18.08.2017

Kontexte 26.12.2011


Kein Gott für böse Tage

Aus: Peter Paul Kasper, Glaube auf eigenen Gefahr.


Wir haben einen Gott für böse Tage. Wir sagen: "Wenn die Not am höchsten, ist Gott am nächsten." Und zwischendurch, wenn's uns gut geht, brauchen wir ihn nicht. Mit skurriler Wehmut erinnern wir uns der gefüllten Kirchen, als die Angst der Bombennächte die Menschen beten lehrte, meinen wehmütig-weise: "Ja, Not lehrt beten." Und seufzen abgeklärt: "Es geht uns halt zu gut!"

Wir tun so, als wäre es echter Glaube gewesen und nicht Angst vorm Krepieren, der unsere Landser in den Schützengräben und die Mütter in den Bunkern beten ließ. Wir vergessen, dass sich der Mensch in seiner Todesangst an alles klammert - selbst an Gott -, wenn nur ein Funke Hoffnung an ein Überleben da ist.

Ja, wir haben einen Gott für böse Tage - und wundern uns, dass er an guten Tagen, oder auch an durchschnittlichen, nicht da ist. Wir haben uns unsern Gott zusammengezimmert und in Angst geboren - und unsere Kinder schrecken wir mit demselben Himmelvater, der alles sieht, der alles hört, der alles weiß, der alles an den Tag bringt, der belohnt und bestraft: der himmlische Superpolizist und Schnellrichter in einem. Und unsere Kinder schrecken sich ein paar kindliche Jahre lang - und dann ist's vorbei mit ihm, dem Himmelvater der bösen Tage.

Wir brauchen einen andern Gott: einen Gott für böse und gute Tage; einen Gott, mit dem man leben kann, einen Gott, mit dem man ebenso wie weinen auch lachen kann, einen Gott, mit dem man ebenso wie hungern auch zu Tisch sitzen kann, nicht einen Gott, vor dem man, sondern einen, mit dem man Angst haben kann.

Wir brauchen einen Gott, dem wir auch etwas zu sagen haben, wenn wir nichts zu bitten haben, einen "Alltags-Gott", keinen "Feiertags-Gott", keinen Gott zum Sterben, sondern einen zum Leben: der wird dann auch beim Sterben uns nicht allein lassen.