, dass dieser Teil in einem engen Zusammenhang steht mit dem Christuslied, das schon vor Paulus in den Gemeinden gesungen wurde. Vers 5 leitet über: Als getaufte Christen sollen sich die Glieder der Gemeinde in einem neuen, besonderen Verhältnis zu Jesus Christus begreifen: Nicht nur nach dem Vorbild Jesu Christi zu leben, sondern das ganze Dasein als In-Christus-Sein zu verstehen. Durch die feierliche „Ermahnung in Christus“ wird der darauffolgende Hymnus einerseits vorbereitet, andererseits wird die Mahnung des Apostels durch das Lied christologisch begründet. Wenn die Gemeinde eines Sinnes ist, in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, dann deutet schon etwas auf von der großen Freude, die Gott am Ende der Zeiten schenkt ( ... macht meine Freude dadurch vollkommen, ...). Das Christuslied selbst läßt zwei Teile erkennen: Die Erniedrigungsaussagen (Verse 6-8), in denen Christus der Handelnde ist, und die Erhöhungsaussagen (Verse 9-11); hier ist Gott der Handelnde. Der ganze Hymnus ist geprägt vom Stilmittel des Parallelismus. Die Verse 6 und 7 stehen einander gegenüber als These und Antithese: Er, der sich in der Daseinsweise Gottes befand, nahm Sklavendasein an; der nicht mit aller Macht daran festhielt, Gott gleich zu sein, entäußerte sich. Das gleiche gilt für die Verse 8 und 9: Er, der sich selbst erniedrigt hat, wird von Gott erhöht – und die Verse 7cd und 10: Der den Menschen völlig gleich gewordene wird vom ganzen Kosmos geehrt. Der Hymnus endet mit der Proklamation: Jesus Christus ist der Herr! Der Name Jesus, der noch einmal an sein Menschsein erinnert, ist zugleich der Hoheitstitel. Aus dem ganzen Abschnitt wird klar: Kultische Verehrung, Bekenntnis des Glaubens und Leben aus seiner Gesinnung gehören zusammen. Durch alle Lebensvollzüge der Gemeinde wird Christus bekannt und geehrt, und durch ihn Gott der Vater. De Hymnus ist geprägt von der Dynamik der Kenosis, der Entäusserung Christi. Gott geht für uns bis ins Letzte hinunter. Am Kreuz aber ist der Wendepunkt - der Aufstieg Jesu Christi nimmt dort seinen Anfang bis zum Lobpreis und dem Bekenntnis aller Geschöpflichkeit.


Der Adressat des Apostels - die Gemeinde von Philippi - weiß, daß der Brief aus dem Gefängnis geschrieben worden ist; schon dadurch erhalten er und die darin enthaltenen Forderungen einen besonderen Nachdruck. Die "Ermahnungen Christi" sind zugleich Trost und Zuspruch. Sie sind getragen von der Liebe zu Gott und von der Gemeinschaft im Heiligen Geist. Der eigentlich Mahnende ist Christus, nicht der Apostel. Die Gemeinde soll eines Sinnes sein (vgl. auch: Röm 12,16; 2Kor 13,1). Voraussetzung dafür ist die Liebe. Die Gemeinde soll immer wieder auf Christus blicken und aus der Gemeinschaft mit dem erhöhten Herrn ihr Leben gestalten (Vs. 5). Den Hymnus (Vers 6 - 11; ein vermutlich beliebtes frühchristliches Tauflied) fand Paulus wohl schon vor. Er stellt Christus, der durch sein Kommen die Welt veränderte, vor Augen. Ein Aufruf zur Besinnung und Umsetzung im Alltag.


Kurzfassung der
2. Lesung vom 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Phil 2,1-5

Lesung aus dem Brief des Apostel Paulus an die Philipper:

Schwestern und Brüder!
Wenn es also Ermahnung in Christus gibt,
Zuspruch aus Liebe,
eine Gemeinschaft des Geistes,
herzliche Zuneigung und Erbarmen,
dann macht meine Freude dadurch vollkommen,
daß ihr eines Sinnes seid,
einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig,
dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut.
Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst.
Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl,
sondern auch auf das der anderen.
Seid untereinander so gesinnt,
wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht.


Ruf vor dem Evangelium am 26. Sonntag im Jahreskreis
Joh 10,27

Halleluja. Halleluja.
(So spricht der Herr:)
Meine Schafe hören auf meine Stimme;
ich kenne sie, und sie folgen mir.
Halleluja.


Evangelium vom 26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 21,28-32

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit sprach Jesus zu den Hohenpriestern
und den Ältesten des Volkes:
Was meint ihr?
Ein Mann hatte zwei Söhne.
Er ging zum ersten und sagte:
Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!
Er antwortete: Ja, Herr!,
ging aber nicht.
Da wandte er sich an den zweiten Sohn
und sagte zu ihm dasselbe.
Dieser antwortete:
Ich will nicht.
Später aber reute es ihn,
und er ging doch.
Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?
Sie antworteten: Der zweite.
Da sagte Jesus zu ihnen:
Amen, das sage ich euch:
Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.
Denn Johannes ist gekommen,
um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen,
und ihr habt ihm nicht geglaubt;
aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt.
Ihr habt es gesehen,
und doch habt ihr nicht bereut
und ihm nicht geglaubt.



Die Perikope steht zwischen der Frage Jesu nach seiner Vollmacht (Vv. 23-27) und dem Gleichnis von den sog. Bösen Weingärtnern (Verse 33-46). Mt. 21 selbst beginnt mit dem Einzug Jesu in Jerusalem. Jesus wird als „Prophet aus Nazareth in Galiläa“ gefeiert, aber die nachfolgenden Szenen zeigen, dass er nicht gehört oder verstanden, ja, sogar verworfen wird. Die Brüder, von denen Jesus erzählt, nehmen die Aufforderung des Vaters unterschiedlich auf. Der eine sagt „nein“, geht dann aber doch, der andere stimmt zu, verweigert sich aber. Eine durchaus alltägliche Begebenheit, die ihren Widerhall in eigenen Erfahrungen hat – als Sohn und als Vater. Das Gleichnis arbeitet heraus, dass es auf das Tun ankommt, unabhängig davon, was vorher gesagt wurde. Der Evangelist lenkt den Blick – wie an vielen anderen Stellen auch – auf den Willen des Vaters. Überraschend und befremdlich ist der - liebevolle - Blick auf Zöllner und Dirnen, die dem Volk Gottes vorgestellt werden als die, die zwar nein sagten, denen es dann aber „reute“. Szenen aus der Begegnung Jesu mit diesen Menschen werden hier zusammengefasst und noch einmal verdichtet. Schlüsselwort des ganzen Gleichnisses ist das griechische Verb metamelomai, übersetzt mit „es reute ihn“ (V 30 und V. 32). Zur Auslegungsgeschichte gehören die antijüdischen Ausfälle, die sich auf die „Ja“-sager in diesem Gleichnis beziehen, aber die Verbindlichkeit der Worte Jesu mit historischen Schuldzuweisungen einfach aufheben. Das Evangelium aber konfrontiert Menschen damit, dass verbale Zustimmung, das korrekte Bekenntnis oder dogmatische Fein- und Korrektheiten weder Leben noch Zukunft gewähren. Der Blick auf Zöllner und Dirnen bleibt eine pro-vokatio. Das Evangelium schließt mit einer Erinnerung an Johannes, den Täufer. Er hat den Weg der Gerechtigkeit gezeigt, aber gefolgt sind ihm – Zöllner und Dirnen. Am Schluss erweist sich die Erinnerung als Gerichtsrede: „Ihr habt es gesehen, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.“ Mit „ihr“ ist das Volk Gottes gemeint.


Betrachtet man den Zusammenhang, in dem das Evangelium hineingestellt ist, so folgen der Frage nach der Vollmacht Jesu (21,23-37) drei Gleichnisse (von den ungleichen Söhnen, von den bösen Winzern, vom königlichen Hochzeitsmahl). Unser Evangelium ist das erste Gleichnis. Matthäus hat mit großer Wahrscheinlichkeit ein ihm bereits vorliegende Gleichnis von den ungleichen Söhnen (Verse 28-31a) mit seiner Erklärung weitergeführt. Es ist kurz und prägnant formuliert. Dem Leser ist es einleuchtend, was der Evangelist sagen will. Im ersten Teil wird das Gleichnis erzählt (V 28 - 30). Dann wird die Frage gestellt, die schon in V 28 angedeutet wird: Wer erfüllt den Willen des Vaters? Oder anders ausgedrückt: Wer ist gerecht, wer ist auf Gott ausgerichtet? Die Jünger geben die Antwort: Derjenige, der die Möglichkeit ernst- und wahrnimmt, umzukehren. Das Gleichnis spricht die historische Situation der Auseinandersetzung Jesu mit seinen jüdischen Gegnern an. Der Gedanke vom „Tun des Willens Gottes“ ist im Ersten Testament tief verwurzelt und hat Parallelen in der rabbinischen Spruchweisheit. Das Ziel des Gleichnisses ist es, die sich von der rabbinischen Auffassung klar unterscheidende Interpretation der Wissens Gottes herauszustellen, die Jesus vertritt. Es war die gängige Auffassung der Pharisäer und auch anderer Schulen, dass der Wille Gottes klar in der Tora niedergelegt ist. Der „Willen Gottes tun“ heißt für sie „die Tora tun“. Das erfordert aber ein ständiges Suchen und Suchen und Forschen in den Schriften, so dass die Schriftgelehrsamkeit zur Voraussetzung für die Erfüllung des Willens Gottes wird. Wer dem nicht nachkommen kann, wird zum „Neinsager“, der unwillig den Gehorsam (zunächst) verweigert und in der Sicht der frommen Führenden Israels keine Chance hat: das Heil kann den Sünder nicht erreichen. Jesus verkündet nun, dass das anfängliche Nein des Sünders durch die Umkehr wieder wett gemacht werden kann und Gottes Wille doch noch erfüllt wird. Die Jasager aber werden in ihrer Selbstgerechtigkeit schließlich zu Versteigerern dieser Umkehr, und somit zu denen, die den Willen Gottes nicht erfüllen. Durch die Aufforderung Jesu, über die beiden Söhne zu urteilen, werden seine Gegner in der Gleichnis einbezogen. Ihre Entscheidung für den Neinsager deckt ihr eigenes Versagen auf. Sie lehnen Gottes Vergebungsbereitschaft ab und damit Jesus selber. Denn in seiner Liebe zu den Sündern ist sein Handeln ident mit dem Willen des Vaters. Im Vers 32 wird die Parabel von den ungleichen Söhnen zu einem Gerichtsgleichnis. Am Beispiel der Täufers Johannes, der „auf dem Weg der Gerechtigkeit“ gekommen ist, wird aufgezeigt, dass die Gegner Jesu den Willen Gottes verfehlen. Sie hatten gesehen, wie „Zöllner und Dirnen“ umkehrten, und haben doch nicht geglaubt. Für den Leser und Zuhörer heute ist dieses Gleichnis zuerst die Aufforderung, zu dem Willen Gottes ja zu sagen, der in der Person und in der Verkündigung Jesu sichtbar und hörbar geworden ist, dann auch die Mahnung, dem Reden immer auch das Tun folgen zu lassen.


Das Gleichnis (V 28 - 39a) gehört in die Reihe der Lehr- und Streitgespräche, die Jesus wohl nach seinem Einzug in Jerusalem mit den Schriftgelehrten und Pharisäern geführt hat. Durch das klare und knappe Bild, das auf so manche Ausschmückung verzichtet, soll eine schnelle Selbsterkenntnis der Betroffenen erreicht werden. Zöllner und Dirnen (also Menschen und Berufsgruppen, die als öffentliche Sünder gebrandmarkt waren) waren offener für die Botschaft Jesus als Vertreter der religiösen Oberschicht Israels. Mit ihrer Antwort im Vers 31 geben sich die "Ältesten und Führer" des Volkes - mit ihrer Selbstgerechtigkeit - selbst ein Urteil. Die Gleichniserzählung bei Matthäus mit den beiden Söhnen nimmt einen anderen Verlauf und besitzt eine andere Pointe, als etwa die Gleichnisse bei Lukas vom "verlorenen Sohn" (Lk 15, 11ff) oder "von den Arbeitern im Weinberg" (Mt 21,1ff). Aus der heutigen Perikope wurde im Laufe der Geschichte viel Trost und Zuversicht gewonnen. Der Text kündet eine neue Ordnung Gottes, die menschlichem Verstehen widerspricht und dahinter steht. Das Kommen Gottes in der Welt, das sich in Christus ereignet, ist das Gericht der Welt. Vgl. Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, 2. Teil, Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament, Freiburg-Basel-Wien 1992, 223f.