18.08.2017

Kontexte 25.12.2014


Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Dieter Trautwein (1963) in: EG 56.



Höchstes Licht

Johannes Zwick (1545), in: L EG 441


Du höchstes Licht, du ewger Schein,
du Gott und treuer Herre mein,
von dir der Gnaden Glanz ausgeht
und leuchtet schön so früh wie spät.

Das ist der Herre Jesus Christ,
der ja die göttlich Wahrheit ist,
mit seiner Lehr hell scheint und leucht‘,
bis er die Herzen zu sich zeucht

Er ist das Licht der ganzen Welt,
das jedem klar vor Augen stellt
den hellen, schönen, lichten Tag,
an dem er selig werden mag.

Den Tag, Herr, deines lieben Sohns
lass stetig leuchten über uns,
damit, die wir geboren blind,
doch werden noch des Tages Kind‘

und wandeln, wie’s dem wohl ansteht,
in dessen Herzen hell aufgeht
der Tag des Heils, die Gnadenzeit,
da fern ist alle Dunkelheit

Zuletzt hilf uns zur heilgen Stadt,
die weder Nacht noch Tage hat,
da du, Gott strahlst voll Herrlichkeit,
du schönstes Licht in Ewigkeit.

O Sonn der Gnad ohne Niedergang,
nimm von uns an den Lobgesang,
auf dass erklinge diese Weis
zum Guten uns und dir zum Preis.



Engel und Sterne

Aus: joop roeland, wie die worte das fliegen lernten. Otto Müller Verlag, Salzburg 2006.


Engel und Sterne umgeben uns in dieser Nacht. Das ist ein Bild dafür, wie zart und zerbrechlich diese Nacht ist.

Wie wurden die Sterne geboren? Die Wissenschaft meint, am Anfang habe es einen Urknall gegeben und daraus sei das Ganze entstanden: die Sterne und unsere arme kleine Erde. Das mag wohl so gewesen sein, aber unsereinem, der mehr mit Gedichten als Naturwissenschaft aufgewachsen ist, ist es zuwider, dass eine Explosion am Anfang steht, eine Zerstörung. Sterne sind für ihn das gesammelte freundliche Licht von Kerzen, Mondnächten, vom Leuchten in den Augen des geliebten Menschen. Aus diesem Licht werden Sterne gemacht: die Sterne dieser heiligen, zerbrechlichen Christnacht.

Sterne und Engel. Wo Engel herkommen, ist noch schwieriger zu sagen. Weil Engel erkennt man meistens erst nachher: wenn sie vorübergegangen sind. Das Licht, das noch ein wenig nachleuchtet in deiner Wohnung, in deinem Herzen - daran erkennt man: Ein Engel hat mich gegrüßt.

Mit solchen Bildern vom Licht von Engeln und Sternen möchte ich das Licht unserer heiligen Nacht umschreiben.

Es geht um mehr als Bilder. Es geht um Erfahrungen der Güte und der Menschenfreundlichkeit. Wenn es gleichzeitig regnet und die Sonne scheint, ist Kirtag in der Hölle. So wird niederländischen Kindern erzählt. Daran dachte ich bei einem Spaziergang durch Istanbul unter solchen gegensätzlichen Wetterverhältnissen. Besser hätte ich weniger in die Luft, sondern mehr auf die glitschige Straße geschaut, wo ich in der Nähe des Basars strauchelte und fiel. Man hörte kleine Teufel laut auflachen. Vielleicht war ich eine höllische Kirtagsdarbietung? Aber auch die Engel waren unterwegs. Ein paar freundliche Türken halfen mir aufstehen. Einer brachte eine Flasche Wasser und reinigte das verschmutzte Gewand. Engel sind unterwegs, mit uns und für uns. Nicht alle Engel sind katholisch. Barmherzigkeit kann auch von einem moslemischen Engel geschenkt werden. Wo Liebe und Güte sind, da ist Gott. Weihnachten, Menschwerdung Gottes findet dort statt.

Oder: Lachen schenken. Jene Clowns, die sich für schwerkranke Kinder einsetzen (Kliniclowns) und es als ihre Aufgabe sehen, diese Kinder mit ihren großen traurigen Augen in den von Chemotherapie gezeichneten Köpfen zum Lachen zu bringen: Ich bewundere sie sehr. Gewiss ist unter denen so mancher Engel versteckt.

Als ich noch ein Baby war, ärgerte mein Vater meine Mutter, indem er über mich behauptete: Er schaut aus wie ein Clown. Ich denke, bei mir ist das wie bei vielen von uns: In uns steckt ein heimlicher Clown, ein versteckter Engel, der andere zum Lachen bringen möchte. Freude schenken. Wo Menschenfreundlichkeit ist, da ist Gott.

Wir sollten nicht warten, ob Engel, katholische oder moslemische, unterwegs sind. Wir sollten selbst diese Engel sein. Die Menschenfreundlichkeit Gottes möge auch durch uns weitergegeben werden. Wo Liebe und Güte sind, ist Gott. Wo Liebe und Güte sind, findet Weihnachten statt.



Wie uns Gott erscheint

Aus: Joop Roeland, Die Stimme eines dünnen Schweigens. Die Quelle Verlag Feldkirch 1992.


Die Orte
Die Zeichen
Die Namen

Jabbok:
Engel, kämpfend
bis zur Morgenröte.
Für die, die aushalten in der Nacht,
Gott von Angesicht zu Angesicht:
Er, der segnet.

Horeb:
Brennender Dornbusch.
Das Elend gesehen,
den Klageschrei gehört.
Für alle, die weinen:
Ich werde da sein.

Wüste:
Wolkensäule bei Tag
für die Wegsuchenden.
Feuer in der Nacht
für die in der Finsternis.
Er, der vorangeht.
Horeb, Berghöhle:
Nicht im Erdbeben oder Sturm,
im Feuer nicht mehr,
sondern ein Säuseln, kaum spürbar.
Für die, die ein leises Zeichen verstehen:
Stimme eines dünnen Schweigens.

Betlehem:
Glanz in der Nacht,
Worte des Friedens,
Kind in einer Krippe.
Für alle Wartenden:
Immanuel,
Gott mit uns.



Menschwerdung

Christine Philipsen in: Du bist der Atmen meines Lebens. Das Frauengebetbuch. Herausgegeben von Benedikta Hintersberger OP, Andrea Kett, Hildegard Keul, Aurelia Spendel OP. Schwabenverlag / KlensVerlag, Ostfildern 2010.


Gott,
Du bist
heruntergekommen aus den Höhen
ausgebrochen aus den Statuen
geflohen aus dem Gold antiker Tempel
Mensch geworden durch eine Frau
Kind geworden
klein
hilflos
angewiesen
anwesend
bei den Menschen
mit den Menschen lebend
mit den Menschen lachend
mit den Menschen leidend
machtlos
gegen Unmenschlichkeit
machtlos
gegen Kriegsmaschinerien
Sei immer da
mit Deiner Kraft
mit Deiner Liebe
wo Menschen Deine liebende Nähe brauchen
Menschwerdung Gottes
Hoffnungszeichen für die Welt



Der christliche Menschwerdungsgedanke

Oscar Wilde in: Wahres Glück wächst in der Stille. Aus den Quellen der Weisheit. Herausgegeben von Christian Leven. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2007.


Zugegeben, der Erlösungsgedanke ist schwierig zu erfassen. Doch glaube ich, seit Christus ist die tote Welt aus dem Schlaf erwacht. Seit er erschienen ist, leben wir. Ich glaube, der beste Beweis für den christlichen Menschwerdungsgedanken wird durch die Taten und Gedanken edler Menschen erbracht und nicht durch das Erzählen unbestätigter Geschichten.