27.06.2017

Kontexte 25.12.2012


Gottes Traum

Johannes Bours, Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt, Freiburg 1986.


... Die Menschen träumten Gottes Traum nicht mit. War Gottes Traum ausgeträumt?
Gott wagte noch mehr! Er wagte das Äußerste. Er ging selbst, Mensch unter Menschen, in sein Volk hinein und lebte seinen Traum in einem Menschen, in Jesus von Nazareth. Aller Entwurf Gottes sammelte sich in ihm: Hier war das neue Herz! Die Kraft Gottes ging von ihm aus, wer ihn berührte, wurde heil. Hier war der Keim des Gottesreiches auf Erden. Hier war der Mensch, der ganz Gott vertraute, der ganz mit Gott lebte. An dieser Stelle brach in der düsteren Menschengeschichte der Gewalt das Licht durch, die Dämonen flohen vor ihm.

Die Menschen, besonders die Kleinen, die Armen, spüren es. Sie sammelten sich um ihn am Ufer des galiläischen Meeres. Sie lauschten seinen Worten, in denen er die Grundsätze des Gottesreiches verkündete, den Traum Gottes wie sein Volk mitten unter den Völkern und für die Völker leben sollte: "Selig, die keine Gewalt anwenden; selig, die Frieden stiften, selig, die Barmherzigen..." Wenn ihr von Gott geliebt seid, so verkündete er, unendlich geliebt, habt ihr dann nicht alles? Wenn ihr Söhne und Töchter Gottes seid, seine Geliebten, was kann euch da noch fehlen? Was müsst ihr dann noch krampfhaft festhalten? Wenn ihr den Schatz im Acker gefunden habt, wenn ihr, so würden wir heute sagen, das große Losgezogen habt, dann könnt ihr alles andere loslassen. Wenn euch dann einer den Mantel nimmt, dann lasst ihm auch noch den Rock; wenn euch dann einer auf die rechte Wange schlägt, dann haltet ihm auch die andere hin. Dann könnt ihr sogar den Feind lieben, denn ihr seid doch in der großen Freude, ihr seid doch von Gott unendlich geliebt, von ihm, der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse.



Was sollen wir bringen?

Josef Ratzinger, Benedikt XVI, Der Segen der Weihnacht, Meditationen, Freiburg 2005.


Aber noch etwas gehört zum Bild von Weihnachten: das Schenken. Unsere Krippenspiele malen es breit aus, wie die Hirten überlegen, was sie mitbringen können; sie schöpfen dabei aus dem Alltag der Menschen unserer Heimat.

Ein liturgischer Hymnus der Ostkirche widmet sich demselben Thema, aber er gibt ihm eine größere Tiefe. Er sagt: "Was wollen wir dir bringen, Christus, da du für uns als Mensch auf die Erde geboren wirst? Jedes der Geschöpfe, die dein Werk sind, bringt dir in der Tat sein Zeugnis der Dankbarkeit: die Engel ihre Liebe; der Himmel den Stern, die Weisen ihre Gabe, die Hirten ihr Staunen; die Erde ihre Höhle, die Wüste die Krippe. Wir Menschen aber bringen dir eine Jungfrau und Mutter.

Maria ist das Geschenk der Menschen an Christus - das besagt aber zugleich: Vom Menschen will der Herr nicht etwas, sondern ihn selbst. Gott will von uns nicht Prozente, sondern unser Herz, unser Sein. Er will unseren Glauben und aus dem Glauben das Leben, sodann aus dem Leben jene Gaben, von denen im letzten Gericht die Rede sein wird: Nahrung und Kleidung für die Armen, das Mitleiden und Mitlieben, das tröstende Wort und das tröstende Dabei sein für die Verfolgten, die Eingekerkerten, die Verlassenen und die Verlorenen.

Was sollen wir dir bringen, o Christus? Wir bringen ihm sicher zu wenig, wenn wir nur untereinander teure Geschenke austauschen, die gar nicht mehr Ausdruck unseres Selbst und seiner sonst verschwiegenen Dankbarkeit sind. Versuchen wir, ihm den Glauben zu bringen, uns selbst, und wenn es nun wäre in der Form: Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben! Und vergessen wir an diesem Tag nicht die vielen, in denen er auf Erden leidet.



Gott begegnen im Mitmenschen

Roland Breitenbach, Sechs Minuten Predigten von A bis Z, Freiburg 2008.


Hundert Jahre nach dem Tod Jesu kamen die Christen zu der Erkenntnis: "So menschlich wie Jesus kann nur Gott sein. Und da begannen sie, ihn Gott zu nennen" (Leonardo Boff). Oder wie Reinhard Körner schreibt: "Weil Jesus selber so war, wie er von Gott sprach, konnten ihm die Zuhörer - die ehrlichen jedenfalls, die armen und kleinen - seinen rundum liebenden Gott glauben. Konnte denn Gott schlechter sein als der beste Mensch, den sie erlebten?"

Ein solches Bekenntnis hat seine Konsequenzen, die von der frühen Christenheit noch gar nicht übersehen werden konnten: Gott wird mit dem Menschen auf eine untrennbare Weise zusammengebracht. Das hat es in der Religionsgeschichte noch nie gegeben. Das ist genau das Besondere des Christentums. Gott ist nicht in fernen Himmeln, er ist in der Welt anzutreffen.

Ganz schlicht, ohne jede große Theologie: Der Gott, der das Wagnis eingegangen ist, als Jesus Christus Mensch zu werden, ist menschlich. Denn in einem Menschen können, sollen wir Gott erkennen. Das ist die Großtat Gottes für uns: Er hat sich erkennbar, spürbar, greifbar gemacht. Jesus wird nicht müde, all die Gelegenheiten aufzuzählen, wo und wie wir Gott begegnen können - vor allem in unseren Mitmenschen.

Ich war hungrig - ihr habt mir ein Brot gereicht.
Ich war obdachlos - ihr habt für ein Dach überm Kopf gesorgt.
Ich wurde geschlagen - ihr habt mich in Schutz genommen.
Ich lebe in schwuler Partnerschaft - ihr habt uns eingeladen.
Ich war anderer Meinung - ihr habt mich angehört.

Seit Jesus Christus können wir nicht von Gott reden, wenn wir nicht zugleich vom Menschen reden wollen. Oder anders herum: Je mehr wir in unserem Leben "wie Jesus" sind, umso deutlicher wird Gott durch uns sichtbar. Das ist die große Herausforderung des Christentums.



"Jesus kommt aus einem armen Elternhaus" - Wirklich?

Werner Tiki Küstenmacher, Die 3 Minuten Bibel, München 2006.


Ich finde es gut, dass Jesus keine simplen Weisheiten parat hat nach dem Strickmuster: "Geld macht nicht glücklich!" Jesus kennt das Leben, und das Leben ist unfair. Es gibt keine einfache Lösung. Es kennt glückliche arme Menschen und unglückliche, genauso wie er sicher auch glückliche Reiche kennt und unglückliche. "Es ist nicht so gut mit Geld, wie es schlecht ist ohne", sagt eine verschmitzte alte jüdische Weisheit.

Wir haben uns an die Vorstellung gewöhnt, dass Jesus aus armen Verhältnissen käme, und fantasieren das schon bei der Weihnachtsgeschichte dazu. Aber von der Armut der Familie Jesu steht in der Bibel nichts. Im Gegenteil - der einzige Hinweis auf Materielles sind die wertvollen königlichen Geschenke der Weisen aus dem Morgenland. Weihrauch, Myrrhe und Gold (leider fehlt jeder Hinweis, was mit den teuren Sachen geschah). Jesus war wie sein Vater Josef Zimmermann, und das war keineswegs ein schlecht bezahlter Beruf. Ein Zimmermann hatte damals ungefähr die Aufgaben, die heute bei uns ein Architekt erfüllt. Jesus hat reiche Freunde, die Zöllner zum Beispiel. Während der Kreuzigung stellen die Soldaten fest, dass er ein wertvolles Gewand trug. Ich denke, dass Jesus nicht ohne weiteres aus der Armut kam.

Dadurch bekommt Jesu armes Leben als Wanderprediger ohne Schuhe und ohne Dach über dem Kopf eine noch größere Bedeutung. Jesus wählt die Armut freiwillig. Warum hast du, Jesus, die Armut gewählt? Ich höre ihn antworten: Das habe ich getan, um euch ein lebendiges Zeichen zu sein. Die armen, unterdrückten und verachteten Menschen können euch wichtige Wahrheiten bringen für einen Durchbruch im Leben. Denn es gibt in eurer Seele einen Teil, den ihr unterdrückt und verachtet, und das ist die arme Frau oder der arme Mann in eurem Inneren. Diese kleine, unscheinbare und oft übersehene Gestalt, die ihr am liebsten verleugnen möchtet, die für euch aber die wichtigsten Gaben bereithält.

Und ich freue mich, könnte Jesus sagen, wenn Menschen im Laufe ihres Lebens Kontakt bekommen mit dieser armen Gestalt ihrer Seele. Das ist ein Ziel, auf das hin zu leben sich lohnt. So wie Martin Luthers letzte Worte auf seinem Sterbebett, die das Thema Geld auf die vielleicht einfachste Formel bringen: "Wir sind Bettler, das ist wahr."



Offener Himmel ...


In dieser Nacht öffnet sich der Himmel
um für immer offen zu bleiben.
in dieser Nacht berührt der Himmel die Erde,
um sie für immer zu verwandeln.

In dieser Nacht ist Gott Mensch geworden,
um sich auf ewig mit uns zu verbinden.
In dieser Nacht ist alles anders.
Für einen Augenblick
hält die Welt den Atem an.

Einsame und Verzweifelte,
Enttäuschte und Unzufriedene,
Starke und Selbstsichere,
Erfolgreiche und Glückliche
staunen über das Kind in der Krippe.

Gott wird Mensch.

Udo Hahn