20.10.2017

Kontexte 01.01.2012


Neues, Unerhörtes

Aus: Anselm Grün, Einen neuen Anfang feiern, Freiburg 1999.


An Neujahr feiert die Kirche das Fest der Gottesmutter Maria. Die Jungfrau, die ein Kind gebiert, ist das Bild des Neuen und Unverfälschten, das durch Gott in diese Welt eintritt. Gott schafft etwas Neues, das ist die Botschaft von der jungfräulichen Geburt des Messias. Das Neue ist nicht einfach Fortsetzung des Alten, so dass die Skepsis des Buches Kohelet nicht mehr angebracht ist: "Nichts Neues unter der Sonne", heißt es da. Nein, es gibt das Neue. Gott ist der, der immer Neues schafft. Die Bibel bezeichnet mit dem Begriff "kainos = neu" das Heil, das Gott in uns wirkt. "Kainos", das meint das Ungewohnte, Andersartige, Unerwartete, das dem Alten Überlegene, das Wunderbare. Die Griechen kennen noch ein anderes Wort "neos" für neu. Aber da meint es das Neue, das noch jung ist, noch nicht reif. Wenn wir sagen, da ist ein Neuling in der Firma oder der Neue im Verein, dann klingt da meistens mit, dass sie noch unerfahren sind, unreif, dass von ihnen noch nicht viel zu erwarten ist. "Kainos" dagegen hat immer noch einen faszinierenden Klang. Da wir in uns Neues, Unerhörtes möglich.



Ich habe keine Zeit

Aus: Gerhard Bauer, Drei Minuten für die Seele, Impulse für den Start in den Tag, München 2006.


"Ich habe keine Zeit!" Wie oft haben wir mit diesem Wort schon jemandem wehgetan! Wie oft wurden wir selbst durch das Wort von anderen enttäuscht! "Ich habe keine Zeit..." Der Blick in den Terminkalender bestätigt es: Fast alles ist verplant, der Abend, das Wochenende, der Urlaub, ...mein Leben? Das kann es doch wohl nicht sein.

"Ich habe jetzt keine Zeit für dich, weil ich einem anderen versprochen habe, jetzt für ihn da zu sein." Eine solche Aussage verstehe ich. Jeder kann immer nur für einen ganz da sein. Problematisch wird es, wenn (fast) nie Zeit ist, für (fast) nichts und niemand ... Dann haben wir uns offenbar verloren ...

Sag mir, für wen du Zeit hast, und ich sage dir, wer du bist. Zeit gehört zum Kostbarsten, was ich zu geben habe. Sie lässt sich nicht kaufen. Sie ist ein Stück von mir, von meinem Leben. Fragen wir uns: Wofür nehmen wir uns heute Zeit?



1. Januar

Aus: Chiara Lubich, Die große Sehnsucht unserer Zeit, Jahreslesebuch, München 2008.


Es gibt Tage, an denen es besser, und andere, an denen es schlechter geht. Doch manchmal merken wir, dass es gar nicht so sehr auf Erfolg oder Misserfolg ankommt, sondern darauf, wie wir unser Leben gestalten. Und die Frage nach dem Wie ist eine Frage nach der Liebe: Sie allein gibt allem Wert...

Beginnen wir also jeden neuen Tag mit Zuversicht, bei Unwetter oder Sonnenschein. Erinnern wir uns daran: Jeder Tag ist so viel wert, wie wir Gottes Wort in uns aufnehmen. Christus möchte in uns leben ... Er in uns vollbringt die Werke, die uns ins endgültige Leben begleiten (vgl. Offenbarung 14, 13). Erstaunt werden wir feststellen, wie das Wort Gottes, die Wahrheit uns frei macht (vgl. Johannes 8, 32. 36).



Psalm 121

Ulrike Junge in: Mit der Bibel durch das Jahr 2012, Ökumenische Bibelauslegung, Freiburg 2011.


Heute beginnt sie: die Reise ins neue Jahr! Wie mag das Jahr 2012 vor Ihnen liegen? Schauen Sie zuversichtlich auf das, was kommt? Oder türmt sich das neue Jahr sich drohend vor Ihnen auf? Mag sich vielleicht auch manches am Horizont abzeichnen, so ist doch das meiste, was vor Ihnen liegt, ungewiss. Es ist wie vor einer großen Reise. Auch der Psalmbeter schaut mit sorgenvollem Blick auf die Berge, die vor ihm liegen. Die Überschrift des Psalms verrät, dass es sich hierbei um ein Wallfahrtslied handelt. Der Beter macht sich auf die große Pilgerreise zur Gottesstadt. Manches vor einer großen Reise ist geplant und vorhersehbar, aber vieles ereignet sich unvorhergesehen, und jede Reise birgt Gefahren in sich.

Angesichts der drohenden Gefahren stellt sich der Beter die Frage: "Woher kommt mir Hilfe?", und seine Antwort folgt auf dem Fuße: "Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat" (Vers 2). Ich finde es beeindruckend, dass der Psalmist nicht bei der bangen Frage stehen bleibt, sondern zugleich seine Zuversicht auf den setzt, der Himmel und Erde geschaffen hat! Ist das nicht im wahrsten Sinne des Wortes ein guter Vorsatz für das neue Jahr? "Aber", mögen Sie einwenden, "wir wissen ja alle, wie das mit den guten Vorsätzen ist!" In der Regel halten sie nicht so lang, geschweige denn, dass sie durch ein ganzes Jahr durchtragen.

Stimmt, es ist schwer, sich auf der Reise durch das neue Jahr immerzu selbst Mut zusprechen zu wollen. Darum horche ich auf, wenn ich plötzlich den Wandel wahrnehme, der in Vers 3 unseres Psalms vor sich geht. Hat der Beter gerade noch in der ersten Person zu sich selbst gesprochen, so scheint nun eine andere Stimme zu erklingen, die ihm in wunderbaren Bildern ganz praktisch Segensworte für die Reise zuspricht. Und das sind Worte, die tatsächlich Kraft haben, durchzutragen! So lange deine Reise auch dauert, wohin und wodurch sie dich im neuen Jahr auch führen mag, der Hüter Israels wacht über deinen Weg, deinen Eingang und Ausgang, von nun an bis in Ewigkeit.



Die Gottesmutter Maria als Pforte

Robert Widmann in: Christiane Bundschuh Schramm (Hrsg), Du bist gesegnet unter den Frauen, Ostfildern 2003.


Unversehens nimmt der Neujahresempfang andere Dimensionen an. Es geht nicht mehr um den Übergang zwischen zwei Jahren, sondern um die Pforte, die Erde und Himmel verbindet - und das eben nicht in der Umrechnung zwischen kosmischen Lichtjahren und irdischer Lebenszeit, sondern in der Lebensgeschichte dieser Freu namens Maria.

Gott sucht und findet einen Weg zu den Menschen und deshalb können wir die Frau, durch die sein Sohn Mensch geworden ist, einer von uns geworden ist, Gottesmutter nennen.

Wer dieses Wort Gottesmutter mit den Mitteln sprachlicher Logik zerklaubt, der kann tausend Gründe finden, die den Verdacht einer Vergötzung Marias nähren. Wer es aber menschlich findet, der erfährt, am Übergang in eine neue Zeit nicht nur von einer Atomuhr empfangen zu werden oder von einem anonymen Prinzip oder einem absoluten Wesen, sondern von einem Gott, dessen Name lautet: "Ich bin da!" Zu diesem gegenwärtigen Gott kann die Gottesmutter Maria Pforte sein."