29.04.2017

Kontexte 26.12.2012


Die ganze Sendung Jesu

Aus dem Apostolischen Schreiben EVANGELII NUNTIANDI seiner Heiligkeit Papst Pauls VI. an den Episkopat, den Klerus und alle Gläubigen der Katholischen Kirche über die Evangelisierung in der Welt von heute, Nr. 6.


Das Zeugnis, das der Herr von sich selbst gibt und das der hl. Lukas in seinem Evangelium niedergelegt hat: "Ich muss die Frohbotschaft vom Reiche Gottes verkünden", hat ohne Zweifel eine große Bedeutung, denn es erklärt mit einem Wort die ganze Sendung Jesu: "Dazu bin ich gesandt worden". Diese Worte erhalten ihren vollen Sinn, wenn man sie mit den vorhergehenden Versen zusammen sieht, wo eben Christus auf sich selbst das Wort des Propheten Jesaja anwendet: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen die Frohbotschaft zu bringen" .

Von Stadt zu Stadt, vor allem den ärmsten, zur Aufnahme oft bereitesten Menschen die Frohbotschaft von der Erfüllung der Verheißungen und des Bundes zu bringen, der von Gott angeboten wird, das ist die Aufgabe, für die Jesus nach seinen eigenen Worten vom Vater gesandt worden ist. Alle Gesichtspunkte seines Mysteriums - die Menschwerdung selbst, die Wunder, die Unterweisungen, die Sammlung von Jüngern, die Aussendung der Zwölf, das Kreuz und die Auferstehung, das Verbleiben seiner Gegenwart inmitten der Seinigen - zielen auf diese vorrangige Tätigkeit: die Verkündigung der Frohbotschaft.



Mission: Zuwendung im Horizont der Liebe

Aus: Regina Polak, Mission in Europa? Auftrag - Herausforderung - Risiko. Tyrolia Verlag, Innsbruck Wien 2012.


"'Missionarisch' zu sein heißt für die Kirche, zu anderen Generationen, zu fremden Kulturen, zu neuen menschlichen Strebungen zu sagen: 'Du fehlst mir' - nicht so, wie ein Grundbesitzer über das Feld seiner Nachbarn spricht, sondern wie ein Liebender. Wenn sie als 'katholisch' qualifiziert wird, wird sie definiert durch den Bund zwischen der Einzigkeit Gottes und der Pluralität menschlicher Erfahrungen: Immer neu dazu aufgerufen, sich zu Gott zu bekehren (der sie nicht ist und ohne den sie nichts ist), antwortet sie, indem sie sich zu anderen kulturellen Regionen, zu anderen Geschichten, zu anderen Menschen hinwendet, die der Offenbarung Gottes fehlen."'

Diese Worte des französischen Jesuiten Michel de Certeau sind zum Zentrum meines Missionsverständnisses geworden. Mission ist für ihn eine "Liebeserklärung" an die Anderen. Diese Anderen fehlen der Offenbarung Gottes, d. h. sie sind unverzichtbar für die Gläubigen, um die "geoffenbarte Wahrheit" Gottes immer "tiefer erfassen, besser verstehen und passender verkünden zu können"'. Ohne Einsicht in die eigene Bedürftigkeit, ohne Sehnsucht nach den Anderen, ohne Bereitschaft zum Verlassen des Eigenen und Aufbruch zu den Anderen ist Mission nicht möglich. Mission wurzelt in der Liebe. Die Liebe wird hier beschrieben als Bedürftigkeit nach den Anderen, weil diese anders sind. Die Unterschiede zwischen Menschen oder Kulturen verschwimmen daher nicht,sondern werden als heilsnotwendig für die Offenbarungsgeschichte erkannt. Diese Liebe vollzieht sich als Transformationsprozess, als Verwandlungsgeschehen, als Umkehr zu Gott. Konkret sichtbar wird die Umkehr in der Zuwendung zur Pluralität menschlicher Erfahrungen. Diese Art von Liebe ist ein Risiko. Denn die Bejahung von Vielfalt und das Lernen an Unterschieden sind bereichernd, aber auch verunsichernd. Das Eigene wird in Frage gestellt. Das bedeutet für alle Beteiligten immer auch Konflikt, Scham und Schmerz. Eine solche Liebe ist bedroht von Selbstgenügsamkeit, Ichbezogenheit und der Versuchung, den Anderen für sich selbst vereinnahmen zu wollen. Dahinter lauert die Angst vor der alles verwandelnden Liebe Gottes. Denn diese verlangt, den Eigenwillen vom Willen Gottes durchformen zu lassen. Dies geschieht, indem man sich selbst riskiert und sich im Horizont der Liebe Gottes auf die Anderen einlässt. Ohne diesen spirituellen Lernprozess steht Mission immer in der Gefahr, die Anderen bloß vom Eigenen überzeugen zu wollen. Die Kirche braucht die Anderen, um ihre eigene Wahrheit besser zu erkennen. Dies verlangt, deren Wahrheit verstehen zu lernen, im Wissen, dass dies nie zur Gänze möglich ist. Liebe braucht die Bereitschaft, sich in diesem Lernprozess tiefer selbst zu erkennen und zu verändern, was immer auch Verlust und Schmerz bedeutet; sie bedarf der Wechselseitigkeit von Beziehungen und der Dankbarkeit füreinander, auch wenn man einander vielleicht fremd bleibt. Möglich wird dieses Risiko durch die Liebe Gottes, die Menschen hilft, das Lieben zu lernen. So verstanden hat das geschichtlich belastete Wort Mission hoffentlich Zukunft.