18.11.2017

Lesungen 01.11.2017


1. Lesung vom Hochfest Allerheiligen, Lesejahre A, B und C:
Offb 7,2-4. 9-14

Lesung aus der Offenbarung des Johannes:

Ich, Johannes,
sah vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen;
er hatte das Siegel des lebendigen Gottes
und rief den vier Engeln,
denen die Macht gegeben war,
dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen,
mit lauter Stimme zu:
Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu,
bis wir den Knechten unseres Gottes
das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.
Und ich erfuhr die Zahl derer,
die mit dem Siegel gekennzeichnet waren.
Es waren hundertvierundvierzigtausend
aus allen Stämmen der Söhne Israels,
die das Siegel trugen:
Danach sah ich: eine große Schar
aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen;
niemand konnte sie zählen.
Sie standen in weißen Gewändern
vor dem Thron und vor dem Lamm
und trugen Palmzweige in den Händen.
Sie riefen mit lauter Stimme:
Die Rettung kommt von unserem Gott,
der auf dem Thron sitzt,
und von dem Lamm.
Und alle Engel standen rings um den Thron,
um die Ältesten und die vier Lebewesen.
Sie warfen sich vor dem Thron nieder,
beteten Gott an und sprachen:
Amen,
Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank,
Ehre und Macht und Stärke
unserem Gott in alle Ewigkeit.
Amen.
Da fragte mich einer der Ältesten:
Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen,
und woher sind sie gekommen?
Ich erwiderte ihm:
Mein Herr, das mußt du wissen.
Und er sagte zu mir:
Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen;
sie haben ihre Gewänder gewaschen
und im Blut des Lammes weiß gemacht.



Die Apokalypse oder Offenbarung des Johannes (vom griechischen Wort apokalypsis, wörtl. "Enthüllung") ist das letzte Buch des Neuen Testaments, bzw. der Bibel, sowie das einzige durchgehende prophetische Buch des Neuen Testaments. Der Autor greift einerseits die Form der alttestamentlichen Prophetie sowie die Bildsprache der frühjüdischen Apokalyptik auf und orientiert sich andererseits an den Büchern Jesaja, Ezechiel und Daniel. Die Apokalypse richtet sich an sieben im Römischen Reich stark bedrängte christliche Gemeinden in Kleinasien, die von der Mission des Paulus von Tarsus theologisch geprägt waren, aber auch an allgemein an einen weiteren Adressatenkreis. Als Entstehungszeit können die Jahre 81 - 96 nach Christus - also die Regierungszeit des römischen Kaisers Domitian -angenommen werden. In den Visionen der Apokalypse spiegelt sich die Situation der Kirche wider: Christenverfolgungen sind vorausgegangen, neue Auseinandersetzungen stehen der Kirche bevor. In dieser Zeit soll die Prophetie der Apokalypse die christlichen Gemeinden stärken. Das Buch möchte den Heilsplan Gottes enthüllen und so die Gemeindemitglieder ermutigen, den römischen Kaiserkult abzulehnen und auf die Wiederkunft Christi als Endrichter zu hoffen. Die heutige Lesung ist ein Hoffnungstext, denn er spricht Rettung und Erlösung zu. Die Getauften aller Völker und die Zahl des Volkes Israel werden zusammengeführt. Das ist die Zahl der Vollkommenheit (12 x 12 x 1000). Alle erscheinen im weißen Kleid der Getauften und erringen den Sieg durch das Blut des Lammes, durch den Tod Jesu, der als Sühne verstanden wird. Als Sühne, die uns erlöst, befreit und zu neuem Leben berufen hat. Ihm verdanken alle, wir alle, unsere Rettung. Nach einer einleitenden Vision wendet sich Christus selbst an sieben Gemeinden. Es folgt der längere Hauptteil, der vom thronenden Gott inmitten seines himmlischen Hofstaates spricht. Als Hauptthema sind die kommende Herrlichkeit und der Triumph Gottes anzusehen. Der endgültige und letztgültige Sieg Gottes hat bereits mit der Auferstehung Jesu begonnen.


Die Lesung beinhaltet zwei apokalyptische Visionen: In der ersten erscheinen die vier Engel und bezeichnen die "Knechte unseres Gottes" mit dem Siegel - so wie in der Antike auch Tiere und Sklaven mit dem Siegel ihres Herrn bezeichnet waren und damit die Zugehörigkeit sichtbar gemacht wurde (vgl. auch Ez 9,2-7). Der Sinn des Siegels ist es, die auserwählten Knechte nicht vor den Stürmen der Endzeit, sondern in diesen Stürmen zu bewahren, damit sie durch sie hindurch zur Rettung gelangen. Die Zahl der Knechte Gottes ist mit hundertvierundvierzigtausend angegeben. Das ist eine symbolische Zahl (12 mal 12 mal 1000), die besagt, dass es sich um die Fülle der Erwählten handelt. In dem Zwischenstück, das in der Perikopenordnung ausgelassen wird, wird die Zahl auf die zwölf Stämme Israels aufgeteilt. D. h. kein Stamm, kein Volk wird von Gott bevorzugt. Alle sind gleich. Die zweite Vision: In dieser Endzeit gibt es keinen Unterschied mehr - weder im alten Gottesvolk, noch im neuen. Es hat sein Ziel erreicht: durch Drangsale und Opfer hindurch nun endlich vor Gott und mit Gott zu leben. In den Visionen der Apokalypse spiegelt sich die Situation der Kirche wider: Laut Irenäus sei die Apokalypse des Johannes gegen Ende der Regierungszeit des Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.) geschrieben worden. Christenverfolgungen sind vorausgegangen, neue Auseinandersetzungen stehen der Kirche bevor. In dieser Zeit soll die geheime Offenbarung die christlichen Gemeinden stärken.


Der Text dieser Lesung stammt aus der literarischen Gattung der Apokalypse. Man bezeichnet damit göttliche Offenbarungen, die der Verfasser in Form von Visionen oder Auditionen empfangen hat. Diese schriftlich niedergelegten Visionen enthalten viele Symbole, die aus der Entstehungszeit her verstanden werden sollen. Der Verfasser, ein Johannes, der sicher eine bedeutende prophetische Gestalt und Autorität in den kleinasiatischen Gemeinden war (aber nicht unbestritten mit dem Apostel Johannes gleichgestellt werden kann), verfasste die Apokalypse (= Enthüllung) unter der Regierung Kaiser Domitians um 95 n.Chr. Die Schrift sollte Mut machen in einer Zeit, in der heftige Christenverfolgungen ausgebrochen waren. Der Verfasser ruft die Zusage in Erinnerung, die auch dem alttestamentlichen Volk in Zeiten der Not und Verfolgung von den Propheten gegeben wurde: der "große Tag Jahwes" kommt; Gott ist der absolute Herr der menschlichen Geschichte, er übergibt dem Lamm (= Christus) das Buch, das die volle Verwirklichung des Planes enthält. Trotz zahlreicher Schrecken (Verfolgung, Krieg, Hunger, Pest) werden die Gläubigen bewahrt werden. Der Abschnitt der Lesung spricht tröstend davon, dass die Gläubigen sich ihres Sieges im Himmel freuen dürfen. Auch uns sagt der Text: "Die Welt ist nicht so finster, wie sie manchmal scheinen mag. Für die Treuen kommt die Rettung von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm." (Offb 7,10)


Antwortpsalm am Fest Allerheiligen
Ps 24,1-6

R: Aus allen Völkern hast du sie erwählt,        
die dein Antlitz suchen, o Herr. – R

Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt,          
der Erdkreis und seine Bewohner.
Denn er hat ihn auf Meere gegründet,
ihn über Strömen befestigt. - (R)

Wer darf hinaufziehn zum Berg des Herrn,
wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
Der reine Hände hat und ein lauteres Herz,
der nicht betrügt und keinen Meineid schwört. - (R)

Er wird Segen empfangen vom Herrn
und Heil von Gott, seinem Helfer.
Das sind die Menschen, die nach ihm fragen,
die dein Antlitz suchen, Gott Jakobs. – R


2. Lesung vom Hochfest Allerheiligen, Lesejahr A, B und C:
1 Joh 3,1-3


Lesung aus dem ersten Johannesbrief:

Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat:
Wir heißen Kinder Gottes, und wir sind es.
Die Welt erkennt uns nicht,
weil sie ihn nicht erkannt hat.
Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes.
Aber was wir sein werden,
ist noch nicht offenbar geworden.
Wir wissen, daß wir ihm ähnlich sein werden,
wenn er offenbar wird;
denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
Jeder, der dies von ihm erhofft,
heiligt sich, so wie Er heilig ist.



Der Brief ist wahrscheinlich am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, spätestens aber bis zum Jahr 110 nach Christi Geburt entstanden. Der Verfasser - die Vermutungen reichen vom Evangelisten Johannes bis zu einer wohl wahrscheinlich anzunehmenden johanneischen Schule - wendet sich wohl an einen örtlich begrenzten Kreis christlicher Gemeinden. Inhaltlich kreist der Brief vor allem um das Thema des rechten Glaubens und des sich daraus entwickelnden Lebens, für das wiederum die Liebe maßgeblich und prägend ist. Der Brief wird wohl den Zweck eines Mahnbriefs gehabt haben, der sich gegen die Leugnung der Gottheit des Sohnes und sich damit gegen demiurgische oder subordinative Vorstellungen richtete. Vielleicht war hier die sogenannte Irrlehre des in Kleinasien tätigen Kerinth oder eines Ablegers gemeint, auch wenn die typischen kerinthischen Anschauungen fehlen. Die zum Fest Allerheiligen verlesenen Verse thematisieren die Menschen als Kinder Gottes und das, was wir künftig sein werden. Auch wenn wir dies jetzt noch nicht verstehen können.


Der erste Johannesbrief, ein Rundschreiben für die Gemeinden Asiens, die durch die Wirren der ersten Irrlehren bedroht waren, ist um das Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts entstanden. Es klingt ein Hauptthema der johanneischen Mystik an, das Thema "Gemeinschaft". Die Einheit der christlichen Gemeinde beruht auf der Einheit jedes Gläubigen mit Gott in Christus. Diese Einheit wird auf unterschiedlichste Weise erfahrbar. Letztlich werden wir die Tiefe dieser Einheit, von der die heutige Perikope spricht, erst ergründen können, wenn wir ihn sehen, wie er ist (Joh 3,2).


In diesem Abschnitt stärkt der Verfasser des Johannesbriefes, der wohl gegen Ende des 1. Jahrhunderts entstanden ist, die christlichen Gemeinden, die wie im Abschnitt zuvor aufgrund der Irrlehrer unsicher geworden sind. Die Lesung, die wir hören, ist die eine goldene Kehrseite der Medaille - im Anschluss daran geht es weiter mit Ermahnungen, nicht zu sündigen. In diesem Zusammenhang steht aber der grosse Zuspruch der Liebe Gottes, die uns zu seinen Kindern macht - nicht aus eigenem Antrieb der Menschen, sondern als Geschenk, das der Mensch annehmen kann oder nicht (vgl. V1b). Was dieses Geschenk der Kindschaft Gottes umfasst, mögen wir noch nicht zu begreifen. Und doch bleibt die Zuversicht (be-)stehen, dass wir so werden wie Gott ist - heilig: von der Sünde befreit, Gott zugehörig.


Ruf vor dem Evangelium am Fest Allerheiligen
Mt 11,28

Halleluja. Halleluja.
(So spricht der Herr:)
Kommt alle zu mir,
die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt.
Ich werde euch Ruhe verschaffen.
Halleluja.


Evangelium vom Hochfest Allerheiligen, Lesejahre A, B und C:
Mt 5,1-12a

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah,
die ihm folgten,
stieg er auf einen Berg.
Er setzte sich,
und seine Jünger traten zu ihm.
Dann begann er zu reden und lehrte sie.
Er sagte:
Selig, die arm sind vor Gott;
denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig die Trauernden;
denn sie werden getröstet werden.
Selig, die keine Gewalt anwenden;
denn sie werden das Land erben.
Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit;
denn sie werden satt werden.
Selig die Barmherzigen;
denn sie werden Erbarmen finden.
Selig, die ein reines Herz haben;
denn sie werden Gott schauen.
Selig, die Frieden stiften;
denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.
Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden;
denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt
und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet.
Freut euch und jubelt:
Euer Lohn im Himmel wird groß sein.



Formal handelt es sich bei den Seligpreisungen der Bergpredigt um Glückwünsche ("Selig, die ..."). Inhaltlich werden Bedingungen genannt, die für den Einlass in das Reich Gottes notwendig sind - sie sind somit Zusage und Forderung in einem. Die Seligpreisungen richten sich an alle Menschen und nicht nur an eine spezielle Gruppe. Entstehungsgeschichtlich kann davon ausgegangen werden, dass die Kurzform der Seligpreisungen in Lk 6,20-23 älter und ursprünglicher sind. Bei Matthäus liegen bereits Deutungen vor, in denen die Situation und Denkweise des Evangelisten sichtbar werden. Erfolgt die Heilszusage bei Lukas vorbehaltlos und frei, so sind bei Matthäus schon ethische Implikationen vorhanden. Die Exegeten sprechen daher bei ihm von unterschiedlichen Textschichten und Altersstufen innerhalb des matthäischen Textes. Am ältesten sind wohl die drei Glücklichrufe an die Armen, Trauernden und die, die gehasst werden, wie sie bei Lukas überliefert werden. Diese Gruppen erbringen keinerlei Vorleistung. Jesu Verhalten macht deutlich, mit wem er sich an den Tisch setzen will, wem er sich zuwenden will: es sind die Benachteiligten. Die Teilhabe am Reich Gottes wird den Armen, den Trauernden, den Hungernden zugesagt. Damit sind nicht nur wirtschaftlich-soziale Gruppen gemeint; es sind die Menschen, die wissen und bejahen, dass sie nichts haben und nichts können, dass sie ganz auf Gott angewiesen sind. Weiters erfolgt die Zusage der Teilhabe am Reich Gottes an all jene, die um Jesu willen beschimpft, verleumdet und verfolgt werden. Der Verfasser stellt Jesus gleichsam als den neuen Moses dar, der auf einem Berg die rechte Lehre predigt. Nicht um der Armut oder um der Verfolgung willen ist der Gläubige selig zu preisen, sondern weil er ja sagt und sich - im Idealfall - darüber sogar freuen kann. Er wird so Christus ähnlicher und erfährt in seiner eigenen Schwachheit die Kraft Gottes.


Die Seligpreisungen sind gewiss ein Herzstück der Botschaft Jesu, und sie gehören zu den berühmtesten Abschnitten der Evangelien. Im Matthäusevangelium stehen sie am Beginn der Bergpredigt (Mt 5-7), welche Jesus als den neuen Mose stilisiert. Allerdings: Mose ist auf den Berg gestiegen, um stellvertretend für das Volk die Weisungen Gottes zu empfangen, wohingegen Jesus selber diese Weisungen gibt. Und: Es handelt sich nicht in erster Linie um eine Aufzählung von Pflichten oder gar Verboten, sondern um Verheißungen und Ermutigungen. Die vielen Menschen, die sich um Jesus scharen und zu denen er spricht, repräsentieren das ganze Volk Israel, an welches er die Botschaft vom Gottesreich zuerst und vor allem richtet. Die Jünger, die näher hinzutreten, stehen für all jene, die tatsächlich für sein Wort und seine Stimme empfänglich sind. Ihnen soll sich das ganze Volk anschließen bzw. umgekehrt: Sie sollen das Volk zur Teilhabe an der Reich-Gottes-Bewegung anstiften. Nach der Auferstehung wird sich der Bestimmungskreis der Botschaft Jesu entschieden ausweiten: Die Jünger werden den Auftrag erhalten, alle Völker mit seiner Lehre bekannt zu machen, alle Menschen dafür zu gewinnen. Nicht zufällig ergeht dieser Auftrag erneut auf einem Berg (Mt 28:16-20). Wie lassen sich die Seligpreisungen grundsätzlich deuten? Es handelt sich um Verheißungen und Ermutigungen für die Jünger Jesu auf ihrem Weg der Nachfolge. Sie beschreiben gewissermaßen den Wertmaßstab der Teilhabe am Reich Gottes, welches Jesus verkündet hat und das mit ihm angebrochen ist. Es geht um die innersten Haltungen des Herzen, die notwendig sind, um der von Jesus eröffneten Gemeinschaft mit Gott teilhaftig zu werden. Der Blick wird dabei zweifellos nicht bloß in die Zukunft gewendet. Besonders in der allerletzten Seligpreisung kommt zum Ausdruck, dass man, die Vollendung vor Augen, schon jetzt sich freuen und jubeln kann. Aber angesichts der starken Betonung des Endgerichts im Matthäusevangelium gilt wohl dennoch, dass die endgültige Einlösung der Verheißungen erst nach dem letzten Gericht zu erwarten ist. Im Aufbau lassen die Seligpreisungen eine kunstvolle und gezielte Anlage erkennen. Abgesehen von der Seligpreisung zum Schluss, in der Jesus über die Verfolgung um seinetwillen spricht und sich damit direkt an die zur Nachfolge bereiten Jünger wendet, handelt es sich um acht empfindsam und prägnant formulierte Verse. In den ersten vier geht es dabei mehr um eine geistig-menschlich-gesellschaftliche Mangelsituation, in der zweiten Viererreihe wird stärker auf das sittliche Bemühen abgehoben. Mit der ersten Seligpreisung wird zudem eine grundsätzliche Haltung angesprochen, die in allem wichtig und notwendig ist: das Armsein vor Gott, welches animiert, sein ganzes Vertrauen in Gott zu setzen und sich zutiefst seinem Erbarmen auszuliefern. Die erste und die achte Seligpreisung haben im übrigen dieselbe Verheißung, sie formulieren gewissermaßen die Grundvision: „denn ihnen gehört das Himmelreich“. Demgegenüber beinhalten die dazwischen liegenden Verse Verdeutlichungen bzw. Veranschaulichungen. „Das Land erben“ spielt etwa auf Ps 37 an: „Die Armen werden das Land bekommen, und sie werden Glück in Fülle genießen.“ Die Gottesschau und die Sohn-(Kind-)schaft Gottes bilden zweifellos den Höhepunkt der Verdeutlichung, was Himmelreich bzw. Gottesreich heißt. Dass wir Gott schauen und in allem Kinder Gottes sind, darum sollen wir uns strebend bemühen, aber mehr noch dürfen wir uns hoffend darauf freuen!


Die Evangelienstellle des Allerheiligentages wird auch als die Charta des Himmelreiches bezeichnet. In einer programmatischen Rede legt Jesus den Geist des Reiches Gottes dar. Im Matthäusevangelium ist in dieser grundlegenden Rede Jesu verschiedenster Überlieferungsstoff zusammengestellt. Es geht um eine tatbereite Entschiedenheit, die die Kinder Gottes auszeichnen soll. (Die sittliche Haltung des Menschen wird bei Mt mehr als bei Lk betont). Die Armen und Demütigen, die, die den Geist gläubiger "Kindlichkeit" haben, haben Anteil an den Segnungen Gottes. Für sie gelten die schon im Alten Testament geltenden Glückwunschformeln, in denen Weisheit, Wohlergehen und Frömmigkeit gepriesen werden. Die ersten 7 Seligpreisungen sind in sehr ähnlicher Form gestaltet, hingegen hebt sich die letzte formal deutlich ab. Im Mt 5:11 tritt Jesus selbst an die Stelle der in 5:10 erwähnten "Gerechtigkeit". Mit ihm kam die vollkommene Gerechtigkeit in die Welt (5:17). Durch ihn erhält das Gesetz seine Erfüllung und Vollendung. Die früheren Vorschriften sollen nun ins Innerste des Menschen vordringen und dort in Liebe erfüllt werden.


Alternativübersetzung: Evangelium vom Hochfest Allerheiligen,
Evangelium vom 4. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 5,1-12a


Als er aber die Scharen sah, stieg er den Berg hinan.
Und er setzte sich, und seine jünger traten zu ihm.
Und er öffnete seinen Mund, lehrte sie und sagte:

Selig die aus dem Geiste Armen,
denn ihrer ist das Königtum der Himmel.
Selig die Trauernden,
denn die werden ermutigt werden.
Selig die Sanften,
denn die werden das Land erben.
Selig die nach der Gerechtheit
Hungernden und Dürstenden,
denn die werden satt gemacht.
Selig die sich Erbarmenden,
denn die werden Erbarmen finden.
Selig die im Herzen Reinen,
denn die werden Gott sehen.
Selig die Friedenstifter,
denn die werden Söhne Gottes heißen.
1Selig die um der Gerechtheit willen Gejagten,
denn ihrer ist das Königtum der Himmel.
Selig seid ihr, wenn sie euch fluchen und jagen
und betrügerisch allart Böses euch nachsagen um meinetwillen.
Freut euch und jubelt: Denn groß ist euer Lohn in den Himmeln.
So jagte man ja die Propheten, die vor euch gewesen.

Nach Friedolin Stier, Kösel/Patmos, München/Düsseldorf 1989