17.11.2017

Lesungen 19.11.2017


1. Lesung vom 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Spr 31,10-13. 19-20. 30-31

Lesung aus dem Buch der Sprichwörter:

Eine tüchtige Frau, wer findet sie?
Sie übertrifft alle Perlen an Wert.
Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie,
und es fehlt ihm nicht an Gewinn.
Sie tut ihm Gutes und nichts Böses alle Tage ihres Lebens.
Sie sorgt für Wolle und Flachs
und schafft mit emsigen Händen.
Nach dem Spinnrocken greift ihre Hand,
ihre Finger fassen die Spindel.
Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen
und reicht ihre Hände dem Armen.
Trügerisch ist Anmut, vergänglich die Schönheit,
nur eine gottesfürchtige Frau verdient Lob.
Preist sie für den Ertrag ihrer Hände,
ihre Werke soll man am Stadttor loben.



Die alttestamentliche Lesung ist dem Buch der Sprichwörter entnommen. Die ausgewählten Verse gehören zu dem Abschlussgedicht, mit dem das ganze Buch endet. Es handelt sich bei den Versen 10-31 um ein Akrostichon, d.h. im Hebräischen folgen die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse dem hebräischen Alphabet. Das Gedicht über die tüchtige Frau (31,10-31) und die Aussagen über Frau Weisheit (Kap 1-9) sind wechselseitig aufeinander zu beziehen. Sie bilden den Deuterahmen des gesamten Buches. Die tüchtige, weise und JHWH-fürchtige (Jahwe-fürchtige) Frau ist eine Form der Inkarnation der präexistenten Weisheit, durch die JHWH die Welt erschaffen hat und deren Freude es ist, bei den Menschen zu sein (8,22-31). Sie ist ein Paradigma gelungener menschlicher Existenz, welche die gute Schöpfungsordnung im Lebenshaus der Menschen verwirklicht. Ludger Schwienhorst-Schönberger, Das Buch der Sprichwörter, in: Erich Zenger u.a., Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 1995, S. 258 Das Bild, das von der Frau in den Versen 10-31 gezeichnet wird, unterstreicht die vielfältigen Aktivitäten der Frau. Sie spielt eine wesentliche Rolle in ihrem Umkreis. Dabei ist auffällig, dass ihr Wirkungskreis sich nicht auf den häuslichen Bereich beschränkt, sondern auch den wirtschaftlichen Bereich umfasst. Die Frau tritt als Geschäftspartnerin auf, sie produziert, verkauft, sorgt sich um die ihr Anvertrauten und sie hat ein Herz für die Armen. Die für die Lesung vorgesehenen Verse bevorzugen eher die häuslichen Tätigkeiten der Frau. In der Anmerkung zur 1. Lesung im Schott (1983) ist folgerichtig zu lesen: "Eine solche Frau ist liebende Gattin, sorgende Hausfrau, ein wirklicher "Schatz", das Glück ihres Hauses." - Um einerseits der Vollständigkeit des Gedichts Rechnung zu tragen, andererseits aber auch die Vielfältigkeit des Frauenbildes in der Bibel deutlich zu machen, empfehle ich, die Verse 10-31 durchgehend zu lesen, eventuell mit einem Hinweis auf die Gedichtstruktur im Hebräischen. (Siehe "Ungekürzte Fassung").


Die Kapitel 10 bis 31 des Buches der Sprüche sind Texte, die gleichsam vom "prallen Leben" handeln - wie kaum ein zweiter Abschnitt der Bibel. Es geht in diesen Texten um das rechte Handeln im Alltag. In den ersten Versen des 31. Kapitels kommt eine Mutter zu Wort. Die weiteren Verse führen in das Alltagsleben einer Familie. Historisch dürfte der Text wohl am königlichen Hof entstanden sein. Formal handelt es sich (beim Urtext!) um ein alphabetisches Gedicht, bei dem jede neue Textzeile mit dem jeweils im Alphabet folgenden Buchstaben beginnt. Dieses Stilmittel sollte zum leichteren Merken des Textes (für Rezitationen etc.) beitragen. Das (männliche!) Frauenbild war ausgerichtet auf eine Frau, welche den Alltag bewältigt. Dezidiert gewarnt wird im Text, nur auf das Äußere einer Frau zu schauen. Das kann täuschen und ist vergänglich. Dem Schreiber des Textes kommt es vielmehr auf die „vielbeschworenen“ inneren Werte an. Das Wort „gottesfürchtig“ steht als Synonym für Ehrfurcht, Gehorsam, Treue und Liebe Gott gegenüber.


Als erste Lesung wird das Ende des Buches der Sprichwörter geboten: Das Lob der tüchtigen Frau. Allerdings verstümmelt die liturgische Textfassung das kunstvolle Lied. Sie wählt jene Verse aus, die das traditionelle Frauenbild verfestigen. Es empfiehlt sich daher, den Text ungekürzt oder eine eigene Versauswahl vorzutragen. Der hebräische Text läßt jeden Vers mit einem anderen Buchstaben des Alphabetes beginnen, sodaß die tüchtige Frau von A bis Z besungen wird. Auffallend ist das Frauenbild, das hier beschrieben wird. Diese Frau ist sehr tatkräftig, selbständig, sie hat Freude am Schaffen. Der Abschluß des Sprichwörterbuches steht in Beziehung zu den Kapiteln 1 bis 9, also zum Beginn des Buches. In diesen geht es um positive und negativ gezeichnete Frauengestalten sowie die personifizierte Weisheit eine wichtige Rolle. Am Ende des Buches verkörpert die hier beschriebene Frauengestalt die Weisheit selbst.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Spr 31,10-13. 19-20. 30-31

Lesung aus dem Buch der Sprichwörter:

Eine tüchtige Frau, wer findet sie?
Sie übertrifft alle Perlen an Wert.
Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie,
und es fehlt ihm nicht an Gewinn.

Sie tut ihm Gutes und nichts
Böses alle Tage ihres Lebens.
Sie sorgt für Wolle und Flachs
und schafft mit emsigen Händen.

Sie gleicht den Schiffen des Kaufmanns:
Aus der Ferne holt sie ihre Nahrung.
Noch bei Nacht steht sie auf,
um ihrem Haus Speise zu geben
[und den Mägden, was ihnen zusteht].

Sie überlegt es und kauft einen Acker,
vom Ertrag ihrer Hände pflanzt sie einen Weinberg.
Sie gürtet ihre Hüften mit Kraft
und macht ihre Arme stark.

Sie spürt den Erfolg ihrer Arbeit,
auch des Nachts erlischt ihre Lampe nicht.
Nach dem Spinnrocken greift ihre Hand,
ihre Finger fassen die Spindel.

Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen
und reicht ihre Hände dem Armen.
Ihr bangt nicht für ihr Haus vor dem Schnee;
denn ihr ganzes Haus hat wollene Kleider.

Sie hat sich Decken gefertigt,
Leinen und Purpur sind ihr Gewand.
Ihr Mann ist in den Torhallen geachtet,
wenn er zu Rat sitzt mit den Ältesten des Landes.

Sie webt Tücher und verkauft sie,
Gürtel liefert sie dem Händler.
Kraft und Würde sind ihr Gewand,
sie spottet der drohenden Zukunft.

Öffnet sie ihren Mund, dann redet sie klug,
und gütige Lehre ist auf ihrer Zunge.
Sie achtet auf das, was vorgeht im Haus,
und ißt nicht träge ihr Brot.

Ihre Söhne stehen auf und preisen sie glücklich,
auch ihr Mann erhebt sich und rühmt sie:
Viele Frauen erwiesen sich tüchtig,
doch du übertriffst sie alle.

Trügerisch ist Anmut, vergänglich die Schönheit,
nur eine gottesfürchtige Frau verdient Lob.
Preist sie für den Ertrag ihrer Hände,
ihre Werke soll man am Stadttor loben.


Antwortpsalm am 33. Sonntag im Jahreskreis (A)
Ps 128,1-5

R Selig die Menschen, die Gottes Wege gehen! – R

Wohl dem Mann, der den Herrn fürchtet und ehrt
und der auf seinen Wegen geht!
Was deine Hände erwarben, kannst du genießen;
wohl dir, es wird dir gut ergehn. - (R)

Wie ein fruchtbarer Weinstock ist deine Frau
drinnen in deinem Haus.
Wie junge Ölbäume sind deine Kindern
rings um deinen Tisch. - (R)

So wird der Mann gesegnet,
der den Herrn fürchtet und ehrt.
Es segne dich der Herr vom Zion her.
Du sollst dein Leben lang das Glück Jerusalems schauen. - R


2. Lesung vom 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
1 Thess 5,1-6

Lesung aus dem 1. Brief des Apostel Paulus an die Thessalonicher:

Über Zeit und Stunde, Brüder,
brauche ich euch nicht zu schreiben.
Ihr selbst wißt genau,
daß der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.
Während die Menschen sagen: Friede und Sicherheit!,
kommt plötzlich Verderben über sie
wie die Wehen über eine schwangere Frau,
und es gibt kein Entrinnen.
Ihr aber, Brüder, lebt nicht im Finstern,
so daß euch der Tag nicht wie ein Dieb überraschen kann.
Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages.
Wir gehören nicht der Nacht und nicht der Finsternis.
Darum wollen wir nicht schlafen wie die anderen,
sondern wach und nüchtern sein.



Der 1. Brief an die Thessalonicher ist der früheste Paulusbrief, der uns überliefert ist. Vermutlich ist er um 50/51 n.Chr. in Korinth verfasst worden. Paulus reagiert auf Nachrichten, die er über die durch ihn gegründete Gemeinde erhalten hat. In der Gemeinde besteht Unsicherheit über den Zeitpunkt der Parusie (Wiederkunft Christi). Die Vorstellung, dass die Wiederkehr Christi nicht lange auf sich warten lässt, wird zum Problem, als einige Gemeindemitglieder sterben, ohne diese Wiederkunft erlebt zu haben. Können auch sie gerettet werden? Paulus weist darauf hin, dass es nicht darauf ankommt, ob man zum Zeitpunkt der Wiederkunft Christi noch lebt oder ob man schon gestorben ist. Entscheidend für das Heil ist der Glaube an Jesus Christus. Auf der anderen Seite darf das nicht dazu führen, dass die Christen nun gleichgültig werden. Wachsamkeit ist nach wie vor gefragt. Die Ernsthaftigkeit der Mahnung unterstreicht Paulus, indem er traditionelle Bilder verwendet, wie den Dieb, der plötzlich in der Nacht erscheint oder einsetzende Wehen, die die Geburt einleiten und die nicht genau vorhersagbar sind.


In der Zeit der Entstehung des Neuen Testaments gab es ein gesteigertes Interesse an apokalyptischen Szenarien sowie "Berechnungen" des Datums für den Weltuntergang. Der Apostel Paulus möchte in seinem Brief an die Thessalonicher die Christen von einer solchen Fixierung freimachen. Der Tag des Gerichts komme eben genauso unvorhersehbar und „unangemeldet“ wie ein Dieb in der Nacht. Jegliche Spekulationen um den Zeitpunkt sind somit vertane Zeit. Das Sprechen von „Frieden und Sicherheit“ soll die Menschen gleichsam im Gefühl der Zuverlässigkeit und des Schutzes wiegen – dies ist letztlich aber nur ein trügerisches Gefühl nach Paulus. Die getauften Christen leben jedoch in der Gewissheit der Nähe und Begleitung Christi. Sie sehen "Licht", und leben daher nicht in Ziellosigkeit, Ausweglosigkeit oder gar Hoffnungslosigkeit. Jeder Tag im Leben eines Christen ist für Paulus wichtig und daher gilt es, sich nicht treiben zu lassen und die Zeit zu nützen.


Der 33. Sonntag im Jahreskreis ist der letzte Sonntag vor dem Christkönigssonntag. Dieser ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr, da mit dem 1. Adventsonntag ein neues Kirchenjahr beginnt. Dementsprechend sind auch die Texte der letzten Sonntage im Kirchejahr auf die letzten Dinge gerichtet. Auf die Wiederkunft Christi und auf das Weltgericht. Die Frage nach dem Ende der Welt, was danach kommen wird, wie unser jetztiges Leben dann bewertet wird, wurde schon zu Zeiten Jesu und später in den ersten Gemeinden viel besprochen. Im 1. Brief an die Thessalonicher gibt Paulus Antwort auf die besorgten Fragen der Christen. Diese erwarteten die Widerkunft Jesu noch zu ihren Lebzeiten. Man kann sich vorstellen, daß mit fortschreitendem Alter so mancher Christ unruhig und unsicher wurde, ob er denn die Wiederkunft Christi noch "erleben" würde. Dem gegenüber betont Paulus, was für uns Christen viel wichtiger ist als das Nachgrübeln über den Zeitpunkt der Widerkunft.


Ruf vor dem Evangelium am 33. Sonntag im Jahreskreis (A)
vgl. Joh
15,4a. 5b

Halleluja. Halleluja.
(So spricht der Herr:)
Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.
Wer in mir bleibt, der bringt reiche Frucht.
Halleluja.


Evangelium vom 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 25,14-30

Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging:
Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.
Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld,
einem anderen zwei,
wieder einem anderen eines,
jedem nach seinen Fähigkeiten.
Dann reiste er ab.
Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte,
mit ihnen zu wirtschaften,
und er gewann noch fünf dazu.
Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.
Der aber, der das eine Talent erhalten hatte,
ging und grub ein Loch in die Erde
und versteckte das Geld seines Herrn.
Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück,
um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.
Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte,
brachte fünf weitere und sagte:
Herr, fünf Talente hast du mir gegeben;
sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.
Sein Herr sagte zu ihm:
Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener.
Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen,
ich will dir eine große Aufgabe übertragen.
Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte,
und sagte:
Herr, du hast mir zwei Talente gegeben;
sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen.
Sein Herr sagte zu ihm:
Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener.
Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen,
ich will dir eine große Aufgabe übertragen.
Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!
Zuletzt kam auch der Diener,
der das eine Talent erhalten hatte,
und sagte:
Herr, ich wußte, daß du ein strenger Mann bist;
du erntest, wo du nicht gesät hast,
und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;
weil ich Angst hatte,
habe ich dein Geld in der Erde versteckt.
Hier hast du es wieder.
Sein Herr antwortete ihm:
Du bist ein schlechter und fauler Diener!
Du hast doch gewußt, daß ich ernte, wo ich nicht gesät habe,
und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe.
Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht,
dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.
Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem,
der die zehn Talente hat!
Denn wer hat, dem wird gegeben,
und er wird im Überfluß haben;
wer aber nicht hat,
dem wird auch noch weggenommen, was er hat.
Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis!
Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.



Das Gleichnis von den Talenten gehört zur Endzeitrede Jesu (Mt 24, 1 – 25, 46). Jesus spricht exklusiv zu seinen Jüngern. In diese Rede sind drei Gleichnisse eingebettet: Das Gleichnis vom treuen und vom bösen Knecht, das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen und das Gleichnis von den anvertrauten Talenten. Die große Bildrede vom Endgericht schließt die Rede ab. Nach Ulrich Luz (EKK) handelt es sich bei diesem Gleichnis um matthäisches Sondergut. Bei der lukanischen Variante (Lk 19,12-27) handelt es sich um eine Fassung, die vermutlich selbständig überliefert worden ist. Von der Form her liegt bei diesem Gleichnis eine Parabel vor, d.h. in dieser Geschichte wird eine bestimmte Handlung geschildert, die den Zuhörer zur Stellungnahme herausfordert. Was wollte Jesus mit dieser Parabel sagen? Die Vorschläge der Ausleger sind vielfältig. Einig sind sie sich darüber, dass sie sich auf das Verhältnis der Menschen zu Gott bezieht. Die konventionalisierten Metaphern "Herr" und "Sklave" lassen kaum eine andere Deutung zu. Fast alles andere wird dagegen unterschiedlich beurteilt. Die Grundfragen sind: Handelt es sich bei der "Abrechnung" um eine feste Metapher für das letzte Gericht oder nur um einen erzählerischen Zug, der die Wichtigkeit des Anspruchs der Parabel einsichtig machen will? Im zweiten Fall neigen die Ausleger zu einer allgemein-menschlichen Deutung der Parabel, im ersten deuten sie sie als Gerichtsgleichnis. Liegt das Gewicht allein auf dem dritten Sklaven, oder sind auch die beiden ersten Sklaven wichtig als positive Identifikationsmodelle? Je nach dem deutet man die Parabel eher polemisch oder paränetisch. Liegt das Gewicht nur auf der Abrechnung am Schluss oder auch auf der Gabe des Geldes am Anfang? Je nach dem wird die Parabel als reines Gerichtsgleichnis oder als Parabel von der Wirksamkeit des Gottesreichs verstanden. Und schließlich: Welches ist die Beziehung dieser Parabel zum Wirken Jesu? Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, 3. Teilband, EKK I/3, Zürich und Düsseldorf/ Neukirchen-Vluyn 1997, S. 503 Diese Parabel, die Matthäus in einer Überlieferung vorfand, wird von ihm nun in einen bestimmten Zusammenhang gestellt: Sie steht mit den beiden oben genannten Gleichnissen, bzw. Parabeln unmittelbar nach der Mahnung Mt 24, 44 "Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet." Somit gibt Matthäus einen Interpretationszusammenhang vor, der auf Jesu Leben und Wirken verweist und die Gefahr eingrenzt, durch die isolierte Betrachtung der Parabel zu einem Gottesbild zu kommen, das missverständlich ist. Es ist Jesus, auf den sich die Parabel bezieht. Im Lichte seiner Botschaft ist die Geschichte zu deuten. (christologische Dimension) Außerdem wird durch den Zusammenhang die endzeitliche Bedeutung klargestellt. (eschatologische Dimension) Schließlich geht es darum, die Gegenwart vor dem Hintergrund dieser endzeitlichen Perspektive zu gestalten. (paränetische Dimension) Noch zwei interessante Einzelheiten: In Mt 25, 26 übersetzen Luther und Einheitsübersetzung: "Du böser und fauler Knecht", bzw. "Du bist ein schlechter und fauler Diener". Das griechische Wort, das mit "faul" übersetzt wird, ist "oknhroV " (oknäros), das die Bedeutung von "zögernd, träge, bedenklich, ängstlich" hat. Die Übersetzung mit "faul" schließt an die westliche Auslegungstradition an, die von der Übersetzung des griechischen Wortes durch das lateinische "piger" (faul, verdrossen, langsam, träge) geprägt ist. Das Vergraben von Geld wird in rabbinischen Quellen als sorgfältiger Umgang mit anvertrautem Geld bewertet (im Gegensatz zu der Aufbewahrung in einem Tuch). Es gab bei anvertrautem Geld die Möglichkeit, die Summe als "geschlossenes" Depositum oder als "offenes" Depositum zu betrachten. Über ein "geschlossenes" Depositum kann der Verwahrer nicht verfügen. Wenn er es sachgerecht aufbewahrt, haftet er nicht für den Verlust. Über ein "offenes" Depositum kann der Verwahrer verfügen, er haftet aber auch bei Verlust. Literatur: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, 3. Teilband, EKK I/3, Zürich und Düsseldorf/ Neukirchen-Vluyn 1997


Die letzte große Rede Jesu im Evangelium nach Matthäus besteht aus sieben Gleichnissen über die "Vollendung" der Welt und der Kirche durch die erneute Ankunft Christi (in der neutestamentlichen Bibelwissenschaft hat sich für die Kapitel Mt 24 und 25 die Bezeichnung "apokalyptische Rede" entwickelt). Das historische Umfeld des heutigen Evangeliums kann wahrscheinlich im städtischen Milieu Israels angesiedelt werden. Sicherlich existierte ein "antiker Vorläufer" einer heutigen Bank und das wirtschaftliche Leben war derart ausgeprägt, dass es möglich war, mit seinem Geld zu "wirtschaften" – auch wenn wir alle Details heute nicht mehr rekonstruieren können. Reiche Gutsbesitzer handelten mit den damaligen Metropolen Rom oder Alexandria. Während der Auslandsreisen des Besitzers eines Unternehmens oder Gutes wurde ein treuer Mitarbeiter (gleichgültig ob Sklave oder Angestellter) mit der Fortführung und Betreuung des Eigentums des Besitzers betraut. Wollte man nicht mit dem anvertrauten Geld wirtschaften, so musste man es an einem geheimen Ort vergraben, denn die damaligen Lehmbauten boten gegen Einbrecher nur bedingten Schutz. Ein Talent Silbergeld war damals viel Geld. Es entsprach etwa 5.000 Denaren. Ein Denar war in etwa der Tageslohn eines Arbeiters und reichte gerade für die Ernährung und die Bedürfnisse einer sechsköpfigen Familie an einem Tag. Matthäus vergleicht in diesem Evangelium Jesus mit dem Mann, der auf Reisen ging. Beide vertrauen den ihren jeweils das gesamte Vermögen an. Für die Christen bedeutet dies, dass jeder von ihnen verschiedene Gaben und Aufgaben in der Kirche erhalten hat (vgl. hierzu auch die verschiedenen Charismen im Römerbrief des Paulus) und nun in individueller Verantwortung mit diesen "haushalten" oder "wirtschaften" muss. Jeder Erfolg der erzielt wird, geht letztlich auch wieder an Christus zurück. Sicherlich existiert auch die Gefahr, dass mancher stolz wird und auf seinen eigenen "Talenten" sitzen bleibt. Der dritte Knecht hat hingegen Angst, etwas falsch zu machen, und fängt daher erst gar nicht an, mit den ihm anvertrauten Gütern zu wirtschaften – er lebt offensichtlich nach dem Motto "Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben". Weiters fühlt sich dieser Knecht wahrscheinlich den anderen gegenüber benachteiligt und nicht ganz so ernst genommen. Weshalb hat ihm denn der Besitzer sonst nur so wenig anvertraut? Er übersieht jedoch die Tatsache, dass Gottes Liebe nicht mit der Anzahl von anvertrauten "Gegenständen" gleichgesetzt werden kann. Gott gibt jedem die seine und nicht jedem die gleiche Gabe. Gott wird – so Matthäus - den Menschen am Ende der Tage nicht danach fragen, wie er mit dem anvertrauten Gut des Anderen gehandelt hätte, sondern was er aus dem ihm anvertrauten Schatz gemacht hat. Matthäus warnt in diesem Evangelium also vor der Gefahr, dass wir unser Eigenstes nicht schätzen, es vergraben, ungenützt lassen und uns so um die Chance eines mit den Gaben Gottes anvertrauten „wahrhaft gelebten Lebens“ bringen.


Das Gleichnis von den Talenten im Mathäusevangelium steht im Kontext der Rede Jesu über die Endzeit. Es geht um die Frage nach unserem Verhalten in diesem Leben und seinen Auswirkungen auf das Leben danach. Im Anschluß an unsere Stelle lesen wir bei Mathäus noch die Schilderung des Weltgerichtes. Diesen Zusammenhang müssen wir mitbedenken. Zum Wert des anvertrauten Geldes ist zu sagen, daß ein Talent etwa 6000 Drachmen entsprach. Eine Drachme war der Tageslohn eines Arbeiters. Es handelte sich also um Summen, die bei Verlust nicht so ohne weiteres zu verdienen waren aber Jesus bezeichnet sie als "Kleinigkeit". Dies unterstreicht noch das Risiko des Auftrags und die Dringlichkeit, den Einsatz der Talente nicht auf die lange Bank zu schieben.


Kurzfassung des
Evangeliums vom 33. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A:
Mt 25,14-15. 19-21

Aus dem hl. Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit erzählte Jesus seinen Jüngern das folgende Gleichnis:
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der auf Reisen ging:
Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.
Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld,
einem anderen zwei,
wieder einem anderen eines,
jedem nach seinen Fähigkeiten.
Dann reiste er ab.
Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück,
um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.
Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte,
brachte fünf weitere und sagte:
Herr, fünf Talente hast du mir gegeben;
sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.
Sein Herr sagte zu ihm:
Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener.
Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen,
ich will dir eine große Aufgabe übertragen.
Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!