21.08.2017

Kontexte 06.01.2011


Die den Stern gesehen

KARL SCHOLLY in: Gedichte zur Weihnacht. Herausgegeben von Stephan Koranyi und Gabriele Seifert. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009.


Die den Stern gesehen
Wissen, was vollbracht;
Ihre Füße gehen
Sicher durch die Nacht.

Die das Licht verwirrte,
Dürfen Brüder sein:
König oder Hirte
Schließt das Leuchten ein.

Also läßt die Gnade
Finden sie den Ort,
Wo der Stern gerade
Strahlt auf Gottes Wort.



Wer sich auf den Weg nach Bethlehem macht

P. Benedikt Grimm OFM http://www.vierzehnheiligen.de/de/gebete-texte-lieder/texte-zum-nachdenken-nr65.php



Der Stern ist da und leuchtet

Aus: Karl Rahner, Kleines Kirchenjahr. Ein Gang durch den Festkreis. Herderbücherei, Bd. 901, Freiburg/Basel/Wien: Herder 1981. Karl Rahner, Von der seligen Reise des gottsuchenden Menschen Gedanken zum Fest der Erscheinung des Herrn, in: Geist und Leben 22 (1949).



Ein nie vorher gesehener Stern

CARL ZUCKMAYER in: Gedichte zur Weihnacht. Herausgegeben von Stephan Koranyi und Gabriele Seifert. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2009.


Manchmal des Nachts, wenn ich die Öfen schürte,
Sah ich durchs Fenster, nah und weltenfern,
So jäh, als ob mich eine Hand berührte,
Den nie vorher gesehenen Stern.

Er sprang und zuckte grün in kaltem Feuer -
So groß war nie ein Licht, und kein Planet.
Mein Blick war blind davon, und ungeheuer
Erschrak mein Herz, und fand nicht zum Gebet.

Hob dann die Lider ich, war er verschwunden.
War es ein Zeichen? War's ein Ruf des Herrn?
Ich frage nicht. Doch hält mich tief gebunden
Der nie vorher gesehene Stern.



Wohin der Stern uns führt

Pierre Stutz in: Für jeden leuchtet ein Stern. Weihnachtliche Texte... Ausgewählt, eingeleitet und herausgegeben von Ulrich Sander. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2010 (2006).


Vor über zwanzig Jahren habe ich das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach entdeckt. Seither höre ich mir dieses Werk in einem Konzert jedes Jahr an - am liebsten im Berner Münster und mit dem Berner Bachchor. Ich meditiere es zu Hause beim bewussten Dasein und Zuhören. Von Anfang an hat mich zutiefst berührt, wie da die Verbindung zwischen der Krippe und dem Kreuz auf eindrückliche Art und Weise, fast hautnah, spürbar wird. Denn die Melodie des bekannten Liedes »0 Haupt voll Blut und Wunden« aus der Matthäuspassion von Bach findet sich in Variationen auch im Weihnachtsoratorium.

Dieser unglaublichen Spannung begegnen wir auch in den Kindheitsgeschichten Jesu im Matthäusevangelium, die wir nicht als historische Berichte verstehen sollen, sondern als grundlegende Deutung der Geburt Jesu und seiner Bedeutung für unser Leben im Hier und Jetzt. Der Besuch der Weisen in Matthäus 2,1-18 lässt uns nicht nur die universelle Dimension dieser Geburt erfahren, die uns das Gute in jedem Menschen erkennen lässt. Durch die Gestalt des Herodes begegnen wir auch dem Widerwärtigen, dem Bösen, das Menschen zur Ungerechtigkeit und Gewalt führt. Weihnachtlich leben bedeutet jedes Jahr, jeden Monat, jede Woche, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde meines Lebens zu verinnerlichen, dass Freud und Leid im Leben so nahe beieinander sind, dass es keine Liebe ohne Leiden gibt.

Der Stern von Betlehem erhellt alle Unrechts- und Ausgrenzungsstrukturen und ruft uns auf, alles zu unternehmen, um das Leiden zu verhindern. Derselbe Stern führt uns in die Tiefe unseres Menschseins, das in Jesus so sympathisch (griechisch: mit-leidend) sichtbar geworden ist und uns hilft anzunehmen, dass Leiden zum Leben gehört. Darum sahen die Kirchenväter - bedeutende Theologen der ersten christlichen Jahrhunderte - die drei Geschenke der Weisen als Sinnbild des Königtums (Gold), der Göttlichkeit (Weihrauch) und der Passion (Myrrhe) Christi.

Wenn wir jeden Tag neu die königliche und göttliche Würde in jedem Menschen sehen und dabei auch bereit sind, Widerstand zu leisten gegen die Ausbeutung des Menschen, dann tragen wir die Sehnsucht von Betlehem weiter, hinein in alle Dimensionen unseres Menschseins.



Zurück in den Alltag

Aus: Andrea Schwarz, Wenn ich meinem Dunkel traue. Auf der Suche nach Weihnachten. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 1998.


Die Erzählung von den »Heiligen Drei Königen« liest sich fast wie eine schöne Reportage von einem frühen Königshof. Diese Geschichte aber will von der Wirklichkeit erzählen und darauf weist der Schluß der Erzählung hin: Die drei Weisen gehen zurück in ihr Heimatland.

Das kann einen doch schon verwundern: Nach einem so langen Weg, den sie auf sich genommen haben, nach all den Entbehrungen und Anstrengungen, nach all der Freude, die sie empfanden, nachdem sie Josef, Maria und das Kind fanden, gehen sie nun einfach wieder heim.

Wäre die Geschichte ein Märchen, dann würden sie sicher diesem neuen König einen prächtigen Hofstaat aufbauen - sie würden ihn vielleicht gegen die Nachstellungen Herodes schützen - oder sie würden ihm einfach als Berater zur Seite stehen ... und wenn ihre Freude wirklich so groß war, warum sind sie denn dann nicht einfach geblieben?

Es waren wohl wirklich weise Männer, die darum gewußt oder gespürt haben, daß dieser Zeitpunkt, dieser Moment ihres Lebens gelebt werden kann und darf- aber daß er nicht festzuhalten ist -, daß diese tiefe menschliche Sehnsucht nach »Angekommen-Sein«, nach »Erfüllt-Sein« auf Erden nicht endgültig zu stillen ist. Und doch drängt es den Menschen danach, eben solche Augenblicke höchsten Glückes festzuhalten, in denen er um die Erfüllung seiner Sehnsucht ahnt. So läßt Goethe seinen Faust wünschen: »Sag ich zum Augenblicke: Verweile doch, du bist so schön!« - aus dem, was Weg und Prozeß ist, wollen wir einen Zustand machen - und wundern uns dann noch darüber, daß eben dies nicht gelingt, ja nicht gelingen kann.

Der schöne Augenblick läßt sich nicht konservieren, nicht einfrieren und haltbar machen - es folgt dem Ankommen auch immer wieder der Aufbruch ...

Und ich spüre, wie schwer es fällt, mir das selbst in dieser Schärfe und Radikalität zu sagen ... ich fühle die Abwehr in mir, empfinde Trotz, ein wenig Wut -und unendliche Verlassenheit ...

Und doch - da jagen gleichzeitig Liedzeilen und Jesusworte, Zitate und Exodus-Gedanken quer durch meinen Kopf, und ich ahne darum, daß dieser Gedanke des »Wieder-weg-gehens« ein Schlüssel gerade zu den mir bisher so hart und unverständlich erschienenen Aussagen sein könnte ...

»Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu ...« wie es in einem Kirchenlied heißt ... oder der Ausspruch Jesu: »Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren!« und »Laßt die Toten die Toten begraben!« Das scharfe Wort aus dem apokryphen Thomas-Evangelium kommt mir in den Kopf: »Werdet Vorübergehende!« und Augustinus' Aussage: »Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in dir!« ... das Volk Israel, in Nacht und Nebel zum Aufbruch getrieben, macht sich auf seine lange Wanderschaft ...

Ob wir Christen etwa Menschen sein sollen, die ohne Heimat sind???

Das kann es ja wohl nicht heißen - aber vielleicht sind Christen Menschen, die eine andere Heimat haben? Die ihre Heimat in Gott suchen und sich nicht an dem vorläufig Irdischen festhalten? Sich nicht festhalten an Geld und Besitz, an Macht und Meinungen, an Menschen und einer Scheingeborgenheit? Oder, anders herum gesehen: Christen als Menschen, die loslassen können? Die in Offenheit für den Moment leben können, für den Kairos, der unangemeldet plötzlich da ist, für den Anruf Gottes mitten im Alltag meines Lebens ...

Ja, diese scharfen Aussagen Jesu machen mir auch Angst ... den Anspruch finde ich eigentlich ungeheuerlich, ja fast unmenschlich. Und gleichzeitig ist da ein Moment der Faszination, ein Ahnen um eine ganz andere Freiheit, die im Herzen wohnt, einer anderen Qualität von Leben, als ich sie bisher erfahren habe ...

Jesus selbst ist ein solcher Mensch, der scheinbar ohne Heimat ist- die Flucht nach Ägypten, die Ablehnung in Nazareth, seine Aussage »der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann«. Er bietet eine andere, eine neue Heimat an - »im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen ...«

Und ich denke an diese Heiligen Drei Könige, die auf dem Heimweg sind ... die eine andere Wirklichkeit erfahren haben, eine Begegnung mit der neuen Botschaft, die sie verändert hat. Sie kehren anders in ihre Heimat heim - weil sie den Gedanken an den neuen König im Herzen tragen. Und weil sie sich verändert haben, wird nun auch ihre Heimat eine andere sein. Die Begegnung mit diesem Jesus läßt nichts mehr so sein, wie es vorher war ... und genau diese Veränderung sollen wir Christen in diese Welt hineintragen, in das, was bisher unser Alltag, unsere Heimat war - die sich schon damit ändert, daß ich mich ändere ...

Noch wehre ich mich ein bißchen - ich habe Angst vor den Konsequenzen einer solchen Radikalität ... und ahne doch schon darum, daß, einmal auf diesem Weg, Umkehr nicht mehr gefragt ist ... die Melodie des Lebens ist im Kopf drin und will nicht mehr heraus ...

Ich finde es jedenfalls ganz tröstlich, daß die Heiligen Drei Könige nicht allein unterwegs waren, sondern zu mehreren ... meine Kraft kann andere stützen, und ich werde durch die Kraft anderer gestützt ...