16.12.2017

Kontexte 01.05.2011


Mein Herr, mein Erlöser

Quelle: Henri Nouwen in: "Zeig mir den Weg", Freiburg 2002.


Herr, du hast Worte ewigen Lebens, du bist Speise und Trank, du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Du bist das Licht, das in der Dunkelheit scheint, die Lampe auf dem Leuchter, die Stadt auf dem Berge. In dir und durch dich kann ich den himmlischen Vater sehen, und mit dir kann ich den Weg zu ihm finden. Sei du mein Herr, mein Erlöser, mein Weggefährte, meine Freude und mein Friede.



Nagelprobe für den Gottesglauben

Quelle: Hans Küng in: Ewiges Leben, München 1982.


An Auferweckung glauben heißt nicht, an irgendwelche unverifizierbare Kuriositäten zu glauben, heißt überhaupt nicht, zum Glauben an Gott noch etwas "dazu" glauben zu müssen. Nein, der Auferweckungsglaube ist kein Zusatz zum Gottesglauben; er ist geradezu die Radikalisierung des Gottesglaubens, die Nagelprobe, die der Gottesglaube zu bestehen hat. Warum? Weil ich mit meinem unbedingten Vertrauen nicht auf halbem Wege anhalte, sondern ihn konsequent zu Ende gehe. Weil ich diesem Gott alles, eben auch das Allerletzte, den Sieg über den Tod zutraue. Weil ich vernünftigerweise darauf vertraue, dass der allmächtige Schöpfer, der aus dem Nichtsein ins Sein ruft, auch aus dem Tod ins Leben zu rufen vermag. Weil ich dem Schöpfer und Erhalter des Kosmos und des Menschen zutraue, dass er auch im Sterben über die Grenzen alles bislang Erfahrenen hinaus noch ein Wort mehr zu sagen hat; dass ihm wie das erste so auch das letzte Wort gehört, dass er wie der Gott des Anfangs auch der Gott des Endes ist: Alpha und Omega. Wer so ernsthaft an den ewig lebendigen Gott glaubt, glaubt dann auch an Gottes ewiges Leben, glaubt auch an sein - des Menschen - ewiges Leben.



Sich Gott überlassen

Quelle: Johannes vom Kreuz in: Die lebendige Flamme. Die Briefe und die kleinen Schriften, Einsiedeln 1964.


Sieht der Kontemplative auch keine Fortschritte ..., schreitet er doch weiter, als wenn er sich nur auf eigenen Füßen bewegte. Gott trägt uns in seinen Armen voran. Daher empfinden wir das Schreiten nicht, obgleich wir im Schrittmaß Gottes dahingetragen werden ... Gott ist der Wirkende ... Was er im Innern formt, ist den Sinnen unzugänglich. Es vollzieht sich im Schweigen - wie der Weise sagt: "Der Weisheit Worte werden im Schweigen empfangen" (Koh 9,17). Der Mensch überlasse sich den Händen Gottes. Er liefere sich nicht den eigenen Händen aus.



Ich bin kalt in der Liebe

Quelle: Martin Luther, WA 10 I, S. 438.


Siehe, Herr,
ich bin ein leeres Gefäß,
das bedarf sehr,
dass man es fülle.

Mein Herr, fülle es,
ich bin schwach im Glauben;
Stärke mich,
ich bin kalt in der Liebe.

Wärme mich und mache mich heiß,
dass meine Liebe herausfließe
auf meinen Nächsten.

Ich habe keinen festen, starken Glauben,
und zweifle zuzeiten
und kann dir nicht völlig vertrauen.

Ach Herr, hilf mir,
mehre mir den Glauben und das Vertrauen.
Alles, was ich habe,
ist in dir beschlossen.

Ich bin arm,
du bist reich
und bist gekommen,
dich der Armen zu erbarmen.

Ich bin ein Sünder,
du bist gerecht.
Hier bei mir ist die Krankheit der Sünde,
in dir aber ist die Fülle der Gerechtigkeit.

Darum bleibe ich bei dir,
dir muss ich nicht geben;
von dir kann ich nehmen.



Unauffällig

Quelle: aus dem holländischen Erwachsenenkatechismus.


Wie deutlich würde sich die Anwesenheit des Geistes in dem Augenblick zeigen, wenn er unserer Welt entzogen würde. Sie wäre ein Land, aus dem das Wasser verschwindet. Das Wasser fiel nicht auf; doch wenn es weg ist, ist alles anders. Blühende Felder werden zu staubigen Wüsten.
Wenn die Kirche zum Heiligen Geist betet, bedient sie sich in der Tat eines solchen Vergleiches. Sie wählt aus dem Psalm 104 ein Wort aus, in welchem die Lebenskraft der Natur "Gottes Atem, Gottes Geist" betitelt wird. Durch ihn bestehen alle lebenden Wesen. "Verbirgst du dein Angesicht, so vergehen sie in Furcht, nimmst du ihnen den Odem, so sterben sie hin und sinken zurück in den Staub; du sendest aus deinem Geist, und sie werden geschaffen, und das Angesicht der Erde machst du neu." (Psalm 104, 29f.)



Sympathisches Gotteslob

Quelle: Michael Graff in: Christ in der Gegenwart 1990 (42. Jg), S. 136.


"Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt" (aus der 1. Lesung: Apg 2,47a)

Liebe Gemeinde sagte der altgewordene Pfarrer beim Abschied, wir haben keinen Kirchturm gebaut, keine Orgel, keine Kegelbahn. Ich hinterlasse euch auch keinen interessanten Kontostand in der Pfarrkasse, denn ihr wisst ja selber, wie oft an unserer Pfarrhaustür gebettelt wurde in den Jahren. Wenn ihr später euren Kindern von unserer Zeit erzählt, müsst ihr vielleicht in euren Wohnungen zusammensitzen, denn die Kirche war nicht mehr zu renovieren in diesem Zustand. Und wir hatten nichts dafür auf die hohe Kante gelegt.
Tränen standen ihm in den Augen, als die türkischen Mädchen ihm ein Tanzlied vorführten, wie sie es immer hatten tun dürfen im Altarraum, der freitags mit Teppichen ausgelegt war. Man sah auch etliche Männer weinen, als der Alte die Geige ans Kinn legte und eine seiner Country-Melodien spielte. Passt auf, wenn jemand in den Akten nach euren Ehen guckt. Er lachte, und manche wurden rot, denn seit Jahren hatte der Alte keine Genehmigungen mehr eingeholt. Der Herr Dekan lächelte verlegen, denn was sollte man da schon sagen.
Tags darauf kam ein Möbelpacker. Die wenigen Habseligkeiten gingen mit ins Altersheim. Dann kamen die Zivis von der Caritas, um den Rest ins Übergangswohnheim zu schaffen. Ja, so war es. Falls es irgendwo so war.