16.12.2017

Lesungen 26.11.2017


1. Lesung vom Christkönigssonntag, Lesejahr A:
Ez 34,11-12. 15-17

Lesung aus dem Buch Ezechiel:

So spricht Gott, der Herr:
Jetzt will ich meine Schafe selber suchen
und mich selber um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag,
an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben,
so kümmere ich mich um meine Schafe
und hole sie zurück von all den Orten,
wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.
Ich werde meine Schafe auf die Weide führen,
ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn.
Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen,
die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden,
die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten.
Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.
Ihr aber, meine Herde - so spricht Gott, der Herr -,
ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen,
zwischen Widdern und Böcken.



Hoffnung zu machen ist eine der Aufgaben des Propheten. Er macht sie im Namen Gottes. Basis seines Wortes ist das Wissen: Es geht uns schlecht. Dies ist Folge eines falschen Lebens in der Vergangenheit. Der Hirte will sich nun um den Ausweg bemühen. Die Regeln Gottes sind bekannt. Er ermöglicht den Menschen eine Rückkehr dazu.


Der richtige Hirte sucht nicht sich selber, sondern er ist ganz da für seine Herde. In Christus ist diese Vision des Propheten erfüllt. Das Bild des Hirten, der über seine Herde wacht, ist nicht neu, aber immer eindrucksvoll. Jeremia verglich oft die Könige mit Hirten. Übten nicht Saul und David den Beruf des Hirten aus, ehe sie zu Königen Israels wurden? Jene, die Ezechiel als schlechte, gewissenlose Hirten schildert (Ez 34,2-10), sind ihre letzten Nachfolger in Juda. Ihr Eigennutz, ihre Verbrechen und Morde haben die Herde zerstreut. Aber auf dieses dunkle Bild folgt die Heilsverheißung: die Schafe werden wieder gesammelt, Israel wird wieder hergestellt. Wie der Psalmist verheißt (Ps 23), wacht Gott persönlich über jedes seiner Schafe, über das verirrte, verwundete, schwache - und auch über das fette, da es ja nur dann gesund bleiben kann, wenn es geschützt wird vor den Gefahren des Weges, der Raubtiere und der Unwetter. Diese Weissagung voll Hoffnung und Liebe verwendet Jesus zu seiner Parabel vom verlorenen Schaf und zur Allegorie vom guten Hirten.


Die Stimme des Propheten Ezechiel ertönt in der Zeit des Exils (586-538 v. Chr.). Die Ich-Rede des Propheten wird mit der Botenformel "so spricht Gott, der Herr" durchsetzt, sodass für den Leser und Hörer das Wort Jahwes klar und deutlich wird. In unserem Abschnitt bzw. im ganzen Kapitel 34 von Ezechiel dominiert das Bild des Hirten: In 34,1-10 findet sich ein Gerichts- und Wehewort über die schlechten Hirten, in 34,11-22 ein Heilswort, das wiederum in eine Gerichtsansage mündet. Gott selbst sorgt für Gerechtigkeit und Recht in seiner Herde des Volkes Israel. In 34,23-31 wird die Einsetzung des Knechtes David als neuen Hirten und damit die Erneuerung des Friedensbundes verheißen. Im Abschnitt unserer Lesung ist es Jahwe selbst, der seine Schafe aus der Zerstreuung zusammenführt, sie auf gute Weide im Bergland Israels führt und für Recht unter ihnen sorgt. Es wird ein Bild von Jahwe gezeichnet, das ihn selbst als aktiv zeigt, wenn es darauf ankommt. Er ist ein Gott, der sich für sein Volk im Exil einsetzt und dafür Sorge trägt, dass es Heimat findet.


Erweiterte Fassung der
1. Lesung vom Christkönigssonntag, Lesejahr A:
Ez 34,11-22

Lesung aus dem Buch Ezechiel:

So spricht Gott, der Herr:
Jetzt will ich meine Schafe selber suchen
und mich selber um sie kümmern.
Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag,
an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben,
so kümmere ich mich um meine Schafe
und hole sie zurück von all den Orten,
wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben.

Ich führe sie aus den Völkern heraus,
ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land.
Ich führe sie in den Bergen Israels auf die Weide,
in den Tälern und an allen bewohnten Orten des Landes.
Auf gute Weide will ich sie führen,
im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein.
Dort sollen sie auf guten Weideplätzen lagern,
auf den Bergen Israels sollen sie fette Weide finden.

Ich werde meine Schafe auf die Weide führen,
ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn.
Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen,
die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden,
die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten.
Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist.
Ihr aber, meine Herde - so spricht Gott, der Herr -,
ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen,
zwischen Widdern und Böcken.

War es euch nicht genug, auf der besten Weide zu weiden?
Mußtet ihr auch noch euer übriges Weideland mit euren Füßen zertrampeln?
War es euch nicht genug, das klare Wasser zu trinken?
Mußtet ihr den Rest des Wassers mit euren Füßen verschmutzen?
Meine Schafe mußten abweiden, was eure Füße zertrampelt hatten,
und trinken, was eure Füße verschmutzt hatten.
Darum - so spricht Gott, der Herr, zu euch:
Ich selbst sorge für Recht zwischen den fetten und den mageren Schafen.
Weil ihr mit eurem breiten Körper und eurer Schulter
alle schwachen Tiere zur Seite gedrängt
und weil ihr sie mit euren Hörnern weggestoßen habt,
bis ihr sie weggetrieben hattet,
deshalb will ich meinen Schafen zu Hilfe kommen.
Sie sollen nicht länger eure Beute sein;
denn ich werde für Recht sorgen zwischen Schafen und Schafen.


Antwortpsalm für den Christkönigsonntag (A)
Ps 23,1-6

R Der Herr ist mein Hirte,
nichts wird mir fehlen. - R

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.
Er lässt mich lagern auf grünen Auen
und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
Er stillt mein Verlangen;
er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. - (R)

Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht
ich fürchte kein Unheil;
denn du bist bei mir,
dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht. - (R)

Du deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du salbst mein Haupt mit Öl,
du füllst mir reichlich den Becher. - (R)

Lauter Güte und Huld
werden mir folgen mein Leben lang,
und im Haus des Herrn
darf ich wohnen für lange Zeit. - R


2. Lesung vom Christkönigssonntag, Lesejahr A:
1 Kor 15,20-26. 28

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther:

Schwestern und Brüder!
Christus ist von den Toten auferweckt worden
als der Erste der Entschlafenen.
Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.
Denn wie in Adam alle sterben,
so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge:
Erster ist Christus;
dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.
Danach kommt das Ende,
wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat
und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.
Denn er muß herrschen,
bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt hat.
Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.
Wenn ihm dann alles unterworfen ist,
wird auch er, der Sohn,
sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat,
damit Gott herrscht über alles und in allem.



Der heutige Abschnitt gehört zu den ältesten Abschnitten des 1. Korintherbriefs. Er beschreibt die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod und einen Sieg über den Tod. Er bietet eine universale und eine endgültige Vision. Es gibt sowohl die Verantwortung des Glaubenden als auch die alleinige Verantwortung Gottes. In Vers 1 Kor 15,23 wird von der Rettung derer berichtet, die zu Christus gehören. Ob man dazugehört, kann jeder Mensch selbst ahnen und auch positiv gestalten. Der Sieg über den Tod ist allein in der Macht und Verantwortung Gottes. Letztlich liegt sie in der Linie aller anderen Zwischensiege - nur ein endgültiger Sieg ist vollständig.


Die in Korinth offenbar vorhandene Überzeugung, durch den Geistbesitz die Heilsvollendung erlangt zu haben, brachte es wohl mit sich, den christlichen Glauben an die Auferstehung für überflüssig zu erachten. Mit Berufung auf die urchristliche Grundverkündigung sucht Paulus zuerst die Tatsache von der Auferstehung der Glaubenden, dann die Weise der Auferstehung zu besprechen und die konkrete Folgerung für die Gegenwart zu ziehen. Paulus zitiert zuerst eines der ältesten Glaubensbekenntnisse, das wir kennen und das die Korinther angenommen hatten. Er bekennt das Faktum des Todes als Heilsgeschehen "für unsere Sünden" und als Gottesoffenbarung, die ganz im Rahmen der alttestamentlichen Heilszuwendung steht. Dieser Tod ist durch das Begräbnis Jesu beglaubigt. Ebenso kennt es das Faktum der Auferweckung Christi als Anbruch des endzeitlichen Gottestages im Rahmen der Heilstat Gottes, die in den Erscheinungen Christi vor namentlichen genannten Zeugen offenbar wurde. Auch Paulus kann sie durch Wort und Leben bezeugen, da er selbst dem Auferstandenen begegnet ist. Daraus folgt für die Perikope des heutigen Sonntags: Die Tatsache der endzeitlichen Totenauferweckung ist damit erwiesen. Da Erlösung die Schicksalsgemeinschaft mit Jesus Christus bedeutet, wären ohne seine Auferweckung weder Heilsverkündigung und Glaube sinnvoll, noch Heil und Rettung gewährleistet. Durch Christi Auferweckung ist ein Auferweckungsgeschehen in Gang gekommen, das in mehreren Stufen und Weisen bis zur Vollendung der Christusherrschaft und des Gottesreiches führt.


In der Abhandlung über die Auferstehung, dem Wesentlichen unseres Glaubens, und die Frage ihrer Relevanz für die an Christus Glaubenden, bringt Paulus in seinem Brief an die Gemeinde von Korinth Licht: Jesus Christus wird in Vers 20 als "Erstling" der Auferstandenen definiert - "Erstling" ist die Opfergabe, die das gläubige Volk als erstes nach einer Ernte Gott dargebracht hat. Wie alle Menschen seit Adam in die Sterblichkeit hineingenommen worden sind, werden auch alle, die gestorben sind, durch Jesus Christus zur Auferstehung gelangen – in einer Ordnung (Vers 23ff). Alleiniges Ziel (nicht Ende) ist die Gottesherrschaft.


Ungekürzte Fassung der
2. Lesung vom Christkönigssonntag, Lesejahr A:
1 Kor 15,20-26. 28

Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther:

Schwestern und Brüder!
Christus ist von den Toten auferweckt worden
als der Erste der Entschlafenen.
Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist,
kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.
Denn wie in Adam alle sterben,
so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge:
Erster ist Christus;
dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.
Danach kommt das Ende,
wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft vernichtet hat
und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.
Denn er muß herrschen,
bis Gott ihm alle Feinde unter die Füße gelegt hat.
Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.
Sonst hätte er ihm nicht alles zu Füßen gelegt.
Wenn es aber heißt, alles sei unterworfen,
ist offenbar der ausgenommen, der ihm alles unterwirft.
Wenn ihm dann alles unterworfen ist,
wird auch er, der Sohn,
sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat,
damit Gott herrscht über alles und in allem.


Ruf vor dem Evangelium am Fest Christkönig (A/B/C)
Mk 11,9-10

Halleluja. Halleluja.
Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn!
Gesegnet sei das Reich unsres Vaters David.
Halleluja.


Evangelium von Christkönigssonntag, Lesejahr A:
Mt 25,31-46

Aus dem heiligen Evangelium nach Matthäus:

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt
und alle Engel mit ihm,
dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.
Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden,
und er wird sie voneinander scheiden,
wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.
Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln,
die Böcke aber zur Linken.
Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen:
Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid,
nehmt das Reich in Besitz,
das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben;
ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben;
ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen;
ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank, und ihr habt mich besucht;
ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten:
Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben,
oder durstig und dir zu trinken gegeben?
Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen,
oder nackt und dir Kleidung gegeben?
Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen
und sind zu dir gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt,
das habt ihr mir getan.
Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden
und zu ihnen sagen:
Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer,
das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben;
ich war durstig, und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;
ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen;
ich war nackt, und ihr habt mir keine Kleidung gegeben;
ich war krank und im Gefängnis, und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden auch sie antworten:
Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig
oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen
und haben dir nicht geholfen?
Darauf wird er ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt,
das habt ihr auch mir nicht getan.
Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten,
die Gerechten aber das ewige Leben.



Der Text des heutigen Evangeliums schließt den Bericht über das Leben und die Botschaft Jesu ab, es beginnt dann die Passionsgeschichte. Im äußeren Rahmen wird eine Gerichtsszene dargestellt, wie sie bildnerisch über vielen Türen von Kathedralen zu finden ist. In der Mitte des Evangeliums steht die Identifikation Jesu mit all den Armen und Notleidenden. Wer ihnen hilft, wendet sich Jesus zu, wer es nicht tut, wendet sich von Jesus ab. Dem Motiv der Gerichtsrede folgt für beide Gruppen der Angesprochenen die Entscheidung: Leben oder Verbannung. Der Richter nimmt ernst, was die Menschen getan haben. Eine Lösung dieses Beispiels in beide Richtungen ist möglich: Alle werden gerettet, weil sie sich gegenüber dem Geringen sinnvoll verhalten. Oder aber alle werden verworfen, weil sie sich nicht verhalten haben.


Die Rede vom Weltgericht ist Teil der Rede vom Gericht Mt 24,3 - 25,48. Nach dieser 5. Rede Jesu bei Matthäus bleibt nur noch die Passionsgeschichte zu erzählen. Erstaunlich ist, dass der Ausdruck "Gericht" in dieser Perikope gar nicht vorkommt. Im Gegenteil: Die geforderte Hinwendung an die Kleinen dieser Welt stellt die Barmherzigkeit Jesu in den Vordergrund, nicht seine Gerechtigkeit. Das Endgericht des Menschensohnes ist aber dennoch das Thema der Rede. Erst im Gericht wird über Heil und Unheil entschieden. Das ganze Leben der Gemeinde erscheint von hier aus nur als eine Vorbereitung auf diese entscheidende Bewährungsprobe. Was ist dann aber noch die Bedeutung der Zuwendung Gottes, wenn am Schluss doch allein das Gericht nach Werken über ewiges Leben bzw. ewige Strafe entscheidet? Worauf kann dann der Mensch sich letztlich verlassen, außer auf das, was er selbst getan hat? Das sind quälende Fragen. Der Richter ist der Menschensohn, Jesus, der "Gott-mit-uns", der mitten in der Welt unser Immanuel ist - auch mitten in den apokalyptischen Dimensionen der Endzeit. Es gibt unterschiedliche Deutungstypen der Perikope, die aus den unterschiedlichen Deutungen von "alle Völker" (Vers 32) und von "meinen geringsten Brüdern" entstehen: Der exklusive Interpretationstyp versteht unter pánta tà éthnä nicht "alle Völker" sondern alle Heiden und wird seit der Mitte des 20. Jhdt. immer häufiger vertreten. Danach wären die ChristInnen beim Weltgericht auf der Seite des Richters und das Gericht ginge nur um die Heiden. Der klassische Interpretationstyp sah in "meinen geringsten Brüdern" die Glieder der christlichen Gemeinde und der Text wurde als Motivation der Gemeinden zu Werken der Barmherzigkeit verstanden. Der universelle Deutungstyp deutet die Brüder und Schwester des Menschensohnes als alle notleidenden Menschen der Erde, sowohl NichtchristInnen als auch ChristInnen. Für die Geschichte der Moraltheologie ist von Bedeutung, dass die mittelalterliche Theologie aus der Perikope die Lehre von den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit entwickelt hat und ihnen die sieben Todsünden gegenüber stellt. Sie prägten das christliche Ethos des Mittelalters. Leibliche Werke der Barmherzigkeit sind: die Hungrigen speisen, Obdachlose beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen und Tote begraben. Geistliche Werke der Barmherzigkeit sind: belehren, raten, trösten, ermutigen, vergeben und geduldig ertragen. Zur Trennung von Schafen und Böcken: In deutschen Bibeln ist immer die Rede von Schafen und Böcken, die getrennt werden. Wieso gab denn das Geschlecht der Tiere - nämlich männlich oder weiblich - den Ausschlag, auf welche Seite sie von Jesus gestellt wurden? Sind die Böcke denn keine Schafe? Besser gelungen ist da die englische Übersetzung. Dort heißt es nämlich, daß Schafe und Ziegen (goats) voneinander getrennt werden. Bei Böcken handelt es sich demnach nicht um männliche Schafe, sondern um Ziegenböcke! Dies entspricht besser dem griechischen Grundtext. Hier heißt es Ziegen(böcke) statt (Schafs-)Böcke. Genauso ist es mit dem guten Hirten, Jesus. Er kennt seine Schafe und kann sie von den Ziegen unterscheiden.


Nach den vielen Gleichnissen vom Himmelreich schaltet Matthäus vor die Leidensgeschichte die Ankündigung des Weltgerichtes. In seiner Einleitung begegnen typische Elemente, die wir auch in der Offenbarung (Vers 31) und in Ezechiel (Vers 32) finden, denn auch dort ist vom Welt- und Endgericht die Rede. Der Menschensohn zieht eine Unterscheidung zwischen denen, die das Reich des Vaters in Besitz nehmen dürfen, und den anderen, die die ewige Strafe erhalten. Für beide verwendet Matthäus dasselbe Kriterium: die einen haben im Nächsten und Armen den Menschensohn gesehen, die anderen nicht. "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Mit dieser einfachen Logik wird der Hörer und Leser dieses Evangeliums selbst in das Weltgericht hineingestellt und ermahnt, das Hier und Jetzt dementsprechend zu gestalten. Mit dieser einfachen Logik wird das Ohr des Hörers gespitzt für die Leidensgeschichte, die anschließt.