27.04.2017

Kontexte 31.12.2014


Nun lasst uns gehn und treten

Paul Gerhardt 1653 - http://www.liederdatenbank.de/song/1470


1) Nun lasst uns gehen und treten
mit Singen und mit Beten
zum Herrn, der unserm Leben
bis hierher Kraft gegeben.

2) Wir gehen dahin und wandern
von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen
vom alten bis zum neuen

3) durch so viel Angst und Plagen,
durch Zittern und durch Zagen,
durch Krieg und große Schrecken,
die alle Welt bedecken.

4) Denn wie von treuen Müttern
in schweren Ungewittern
die Kindlein hier auf Erden
mit Fleiß bewahret werden,

5) also auch und nicht minder
lässt Gott uns, seine Kinder,
wenn Not und Trübsal blitzen,
in seinem Schoße sitzen.

6) Ach Hüter unsres Lebens,
fürwahr, es ist vergebens
mit unserm Tun und Machen,
wo nicht dein Augen wachen.

7) Gelobet sei deine Treue,
die alle Morgen neue;
Lob sei den starken Händen,
die alles Herzleid wenden.

8) Lass ferner dich erbitten,
o Vater, und bleib mitten
in unserm Kreuz und Leiden
ein Brunnen unsrer Freuden.

9) Gib mir und allen denen,
die sich von Herzen sehnen
nach dir und deiner Hulde,
ein Herz, das sich gedulde.

10) Sprich deinen milden Segen
zu allen unsern Wegen,
lass Großen und auch Kleinen
die Gnadensonne scheinen.

11) Sei der Verlassnen Vater,
der Irrenden Berater,
der Unversorgten Gabe,
der Armen Gut und Habe.

12) Hilf gnädig allen Kranken,
gib fröhliche Gedanken
den hochbetrübten Seelen,
die sich mit Schwermut quälen.

13) Und endlich, was das meiste,
füll uns mit deinem Geiste,
der uns hier herrlich ziere
und dort zum Himmel führe.

14) Das alles wollst du geben,
o meines Lebens Leben,
mir und der Christen Schare
zum selgen neuen Jahre.



Nachdenken am Jahresende

Aus: Phil Bosmans, Leben jeden Tag. 365 Vitamine für das Herz. Übertragen und herausgegeben von Ulrich Schütz. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008 (1999).


Ein Jahr geht zu Ende. Was ist dir von ihm geblieben?
Vielleicht Enttäuschungen und Misserfolge,
ein Haufen Ärger und graue Haare.
Vielleicht ein leiser Schmerz im Herzen,
weil alles so schnell gegangen ist?
Fühlst du vielleicht zum ersten Mal, dass jedes Jahr
von deinem Leben ein Stück abschneidet?
Denk mal ruhig darüber nach. Es kann ja nicht schaden,
wenn du ein paar Illusionen los wirst.
Aber es wäre eine Katastrophe, solltest du den Mut verloren
haben und den Glauben an das kommende Jahr.
Suche weiter nach Frieden.
Suche nach unbelasteter Verbindung zu Gott.
Er kann dir die leeren Hände füllen und das leere Herz.



Unsere Jahre gehen dahin wie ein Seufzer - Psalm 90,9

Aus: Johannes Bours, Ich werde ihm den Morgenstern geben. Worte für den Lebensweg. Herausgegeben von Paul Deselaers. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 1988.


Wenn das Jahr sich wendet, schauen wir zurück. Oft hört man im Blick auf das zurückliegende Jahr: Wie schnell ist es vergangen! "Unsere Jahre gehen dahin wie ein Seufzer", so sagt es eine Zeile im Psalm 90. Was für ein Bild ist das: "Unsere Jahre gehen dahin wie ein Seufzer" - das heißt doch: so schnell und flüchtig wie ein "Ach!" und es heißt auch: so traurig, so vergänglich wie ein "Ach!"

Wenn man jung ist, sagt man es noch nicht. Aber je älter man wird, desto mehr wird man zustimmen: "Unsere Jahre gehen dahin wie ein Seufzer." Es ist die Erfahrung der Vergänglichkeit, die immer wieder, wenn ein Jahr zu Ende geht, unser Herz berührt.

Martin Luther hat diesen Vers aus Psalm 90 anders übersetzt, er sagt: "Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz!" Wie ein leeres Geschwätz, das nichts bedeutet. Ist es so? Ein gewesenes Jahr, ohne Gewicht, federleicht auf der Waagschale der Ewigkeit?

Es gibt eine Motette von Johannes Bach, der hundert Jahre vor dem großen Johann Sebastian Bach gelebt hat: "Unser Leben ist ein Schatten auf Erden." Wenn man sie hört, ist es, als ob das Leben wie ein Schatten dahinhuschte ... Und in der Motette der Vers: "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben! Wie ein

Nebel bald entstehet und bald wiederum vergehet: So ist unser Leben, sehet!"
"Unsere Jahre gehen dahin wie ein Seufzer" - aber sie fallen nicht ins Leere! Der, der die Zeit und die Jahre geschaffen hat, hält wie ein guter Vater die Arme und die Hände ausgebreitet, um die Hin-fälligkeit unserer Jahre aufzufangen, damit sie nicht ins Bodenlose des Nichts versinken.
Der Dichter Rilke sagt es so:
     Wir fallen. Diese Hand da fällt.
     Und sieh dir andere an: es ist in allen.
     Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

"Unsere Jahre gehen dahin wie ein Seufzer". Oder: "Wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz" - ja so ist es! Aber das ist nicht alles! So braucht es nicht stehen zu bleiben. Es bleibt unsere Bitte - und sie kann alles verwandeln: "Der du die Zeit in Händen hast, Herr, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen."



Neuem zugewandt

Aus: Herbert Jung, Das große Buch der Segensgebete. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 2013.


Silvester

Der Raum nicht kennt noch Zeit,
doch beide uns gewährt,
er segne euch,
die ihr am Rand des Alten steht,
dem Neuen zugewandt,
noch fragend, was da wird.
Und gehe mit ins Jahr,
das unverbraucht jetzt vor uns liegt.

Ob es böse wird oder gut,
nicht er entscheidet nur darüber -
auch Menschenhand ist mit im Spiel:
kann trösten, heilen,
kann schlagen und
zum Meineid sich erheben.

Darum lass stets das Gute er euch finden,
den Weg, der führt ins lichte Morgen,
in jenes Reich, das immer wieder uns erfahrbar wird,(a>
erst recht am Ende, wenn Himmel dann ...
- auch diese alte Erde ganz neu von ihm gestaltet.

Er geb euch Mut zum Gehen,
die Kraft, die’s dazu braucht,
das Ziel, das er vorherbestimmt.
So segne euch
der Vater,
auch der Sohn
und beider Heilger Geist.

Amen.



Fürbitte zum Jahresschluss

Aus Michael Meyer, Nachdenkliche Gebete im Gottesdienst. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 1988.


Herr,
du hast uns voll Unruhe geschaffen,
du hast uns zu Fremden gemacht
in dieser Welt.1
Laß uns unruhig sein
über unser geringes Werk.
Laß uns unruhig sein
über die Größe deiner Güte.
Laß uns unruhig sein
über die verrinnende Zeit
und jede verlorene Stunde.
Laß uns unruhig sein
über unsere Sünde
und die Schuld aller Menschen.
Laß uns unruhig sein
und dein Gericht erwarten in jedem Augenblick.
Laß uns unruhig sein
und in der Unruhe Glauben halten.
Laß uns unruhig sein,
bis dein Wille geschieht unter uns.
Vater,
mit der Bitte, daß du in Segen wandelst,
was in unserer Hand verdorben ist,
gedenken wir aller,
denen wir im vergehenden Jahr begegnet sind,
der Menschen,
die wir lieben,
und derer,
die uns zu schaffen machen;
aller gedenken wir,
denen wir nahe waren,
aller,
die uns fremd und feind wurden,
und aller,
die wir verloren haben.
Segne sie - segne uns!