26.03.2017

Kontexte 06.01.2008


»Wir haben seinen Stern gesehen ...«

Aus: Franz Kamphaus, Gott beim Wort nehmen. Zeitansagen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.


Lang ist's her

Sie hatten seinen Stern gesehen, die drei. Doch das war lange her. Sie hatten seinen Stern gesehen ... Der hatte sie vom Stuhl gerissen und aus den Matratzen. Aufbruch im Morgengrauen des Lebens. Sie hatten sich auf den Weg gemacht. Doch den hatten sie sich ganz anders vorgestellt: gradliniger, einfacher, klarer und zielstrebiger, nicht über Autun oder Limburg, sondern direkte Luftlinie nach Bethlehem. Und nun liegen sie da am Boden und schlafen, alle unter einer Decke, damit sie nicht frieren - ohne Heizung.

Man kann ja auch wirklich müde werden und verzweifeln. Ständig kam etwas dazwischen: Päpstliche Instruktionen, Verordnungen im Amtsblatt, Skandal unter den Getreuen ... Von den immer gleichen Problemen gar nicht zu reden: Die Leute sind stur, kapieren's nicht, wollen ewig alles beim Alten lassen ... Und dann ging auch noch das Geld aus.

Sie hatten einen Stern gesehen. Doch das war lange her. Und der eine war müde geworden, und der andere war frustriert, und der Dritte war einfach sauer und wütend zugleich. Und alle drei hatten sie Blasen an den Füßen und waren lahm geworden. Die Jüngsten waren sie ja schließlich auch nicht mehr. Sie gingen weiter, weil sie halt mal gegangen waren, der Macht der Gewohnheit folgend, nicht dem eigenen Triebe. Die Vision des Aufbruchs war längst auf der Strecke geblieben.

Sie hatten einen Stern gesehen. Aber darüber redeten sie schon lange nicht mehr miteinander; es wäre ihnen fast peinlich gewesen, das Gespräch darüber war versickert. Andere Themen hatten sich aufgedrängt: Wer und was sich alles bei den anderen ändern müsste; wo man wirklich sparen könnte, und was einem alles nicht passt, überhaupt und so.

So kam es, dass sie irgendwann alle drei unter einer Decke steckten auf einer bequemen Matratze, irgendwo in Frankreich. Burgund ist das schlechteste nicht - der Wein, der Käse ... Da kann man's zunächst einmal aushalten. Bitte nicht stören!

Der störende Engel

Wenn da nicht dieser Engel wäre, der die Schlafenden energisch anstupst. Er zeigt auf den Stern. Entschuldigt, sagt er, wenn ich störe, da war doch noch etwas. Da war doch ein Stern, erinnert euch, der hatte euch nicht in Ruhe gelassen. Der hatte euch vom Stuhl gerissen und aus den Matratzen. Ihr wolltet nicht einfach so weitermachen ...

Ja, ja, schon gut, sagt der eine unter der Decke und macht nicht mal die Augen auf. Stern, Engel - da kann ja jeder kommen. Er dreht sich um und schläft weiter.

Lass mich in Ruhe mit dem Stern, sagt der andere unter der Decke. Ich bin in meinem Leben schon vielen nachgelaufen. Ich habe schon so viele Aufbrüche zusammenbrechen gesehen, von kirchlichen Ordnungen und Instruktionen ausgebremst. Verschone mich mit solchen Sternen. Ich hab meine Decke, basta!

Einer von den dreien hat die Augen aufgemacht. Nicht dass er den Stern noch im Blick hätte. Er schaut in eine ganz andere Richtung. Aber die Augen hat er immerhin aufgeschlagen. Der Engel stupst ihn an: Schau mal, der Stern! Du brauchst bloß den Kopf zu drehen, umzukehren. Ganz nah ist er bei dir, der Stern. - Die drei bleiben liegen ...

Mensch Engel, was nun? Was willst du jetzt tun? Ziehst du den dreien die warme Decke weg? Sie werden dich zum Teufel wünschen und sich endgültig in die Ofenecke verkriechen. Mensch Engel, überleg's dir.

Noch ist nicht aller Tage Abend

Es gab einmal den Tag, da haben wir seinen Stern gesehen. Es gab einmal den Tag, da hat's uns von den Stühlen gerissen und wir sind aufgebrochen. Und schließlich sind wir immer noch dabei, wie auch immer. Mag sein, dass wir uns zur Ruhe gesetzt oder gelegt haben und denken: Sternzeiten, das war einmal, das ist lange her. Aber noch sind - hoffentlich - die Augen offen, und irgendwie, lahm oder angeschlagen, sind wir immer noch auf dem Weg. Innen drin, ganz tief im Herzen ahnen wir vielleicht, dass der Stern uns gar nicht so fern ist. Wenn uns doch nur ein Engel anstupsen würde: Schau her, mach die Augen auf! Kehr dich um! Dein Stern, ganz nah, ganz nah ...

Von den drei Magiern heißt es im Evangelium, dass sie auf dem Weg geblieben sind. Mehr noch: Sie haben sich nicht einmal im Palast des Herodes länger aufhalten lassen, obwohl es dort molligere Polster und Decken gab als in Autun. Und schließlich sind sie noch rechtzeitig angekommen in Bethlehem, alle drei. Alle Achtung!

Noch ist nicht aller Tage Abend - das neue Jahr fängt gerade erst an. Und - man soll die Hoffnung nicht aufgeben, mit der Kirche nicht, mit unserer Gemeinde nicht, und nicht - jeder und jede hier - mit sich selbst.



Unsere Sehnsucht weitertragen

Aus: Pierre Stutz, Weihnachten - unserer Sehnsucht folgen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2001.


Folge dem Stern
traue deiner Intuition
die dich entschiedener werden lässt´

Folge dem Stern
der dich zusammenführt mit andern
die die Menschenfreundlichkeit Gottes
in allen Dimensionen des Lebens suchen

Folge dem Stern
der deine dunklen Seiten erhellt
im wohlwollenden Blick der Verwandlung

Folge dem Stern
der Menschen verschiedener Kulturen
zur Begegnung beim Essen und Trinken führt

Folge dem Stern
der deinen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit
weiterträgt in dein soziales Engagement

Folge dem Stern
der dich an deine königliche Würde erinnert
sie entlastet dich davon
dir und anderen etwas beweisen zu müssen:
du darfst sein wie du bist



Heil als Wellness

Aus: Ludger Schulte, Gott suchen - Mensch werden. Vom Mehrwert des Christseins. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.


»Die >Erlebnisreligion< gehört zur Gegenwart - ob ihr auch die Zukunft gehört, ist fraglich«, so formuliert es Joachim Höhn. Sie ist letztlich eine religionsfreudige Gottlosigkeit. Sie hat sich nur selbst zum Ziel. Sie ist in nicht wenigen Fällen Selbstumkreisung und Selbstbespiegelung.

An manchen Orten ist diese »Erlebnisreligion« in die Kirche eingezogen. »Fort von den nur behauptenden Sätzen der Dogmen und der Moral, fort von der Gedankenschwere und der Kopflastigkeit, hin zur Erfahrung Gottes!« Das mag nicht gleich falsch sein. Dogma und moralisches Gebot finden nur dann Gehör, wenn sie in persönlichen Erfahrungen die Gewissheit von der lebensermöglichenden Wahrheit des Evangeliums »aus erster Hand« vermitteln. Und es ist Höhn zuzustimmen: »Das Evangelium gibt eben nicht nur zu denken und zu tun. Es gibt vor allem dem Menschen die Möglichkeit, sich und die Welt neu zu sehen und anders zu erfahren.«

Es genügt jedoch nicht, den säkularen Erlebnismarkt um eine christliche Dublette zu bereichern und auf das Motto zu setzen: »The event is the message!« Dass Gott nicht gefunden wird, wo dogmatische Begriffskombinatorik und eine lebensferne Moral regieren, heißt nicht: Gott lässt sich nur dort finden, wo nicht gedacht und nichts beansprucht wird. Unser Maß ist nicht Gottes Maß, Gottes Maß aber ist unser. Nicht jedes starke Gefühl ist bereits vom Heiligen Geist gewirkt und nicht jedes Entspannungsgefühl identisch mit einer Erlösungsgewissheit. Oft werden religiöse Einbildungen mit religiösen Widerfahrnissen gleichgesetzt. Einem verkopften Christentum ist nicht damit gedient, dass seine Vertreter plötzlich kopflos agieren und den Glauben zur reinen Erlebnis- und Gefühlssache erklären. Gott geht weder im Denken noch in Erlebnissen auf.

Umso wichtiger ist die Frage: Welchen Gott suchen wir eigentlich? Suchen wir am Ende nur uns selbst? Suchen wir einen Fitnesstrainer? Ist Gott lediglich unser Beglücker? »Nur wer Gottes Anspruch als Einspruch gegenüber den eigenen Bedürfnissen und Interessen gelten lässt, glaubt wirklich« (Franz Kamphaus). Glaube ist mehr als unsere hinausprojizierte Wunschvorstellung vom geglückten Leben.

Es stimmt, Gott wärmt, aber ist er denn eine Wärmflasche? Lässt er sich funktionalisieren? Suchen wir am Ende das Religiöse - ja sogar Gott - nur, um bei uns selbst anzukommen? Gott, unser Selbstverstärker? Suchen wir einen Wohlfühl-Gott oder den Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks, den Gott Jesu? »Erlösung durch Diät, Heil verstanden als Wellness flachen die Mächtigkeit des biblischen Gottes ab. Das >Rufen und Schluchzen< des Menschen nach Gott, wie es Hildegard von Bingen nannte, ist ersetzt durch Selbststeigerung.«

Der Mensch muss über sich hinaus, weit, sehr weit, noch über die Dinge hinweg, über den noch so geliebten Menschen, er muss über sich hinaus, ja sogar über diese Welt. Soweit er auf Gott zugeht, kommt er sich entgegen, anders aber, als er denkt. Wer mit Gott zu tun bekommt, dem vergeht Hören und Sehen, um zugleich neu Hören und Sehen zu lernen.

Auch Christen stehen immer wieder vor der Frage: Reduziert sich unser Christsein nur auf ein Gefühlsdoping? Ist der Glaube lediglich der ästhetische Rahmen für erhabene Weihestunden? Wir müssen also fragen: Wellness oder Gott-Suche?



Wie die drei Weisen ihre Weisheit verloren und fanden

Aus: Werner Reiser, Der verhaftete Friedensengel. Kritische Legenden. GTB, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997.


In einer Stadt im Morgenland lebten drei hochangesehene Männer. Sie waren beim König und beim Volk gleichermaßen beliebt und wurden die Zierde des Landes genannt. Jeder von ihnen hatte eine besondere Gabe.

Der eine war berühmt wegen seiner weisen Worte, weshalb er auch »Der Weise« genannt wurde. Wenn er zu sprechen anfing, verstummten alle und hörten ihm gebannt zu. Was er sagte, hatte Gewicht, denn es war voller Wahrheit und Leben. Es war, wie wenn er allen Dingen und Erscheinungen Sinn und Bedeutung abgelauscht und in seine Worte gefaßt hätte. Auch forschte er in den alten und neuen Schriften und suchte nach Zusammenhängen und streute sein Wissen wie Edelsteine unter die Menschen. Er hatte alles wohl durchdacht und wußte auf alle Fragen eine Antwort. Abgesandte ferner Länder kamen zu ihm, unterhielten sich mit ihm und baten ihn um Rat. Und sein Rat wurde mit Gold aufgewogen.

Der Zweite war berühmt wegen seiner Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen. Er wurde »Der Seher« genannt. Zu ihm kam, wer eine Reise unternehmen, ein Geschäft abschließen oder eine Familie gründen wollte. Er war einst Priester gewesen und beherrschte alle Techniken der Opferschau. Er kannte die Stellung und den Einfluß der Sterne, las in den Händen der Menschen und konnte ihr Schicksal voraussagen. Viele brachten ihm Geschenke, aber er ließ sich bei seiner Schau von ihnen nicht beirren und offenbarte nur, was ihm gezeigt worden war. Wenn er stumm vor sich niederblickte, wußte jeder, der ihn fragen wollte, daß ihm das Schicksal gefährlich war. Wenn er aufblickte, wußte man, daß einem das Schicksal wohlgesinnt war.

Der Dritte war von ganz anderer Art. Ihn nannte man »Der Große«. Er kannte alle Sitten und Bräuche und wußte, wie man sich jederzeit zu verhalten hatte. An ihn wandte man sich, wenn man Zugang zum König oder zu einer wichtigen Stelle begehrte. Er war mit allen Anreden und Titeln vertraut, kannte die Schwächen der Eitlen und Mächtigen und verstand sie für seine Dienste und Ratschläge auszunützen. Er kannte die geschriebenen Gesetze und die ungeschriebenen Spielregeln der Gesellschaft. Er äußerte sich gepflegt, war stets reich gekleidet und bewegte sich vornehm und gewichtig. Man respektierte ihn mehr, als daß man ihn liebte, denn man war auf ihn angewiesen. Viele verdankten ihm ihre Stellung und vergaßen ihn bei ihrem Erfolg nicht.

So lebten und wirkten die drei Männer in derselben Stadt und wurden von Hoch und Niedrig geehrt und bewundert. Alle schätzten sich glücklich, von ihren Fähigkeiten zehren zu können. Auch galt es als ein Zeichen besonderen Glücks, daß keiner der drei Begabten auf den andern neidisch war, vielmehr jeder sich an der Gabe des andern freute. Wenn sonst auch jeder seinen eigenen Weg ging, wurden sie doch in schwierigen Zeiten gemeinsam zum König gerufen und berieten miteinander zum besten des Landes und des Volkes.

So war und blieb es, bis der große Stern am Himmel aufleuchtete.

Der Seher sah ihn zuerst. Er war überrascht, denn er hatte ihn nicht vorausgesehen. Plötzlich war er aus der unermeßlichen Tiefe des Himmels aufgetaucht und stand da. Dem Seher wurde aber sofort klar, daß der Stern etwas Besonderes bedeutete. Uralte Weissagungen früherer Seher kamen ihm jetzt in den Sinn. Sie hatten verkündet, daß das Aufleuchten eines solchen Sternes die Geburt eines Königs anzeigen werde, welcher der Welt Heil und Frieden bringen würde. Der Seher teilte den zwei andern seine Entdeckung sofort mit, und sie beschlossen, hinzugehen und dem neugeborenen König zu huldigen. Sie ließen sich vom König Urlaub geben und machten sich nach den notwendigen Zurüstungen auf die Reise. Sie sahen verwundert, daß ihnen der Stern voranging und den Weg zeigte. So gelangten sie nach vielen Wochen nach Jerusalem. Nach einer befremdlichen Begegnung mit dem dortigen König und seinen Gelehrten zogen sie weiter dem Stern nach, bis er über dem Orte stillstand, wo das Kindlein war. Da wurden sie sehr hoch erfreut und traten auf das Haus zu. Zuvorderst ging der Große, da er am besten wußte, wie man sich einem neugeborenen König zu nähern hatte. Ihm folgten der Seher und der Weise.

Groß und breit wollte der Große die Hütte betreten. Aber die Türe war so niedrig und schmal, daß er sich bücken und seinen prächtigen Mantel eng um sich schließen mußte, um nirgends hängen zu bleiben. Als er endlich drinnen war, schaute er verblüfft umher. In einer Krippe lag ein Kind, und hinter ihr saßen auf Tüchern am Boden, armselig angezogen, eine Frau und ein Mann. Er blickte sich nach dem Seher um, der eben hereinkam, wie um ihn zu fragen, ob sie auch am rechten Ort wären. Der aber nickte nur und half dem Weisen, hereinzukommen.

Nun standen die drei angesehenen Männer vor dem Kind und seinen Eltern, und der Große schickte sich an, sie nach königlichem Zeremoniell zu begrüßen. Er wollte sich vor der Krippe hin-stellen, die Arme weit ausbreiten und die erhabenen Grußworte sprechen. Aber keines der Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, wollte passen. Und um die Arme auszubreiten, war es nach allen Seiten zu eng, er konnte nur seine Hände vor der Brust zusammen-legen. Auch konnte er sich nicht nach dem königlichen Brauch des Morgenlandes der Länge nach vor der Krippe hinlegen. Es gelang ihm nur, ein Knie zu beugen. Dabei sah er auf einmal, daß die Decke, die auf dem Kind lag, schmal und dünn war. Plötzlich fühlte er das Gewicht seines Mantels. So schwer hatte er noch nie auf ihm gelastet. Er stand auf, zog ihn aus und legte ihn sorgfältig über die Decke. Ihm war, als ob eine große Last von ihm abgefallen wäre und er sich endlich frei bewegen könnte. Er trat zurück, und der Seher trat vor.

Er blickte nachdenklich auf das Kind. Von dessen Stirne leuchtete es, wie wenn sich der große Stern auf ihr niedergelassen hätte, so daß der Seher geblendet die Augen schloß. Als er sie wieder öffnete, sammelte er alle seine Kräfte in seinen Blick, um für das Kind in die Zukunft zu schauen. Er sah viel Licht, immer stärker werdendes Licht, alle Sterne schienen um das Kind zu kreisen. Aber auf einmal schob sich ein schwerer Schatten dazwischen und verschlang alles Licht. Ihm wurde schwarz vor Augen, aber dann wurde es wieder hell, noch heller als zuvor, mit einem Glanz, den er noch nie gesehen hatte, so daß es ihn schmerzte und er abermals die Augen schließen mußte. Hinter den geschlossenen Lidern versuchte er Bilder zu fassen, aber es gelang ihm nicht. Als er die Augen wieder öffnete, verschwamm alles vor ihm. Das Gesicht des Kindes schimmerte wie durch einen Tränenschleier tausendfach und zugleich tausendfach gebrochen. Unendlich viele menschliche Gesichter bildeten eine Wand, die dem Seher keinen Durch-blick in das zukünftige Schicksal dahinter gewährte. Er hob und senkte den Kopf und verstand nichts mehr. Hilflos wich er zurück.

Der Weise trat vor. Er wunderte sich, daß bisher noch kein Wort gefallen war, und fühlte sich verpflichtet, das beängstigende Schweigen zu brechen. Als er auf die Eltern und das Kind blickte, merkte er, daß er für diese Menschen die einfachsten Worte finden müßte. Aber gerade von ihnen fiel ihm nicht eines ein. Da griff er in den Mantel und nahm eine Rolle heraus, in der er alle Weisheit der Welt und seine eigene niedergeschrieben hatte. Er streckte sie dem Vater entgegen und sprach: »In dieser Schriftrolle steht alles, was ein Mensch erkennen kann. Lest dem Knaben daraus vor, wenn er alt genug ist, um zu verstehen. Die Sätze werden ihm helfen, das Leben und die Menschen besser zu verstehen und seinen Weg zu finden. Und er wird weiser sein als viele Menschen seiner Zeit.« Der Vater nahm die Rolle und sprach: »Ich danke dir für deine Gabe. Wir können zwar nicht lesen, aber er wird es vielleicht lernen und deine Worte bewahren.« Und sorgsam legte er die Rolle neben sich auf den Boden.

Der Weise wurde verwirrt, als er die Worte hörte und seine kost-bare Gabe dort liegen sah. Aber er schwieg und nickte nur leise mit dem Kopf. Dann verneigte er sich vor dem Kind und den Eltern, gab den Gefährten ein Zeichen und verließ die Hütte. Der Große sah, daß der Seher noch immer wie verzückt dastand. Er ergriff ihn an der Hand und führte ihn hinaus.

Draußen standen sie lange schweigend beieinander. Der Große begann zuerst zu reden und sagte: »Ich weiß noch immer nicht, ob es der rechte Ort war. Aber daß es das rechte Kind ist, weiß ich bestimmt. Es hat mich ganz glücklich gemacht.« Dabei lachte er und tat einige Schritte, wie wenn er tanzen wollte. Der Seher flüsterte vor sich hin: »Licht, Schatten, Licht, Menschen, Menschen - ich sehe nicht dahinter, ich kann's nicht fassen!« Der Weise stand daneben und schwieg. Endlich öffnete er den Mund und wollte etwas sagen. Aber statt der Worte kamen nur einige heisere Laute heraus. Der Große erschrak, berührte seine Hand und verstand plötzlich, was mit ihm geschehen war. Dann sagte er zum Seher: »Wir müssen so schnell als möglich nach Hause. Führe uns auf dem Weg zurück. Es ist dunkel, und ich kann den Stern nicht sehen.« Der Seher antwortete: »Du kannst den Stern nicht sehen? Er ist beim Kind. Aber meine Augen sind auch dort geblieben. Ich kann nicht mehr sehen.« Betroffen schauten seine Gefährten einander an. Sie nahmen ihn in die Mitte und gingen miteinander in die Nacht hinein.

Sie zogen auf einem andern Weg in ihr Land zurück. Sie mieden die Städte und großen Straßen und wanderten meistens in der Nacht. Sie brauchten viel Zeit, um zu bedenken, was sie erlebt hatten.

Kaum waren sie in der Stadt angekommen, wurden sie zum König geführt, um über den neugeborenen König Bericht zu erstatten. Jeder, der sie in der Stadt und am Hof sah, verwunderte sich über ihre Aufmachung, am meisten jedoch über das schlichte Gebaren des Großen, der den Seher an der Hand hielt, wie wenn er ein Kind wäre, und dabei selber wie ein Kind wirkte. Nachdem sie sich vor dem König kurz verneigt hatten, bat der König den Weisen um Auskunft über das Kind. Der aber zuckte hilflos mit den Schultern und schwieg. Da wandte sich der König an den Seher und fragte ihn, was er vorausgesehen habe. Der Seher antwortete: »Licht, viel Licht mitten in der größten Finsternis und Menschen, viele Menschen in seinem Gesicht. Mehr konnte ich nicht sehen.«

Der König schaute befremdet auf den Großen, der lächelnd dastand und herumblickte, als ob ihm nichts ernst und ehrwürdig wäre, und fragte ihn, was mit ihnen geschehen sei. Da erzählte er, was sie beim Kind in der Krippe erlebt und dabei gefunden und verloren hatten. Der König entgegnete unwillig: »Der Stern hat euch in die Irre geführt. Eure Reise zu diesem Krippenkönig hat allen nur Schaden gebracht. Ihr seid kindisch, blind und stumm geworden. Geht, ich kann euch in meinem Dienst nicht mehr brauchen!« Da verließen sie den Hof und gingen, jeder an seinen Ort.

Bald wußte jeder in der Stadt, was geschehen war. Die einen empfanden Mitleid mit den Gestürzten, andere spotteten über sie. Es ging nicht lange, und sie wurden nach den Worten des Königs »Der Stumme«, »Der Blinde« und »Der Kindische« genannt. Alle klugen und vornehmen Leute mieden sie und kannten sie nicht mehr, wenn sie ihnen zufällig begegneten.
Aber nach einiger Zeit merkten die Menschen, die in ihrer Nähe lebten, daß um sie etwas Neues war. Der Stumme hatte für jeden Zeit, der zu ihm kam. Er verbreitete Ruhe um sich, und wer bei ihm war, spürte sie und wurde bald selber von ihr umfangen. Ihm konnte man alles anvertrauen und wußte es bei ihm gut aufgehoben. Sein stilles Zuhören und leises Verstehen vermochten, daß jeder vor ihm im eigenen Herzen zu suchen begann und Antwort fand. Und wer sie nicht fand, ging weg und wußte doch, daß jemand ihn still und wissend begleitete.

Auch der Blinde konnte gut zuhören. Er ließ die Menschen ihr bisheriges Schicksal erzählen, lauschte auf den Klang ihrer Stimme und vernahm, weil er mit dem Herzen zuhörte, Verborgenes und Tiefes. Dabei tastete er nach oben zu ihrem Gesicht und nach unten zu ihren Händen, um sie zu streicheln und ihnen wohlzutun. Keinem sagte er etwas voraus. Er sagte nur: »Es gibt ein Kind auf der Welt, das auch für deine dunklen Tage und Wege genug Licht hat. Sorge dich nicht!« Und voller Zuversicht gingen die Menschen von ihm weg.

Der Kindische ging viel unter die Leute. Er lachte und spaßte und sang mit ihnen, um sie zu erheitern. Am liebsten spielte er mit den Kindern und half ihnen, ihre Ängste und Unsicherheiten zu überwinden. Sooft es ging, zog er auch die Erwachsenen ins Spiel ein und ermutigte sie, alles Gespreizte, Wichtigtuerische und die Angst voreinander abzulegen und wieder kindlich und einfach zu werden. Wenn man ihn nach dem Sinn seines Benehmens fragte, sagte er nur: »Wir müssen doch Kinder werden, um groß zu sein - hat mir der König in der Krippe gesagt.«

So geschah es, daß in einer Stadt im Morgenland drei hochangesehene Männer ihre überkommene Weisheit verloren und eine fanden, die sie bescheiden und glücklich machte, und daß sie andern halfen, sie auch zu finden.