24.04.2017

Kontexte 25.12.2011


Die biblische Botschaft vom Frieden ist jederzeit zugleich schwach und stark

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In die biblischen Texte, die über das Weihnachtsmysterium sprechen, sind große Worte wie Freude und Friede eingewoben. Sie bezeichnen etwas, was jeder Mensch und jede menschliche Gemeinschaft dringend braucht, gleichviel ob sie es wissen und wollen oder nicht.

"Frieden - du großes Augenlid - das alle Unruhe verschließt - mit deinem himmlischen Wimpernkranz - Du leiseste aller Geburten". Mit diesen Zeilen endet ein Gedicht von Nelly Sachs, einer der größten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts, der auch der Nobelpreis für Literatur verliehen worden ist. Dieses Gedicht, ich halte es für das schönste, das Nelly Sachs verfasst hat, hat viel mit Weihnachten zu tun. Es beginnt mit den Worten "Einer wird den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen." Dieser Eine ist offenbar eine Messiasgestalt. Die Schriften des Alten Testaments reden mit vielen einander ergänzenden Worten und Bildern vom Messias, den das Volk des Alten Bundes erwartet hat und heute noch erwartet. Er wird vor allem als Friedenskönig vorgestellt und Isaias redet auf bewegende Weise von seiner Geburt als Aufgang eines großen Lichtes:

Das Volk, das in Finsternis wandelt, erschaut ein gewaltiges Licht. Über den Bewohnern eines finsteren Landes strahlt ein Lichtglanz hell auf.
Reichen Jubel schenkst du, schaffst große Freude. Man freut sich vor dir, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt beim Teilen der Beute.
Denn das Joch seiner Last, den Stab auf seiner Schulter, den Stock seines Zwingherren zerbrichst du wie am Tage von Midian.
Ja, jeder Soldatenstiefel, der polternd einherstampft, jeder Mantel, im Blute geschleift, wird verbrannt und im Feuer verzehrt!
Denn ein Kind wird uns geboren, ein Sohn wird uns geschenkt, auf dessen Schulter die Herrschaft ruht. Man nennt ihn: Wunderrat, Gottheld, Ewigvater, Friedensfürst.
Groß ist die Herrschaft, und der Friede ist endlos auf Davids Thron und in seinem Reich; er errichtet und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Der Eifer des Herrn der Heerscharen wird dies vollbringen!

Dieser Isaiastext ist eine von den großen Friedensbotschaften der Bibel. Sie wird fortgesetzt durch die Weihnachtsevangelien des Neuen Testaments.

Diese biblische Botschaft vom Frieden ist jederzeit zugleich schwach und stark. Sie wird auch am diesjährigen Weihnachtsfest in eine Welt hineingesprochen, die geprägt ist durch große Konflikte, in Gestalt von Terror und Krieg, durch Elend in großen Teilen Afrikas und Lateinamerikas und durch friedensgefährdende weil auf Unrecht basierende Politik. Zu diesem Unfrieden in der großen Welt kommt der Unfriede in vielen kleineren Gemeinschaften und im Herzen vieler Menschen, die unversöhnt sind mit anderen und mit sich selbst, und in all dem und über all das hinaus unversöhnt mit Gott.

"Einer wird kommen und den Ball aus der Hand der furchtbar Spielenden nehmen", sagt das scheinbar wehrlose Gedicht von Nelly Sachs angesichts dieser vielgestaltigen Friedlosigkeit. Der Ball, von dem hier gesprochen wird, ist unsere Erde, unsere Menschenwelt. Die sehr Mächtigen können mit ihr spielen und sie haben es im 20. Jahrhundert oft getan. Das Kind von Bethlehem hat als Mann von Nazareth und als gekreuzigter und auferstandener Christus diese gefährlich Spielenden nicht entwaffnet. Sie spielen immer noch und werden weiterspielen. Das Kind von Bethlehem hat aber als Mann von Nazareth die Herz und Mund öffnende Bergpredigt verkündet, eine Friedensbotschaft, die zugleich schwach und stark ist, wie ein Kind. Jedes Kind ist schwach, weil wehrlos. Und zugleich ist ein solches Kind stark durch seine Liebenswürdigkeit, durch seinen Charme. Wie ein Sauerteig wirkt daher der Friede Christi inmitten der Menschheit und ihrer Geschichte; sanft und meistens leise, aber nicht wirkungslos. Und manchmal stehen Friedensboten im Namen Christi auch auf und reden mit prophetischer Schelte laut, dröhnend gegen das vielgestaltige Unrecht, das Böse. Öfter gilt freilich das Isaiaswort über den Frieden stiftenden Knecht Gottes als einen, dessen Stimme man auf den Gassen und heute in vielen Massenmedien nicht hören kann. Aber seine Stimme ist da, sie ist da im Gewissen vieler, freilich im Ganzen viel zu weniger Menschen. Und sie führt auch zur Tat. Sie weist Wege, sie heilt und sie baut Brücken von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Gott.

Das Evangelium der dritten Weihnachtsmesse, das wir vorhin gehört haben, redet von Christus als dem im Kind von Bethlehem in Welt und Geschichte eingetretenen ewigen Wort und Sohn Gottes, als Licht der Welt. Viele verweigern sich auch heute diesem Licht. Viele führen Krieg gegen dieses Licht. Aber, sagt das Evangelium- der Johannesprolog-, das Licht war schließlich stärker. Der Saldo der Weltgeschichte wird ein positiver sein.

Dieses Licht, liebe hier versammelte Christen, Brüder und Schwestern will auch in uns und durch uns und leuchten. Wo dies geschieht, da mehren sich der Friede und die Freude. Beides wünschen wir einander für heute und für alle Tage des kommenden Jahres.



Du leiseste aller Geburten

Nelly Sachs, Gedichte


EINER

wird den Ball
aus der Hand der furchtbar
Spielenden nehmen.

Sterne
haben ihr eigenes Feuergesetz
und ihre Fruchtbarkeit
ist das Licht
und Schnitter und Ernteleute
sind nicht von hier.

Weit draußen
sind ihre Speicher gelagert
auch Stroh
hat einen Augenblick Leuchtkraft
bemalt Einsamkeit.

Einer wird kommen
und ihnen das Grün der Frühlingsknospe
an den Gebetsmantel nähen
und als Zeichen gesetzt
an die Stirn des Jahrhunderts
die Seidenlocke des Kindes.

Hier ist
Amen zu sagen
diese Krönung der Worte die
ins Verborgene zieht
und
Frieden
du großes Augenlid
das alle Unruhe verschließt
mit deinem himmlischen Wimpernkranz

Du leiseste aller Geburten.



Jesus Christus - du Wort des Lebens

Stephan Wisse in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill (Hrsg.), Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag HOHE GmbH, Erfstadt 2007.


Herr Jesus Christus.
Du bist das ewige Wort des Vaters.

Du bist das Wort,
das mir Bruder geworden ist.

Du bist das Wort,
in dem Gott sich mir zuspricht.

Du bist das Wort,
in dem ich - hörend -
Gott aufnehme in mich.

Du bist das Wort,
das mich mit dir verbindet.

Du bist das Wort,
durch das ich nie mehr allein bin,
selbst wenn keiner sonst zu mir sprich

Du bist das Wort,
das sich mir zumutet
und mir zugleich Mut gibt.

Du bist das Wort,
das mir Kraft gibt
und mich ermächtigt.

Du bist das Wort,
das mir verzeiht
und mich frei macht.

Du bist das Wort,
durch das ich bin,
was ich bin.

Ohne dich,
ewiges und menschgewordenes Wort,
wäre ich nichts.

Ich danke dir,
dass ich dich hören
und dadurch leben darf.

Amen.