18.11.2017

Lesungen 12.11.2017


1. Lesung vom 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Weish 6,12-16

Lesung aus dem Buch der Weisheit:

Strahlend und unvergänglich ist die Weisheit;
wer sie liebt, erblickt sie schnell,
und wer sie sucht, findet sie.
Denen, die nach ihr verlangen,
gibt sie sich sogleich zu erkennen.
Wer sie am frühen Morgen sucht, braucht keine Mühe,
er findet sie vor seiner Türe sitzen.
Über sie nachzusinnen ist vollkommene Klugheit;
wer ihretwegen wacht, wird schnell von Sorge frei.
Sie geht selbst umher,
um die zu suchen, die ihrer würdig sind;
freundlich erscheint sie ihnen auf allen Wegen
und kommt jenen entgegen, die an sie denken.



Die Lesung ist dem Buch der Weisheit entnommen. Weisheitssammlungen hatten im Orient eine weite Verbreitung. Das Buch der Weisheit wurde erst seit dem 2. Jahrhundert zum biblischen Kanon dazugezählt. Die Weisheit hat einen göttlichen Ursprung und wird personifiziert. Dadurch kann sie alle Eigenschaften annehmen, die zur Unterweisung und Ermutigung der Menschen nötig sind. Denn sie befasst sich mit den großen Themen der Menschheit. Es handelt sich hier um die Sehnsucht der Weisheit, mit dem Menschen die Welt zu gestalten - vielleicht ein Bild für den Wunsch, göttliches Tun im Alltag zu erkennen.


Der Verfasser versucht, den "königlichen Adressaten" (siehe Vers 6,1) die Weisheit als erstrebenswertes Gut nahe zu bringen. Einerseits wird die Weisheit dargestellt als etwas, das jeder - am besten getrieben aus Liebe zur Weisheit - suchen muss. Weisheit ist für uns oft mit anstrengendem Lernen und mit mühevoller Auseinandersetzung mit unseren Lebenserfahrungen verbunden. Doch dieser Text will uns eines anderen belehren: Wer sich auf die Weisheit, auf das Nachsinnen einlässt, der braucht keine Mühe zu fürchten. Denn sie kommt dem Menschen entgegen, um sich entdecken zu lassen. Nicht erst in den großen Gedankengebilden der Menschen steckt sie, sie ist bereits in den kleinen Dingen vor der Türe zu finden.


Das Buch der Weisheit oder die Weisheit Salomos ist ein "akademisches" Werk aus der jüdischen Diaspora in Ägypten. Es richtet sich tröstend an die verfolgten Juden des 1. Jhdts. v. Chr., drohend an ihre Verfolger und einladend an die wohlgesonnenen Andersgläubigen. Bevor ab Weish 6,22 das Wesen der Weisheit beschrieben wird, hören wir im ersten Teil direkte Anreden an die Adressaten. Das Buch der Weisheit ist beeindruckend komponiert: So teilt sich der erste Teil des Buches (1,1 - 6,21) auf in sieben Abschnitte, von denen die ersten und letzten zwei parallel gestaltet sind. Aus dem siebten Abschnitt (Kap. 6,1-21: Mahnung zur Suche nach Weisheit) stammen die Verse der Lesung, sie korrelieren mit dem Aufruf zur Gerechtigkeitsliebe (1,1-15).


Antwortpsalm am 32. Sonntag im Jahreskreis (A)
Ps 63,2.-8

R Meine Seele dürstet nach dir, mein Gott. – R

Gott, du mein Gott, dich suche ich,
meine Seele dürstet nach dir.
Nach dir schmachtet mein Leib
wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser. - (R)

Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum,
um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
Denn deine Huld ist besser als das Leben;
darum preisen dich meine Lippen. - (R)

Ich will dich rühmen mein Leben lang,
in deinem Namen die Hände erheben.
Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele,
mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen. - (R)

Ich denke an dich auf nächtlichem Lager
und sinne über dich nach, wenn ich wache.
Ja, du wurdest meine Hilfe;
jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel. - R


2. Lesung vom 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
1 Thess 4,13-18 

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher:

Wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen,
damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.
Wenn Jesus - und das ist unser Glaube -
gestorben und auferstanden ist,
dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen
zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen.
Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn:
Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt,
werden den Verstorbenen nichts voraushaben.
Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen,
wenn der Befehl ergeht,
der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt.
Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen;
dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind,
zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt,
dem Herrn entgegen.
Dann werden wir immer beim Herrn sein.
Tröstet also einander mit diesen Worten!



Der Abschnitt des Ersten Thessalonicherbriefs eröffnet in der Absetzung zu den vorherigen Versen über die Bruderliebe ein neues Thema: die Entschlafenen. Es wird abgelöst im 5. Kapitel vom Thema Zeiten. Zunächst argumentiert Paulus mit seiner eigenen Glaubensüberzeugung und dem Lebensschicksal Jesu. Dann erfolgt eine zweite Begründung, der er wie auch im Eucharistiethema des 1. Korintherbriefs besonderes Gewicht verleiht, indem er ein Argument als Herrenwort kennzeichnet. Schließlich werden apokalyptische Bilder der Zeit benutzt. Am Anfang und Ende des Abschnitts steht noch einmal die Zielbestimmung: Wir wollen euch besser stellen als die Hoffnungslosen. Und tröstet die Menschen.


Paulus richtet sich in diesem Brief an die heidenchristliche Gemeinde der Thessalonicher. Man kann davon ausgehen, dass dieser Abschnitt deshalb geschrieben wurde, weil den Thessalonichern das Heil der Verstorbenen ungewiss war. Angesichts der Erwartung des nahenden Gottesreiches ist es verständlich, dass sich die Thessalonicher nicht auf die allgemeine Erfahrung des Todes einstellten. Sie erwarteten, dem wiederkommenden Jesus als noch Lebende zu begegnen. Aber nun machen sie die Erfahrung, dass Gemeindemitglieder sterben. Mit dem Hinweis auf das Sterben und die Auferstehung Jesu erschließt Paulus die Hoffnung, dass auch die bereits verstorbenen Gemeindemitglieder zur Herrlichkeit gelangen werden. Paulus will nicht über die bereits "Entschlafenen" reden, sondern er will einer Haltung entgegenwirken, die von Hoffnungslosigkeit beherrscht ist. Paulus macht klar, dass Rat- und Hoffnungslosigkeit angesichts des Todes nicht Sache der Christen ist, wie auch immer die Erwartung für die Zukunft der Toten sein mag.


Die Christen von Thessaloniki erwarteten die nahe Ankunft des Herrn und sorgten sich nun darüber, was mit den bereits Verstorbenen sein würde. Das scheint ein intensiveres Problem in der Gemeinde gewesen zu sein, kehrt es doch im zweiten Brief (Kap. 2,1-12) noch einmal wieder. Das Naherwartungsproblem reiht sich in 1 Thess in verschiedene pastorale Fragen, die das Leben der jungen griechischen Gemeinde betrafen, ein. Dieser Brief kann als eine Art "Hirtenbrief" des Paulus an seine Gemeinde gesehen werden: Er nimmt Stellung zum Leben der Gemeinde und lässt durch seine Beauftragten in der Gemeinde seien Haltung den Christen zukommen.


Kurzfassung der
2. Lesung vom 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
1 Thess 4,13-14

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher:

Wir wollen euch über die Verstorbenen nicht in Unkenntnis lassen,
damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.
Wenn Jesus - und das ist unser Glaube -
gestorben und auferstanden ist,
dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen
zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen.


Ruf vor dem Evangelium am 32. Sonntag im Jahreskreis (A)
vgl. Mt
24,42a. 44

Halleluja. Halleluja.
Seid wachsam und haltet euch bereit!
Denn der Menschensohn kommt
zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
Halleluja.


Evangelium vom 32. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 25,1-13

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit erzählte Jesus den Jüngern das folgende Gleichnis:
Mit dem Himmelreich wird es sein wie mit zehn Jungfrauen,
die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.
Fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug.
Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl,
die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit.
Als nun der Bräutigam lange nicht kam,
wurden sie alle müde und schliefen ein.
Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe:
Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!
Da standen die Jungfrauen alle auf
und machten ihre Lampen zurecht.
Die törichten aber sagten zu den klugen:
Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus.
Die klugen erwiderten ihnen:
Dann reicht es weder für uns noch für euch;
geht doch zu den Händlern und kauft, was ihr braucht.
Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen,
kam der Bräutigam;
die Jungfrauen, die bereit waren,
gingen mit ihm in den Hochzeitssaal,
und die Tür wurde zugeschlossen.
Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen:
Herr, Herr, mach uns auf!
Er aber antwortete ihnen:
Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.
Seid also wachsam!
Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde.



Der Text des Evangeliums gehört zum Sondergut des Matthäus. Er gliedert sich in den Kontext des gesamten 25. Kapitels ein. In verschiedenen Beispielen wird immer wieder deutlich: Auch bei Gott gibt es Gericht und Entscheidung, und darin ist er oft anders als man glaubt. Der Text müsste eigentlich von hinten entschlüsselt werden. Zentral ist zum Verständnis die Ablehnung der törichten Jungfrauen durch den Bräutigam: "Ich kenne euch nicht!" Um zu verstehen, warum Menschen für das Reich Gottes abgelehnt werden, wird das Gleichnis erzählt. Die Abgelehnten haben sich nicht vorbereitet und die Bedeutung der Gegenwart nicht gesehen. In mehreren Details wird in diesem Gleichnis anders geschildert als es der jüdischen Hochzeitstradition entspricht. Somit wird deutlicher, dass eine Botschaft vermittelt werden soll.


Die Aufgabe der Brautjungfern bei einer Hochzeit besteht darin, den Bräutigam mit brennenden Lampen einzuholen. Matthäus kennzeichnet die Klugheit der klugen Jungfrauen dadurch, dass sie zu den Lampen auch genügend Ölvorräte in Krügen bereitstellen, während dies die Törichten verabsäumen. Auch wenn am Ende dieses Gleichnisses vom Bräutigam gesagt wird: "Seid wachsam!", zeigt das Einschlafen aller Jungfrauen, dass der Blick nicht auf den Schlaf, sondern auf das allzeitige Bereitsein zu richten ist. Matthäus geht es um die Verzögerungsthematik hinsichtlich der Parusie (Wiederkunft Christi). Die Törichten leben in der Illusion, dass der Bräutigam schon bald käme, während sich die Klugen auf eine lange Wartezeit eingerichtet haben. Der Text ist an alle gerichtet als Warnung und Mahnung zur Wachsamkeit und Vorsorge angesichts des unbekannten Zeitpunktes der "Ankunft des Menschensohnes." Die Folgen des Unvorbereitetseins zeigen sich in dem Wort des Bräutigams: "Ich kenne euch nicht!" Er sagt sich von den Törichten los, sie gehören nicht mehr zu seiner Gefolgschaft.


Das Matthäusevangelium hat als zentrale Mitte das Liebesgebot, um das sich die Verkündigung des Christus als Erben des Alten Bundes aufbaut. In dem Gottessohn gewinnt der Weg Gottes mit den Menschen eine neue Qualität. Die Mahnung zur Erwartung der Vollendung des Reiches Gottes hat der Autor - wie so oft - in die Form eines Gleichnisses gefasst. Es steht in der Umgebung der Leidensgeschichte, die im Auferstehungsgeschehen den Anbruch dieses Reiches auf Erden verheisst.