29.04.2017

Kontexte 26.12.2009


Stephanus

Alfred Delp, Gesammelte Schriften, hrsg. von Roman Bleistein, Frankfurt 1984, Bd. III.


Da ist die Gestalt des Stephanus, des Mannes, der Weihnachten erlebt und ernst genommen hatte. Und sie zeigt, was aus einem Menschen wird, der das Weihnachtsgeheimnis wirklich zum Grundgeheimnis seines Lebens macht. ‚In jenen Tagen wirkte Stephanus voll Gnade und Kraft große Wunder und Zeichen unter dem Volke‘ (Apg 6,8). Voll Gnade und Kraft. Das erste, was gesagt wird. Der Mann, der über sich selbst hinausgewachsen ist, der Mensch, der alle menschlichen Grenzen hinter sich lässt, der übermenschliche Möglichkeiten zur Verfügung hat, weil er die Botschaft von der Vergöttlichung des Menschen ernst genommen hat: dass die göttliche Kraft und die göttliche Wirklichkeit zur Verfügung steht und in uns am Wachsen und Werden ist, und dass deswegen der Raum, der über dem gläubigen Menschen, dem Christen, steht, mehr ist als der nur menschliche Raum.



Kapellari: "Begegnung mit Muslimen, um Ängste abzubauen"

© Kathpress am 24. 12. 2009


Steirischer Bischof betont in "Standard"-Interview, dass die Hintergründe der Schweizer Minarett-Abstimmung gesehen und aufgearbeitet werden müssen - Kirche darf nicht für politische Zwecke instrumentalisiert werden.

Graz, 24.12.2009 (KAP) Mehr Begegnung zwischen Einheimischen und muslimischen Zuwanderern ist notwendig, um Ängste abzubauen, betonte der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari in einem "Standard"-Interview. Die Schweizer Minarett-Abstimmung sei letztlich keine Abstimmung gegen Minarette gewesen, sondern eine Abstimmung aus dem Bauch heraus, "aus der Angst vor einem Kulturbruch". In den Schweizer Wahlzellen sei das zurückgekommen, "was im öffentlichen Diskurs nicht aufgearbeitet worden ist".Natürlich begrüße er das Ergebnis nicht, betonte Kapellari im "Standard"-Interview, "im Gegenteil, ich verurteile es". Man müsse aber die tiefer liegenden Gründe in den Blick nehmen und eine Aufarbeitung in Gang bringen. Kapellari: "Es geht hier zuletzt um den sozialen Frieden in einer westlichen Gesellschaft. Dort haben viele Menschen vor manchen Ausprägungen des Islam in von dieser Religion dominierten Ländern Angst".

Der Islam habe natürlich im Rahmen der Gesetze das Recht auf öffentliche Präsenz - auch betreffend seiner Bauwerke, sagte der steirische Bischof: "Aber eine neu etablierte Religion und ihre Kultur haben auch eine Bringschuld betreffend das Gespräch mit der angestammten Bevölkerung, wenn Konflikte zum Schaden aller ausbleiben sollen".

Auf die Frage nach seiner Meinung über das aus der Politik geforderte Burka-Verbot in Österreich sagte der Bischof wörtlich:
"Ich bin für große Liberalität, was religiös geprägte Kleidung betrifft. Eine Ganzkörperverschleierung halte ich aber für eine Gefährdung des sozialen Friedens, weil sie als ein Symbol für Kommunikationsverweigerung empfunden werden könnte".

Bischof Kapellari hielt grundsätzlich fest, dass Religionsfreiheit für Christen in islamischen Ländern keine Bedingung für Religionsfreiheit der Muslime in Westeuropa sein dürfe. Zugleich müsse es aber möglich sein, "die unterschiedlichen islamischen Gemeinschaften in Europa immer wieder einzuladen, dass sie verstärkt für religiöse Toleranz in ihren Herkunftsländern eintreten - etwa in der Türkei". 

"Das Kreuz ist ein Zentralsymbol"

Zur Klage eines niederösterreichischen Vaters gegen Kreuze im Kindergarten seines Kindes meinte der Bischof, dass es wahrscheinlich noch mehr Klagen geben werde. Zugleich wolle er aber betonen: "Unsere Gesellschaft wird sich im Ganzen das Kreuz im öffentlichen Raum nicht nehmen lassen, weil es ein Zentralsymbol einer europäischen Leitkultur geworden ist und so auch für Nichtglaubende Bedeutung hat". Im übrigen würde die Zivilgesellschaft großen Schaden nehmen, wenn der soziale Kitt und die Orientierung gebende Kraft der Kirchen nicht "millionenfach präsent" blieben. 

Zur Frage, wie politisch die Kirche sein muss oder darf, verwahrte sich Bischof Kapellari gegen Instrumentalisierungen aller Art:
"Manche Gruppen, die nicht zur Kirche gehören, wünschen sich eine Kirche, die im Sinn ihrer politischen Werte etwa bei der Weltklimadebatte überaus dynamisch agiert. Für sie ist die Kirche bald einmal zu leise. Doch wenn die Kirche anfängt, sich etwa für das ungeborene Leben einzusetzen, sagen dieselben Leute dann schnell, die Kirche soll sich nicht einmischen".

Politische Debatten oder gar Wahlkämpfe mit religiösen Symbolen zu führen, sei zu verurteilen, so der Bischof: "Für uns Christen ist das Kreuz ein religiöses Symbol, an dem Christus verblutet ist. Das Kreuz darf nicht wieder, wie leider schon oft in der Vergangenheit, als Waffe missbraucht werden".

Im Hinblick auf die Ökumene sagte der steirische Bischof: "Wir waren zwar sicher schon schneller unterwegs als jetzt, aber Katholiken, Protestanten und Orthodoxe bringen in die Ökumene legitime Sorgen um die je eigene Identität mit". Nur eine oberflächliche Betrachtung könne das als entbehrlich empfinden.

"Weihnachten ist ein starkes Fest"

Zur Frage, ob es der Kirche heute noch in ausreichendem Maß gelinge, den Menschen den religiösen Hintergrund von Weihnachten zu vermitteln, zeigte sich der Grazer Bischof zuversichtlich:
"Weihnachten ist ein starkes Fest und übersteht auch alle Oberflächlichkeiten und allen Kitsch, die man ihm antut. Weihnachten sagt, dass Gott nicht nur allmächtig ist als Schöpfer des Kosmos, sondern dass er auch Liebe ist. Und Liebe ist verletzbar wie das Kind von Bethlehem und zuletzt aber doch stärker als Herodes und Pilatus".



Das Fest der Sichtbarkeit

23.12.2009 | 18:58 | MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse) michael.fleischhacker@diepresse.com © DiePresse.com


Der Wunsch nach Sichtbarkeit des Religiösen braucht die Sicherheit, dass die Religion nicht herrschen will.

Der "Spiegel", eines der publizistischen Flaggschiffe des Laizismus, leistet sich zwei Mal im Jahr den Luxus, sein Publikum über den Stand des Religiösen in der Welt zu informieren. Zu Weihnachten und zu Ostern wird ausführlich über Grabtücher, Heilige und andere Kuriositäten aus dem unerschöpflichen Vorrat dessen berichtet, was ein gestandener "Spiegel"-Mensch als das "Irrationale" bezeichnen würde. In seiner aktuellen Weihnachtsausgabe stellt das Magazin - ironisch illustriert durch einen christlichen und einen islamischen Geistlichen beim "Hakelziehen" - die Frage: "Wer hat den stärkeren Gott?" Es geht um die Konfrontation zwischen den beiden expansiven Religionen dieser Welt, Christentum und Islam.

Unter einer globalen Perspektive betrachtet, spielt sich dieser Wettbewerb vor allem in Afrika und Asien ab. Aber für uns liegt der aktuellste Schauplatz der Auseinandersetzung in der unmittelbaren Nachbarschaft: Die nüchternen Schweizer haben sich in einer Volksabstimmung für ein Verbot von Minaretten ausgesprochen. Es war nach Meinung der meisten Kommentatoren ein Ausdruck der Angst vor einer "schleichenden Islamisierung" Europas, ein Ausdruck des Unbehagens gegenüber einer Religion, von der immer größere Teile der westeuropäischen Gesellschaften glauben, dass sie mit unseren Vorstellungen einer liberalen Demokratie schwer bis gar nicht vereinbar ist. Kurz vor dem Schweizer Minarettverbot sorgte ein Urteil des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs für Diskussionen: Er hatte einer Italienerin finnischer Abstammung recht gegeben, die die Entfernung des Kreuzes aus der Schulklasse ihres Kindes gefordert hatte.

Man könnte auch sagen, dass es sich in beiden Fällen um ein Votum gegen die Sichtbarkeit des Religiösen handelt. Das ist der Preis für die Vereinbarkeit von Religion und liberaler Demokratie: Dass die Religion sich von ihrem Anspruch verabschiedet, die gesellschaftlichen Wert- und Moralvorstellungen bis in ihre legislative Umsetzung hinein zu dominieren - und dass sie diesen politischen Rückzug auch symbolisch dokumentiert, indem religiöse Symbole wie das Kreuz aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Was nicht verschwinden wird, ist die kulturelle Prägung, die Europa während einer fast zwei Jahrtausende währenden Dominanz vor allem der katholischen Kirche erfahren hat.

Selbst Menschen ohne jegliche religiöse Bindung akzeptieren das literarische, künstlerische und architektonische Erbe des Christentums neben Aufklärung, Menschenrechtsdenken, Rechtsstaatlichkeit und parlamentarischer Demokratie als integralen Bestandteil der europäischen Identität. Sie sind dazu übergegangen, Kirchturmkreuze nicht als Symbole eines Herrschaftsanspruchs zu lesen, sondern als Buchstaben ihres kulturellen Alphabets.

Weil sich der Islam in der mehrheitlichen Wahrnehmung der Europäer in das kulturelle Alphabet, aus dem zentrale Begriffe unseres gesellschaftlichen Wertesystems wie Individualismus, Gleichberechtigung und Säkularismus buchstabiert werden, noch nicht eingeschrieben hat, wird dem Wunsch der Muslime nach Sichtbarkeit in Form von Minaretten mit Skepsis begegnet. Minarette werden als Machtsymbole interpretiert, weil es den Muslimen und ihren offiziellen Vertretern (noch) nicht gelungen ist, glaubwürdig darzustellen, dass sie bereit sind, den europäischen Weg zu gehen, den Weg der Säkularisierung.

Dass heute auch in den säkularisierten Gesellschaften ein stärkeres Bedürfnis nach Sichtbarkeit und Präsenz des Religiösen herrscht, stellt nur auf den ersten Blick einen Widerspruch dar. Die Bereitschaft, sich wieder stärker auf Religion als Sinn- und Wertressource einzulassen, wäre nicht denkbar ohne die Sicherheit, dass damit keine Wiederkehr religiöser Herrschaft verbunden ist.

Weihnachten, das macht die Geschichte vom Stern sehr deutlich, ist das Fest der Sichtbarkeit: Es wird hingezeigt und hingewiesen auf eine Macht, die der weltlichen Herrschaft nicht bedarf. Es ist noch nicht so lange her, dass die christlichen Kirchen ihren weltlichen Herrschaftsanspruch aufgegeben haben und diese Botschaft wieder glaubwürdig verkünden können. Den europäischen Muslimen ist weihnachtlich zu wünschen, dass sie eines nicht zu fernen Tages so viel Vertrauen gewinnen, dass ihre Sichtbarkeit als Bereicherung statt als Bedrohung gesehen wird.