28.06.2017

Kontexte 25.12.2008


Gestalt und Ordnung

Romano Guardini, Das Bild von Jesus dem Christus im Neuen Testament, Freiburg Basel Wien:(Herder Verlag 1961, S. 81 - 85.


Wir können nicht wissen, was in den Gedanken des Apostels [Johannes] vor sich gegangen ist, aber es müssen tiefe Erkenntnisse gewesen sein. Vielleicht hat er sich die Frage so gestellt: In Ihm, mit dem wir damals umgingen, in seinem Wesen, in seinen Worten und Handlungen, in seiner Nähe haben wir Gott so machtvoll neu und eigen erfahren - wie ist dieser Gott, der sich da offenbarte? Wie könnte man den Charakter ausdrücken, den die göttliche Wirklichkeit in Ihm hatte? Jenes Leuchtende, Sinngewaltige? Er hat unser Leben bis in den Grund geformt; hat allem Dasein Gestalt und Ordnung gegeben. - wie könnte man das ausdrücken, was da so mächtig an uns kam? ... Als Johannes so fragte und nach einem Mittel suchte, um zu deuten, was er einst im Wesen des Herrn erfahren hatte und immer neu in seinem Umgang mit Ihm [...]erfuhr, fand er im Denken der Zeit das edelste Erbe der griechischen Geistesarbeit vor; den Begriff der Idee und des Logos.

Die Vorstellung der Idee bedeutete für den Griechen Absage und Gegenwehr gegen alles Wirre. Das Ringen dieses leidenschaftlichen, tief gefährdeten Volkes gegen das Chaos; der Wille, daß das Dasein Gestalt, Ordnung, Licht, Wahrheit sei, drückt sich in der Lehre von der Idee aus. Danach haben alle Dinge ewige Urbilder. Was hier auf Erden verworren, veränderlich und unzulänglich ist, hat seine bleibende Stätte, sein klares und vollkommenes Urbild im Ewigen: durch die Idee. Die Vielheit der Ideen aber, die Urbilder der möglichen Dinge überhaupt bilden zusammen ein Ganzes, worin aller Sinn und aller Halt des Daseins versammelt ist. Dieses Ganze hat das Denken der Zeit unmittelbar vor Christus den "Logos" genannt. Die Vorstellung des Logos meint einmal den Inbegriff der Ideen; die Einheit der Urbilder aller möglichen Dinge; daher Wahrheit, Ordnung, Weisheit, Wert, Sinn in absoluter Fülle. Zugleich aber auch - denn Logos heißt "Wort" - daß dieser Inbegriff auf die Rede bezogen; daß der Sinn ein offener, gesprochener ist; daß er also wiederum in die Offenheit des Redens und Hörens und der darin wurzelnden Geistesgemeinschaft übergehen kann, ja daß er selbst alles Sprechen und Vernehmen schöpferisch ermöglicht. So ist er es, der den Raum des Geistes, die Möglichkeit und Ordnung geistigen Lebens und die Beziehung der Geister untereinander begründet.

Diesen Begriff nimmt Johannes, um jene Erfahrung auszudrücken, die er im Umgang mit Jesus gemacht hat. Eines der begabtesten und frömmsten Völker hat sich, um den Auftrag nicht wissend, im Dienste Gottes bemüht, damit, wenn die Zeit erfüllt sein würde, der Begriff bereitliege, der etwas Letztes im Dasein Christi deuten könnte. Was die Griechen geahnt haben, sagt Johannes, ist hier Wirklichkeit. Der wahre Logos - das ist Er, Christus.
[ ...]
Diesen aber, welcher Logos ist und Mensch; diesen Inbegriff, diesen Ein-und-Alles, drückt er [Johannes] in Wendungen aus, welche das Höchste enthalten, was es für den Menschen gibt: er nennt Ihn das Licht, den Weg, die Wahrheit, das Leben.
Der Gottmensch bringt nicht das Licht, sondern Er selbst leuchtet. Christuns zeigt nicht den Weg, sondern seine Person ist inmitten der Welt-Wirre das Einzige, was gerichtet ist und den, der sich Ihm anvertraut, führt. Der Herr verkündet nicht die Wahrheit, sondern die Wahrheit ist seine eigenes lebendiges Sein, allein wesenhaft und ohne Trug.



Das Unsagbare und das Geheimnis

Max Frisch, Tagebuch 1946 - 1949, Frankfurt: Suhrkamp Verlag 1976, S. 42 - 43.


Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weiße zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, läßt sich bestenfalls umschreiben, und das heißt ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man umstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen.

Unser Streben geht vermutlich dahin, alles auszusprechen, was sagbar ist; die Sprache ist wie ein Meißel, der alles weghaut, was nicht Geheimnis ist, und alles Sagen bedeutet ein Entfernen. Es dürfte uns insofern nicht erschrecken, daß alles, was einmal zum Wort wird, einer gewissen Leere anheimfällt. Man sagt, was nicht das Leben ist. Man sagt es um des Lebens willen. Wie der Bildhauer, wenn er den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare, vortreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. Immer besteht die Gefahr, daß man das Geheimnis zerschlägt, und ebenso die andere Gefahr, daß man vorzeitig aufhört, daß man es einen Klumpen sein läßt, daß man das Geheimnis nicht stellt, nicht faßt, nicht befreit von allem, was immer noch sagbar wäre, kurzum, daß man nicht vordringt zu seiner letzten Oberfläche.

Diese Oberfläche alles letztlich Sagbaren, die eins sein müßte mit der Oberfläche des Geheimnisses, diese stofflose Oberfläche, die es nur für den Geist gibt und nicht in der Natur, wo es auch keine Linie gibt zwischen Berg und Himmel, vielleicht ist es das, was man die Form nennt?
Eine Art von tönender Grenze - .



Das Wort

Rose Ausländer, Gedichte, Frankfurt: S. Fischer Verlag 2001, S. 262.


"Am Anfang
war das Wort
und das Wort
war bei Gott"

Und Gott gab uns
das Wort
und wir wohnen
im Wort

Und das Wort ist
unser Traum
und der Traum ist
unser Leben



Ihr Worte


Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht's noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht's.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
- nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.

Laßt, sag ich, laßt.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos -

Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!



Ein Wort

Gottfried Benn, in: Lesebuch A (Gymnasium) Oberstufe: Lyrik, Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1. Aufl. 1976, S. 211.


Ein Wort, ein Satz - : aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.



Fröhlich soll mein Herze springen

Paul Gerhardt 1653, in: EG 36.


Fröhlich soll mein Herze springen
dieser Zeit, da vor Freud
alle Engel singen.
Hört, hört, wie mit vollen Chören
alle Luft laute ruft:
Christus ist geboren!

Heute geht aus seiner Kammer
Gottes Held, der die Welt
reißt aus allem Jammer.
Gott wird Mensch dir, Mensch, zugute,
Gottes Kind, das verbind't
sich mit unserm Blute.

Sollt uns Gott nun können hassen,
der uns gibt, was er liebt
über alle Maßen?
Gott gibt, unserm Leid zu wehren,
seinen Sohn aus dem Thron
seiner Macht und Ehren.

Er nimmt auf sich, was auf Erden
wir getan, gibt sich dran,
unser Lamm zu werden,
unser Lamm, das für uns stirbet
und bei Gott für den Tod
Gnad und Fried erwirbet.

Nun er liegt in seiner Krippen,
ruft zu sich mich und dich,
spricht mit süßen Lippen:
»Lasset fahrn, o liebe Brüder,
was euch quält, was euch fehlt;
ich bring alles wieder.«



Was war im Anfang?

Goethe. Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust, herausgegeben und kommentiert von Erich Trunz, München: Verlag C. H. Beck 1994, S. 44.


Geschrieben steht: "Im Anfang war das  W o r t !"
Hier stock' ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das  W o r t  so hoch unmöglich schätzen,
Ich muß es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der S i n n .
Bedenke wohl die erste Zeile,
Daß deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der  S i n n , der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die  K r a f t !
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh' ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die  T a t !



Mit Leib und Seele

Greubel, Frank: In dieser Zeit : Gebete. Würzburg : Vinzenz Druckerei; 24.


Mit Leib und Seele
Bist du Mensch geworden.

Warst Flüchtling und Prediger.
Warst Verfolgter und Arzt.
Warst Angeklagter und Freund.

Wurdest verfolgt und geliebt.
Wurdest verachtet und verehrt.
Wurdest geschlagen und umarmt.

Hast gehungert und gefeiert.
Hast geweint und gelacht.
Hast gelitten und triumphiert.

Aber immer bist du geblieben,
was du geworden bist.
Ein Mensch.
Mit Leib und Seele.



Gott wird Mensch

Aus: Werner Schaube, Weihnachts-Puzzle. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 1983.


Gott wird Mensch
das hat Folgen
das bringt alles in Bewegung
das eröffnet Möglichkeiten
das macht betroffen

Gott wird Mensch
damit wird man
sich auseinander setzen müssen
damit wird man leben dürfen
damit sieht alles anders aus

Gott wird Mensch
für die Verlorenen
für die Verfolgten
für die Verachteten

Gott wird Mensch
und alle Welt
könnte sich freuen
und jedermann könnte aufatmen
und niemand müsste abseits sehen

Gott wird Mensch
in unseren Zeiten
in der heutigen Situation
in der Welt die nur eines braucht:
Gott wird Mensch und der Mensch wird Mensch.