23.02.2017

Kontexte 13.01.2008


Hinabsteigen in die Menschentiefe und Ausbruch aus der Höhe

Romano Guardini, Der Herr. Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi, Würzburg: Werkbund-Verlag 11., unveränderte Aufl. 1959, S. 27 - 28.


Es wird uns nicht berichtet, wie die Zeit der Verborgenheit im Leben des Herrn zu Ende ging. [ ...]
Wie Jesus zum Jordan kommt, liegt hinter Ihm das tiefe Erfahren der Kindheit und der langen Jahre des "Zunehmens an Alter, Weisheit und Gnade" (Lk 2, 52). Das Bewußtsein der ungeheuren Aufgabe und aus unergründlichen Tiefen aufsteigende Kräfte leben in Ihm - die erste Gebärde aber, die wir von Ihm sehen, und das erste Wort, das Er spricht, sind Demut. Nirgendwo der Anspruch der Ungewöhnlichkeit, der sagt: "Das gilt für andere, nicht für mich!" Er kommt zu Johannes und verlangt die Taufe. Sie verlangen, heißt das Wort des Täufers annehmen und sich als Sünder bekennen; Buße tun und sich dem öffnen, was von Gott her kommen will. So verstehen wir, wie Johannes erschrocken abwehrt. Jesus aber tritt in die Reihe. Er beansprucht keine Ausnahme, sondern stellt sich unter die "Gerechtigkeit", die für alle gilt.

Auf dieses Hinabsteigen in die Menschentiefe antwortet der Ausbruch aus der Höhe. Die Himmel öffnen sich. Die Schranke, die den allgegenwärtigen Gott in seinem Himmel, seinem seligen Bei-sich-Sein, von uns absperrt - nämlich der Mensch selbst in seiner gefallenen Geschöpflichkeit, und daß er die Welt mit sich gerissen hat, und sie nun "der Vergänglichkeit unterworfen ist" (Röm 8,20) - diese Schranke tut sich auf. Ein unendliches Begegnen geschieht. Dem Menschenherzen Jesu strömt die offene Fülle des Vaters entgegen. "Während Er betet", geschieht es, sagt Lukas, und scheint damit anzudeuten, daß es ein innerer Vorgang ist (3,21). Wohl wirklich; wirklicher als alle greifbaren Dinge ringsumher; aber innerlich, "im Geiste". [ ...]
           
Die Macht des Geistes kommt über Jesus, und in das überschwengliche Begegnen, in die Gottesfülle des Augenblicks tönt das Wort des väterlichen Liebe, das bei Lukas als Anrede steht: "Du bist mein geliebter Sohn; an Dir habe ich mein Wohlgefallen!" (Lk 3, 22) Und so, "des Heiligen Geistes voll, verläßt Jesus den Jordan und wandert im Geiste in die Wüste"(Lk 4,1).



Christ, unser Herr

Martin Luther (1541) in EG 202


Ein geistlich Lied von unsre heiligen Taufe, darin fein kurz gefasset: Was sie sei? Wer sie gestiftet habe? Was sie uns nützt? usw.

Christ, unser Herr, zum Jordan kam
Nach seines Vaters Willen,
Von Sankt Johannes die Taufe nahm,
Sein Werk und Amt zurfüllen.
Da wollt er stiften uns ein Bad,
Zu waschen uns von Sünden,
Ersäufen uns den bittern Tod
Durch sein selbst Blut und Wunden.
Es galt ein neues Leben.

So hört und merket alle wohl,
Was Gott heißt selbst die Taufe,
Und was ein Christen glauben soll,
Zu meiden Ketzerhaufen.
Gott spricht und will, daß Wasser sei,
Doch nicht allein schlecht Wasser,
Sein heilges Wort ist auch dabei
Mit Geist ohn Maßen, reichen
Der ist allhie der Taufer.

Solchs hat er uns beweiset klar
Mit Bildern und mit Worten.
Des Vaters Stimm man offenbar
Daselbst am Jordan horte.
Er sprach: Das ist mein lieber Sohn,
An dem hab ich Gefallen,
Den will ich euch befohlen han,
Daß ihr ihn höret alle
Und folget seinen Lehren.

Auch Gottes Sohn hie selber steht
In seiner zarten Menschheit.
Der heilig Geist hernieder fährt,
In Taubenbild verkleidet.
Das wir nicht sollen zweifeln dran,
Wenn wir getaufet werden:
All drei Personen getaufet han,
Damit bei uns auf Erden
Zu wohnen sich ergeben.

Sein Jünger heißt der Herre Christ:
Geht hin, all Welt zu lehren,
Daß sie verlorn in Sünden ist,
Sich soll zur Buße kehren.
Wer glaubet und sich taufen läßt,
Soll dadurch selig werden,
Ein neugeborner Mensch er heißt,
Der nicht mehr könne sterben,
Das Himmelreich soll erben.

Wer nicht glaubt dieser großen Gnad,
Der bleibt in seinen Sünden
Und ist verdammt zum ewigen Tod
Tief in der Höllen Grunde.
Nicht hilft sein eigen Heiligkeit,
All sein Tun ist verloren,
Die Erbsünd machts zur Nichtigkeit,
Darin er ist geboren,
Vermag ihm selbst nichts helfen.

Das Aug allein das Wasser sieht,
Wie Menschen Wasser gießen,
Der Glaub im Geist die Kraft versteht
Des Blutes Jesu Christi.
Und ist vor ihm ein rote Flut
Von Christi Blut gefärbet,
Die allen Schaden heilen tut,
Von Adam her geerbet.
Auch von uns selbst gegangen.



Gottes Namen

Jochen Klepper (1941), EG 208


Gott Vater, du hast deinen Namen
In deinem lieben Sohn verklärt
Und uns, so oft wir zu dir kamen,
die Vatergnade neu gewährt.

So rufe dieses Kind mit Namen,
das nun nach deinem Sohne heißt.
Wir glauben, du Dreiein’ger! Amen!
Zum Wasser gabst du Wort und Geist.

Erhalte uns bei deinem Namen!
Dein Sohn hat es für uns erfleht.
Geist, Wort und Wasser mach zum Samen
der Frucht des Heils, die nie vergeht



Lebens Licht

Nach Johann Jakob Rambach (1729) von Detlev Block (1990), EG 593


Mein Schöpfer, steh mir bei, sei meines Lebens Licht
Und führe mich zum Ziel, wie es dein Wort verspricht.
Lass mich Vertrauen fassen, auf dich mich zu verlassen.
Ich möchte dir gehören und deinen Namen ehren.
Mit dir zu leben, mach mich frei, mein Schöpfer steh mir bei.

Mein Heiland, segne mich / und nimm mich gnädig an, /
dass ich mit dir vereint / im Glauben wachsen kann. /
Lass mich dein Wort bewahren / und vor dem Kreuz erfahren, /
Dass ich von Schuld und Sünde / bei dir Erlösung finde. /
Wer bin ich Arme/r ohne dich, / mein Heiland, segne mich.

Mein Tröster, gib mir Kraft, / mach mich erwartungsvoll /
und hilf mir zu bestehen, wo ich bestehen soll. /
Mein Denken, Tun und Sagen / lass mich auf Christus wagen, /
Dass ich mich mutig übe / in wahrer Menschenliebe. /
Du bist, der alles Gute schafft, / mein Tröster, gib mir Kraft.

Gott Vater, Sohn und Geist, / du liebst mich, wie ich bin. /
Schenk diese Zuversicht / mir tief in Herz und Sinn. /
Erwähle und behüte / mich ganz durch deine Güte, /
so will ich dir mein Leben / auch ganz zum Lobpreis geben. /
Erfüll an mir, was du verheißt, / Gott Vater, Sohn und Geist.



Anfänge des Verstehens

Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, DBW 8, Gütersloh 1998


Dietrich Bonhoeffer schrieb anlässlich der Taufe an sein Patenkind im Mai 1944:
"Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen, und der Taufbefehl Jesu Christi wird an Dir vollzogen, ohne dass Du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen... Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen..."

Dietrich Bonhoeffer schließt seinen Brief mit dem Wunsch, dass sein Patenkind zu den Menschen gehören möchte, "die beten und das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten", und dass es von ihm einmal heißt: "Des Gerechten Pfad glänzt wie das Licht, das immer heller leuchtet bis auf den vollen Tag" (Sprüche 4, 18).



Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

Reformierte Liturgie


Gott, wir sehnen uns danach,
dass du Recht schaffst in unserer Welt,
deren Ungerechtigkeit zum Himmel schreit.
Wir fühlen uns oft so ohnmächtig
gegenüber all dem Furchtbaren,
von dem wir hören.

Gott, wir ersehnen deine Gerechtigkeit
und fürchten doch auch dein Gericht.
Denn du lässt dich nicht täuschen
durch die schönen Fassaden,
hinter denen wir uns so oft verbergen.
Du lässt dich nicht beschwichtigen
von der gängigen Ausrede,
wir könnten schließlich nichts machen.
Du weißt, was wir anderen Menschen schuldig bleiben
und wie viel Böses auch von uns ausgeht.

Barmherziger Gott, sei uns ein gnädiger Richter
und hilf uns, entschieden und tapfer zu werden
im Tun deines Willens.
Amen.



Überfließende Himmel

Rainer Maria Rilke Aus den Gedichten an die Nacht http://www.textlog.de/22450.html


Überfließende Himmel verschwendeter Sterne
prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen,
weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon,
an dem endenden Antlitz,
um sich greifend, beginnt der hin-
reißende Weltraum. Wer unterbricht,
wenn du dort hin drängst,
die Strömung? Keiner. Es sei denn,
daß du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung
jener Gestirne nach dir. Atme.
Atme das Dunkel der Erde und wieder
aufschau! Wieder. Leicht und gesichtlos,
lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste
nachtenthaltne Gesicht gibt dem deinigen Raum.