18.01.2017

Kontexte 25.12.2010


Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Dieter Trautwein (1963) in: EG 56.


Ref.: Weil Gott in tiefster Nacht erschienen
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsre Nacht nicht traurig sein!

1. Der immer schon uns nahe war,
stellt sich als Mensch den Menschen dar.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsre Nacht nicht traurig sein!

2. Bist du der eignen Rätsel müd?
Es kommt, der alles kennt und sieht!
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsre Nacht nicht traurig sein!

3. Er sieht dein Leben unverhüllt,
zeigt dir zugleich dein neues Bild.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsre Nacht nicht traurig sein!

4. Nimm an des Christus Freundlichkeit,
trag seinen Frieden in die Zeit!
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsre Nacht nicht traurig sein!

5. Schreckt dich der Menschen Widerstand,
bleib ihnen dennoch zugewandt!
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen,
kann unsre Nacht nicht endlos sein!



Zu Übermenschen geworden

Albert Schweitzer, Rede bei der Verleihung des Friedenspreises der deutschen Verleger in Frankfurt, 16.9.1951, in: Ders., Vorträge, Vorlesungen, Aufsätze. Hrsg. von Claus Günzler, Ulrich Luz und Johann Zürcher, München: Beck 2003.


... Die Lage, in der sich die Menschheit heute befindet, geht darauf zurück, daß durch die Errungenschaften des Wissens und Könnens die Menschen nicht mehr nur über ihre eigenen Kräfte, sondern in einer geradezu unvorstellbaren Weise über die der Natur verfügen. Durch die Macht, die uns dadurch verliehen ist, sind wir zu Übermenschen geworden. In diesem Sinne hat sich der Traum derer, die von der geschichtlichen Entwicklung erwarten, daß sie einen höheren Typus von Mensch hervorbringe, erfüllt. Dieser Übermensch leidet aber an verhängnisvoller Unvollkommenheit. Er bringt die übermenschliche Vernünftigkeit, die dem Besitz übermenschlicher Macht entsprechen sollte, nicht auf: die Vernünftigkeit, die ihn instand setzt, von der Macht nur zum Verwirklichen des Sinnvollen und Guten, nicht auch zum sinnlosen Vernichten Gebrauch machen. Die Errungenschaften des Wissens und Könnens sind uns mehr zum Schicksal als zum Gewinn geworden. Unsere Größe ist zugleich unser Elend. Dieser Übermensch ist nicht mehr völlig Mensch. Die Macht, die ihm verliehen ist, verleiht ihm etwas Unmenschliches. So werden die aus solchen Übermenschen bestehenden Völker eines dem andern ein Gegenstand der Angst. Keines wagt, dem andern die höhere Vernünftigkeit zuzutrauen, von der grausigen Macht über Kräfte der Natur nicht Gebrauch zu machen. Und keines kann von sich sagen, daß es sich dessen immer enthalten wird...



Die Menschlichkeit

Albert Schweitzer, Beitrag in Evangelisch-protestantischer Kirchenbote für Elsaß-Lothringen 48 (1919). In: Ders., Vorträge, Vorlesungen, Aufsätze. Hrsg. von Claus Günzler, Ulrich Luz und Johann Zürcher, München 2003.


Wenn ich das Wort Menschlichkeit höre, ist's mir immer, als sollte man einen Edelstein aus dem Staube aufheben. Es gibt in der Welt einen geheimen Zauber, mit dem die festesten Türen gesprengt, die größten Taten verrichtet, und wirkliche Wunder vollbracht werden können. Dieses Zaubermittel gibt's. Wer Wunder tun will, kann's, denn das Mittel ist nicht etwa im Besitz weniger Auserwählter, sondern alles ohne Ausnahme. Nur wissen die Menschen nicht, wie reich sie sind, und lassen ihren Edelstein im Staube liegen, ja häufer selbst noch Staub darauf. Dieses köstliche Gut ist Menschlichkeit.

Im rein Menschlichen liegt unsere größte Kraft. Es ist nur bei vielen tief vergraben unter dem Gebildeten, oder dem Besitzlichen, oder dem Politischen, oder irgendwelcher bunten Torheit, mit der wir uns zu behängen lieben. Aber wer irgend etwas Weitergehendes leisten will, kann es nur durch seine wahre Menschlichkeit... Wer harte Herzen erschließen, Widerspenstige zähmen, Menschen, Tiere und die ganze Natur überwinden will, muß alles Berechnete, Überstiegene, Gewalttätige ablegen und mit einem wahren Kinderherzen voll Vertrauen, voll Freude und Herzlichkeit, seine Straße gehen. Er muß mit einem Worte Mensch sein... Man kann die Menschen auch anders zwingen, mit Gewalt, mit Wissen, mit Geld, man kann sie mit Polizeimacht Hurra zu schreien nötigen, aber jeder weiß ganz genau, daß er sich mit diesen Mitteln ebenso leicht verhaßt als lächerlich macht. Wunder wird solch einer nicht tun und weiß auch, daß er's nicht kann, und bleibt darum ewig unbefriedigt.

Aber merkwürdig. Obgleich wir alles wissen, entschuldigen wir unverdrossen jede Schwäche mit unserer Menschlichkeit, erklären unsere Torheiten damit, daß wir Menschen sind, und wenn's in einem kreise zu recht gröblichen Schlechtigkeiten kommt, sagt man: Es menschelt. So häufen wir Staub auf den besten Edelstein dieses Planeten und vergraben unser Bestes im Schutt. Wir verstehen unsere Wahrheit nicht.



Die Herrlichkeit Gottes verwirklichen

Nelson Mandela, Auszug aus seiner Antrittsrede 1994, in: http://www.hospiz-verein-bergstrasse.de/TEX-SONS.HTM


Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind; unsere tiefste Angst ist, daß wir unermesslich machtvoll sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: "Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, begnadet, phantastisch sein darf?" Wer bist du denn, es nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes. Wenn du dich klein machst, dient das der Welt nicht. Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du schrumpfst, damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist. Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in jedem Menschen. Und wenn wir unser eigenes Licht erstrahlen lassen, geben wir unbewußt anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreit haben, wird unsere Gegenwart ohne unser Zutun andere befreien.



Das Bild Gottes in der menschlichen Seele

Johann Gottfried Herder, Erläuterungen zum Neuen Testament (1775), zitiert nach: Goethe. Faust. Herausgegeben und kommentiert von Erich Trunz, München: Verlag C. H. Beck 1994.


Im Anfang war das Wort ... Was wissen und begreifen wir vom Wesen des Unendlichen, des Unerforschten? ... Ließ sich also die väterliche, erziehende Gottheit herab, sich, den Unbegreiflichen, uns ... begreiflich zu machen: wie anders, als Menschen menschlich, in einem Bilde unserer Bilder ... Das innigst Begriffene, Heiligste, Geistigste, Wirksamste, Tiefste wählte sie, das Bild Gottes in der menschlichen Seele, Gedanke! Wort! Wille! Tat! Liebe!



Du mußt, was Gott ist, sein

Aus dem "Cherubinischen Wandersmann" des Angelus Silesius. In: Deutsche geistliche Dichtung aus tausend Jahren, hrsg. von Friedhelm Kemp, München: Kösel-Verlag.


Soll ich mein letztes End und ersten Anfang finden,
So muß ich mich in Gott und Gott in mir ergründen
Und werden das, was er: ich muß ein Schein im Schein
Ich muß ein Wort im Wort, ein Gott in Gotte sein.



Ein Wort

Gottfried Benn, Ein Wort, in: http://www.gedichte.vu/view/i_lm.html#m


Ein Wort, ein Satz -: aus Chiffren steigen
erkanntes Leben, jäher Sinn,
die Sonne steht, die Sphären schweigen,
und alles ballt sich zu ihm hin.

Ein Wort - ein Glanz, ein Flug, ein Feuer,
ein Flammenwurf, ein Sternenstrich -
und wieder Dunkel, ungeheuer,
im leeren Raum um Welt und Ich.



Ihr Worte

Ingeborg Bachmann, Sämtliche Gedichte, München: Piper Verlag 2002.


Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht's noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht's.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt
endgültig
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
daß nicht endgültig wird
- nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Laßt eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.

Laßt, sag ich, laßt.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
laß, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos -

Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!