23.08.2017

Kontexte 12.01.2014


Heiliger Geist

Aus. Michael Broch, Von Auferstehung bis Zweifel. Den Glauben neu sagen. Schwabenverlag, Ostfildern 2001.


Im 18. Jahrhundert malte der Sigmaringer Künstler Meinrad von Au (1712-1792) ein seltenes und wohl auch seltsames Bild "Der Heilige Geist in Gestalt einer Frau". Meinrad von Au war ein religiöser Maler im Stil des Barock und im Geist katholischer Frömmigkeit Oberschwabens. Mit seinem wohl interessantesten Bild geriet er natürlich in Konflikt mit der Amtskirche. Auftraggeber waren die aufgeschlossenen Augustinerinnen des nahe gelegenen Klosters Inzigkofen.

Zum Bild: Umgeben von hellem Licht erscheint eine weiß gekleidete weibliche Gestalt am Himmel. Ihr Haupt ist umkränzt von zungenartigen Gebilden. Das Gesicht, die zarten Hände und Füße, die Andeutung eines weiblichen Busens - das alles spricht für eine Frau. Ein Engel ist es nicht, auch nicht Maria - ihre Attribute sind eine Mondsichel und Sterne. Auch keine andere Heilige kann es sein, denn kein Mensch wurde über Gott dargestellt. Es ist der Heilige Geist in Gestalt einer Frau. Da ist nicht das bekannte Symbol der Taube, sondern Feuerzungen, im Neuen Testament und in der Kunst ebenfalls Symbole für den Geist Gottes.

Ein für die damalige Zeit gewiss kühnes Bild. Seit dem Konzil, der Kirchenversammlung von Nicaea im Jahre 325, wird der Heilige Geist üblicherweise im Symbol einer Taube dargestellt. Und immer wieder gab es im Lauf der Kirchengeschichte ein ausdrückliches Verbot, den Heiligen Geist in menschlicher Gestalt abzubilden. Man wollte so die Einzigartigkeit Gottes und die Unverfügbarkeit seines Geistes unterstreichen.

So sind Bilder wie die eines Meinrad von Au selten geblieben, wenngleich nicht einmalig, besonders dort, wo der Augustinerorden als Auftraggeber ausfindig gemacht werden konnte.

Der Heilige Geist als "Geistin"? Was heißt "Heiliger Geist"? Alle Sprachen kennen ein Wort für Geist und meinen damit Atem, Luft, Brausen, Energie, Wind, Sturm ... unsichtbar, nicht greifbar, und doch mächtig und lebenswichtig. Sinnigerweise wird das Wort für Geist in den verschiedenen Sprachen mit unterschiedlicher geschlechtlicher Zuordnung verwandt:

"Spiritus" ist lateinisch und männlich - wie im Deutschen "der" Geist. "Ruach" ist hebräisch und weiblich. Zum Verwechseln verwandt mit der ebenfalls weiblichen "sophia" der Weisheit Gottes. "Pneuma" ist griechisch und wird neutral gebraucht.

Geist ist die von Gott ausgehende lebendige Kraft: in der Schöpfung, in der Geschichte der Menschheit, im Gottesvolk Israel, in der Kirche, auch in Einzelpersonen wie Propheten und Heiligen. Heiliger Geist ist Gott selbst in seiner persönlichen, unmittelbaren Nähe zu uns Menschen - sich schenkend, aber nicht verfügbar, sich jedem menschlichen, auch amtlichen Zugriff entziehend.

Die Taube, Symbol für den Heiligen Geist, ist ein uraltes Symbol auch für die Weisheit, für das Mütterlich-Weibliche, Leben spendende, für Liebe und Friede - für die mütterliche Seite in Gott. So wie es auch die uns vertrautere väterliche Seite in Gott gibt.

Warum sollte man dann den Heiligen Geist nicht auch in menschlicher Gestalt, eben als Frau darstellen, um diese mütterlich-weibliche Seite anzusprechen? Solchen Gedanken stand jedenfalls der Augustinerorden aufgeschlossen gegenüber. Eine bedeutende Frau des Mittelalters, Hildegard von Bingen (1098-1179), sagte: "In der Herabkunft des Wortes Gottes hat uns alle mütterliche Liebe umarmt."

Und in einem zeitgenössischen Kirchenlied heißt es:
            Mutter Geist -
            mit deiner guten Hand
            Mutter Geist
            halt mich fest.
            Schwester Geist -
            mit deiner Fröhlichkeit
            Schwester Geist
            mach mich stark.
            Freundin Geist -
            mit deiner Zärtlichkeit
            Freundin Geist
            hüll mich ein.

            (Sybille Fritsch)

So neu sind diese Gedanken gar nicht. Die syrischen Kirchenväter nannten vor über 1500 Jahren den Heiligen Geist "Mutter". Sie sprachen vom "Mutteramt" des Geistes!



Schaff in mir, Herr, den neuen Geist

Johann Friedrich Ruopp in: Hildegund Wöller, Gott, höre meine Stimme. Gebete aus Bibel und Tradition. Kreuz Verlag, Stuttgart 2006.


Erneure mich, o ewigs Licht,
und lass von deinem Angesicht
mein Herz und Seel mit deinem Schein
durchleuchtet und erfüllet sein.

Schaff in mir, Herr, den neuen Geist,
der dir mit Lust Gehorsam leist'
und nichts sonst, als was du willst, will;
ach Herr, mit ihm mein Herz erfüll.

Auf dich lass meine Sinne gehen,
lass sie nach dem, was droben stehn,
bis ich dich schau, o ewigs Licht,
von Angesicht zu Angesicht.



Dein Evangelium

Aus: Das Lächeln Gottes, Gebete unserer Zeit. Herausgegeben von Maria Otto und Ludger Hohn-Morisch. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2003.


Leises Flüstern in den Herzen,
ungestümer Schrei nach Gerechtigkeit,
dein Evangelium, Herr, ist all das.
Sanftes Trostwort, reumütiges Schluchzen,
dein Evangelium ist all das.

Pianissimo deiner Liebe,
Freudengebraus und heiterer Klingklang,
abgrundtiefes Schweigen,
säuselnde Brise,
schmetternder Ruf des Herolds guter Nachricht,
Gedonner unbändigen Glückes.
Vertrauliche Mitteilung des Herzens,
laut proklamierte Lehre -
dein Evangelium ist all das.

Glut, die unter der Asche glimmt,
unzähmbares Leuchtfeuer,
dein Evangelium ist all das.

Geheimnis eingekneteten Sauerteigs,
Klarheit aufsteigenden Tages -
ein Christ lebe all das, ohne Rückhalt.



Herr, schenke mir die Erkenntnis deines Willens

Aus: Jörg Müller, Ich hab die was zu sagen, Herr. Gebete für alle Zeiten. Betulius Verlag, Stuttgart 1994.


und gewähre mir die Gabe,
deinen und meinen Willen zu unterscheiden.
Gib mir den Mut,
mein Leben nach dir auszurichten
und mich nicht
vom Denken und Tun der anderen
verführen zu lassen.
Ich will mich so verhalten,
daß du jederzeit mit mir rechnen kannst,
auch wenn ich bei den Menschen
auf Unverständnis stoße.
Ich will den Streitenden Frieden bringen,
den Notleidenden beistehen,
die Verzweifelten auffangen,
die Suchenden zu dir führen.
Erfülle mich mit deinem Heiligen Geist,
daß ich dies alles in Klugheit tue,
demütigen Herzens
und im Vertrauen auf deinen Beistand.



Ein Plädoyer für die Gerechtigkeit

Aus: P. Alois Kraxner, Wie Kristalle in taubem Gestein. Christsein im Alltag. Wagner Verlag Linz 2008.


Die Gerechtigkeit hat viele Gestalten. Als Impuls für eigenes Nachdenken möchte ich einige nennen:

Sich mühen, niemandem Unrecht zu tun; weder in Gedanken noch in Worten oder Taten. Nicht Unrecht zu tun in Gedanken und Worten, setzt ein großes Gespür für den anderen voraus; ist aber wichtig, denn das Unrecht in Gedanken und Worten ist der Nährboden für das Unrecht in Taten.

Niemanden ausbeuten: Zur Gerechtigkeit gehört das Verlangen, niemanden auszubeuten, weder materiell noch psychisch; nicht auf Kosten anderer zu leben und es sich selbst gut gehen lassen. Jeder Mensch lebt auch auf Kosten anderer; Unrecht wird dies, wenn es einseitig wird und der andere nicht mehr menschenwürdig leben kann.

Nicht das Recht beugen: Man soll bei "Gericht" das Recht nicht beugen und Menschen nicht um das Ihre bringen.

Niemandem den gerechten Lohn vorenthalten: Den Armen den gerechten Lohn vorzuenthalten, zählt in der Bibel zu den himmelschreienden Sünden.
Worin der gerechte Lohn besteht, damit befasst sich auch die katholische Soziallehre. In Zeiten der Arbeitslosigkeit entstehen diesbezüglich ganz neue Probleme.
Der gerechte Lohn ist aber nicht nur materiell zu sehen. Wir sollen auch niemandem die Anerkennung, das Lob vorenthalten; vor allem jenen nicht, die selbstverständlich viele - oft unbemerkte - Dienste leisten.

Den Unrecht Leidenden Recht verschaffen: Den Menschen, die Unrecht leiden, die benachteiligt sind, Beistand leisten, ihnen Recht verschaffen; gegen jene, die Unrecht tun, auftreten.

Dieser Kampf um die Gerechtigkeit liegt in der Linie der Propheten und ist ein Teil der Nachfolge Jesu.
Er betrifft nicht nur die materiellen Güter, sondern auch die personalen und religiösen Rechte. Das Eintreten für Gerechtigkeit bringt viele Unannehmlichkeiten; es kann lebensgefährlich werden und hat viele das Leben gekostet.



Werkzeug sein

Christoph Jacobs in: Walter Krieger / Balthasar Sieberer (Hg.), Der Geist macht lebendig. Pastorale Spiritualität in Zeiten des Umbruchs. Lahn Verlag, Kevelaer 2006.


Es ist wichtig, sich als Seelsorgerin und Seelsorger das Bewusstsein zu erwerben, dass ich in diesem Prozess, zu dem Gott uns ruft, ein "Werkzeug" bin, nicht der Manager oder die Managerin. (Das wäre eine Selbstüberschätzung, die nur in Hoffnungslosigkeit enden würde.) Denn die Hilflosigkeit, der wir uns gegenübersehen und die wir empfinden angesichts der Veränderung von Systemen, ist eine harte, realistische Hilflosigkeit. Und ich kann aus Hilflosigkeit nur selten etwas aufbauen und gestalten. Aber wenn ich auf den Punkt zurückkomme, dass ich "Werkzeug" bin, erfahre ich Entlastung und kann meines Lebens wieder froh werden.