23.05.2017

Kontexte 01.01.2015


Lebensjahre

Aus: Johannes Bours, Ich werde ihm den Morgenstern geben. Worte für den Lebensweg. Herausgegeben von Paul Deselaers. Herder Verlag Freiburg Basel Wien 1988.


     Wenn der Mensch viele Jahre lebt,
     so freue er sich an allen.
     Aber er gedenke auch der Tage des Dunkels.
     Auch ihrer sind viele
     (Kohelet 11,8).


Wenn die Bibel von den Lebensjahren des Menschen spricht, sammeln sich in ihren Aussagen uralte Erfahrungen. So auch in dem Wort, das sich im Alten Testament im Buch des Predigers (Kohelet) findet: "Wenn der Mensch viele Jahre lebt, so freue er sich an allen. Aber er gedenke auch der Tage des Dunkels. Auch ihrer sind viele."

Muß man denn beide Hälften zusammennehmen? Ist es nicht ratsam, die frohen Lebensjahre zu genießen, sich ihrer zu freuen, und die dunklen möglichst zu verdrängen? Die haben doch, wenn sie da sind, schon von selbst ihre eigene Last!

Alles Leben ist Spannungseinheit. Das kommt auch in diesem Wort zum Ausdruck: "Wenn der Mensch viele Jahre lebt, so freue er sich an allen. Aber er gedenke auch der Tage des Dunkels. Auch ihrer sind viele." Zum hellen Pol des Lebens steht der dunkle in Spannung: So wird es Leben!

In einem Kurs, der der geistlichen Besinnung galt, wurde den Teilnehmern an einem Tag auch die Aufgabe gestellt, ein "Diagramm" ihres Lebens anzufertigen, das heißt eine Art zeichnerischer Darstellung ihrer Lebensübersicht. Sie sollten es ganz einfach so machen: quer durch ein Blatt Papier eine Trennungslinie. Ganz links die früheste Kindheitserinnerung, ganz rechts das gegenwärtige Lebensjahr. Und dann sollten sie dazwischen die Ereignisse ihres Lebens einschreiben, die für sie besonders wichtig gewesen sind: Menschen, Begegnungen, Krankheiten, Schuld, Leid, freudevolle Begebenheiten, künstlerische Erlebnisse, Enttäuschungen, Erfolge usw. Und zwar die frohmachenden Erlebnisse über der Linie, die das Blatt in zwei Hälften teilt, die leidvollen unterhalb.

Das wurde für manche recht aufschlußreich. Einer sagte nachher: Als ich mein "Diagramm" fertig hatte und es überschaute, erkannte ich, daß durch alles hindurch so etwas wie eine Leitlinie geht, daß da seltsame Zusammenhänge sind, ja so etwas wie Fügung und Führung. Und - so fuhr er fort - wenn ich heute zurückschaue, meine ich fast, ich müßte auch für die Lebensereignisse, die ich als dunkle und leidvolle unterhalb der Querlinie eingezeichnet habe, heute dankbar sein. Denn alles zusammen, die frohen Jahre und die schweren, haben mich dahin geführt, wo ich jetzt stehe - und dafür bin ich dankbar.

Ja, es gibt die lichten und die dunklen Lebensjahre. Aber der Glaubende und Vertrauende weiß, daß sie nicht aus der blinden Willkür eines augenlosen Schicksals kommen, sondern umfangen sind vom Erbarmen des lebendigen Gottes. Und wer durch alle Lebensschicksale hindurch immer wieder die Bereitschaft des Herzens und des Willens erweckt, mit Gott zu leben, der darf ohne verzweifelte Angst auch der dunklen Jahre gedenken. Er weiß: Zuletzt wird es gut werden!



Fürbitte zum Jahresbeginn

Aus Michael Meyer, Nachdenkliche Gebete im Gottesdiesnt. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen 1988.


Gott,
laß vom Glanz dessen,
was du schaffst,
Licht fallen auf uns in unseren Tagen,
daß wir froh werden
in der Zuversicht darauf,
daß du die Zeit in deinen Händen hältst.
Vater,
bedenke,
wir lieben das Leben.
Du hast es gegeben,
wir wollen es gestalten.
Bewahre uns davor,
daran zu scheitern und zu irren.
Stärke uns,
den Geist Christi spüren zu lassen
in unserem Tun und Reden.
Wir bitten dich
für die Glücklichen
und für die Gesunden,
daß du sie hältst;
und für die Ängstlichen
und die Verzweifelten,
für die Sterbenden dieses Jahres,
daß du bei ihnen anklopfst,
zu ihnen trittst,
sie an die Hand nimmst
und endlich froh machst.
So bitten wir von Herzen
für uns,
für diese Gemeinde,
für unsere arme, Leben suchende Welt.
Sei du ihr Helfer,
sei du ihr Heil!