26.05.2017

Kontexte 06.01.2012


Der Stein der Weisen

Johannes Scheffler in: Egon Kapellari, Aber Bleibendes stiften die Dichter. Gedanken für den Tag. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2001.


Mensch, geh nur in dich selbst.
Denn nach dem Stein der Weisen
darf man nicht allererst
in fremde Länder reisen.



großer gott klein

Kurt Marti in: Gebete der Dichter. Große Zeugnisse aus 12 Jahrhunderten ausgewählt von Alois Weimer. Patmos Verlag, Düsseldorf 2006.


großer Gott:
uns näher
als haut
oder halsschlagader
kleiner
als herzmuskel
zwerchfell oft:
zu nahe
zu klein -
wozu
dich suchen?

wir:
deine verstecke



Anbetung

Manfred Hausmann in: Gebete der Dichter. Große Zeugnisse aus 12 Jahrhunderten ausgewählt von Alois Weimer. Patmos Verlag, Düsseldorf 2006.


Wir sind mit unsrer Königsmacht
Schwermütig hergeritten.
Es schneite auf uns Tag und Nacht,
Auf Mann und Pferd und Schlitten.

Die Tür geht auf, es summt der Wind,
Wir beugen unsren Rücken,
Da wir die Krippe und das Kind
Im Dämmerlicht erblicken.

Hier ist das Gold, der Weihrauch hier,
Und hier, o Kind, die Myrren.
Du lächelst, und schon fühlen wir,
Wie wir uns ganz verwirren.

Wir haben anders dich geglaubt.
Nun treten wir ins Dunkel
Und heben ab von unserm Haupt
Der Kronen Goldgefunkel.

Das Wissen von der bunten Welt,
Vom Meer und seinen Häfen,
Von Mond und Stern am Himmelszelt,
Wir streifen's von den Schläfen.

Das Ich, das trotzig sich erschuf
Über den andern allen,
Will nun wie ein verlorner Ruf
Im Innersten verhallen.

Wir neigen unsers Alters Gram
Auf deine kleinen Hände.
Und in dem Neigen wundersam
Geht alle Not zu Ende.

Die Pferde draußen schütteln sich
Und klirren mit den Glocken.
Und lautlos fallen Strich an Strich
Darüberhin die Flocken.



Anbetung des Kindes

Josef Weinheber in: Gebete der Dichter. Große Zeugnisse aus 12 Jahrhunderten ausgewählt von Alois Weimer. Patmos Verlag, Düsseldorf 2006.


Als ein behutsam Licht
Stiegst du von Vaters Thron.
Wachse, erlisch uns nicht,
Gotteskind, Menschensohn!

Sanfter, wir brauchen dich.
Dringender war es nie.
Bitten dich inniglich,
Dich und die Magd Marie -

König wir, Bürgersrnann,
Bauer mit Frau und Knecht:
Schau unser Elend an!
Mach uns gerecht!

Gib uns von deiner Gilt
Nicht bloß Gered und Schein!
Öffne das Frostgemüt!
Zeig ihm des andern Pein!

Mach, daß nicht allerwärts
Mensch wider Mensch sich stellt.
Führ das verratne Herz
Hin nach der schönen Welt!

Frieden, ja, ihn gewähr
Denen, die willens sind.
Dein ist die Macht, die Ehr,
Menschensohn, Gotteskind.



Der Stern hat sich nicht geirrt

Klaus Hemmerle in: Manfred Scheuer, Und eine Spur Ewigkeit. Ein geistlicher Begleiter durch das Jahr. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2006.


Der Stern hat sich nicht geirrt,
als er den Fernsten rief aufzubrechen
zum nahen Gott.

Der Stern hat sich nicht geirrt,
als er den Wüstenweg wies,
den untersten, den härtesten Weg.

Der Stern hat sich nicht geirrt,
als er stehenblieb über dem Haus der kleinen Leute;
dort ist die große Zukunft geboren.

Dein Herz hat sich nicht geirrt,
als es sich aufmachte,
den Unbekannten zu suchen.

Dein Herz hat sich nicht geirrt,
als es nicht aufgab
in der sichtlosen Ungeduld.

Dein Herz hat sich nicht geirrt,
als es sich beugte vor dem Kind.



Das Geschenk der heiligen drei Narren

Aus: Weisheit für die Seele. Gute Gedanken für alle Tage. Sonderband 2007, Herausgegeben von Sylvia Müller und Ulrich Sander. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2007.


Nach einer schwedischen Legende

Als die drei Könige den Stern gesehen hatten, zogen sie mit ihrem Gefolge los und erreichten nach vielen Tagen Betlehem. Der Stern war über einem Stall stehen geblieben. Und darin fanden sie ein erschöpft aussehendes Paar mit einem neu geborenen Kind. Die Gefolgsleute standen draußen, nur die Hofnarren lugten durch die Stalltür. Sie beobachteten die gutmütigen Tiere, die etwas verlegenen Eltern und das kleine Kind, das angefangen hatte zu weinen. Die Narren wussten nicht, was sie machen sollten. Da knieten ihre Herren im schmutzigen Stroh und beschenkten ein armes Kleinkind. Das Kind aber weinte und ließ sich auch von seiner Mutter nicht trösten.

Plötzlich wussten die Narren, was zu tun war. Sie gingen in den Stall, schlugen Rad, jonglierten mit Bällen, hüpften mit lustigen Gebärden um die Krippe herum und machten überhaupt allerlei Faxen.

Die Könige mussten lachen. Der Vater musste lachen. Und die Mutter schaute die Narren so voller Dankbarkeit an, dass die es nie vergessen würden. Das Kind hörte auf zu weinen. Es war zwar gerade erst geboren, doch es blickte die Narren mit klaren, wachen Augen an. Da wussten auch die Spaßmacher: Dieses Kind war heilig. Sie fielen auf die Knie, hörten aber nicht auf, Grimassen zu schneiden, bis alle von Heiterkeit erfüllt waren. Und die Augen des Kindes leuchteten so sehr, dass der ganze Raum in einem warmen Licht erstrahlte.

Die Könige wurden später die Heiligen Drei Könige genannt. Ihre Hofnarren haben dem Jesuskind zwar nicht Gold, Weihrauch oder Myrrhe geschenkt. Ihr Geschenk, das Geschenk der heiligen drei Narren, war die Freude.



Auf dem Weg zum nahen Gott

Aus: Manfred Scheuer, Und eine Spur Ewigkeit. Ein geistlicher Begleiter durch das Jahr. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2006.


Weihnachten ist die Bewegung Gottes auf den Menschen hin. Gott kommt in den Stall unserer Trostlosigkeit, er ist ein heruntergekommener Gott. Gott geht selbst auf den Menschen zu. In der Gestalt eines Kindes bittet er um Einlass in unsere Lebenswelt. Weihnachten ist aber auch die andere Bewegung des Menschen auf Gott hin. Es sind die Weisen, die Magier, ob sie nun Könige waren oder nicht (seit dem Mittelalter heißen sie so). Sie, die fern waren, wurden aufgerufen, aufzubrechen, um den nahen Gott zu suchen.
(...)
Die Drei Weisen stellen nach der Tradition die unterschiedlichen Menschheitstypen und Rassen, den damals bekannten Kontinenten entsprechend, dar. Sie nehmen schon zu Beginn vorweg, was uns durch Jesus versprochen ist. Alle Enden der Erde werden schauen das Heil unseres Gottes. Allen Völkern soll die Frohe Botschaft verkündet werden. Vermutlich tun sich andere Völker zur Zeit leichter mit Gott. Die Afrikaner sind selbstverständlich religiös. In Indien wird Gott gesucht, in Lateinamerika auch. Vielleicht sind wir etwas müde geworden. Erscheinung des Herrn, d. h. der Stern ruft auch den Fernsten auf, den nahen Gott zu suchen. Die Menschen täten gut daran, Gott nicht zu behandeln wie einen Fremden vor der Tür. Die Heilige Schrift verweist darauf, dass die Menschenrechte ohne den Rückgang auf die alttestamentliche Botschaft von der Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau und ohne die neutestamentliche Überzeugung der Präsenz des auferstandenen Gekreuzigten in den Geringsten der Brüder und Schwestern nicht vorstellbar sind.

Die Drei Weisen werden in der mittelalterlichen Kunst oft in drei Lebensaltern dargestellt, einer als Jüngling, einer als erwachsener Mann und einer als Greis. Alle drei finden zum Kind und verehren es. - "Ihr Kinderlein kommet", heißt es in einem Weihnachtslied. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann tun sich die Erwachsenen schwerer mit dem Feiern, auch mit dem Beten und mit dem Glauben. Sind die Männer schon ganz auf Distanz oder entdecken sie wieder neue Formen der Spiritualität? Ist Kirche und Religion bei uns Frauensache (gewesen)? Hat das Alltagsgeschäft, haben die Erwachsenen, die Mündigen und Emanzipierten nichts oder wenig mit Gott zu tun? - Der Stern ruft die Fernen auf, aufzubrechen zum nahen Gott. In jeder Lebensphase, in jeder Alterstufe will Gott neu gesucht werden. Kinder haben eine echte Frömmigkeit. Wir brauchen aber auch einen erwachsenen Glauben - und zunehmend: Glauben lernen im Alter.

Die Gaben der Könige, der Weisen, Gold, Weihrauch und Myrrhe, stellen das Kostbare, das Wertvolle, die Licht- und Glanzseiten des Lebens, das Aufsteigende, aber auch das Bittere, das Schmerzliche, das Niederdrückende des Lebens dar. Nach Bethlehem führen die Sternstunden der Schönheit, der Freundschaft, des Gelingens, des Mögens, des Geschmacks, der Freiheit, der Freude, Stunden, in denen sich Sinn, Glück und Annahme bündeln. Zum Kind verweisen Gezeiten der Anteilnahme, der Solidarität, des Spendens, des Teilens, der Besuche, der Caritas, der Betroffenheit. Mitbringen dürfen wir aber auch die Tage der Klage, der Niederlage, der Krankheit, der Trennung, des Fluches. In die Anbetung bündeln sich die freudenreichen Begegnungen und Ereignisse im Dankgebet, aber auch die schmerzhaften Ereignisse und Geheimnisse. Viele tragen in ihrem Herzen Wunden aus der Vergangenheit, die noch nicht geheilt sind. "Kommt, wir kehren zum Herrn zurück! Denn er hat Wunden gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird auch verbinden" (Hos 6,1).



"Wir haben seinen Stern gesehen ..."

Aus: Franz Kamphaus, Gott beim Wort nehmen. Zeitansagen. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2006.


Meditation zu einem Relief im Musée Lapidaire von Autun
(
shambala25.files.wordpress.com/2010/01/autun_dream_of_three_wise_men-cancre-wikimedia-commons.jpg)

Lang ist's her

Sie hatten seinen Stern gesehen, die drei. Doch das war lange her. Sie hatten seinen Stern gesehen ... Der hatte sie vom Stuhl gerissen und aus den Matratzen. Aufbruch im Morgengrauen des Lebens. Sie hatten sich auf den Weg gemacht. Doch den hatten sie sich ganz anders vorgestellt: gradliniger, einfacher, klarer und zielstrebiger, nicht über Autun oder Limburg, sondern direkte Luftlinie nach Bethlehem. Und nun liegen sie da am Boden und schlafen, alle unter einer Decke, damit sie nicht frieren - ohne Heizung.

Man kann ja auch wirklich müde werden und verzweifeln. Ständig kam etwas dazwischen: Päpstliche Instruktionen, Verordnungen im Amtsblatt, Skandal unter den Getreuen ... Von den immer gleichen Problemen gar nicht zu reden: Die Leute sind stur, kapieren's nicht, wollen ewig alles beim Alten lassen ... Und dann ging auch noch das Geld aus.

Sie hatten einen Stern gesehen. Doch das war lange her. Und der eine war müde geworden, und der andere war frustriert, und der Dritte war einfach sauer und wütend zugleich. Und alle drei hatten sie Blasen an den Füßen und waren lahm geworden. Die Jüngsten waren sie ja schließlich auch nicht mehr. Sie gingen weiter, weil sie halt mal gegangen waren, der Macht der Gewohnheit folgend, nicht dem eigenen Triebe. Die Vision des Aufbruchs war längst auf der Strecke geblieben.

Sie hatten einen Stern gesehen. Aber darüber redeten sie schon lange nicht mehr miteinander; es wäre ihnen fast peinlich gewesen, das Gespräch darüber war versickert. Andere Themen hatten sich aufgedrängt: Wer und was sich alles bei den anderen ändern müsste; wo man wirklich sparen könnte, und was einem alles nicht passt, überhaupt und so.

So kam es, dass sie irgendwann alle drei unter einer Decke steckten auf einer bequemen Matratze, irgendwo in Frankreich. Burgund ist das schlechteste nicht - der Wein, der Käse ... Da kann man's zunächst einmal aushalten. Bitte nicht stören!

Der störende Engel

Wenn da nicht dieser Engel wäre, der die Schlafenden energisch anstupst. Er zeigt auf den Stern. Entschuldigt, sagt er, wenn ich störe, da war doch noch etwas. Da war doch ein Stern, erinnert euch, der hatte euch nicht in Ruhe gelassen. Der hatte euch vom Stuhl gerissen und aus den Matratzen. Ihr wolltet nicht einfach so weitermachen ...

Ja, ja, schon gut, sagt der eine unter der Decke und macht nicht mal die Augen auf. Stern, Engel - da kann ja jeder kommen. Er dreht sich um und schläft weiter.

Lass mich in Ruhe mit dem Stern, sagt der andere unter der Decke. Ich bin in meinem Leben schon vielen nachgelaufen. Ich habe schon so viele Aufbrüche zusammenbrechen gesehen, von kirchlichen Ordnungen und Instruktionen ausgebremst. Verschone mich mit solchen Sternen. Ich hab meine Decke, basta!

Einer von den dreien hat die Augen aufgemacht. Nicht dass er den Stern noch im Blick hätte. Er schaut in eine ganz andere Richtung. Aber die Augen hat er immerhin aufgeschlagen. Der Engel stupst ihn an: Schau mal, der Stern! Du brauchst bloß den Kopf zu drehen, umzukehren. Ganz nah ist er bei dir, der Stern. - Die drei bleiben liegen ...

Mensch Engel, was nun? Was willst du jetzt tun? Ziehst du den dreien die warme Decke weg? Sie werden dich zum Teufel wünschen und sich endgültig in die Ofenecke verkriechen. Mensch Engel, überleg's dir.

Noch ist nicht aller Tage Abend

Es gab einmal den Tag, da haben wir seinen Stern gesehen. Es gab einmal den Tag, da hat's uns von den Stühlen gerissen und wir sind aufgebrochen. Und schließlich sind wir immer noch dabei, wie auch immer. Mag sein, dass wir uns zur Ruhe gesetzt oder gelegt haben und denken: Sternzeiten, das war einmal, das ist lange her. Aber noch sind - hoffentlich - die Augen offen, und irgendwie, lahm oder angeschlagen, sind wir immer noch auf dem Weg. Innen drin, ganz tief im Herzen ahnen wir vielleicht, dass der Stern uns gar nicht so fern ist. Wenn uns doch nur ein Engel anstupsen würde: Schau her, mach die Augen auf! Kehr dich um! Dein Stern, ganz nah, ganz nah ...

Von den drei Magiern heißt es im Evangelium, dass sie auf dem Weg geblieben sind. Mehr noch: Sie haben sich nicht einmal im Palast des Herodes länger aufhalten lassen, obwohl es dort molligere Polster und Decken gab als in Autun. Und schließlich sind sie noch rechtzeitig angekommen in Bethlehem, alle drei. Alle Achtung!

Noch ist nicht aller Tage Abend - das neue Jahr fängt gerade erst an. Und - man soll die Hoffnung nicht aufgeben, mit der Kirche nicht, mit unserer Gemeinde nicht, und nicht - jeder und jede hier - mit sich selbst.