17.10.2017

Kontexte 01.01.2009


Neujahrsmeditationen

Karl Rahner, Das große Kirchenjahr, Herder-Verlag, Freiburg, 1996, 120ff.


So also kommst du, neues Jahr. Ein Jahr wie alle anderen auch. Ein Jahr der Plage, der Enttäuschung an mir und den anderen. Wenn Gott das Haus unserer Ewigkeit baut, errichtet er schöne Gerüste, um diesen Bau aufzuführen. (…).

Es ist ein Gottes Jahr. Das Jahr, in dem mir Sternstunden leise und unauffällig entgegengehen, in dem die Fülle meiner Zeit einziehen will in mein Leben. Ob ich sie bemerken werden? Oder ob sie leer bleiben werden? Oder ob sie leer bleiben werden? Weil sie mir zu klein, zu demütig und alltäglich vorkommen werden? Sie werden ja äußerlich auch nicht anders aussehen als die Augenblicke im Alltag der guten Werke und anständigen Unterlassungen des Herrn Jedermann. Und darum kann ich sie übersehen: das bisschen Geduld, das meiner Umgebung das Leben ein wenig erträglicher machte; die unterlassene Ausrede; das Wagnis, auf die Fairness eines anderen zu bauen, dem ich lieber misstraue, weil ich mit ihm schlechte Erfahrungen gemacht zu haben meine. (…)

Das Jahr solcher Möglichkeiten kommt. Wir sollten glaubender das Neujahr feiern, als wir Verdrossene und feig Ungläubige es tun. Die Zukunft kommt. Die Törichten meinen, sie komme, indem sie wie eine morbid Todessüchtige die Vergangenheit suche. In Wahrheit kommt sie, weil sie Ewigkeit werden will. Die Zukunft wird nicht kleiner, sondern erst eigentlich sie selber, wenn sie Vergangenheit wird, die Vergangenheit, die in dem Menschen, der Gott hat, schrankenlose Gegenwart ist. Die Zukunft, die bleibt, kommt. In der Fülle meiner Zeit, durch die Sternstunden der glaubenden und hoffenden und liebenden Freiheit. Was bringt das neue Jahr für mich: Gott in der Fülle meiner Zeit.



Von guten Mächten wunderbar geborgen

Aus: www.evangelium.de


Dietrich Bonhoeffer

Für ihn war Hitler der "Antichrist", den es "auszumerzen" galt.

Der evangelische Theologe und Pfarrer, am 4. Februar 1906 in Breslau geboren, engagierte sich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in der Bekennenden Kirche. 1935 übernahm er die Leitung des illegalen Predigerseminars in Finkenwalde, erhielt 1936 aber Lehr-, 1940 Rede- und 1941 Schreibverbot.

Überzeugt davon, dass der Christ zu seiner Diesseitigkeit stehen müsse, kritisierte Bonhoeffer die rein kirchliche Widerstandshaltung und suchte Anschluss an die politische Opposition in der Abwehr des Admirals Canaris. Seine internationalen Verbindungen aus Studienzeiten nutzte er zur Sondierung von Friedensmöglichkeiten nach einer Beseitigung Hitlers. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet und nach einem hastigen Standgerichtsverfahren am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenburg hingerichtet.

Dieses Lied mit Tiefgang schrieb Bonhoeffer im KZ kurz vor Seiner Hinrichtung: 
 
Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
 
Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar, -
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr;
 
noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last,
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das Du uns geschaffen hast.
 
Und reichst Du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus Deiner guten und geliebten Hand.
 
Doch willst Du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll'n wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört Dir unser Leben ganz.
 
Laß warm und hell die Kerzen heute flammen,
die Du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!
Wir wissen es, Dein Licht scheint in der Nacht.
 
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all Deiner Kinder hohen Lobgesang.



Weihnachtsbotschaft des Papstes

Aus: www.religion.ORF.at/news (26.12.2008)


Papst Benedikt XVI. hat in seiner Weihnachtsbotschaft zu Frieden und Gerechtigkeit weltweit aufgerufen und die dramatischen Folgen von Krieg, Terrorismus, Ausbeutung und Egoismus beklagt. Weihnachten sei ein Fest des Lichts, das die Dunkelheit vertreibe, sagte der Papst. "Das göttliche Licht von Bethlehem verbreite sich im Heiligen Land, wo sich der Horizont für die Israelis und die Palästinenser erneut zu verfinstern scheint, es verbreite sich im Libanon, im Irak und im ganzen Mittleren Osten", zählte Benedikt Konfliktherde auf. Dieses Licht, das verändere und erneuere, ersehnten auch die Bewohner von Simbabwe in Afrika, die schon zu lange von einer sich weiter verschärfenden politischen und sozialen Krise zermalmt würden. Frieden und Stabilität fehlten auch in Somalia, im sudanesischen Darfur und in der Kongo-Region Kivu.

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Weihnachtsbotschaft an die Solidarität der Menschen in schweren Zeiten appelliert. "Wenn jeder nur an seine eigenen Interessen denkt, kann die Welt nur zugrunde gehen", erklärte der Papst. Teile der Rede schienen auf die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise zugeschnitten. Das Herz der christlichen Botschaft gelte für alle Männer und Frauen. Sie gelte auch dort, wo eine immer ungewissere Zukunft mit Sorge betrachtet werde, sogar in wohlhabenden Ländern. Möge das Licht der Weihnacht die Menschen an all diesen Orten ermutigen, ihren Teil im Geist authentischer Solidarität beizutragen, sagte Benedikt.



Zur weltweiten Wirtschaftskrise

Aus: www.katholisch.at 23.12.2008 (Pressestunde im ORF)


Im Hinblick auf die Finanz- und Wirtschaftskrise sagte Kardinal Schönborn, es gehe vor allem um "Mitgefühl und Solidarität" mit jenen Menschen, die um ihre materiellen Lebensgrundlagen bangen. Zugleich sie die Krise aber auch eine Chance, darüber nachzudenken, was "falsch gelaufen" ist.

Eine Wirtschaft, die nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellt, gehe in die Irre, unterstrich der Wiener Erzbischof. Johannes Paul II. habe in seiner Enzyklika "Centesimus annus" bereits 1991 darauf verwiesen, dass die Welt nach dem Ende der kommunistischen Regime vor einer Weggabelung zwischen Neoliberalismus und sozialer Marktwirtschaft stehe. Leider habe sich die Weltwirtschaft für den Neoliberalismus entschieden.

Die katholische Kirche sei als "älteste globale Institution" nicht von vornherein gegen die Globalisierung, die auch "positive Wirkungen" habe, stellte Kardinal Schönborn fest. Eine völlig unkontrollierte Finanzwirtschaft führe aber in die Katastrophe. Der Staat habe die Aufgabe, "ordnend einzugreifen". Manche Grundfunktionen wie das Gesundheitswesen könnten nicht völlig privatisiert werden.



Wir brauchen Freunde

Aus: www.zitate.de - Verfasser unbekannt


Diese Geschichte spielt im alten Persien. Es war an der Zeit, das Neujahrsfest vorzubereiten. Der König wies seine Leute an: "Ich möchte, dass es ein wirklich königliches Fest wird. Die Gästeliste soll überquellen von illustren Persönlichkeiten. Die Tische sollen sich biegen unter Delikatessen, und der Wein soll nur aus erlesenen Trauben und besten Jahrgängen bestehen." Die Mitarbeiter schwärmten aus und brachten aus allen Landesteilen nur das Köstlichste. Aber der König war nicht zufrieden zustellen. "Im letzten Jahr habe ich ein durch nichts zu überbietendes Fest gegeben. Aber die ganze Stadt sprach nur von dem Fest bei Ramun, dem Maler. Da wurde getrunken und gelacht die ganze Nacht bis zum Nachmittag des nächsten Tages. Im Jahr davor war es dasselbe. Ebenso im Jahr davor und davor. Einmal muss es mir doch gelingen, diesen Wurm zu übertrumpfen, denn ich, ich bin der König." Einer der Mitarbeiter, ein kluger Mann, verneigte sich tief und fragte: "Mein König, habt Ihr je mit dem Maler gesprochen? Es muss doch einen Grund geben, warum die Leute sein Fest so lieben, obwohl sie in schäbiger Hütte ihre mitgebrachten Happen essen und den billigsten Wein trinken müssen." Der König nickte stumm und sagte: "Gut, schafft mir diesen Ramun heran." Und so geschah es. "Warum lieben die Menschen so dein Neujahrsfest?" fragte der König. Worauf der Maler: "Wir sind Freunde und brauchen einander - aber mehr brauchen wir nicht. Deshalb sind wir reich."



Grenzland

Aus: Luitgard Derschmidt / Walter Greinert (Hg.), In Sichtweite Gottes? Bekenntnisse aus dem Alltag, 2008.


Grenzland ist das Land,
wo wir stehen:
zwischen Erinnerung und Vision,
zwischen Rückblick und Ausschau.
Das Sehen ist wieder zu lernen.
Der Blick ist zu reinigen
in der Schule des Sehens.
Es gilt wieder zurückzublicken,
den langen Weg zurück,
den langen Fluss entlang
bis zu der Quelle,
der er entspringt:
wieder zu wissen
woher wir gekommen sind,
wieder zu schöpfen
aus dem Brunnen des Anfangs.
- Der Blick in die Ferne
ist wieder zu üben,
das Weite zu suchen
und die Zukunft
ins Auge zu fassen: ohne Angst.

Zwischen Ursprung und Ferne
ist der Ort, wo du stehst:
Du stehst an der Grenze.
Das Hören ist wieder zu lernen
auch die Stimme der Sprachlosen,
auch die Sprache hinter der Sprache.
Wahrzunehmen ist der Klang eines Liedes,
das erst angestimmt ist,
jene Stille ohne Worte,
die dem kommenden Lied vorangeht.
- Wahrzunehmen ist auch
der Nachhall der Lieder
und der Worte einmal gesprochen:
Ihr Echo ist nicht verstummt.
Zwischen Nachklang und Zukunftsmusik
ist der Ort, wo du stehst:

Du stehst an der Grenze.
An der Grenze ist dein Ort.
Hier ist der Ort der Weitblickenden,
für die Aufmerksamen eine Augenweide.
Hier ist der Ort der Hellhörigen,
für die Achtsamen ein Ohrenschmaus.
Hier sind die Zeichen der Zeit,
die Spuren der Vergangenheit,
die Botschaften der Zukunft.
Im Grenzland weisen
die Fragen die Richtung,
der Weg ist ein Frageweg.

Das Fragen ist wieder zu lernen:
nicht das Fragen als Unterhaltung,
nicht das Rätselraten und das Gewinnspiel,
sondern jenes Fragen,
das das Leben befragt
und das Geheimnis
der Dinge sucht.
Im Land des Fragens
ist der Ort, wo du stehst.
Nur wer eine Frage, hat
hat auch Zukunft.