24.01.2017

Kontexte 15.01.2017


Für andere sterben

Aus: Henri Nouwen, Auf der Suche nach dem leben. Ausgewählte Texte mit einer Einführung von Robert A. Jonas. Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 2001.


Warum lebe ich?... Diese Frage führt mich an den Kern meiner Berufung: daß ich mit dem brennenden Verlangen lebe, mit Gott verbunden und berufen zu sein, seine Liebe zu verkünden, während mir ihre Erfüllung noch versagt ist.

Die Begegnung mit dem Tod (infolge eines Unfalls) half mir, die Spannung besser zu verstehen, die zu dieser Berufung gehört. Es ist zweifellos eine Spannung, die nicht aufgelöst, sondern tief durchlebt werden muß, um fruchtbar zu werden. Was ich über das Sterben gelernt habe, ist, daß ich dazu berufen bin, für andere zu sterben.

Die ganz einfache Wahrheit besteht darin: Die Art und Weise, wie ich sterbe, betrifft viele Menschen. Wenn ich in großer Verärgerung und Verbitterung sterbe, lasse ich meine Familie und meine Freunde verwirrt, schuldbewußt, beschämt, mit lähmenden Gefühlen zurück.

Als ich den Tod auf mich zukommen sah, wurde mir plötzlich klar, wie sehr ich die Herzen derer, die Zurückbleiben würden, zu beeinflussen vermochte. Wenn ich ehrlich sagen könnte, daß ich dankbar für alles war, was mir im Leben widerfahren ist; wenn ich danach verlangte, zu vergeben und Vergebung zu erhalten, wenn mich die Hoffnung erfüllte, daß alle, die mich lieben, in Freude und Frieden weiterleben würden; wenn ich darauf vertraute, daß Jesus, der mich ruft, all den Menschen zur Seite stehen würde, die in irgendeiner Weise zu meinem Leben gehört haben - wenn ich all das tun könnte -, dann würde ich in der Stunde meines Todes eine weit größere geistige Freiheit zeigen, als ich in all den Jahren meines Lebens sichtbar machen konnte.

In meinem tiefsten Innern erkannte ich, daß Sterben der wichtigste Akt des Lebens ist. Es stellt einen vor die Wahl, andere in Schuld zu fesseln oder sie in Dankbarkeit zu befreien ... Der Sterbende hat die einzigartige Chance, all denen die Freiheit zu gewähren, die er zurückläßt...

Mein inniger Wunsch, durch Jesus mit Gott vereint zu sein, entsprang keiner Verachtung menschlicher Beziehungen, sondern einer festen Überzeugung von der Wahrheit, daß in Christus zu sterben tatsächlich mein größtes Geschenk für andere sein kann.

So gesehen ist das Leben ein langer Pilgerweg der Vorbereitung: des eigenen Vorbereitens darauf, für andere zu sterben. Es ist eine Folge von kleinen Toden, bei denen von uns verlangt wird, die vielerlei Abhängigkeiten aufzugeben und beständig daraufhinzustreben, andere nicht mehr zu gebrauchen, sondern für sie dazusein. Die vielen Stufen der Entwicklung, die wir von der Kindheit bis zur Jugend, vom Heranwachsen zum Erwachsensein und vom Erwachsensein zum Alter durchlaufen, geben uns immer neue Gelegenheiten, zu wählen, sich entweder für uns oder für andere zu entscheiden.



Ein Gott, der Opfer braucht

Aus: Helmut Krätzl, ... und suchen dein Angesicht. Gottesbilder – Kirchenbilder. Wiener Dom-Verlag, Wien 2010.


In der Hofburgkapelle in Wien sieht man auf der Tür des Tabernakels jene Szene, in der Abraham sich anschickt, Isaak zu töten. Das kann nur so ausgelegt werden, dass die Eucharistie als Opfer einen Bezug zu diesem Isaakopfer hat. Damals hat ein Engel Abraham vor dem tödlichen Stoß zurückgehalten. Warum hat Gott nicht verhindert, dass sein Sohn getötet wird?

Viele Menschen finden nicht zu Gott, weil sie nicht an einen »blutrünstigen«, nach Opfern verlangenden Gott glauben können. Es gibt vermeintlich gute Gründe, die zu einem so entstellten Gottesbild führen können.
[...]

Musste Jesus für uns sterben, um Gott zu versöhnen?
Das Tabernakelbild in der Hofburgkapelle führt in die Irre. Gott braucht nicht das Opfer seines Sohnes. Jesus musste nicht sterben, um Gottes Ehre, die durch die Sünde schmählich verletzt ist, höchstmögliche Genugtuung zu leisten, sondern er nahm das Todesleiden freiwillig auf sich. Das Kreuz ist umwoben von einem doppelten Geheimnis: vom Geheimnis des Bösen, aber auch der Liebe.

Jesus ist so qualvoll gestorben, nicht weil dies der einzige Weg zur Erlösung gewesen wäre, sondern weil er in seiner Liebe bis zum Äußersten gehen wollte - und das war das von Menschen gezimmerte Kreuz. Das Kreuz ist ein lauter Protest gegen jegliche Verharmlosung der Sünde, aber auch das Zeichen größter Liebe. Im 4. Hochgebet bete ich vor dem Einsetzungsbericht immer besonders aufmerksam die Worte: »Da er die Seinen liebte, liebte er sie bis zur Vollendung.« Er lebt vor, was von ihm bei Johannes 15,13 überliefert ist: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.« Und er stirbt sogar für seine Feinde, wenn er vom Kreuz noch betet: »Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.« (Lk 23,34)

Gott braucht nicht das Opfer seines Sohnes, aber wir brauchen einen, der für uns eintritt, der Sünde und Tod, in die wir hineingezogen worden sind, besiegt, der uns wieder mit Gott vereint. Adam hat als Repräsentant des ganzen Menschengeschlechtes die Solidarität aller in der Sünde begründet. Im Römerbrief wird dieser Gedanke ausführlich behandelt. »Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.« (Röm 5,12) Jesus, der neue Adam, löst uns aus dieser Solidarität, erlöst uns. Von der Frucht eines Baumes ging die Sunde aus. Die Wurzel dieser Sünde war das Misstrauen gegen Gott, er könnte dem Menschen nicht alles gegeben, gegönnt haben. Der Weg Jesu geht zu einem anderen Baum, dem Kreuz, wo er in aller Verlassenheit auf Gott vertraut und sich in seine Hände fallen lässt. Jesus stirbt, um mit uns solidarisch zu sein im Tod. Jesus »lebt« uns den Tod vor, in all seinem Schrecken, aber auch im Vertrauen auf Gott. Und zum Zeichen, dass er sein Lebensziel erreicht hat, ruft er aus: »Es ist vollbracht.« (Joh 19,30)

Gott braucht nicht den Tod seines Sohnes. Er holt ihn aus dem Tod heraus, indem er ihn auferweckt.

 

 



Miserere

Aus: Lothar Zenetti, Leben liegt in der Luft. Worte der Hoffnung. Matthias-Grünewald-Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2007.


Jesus, du kommst, die Sünder zu retten.
Findest du welche? Ich möchte wetten,
du findest keine, so ist das heute.
Es gibt einfach niemand, der etwas bereute
und sich als Sünder betrachten wollte,
der Rettung bedürftig, der Gnade. Sollte
jedoch unter all diesen braven und netten
Leuten wirklich ein Sünder sein, retten
lässt sich so ohne Weiteres keiner.

Was siehst du mich an, bin ich etwa einer,
ein Sünder? O Herr, erbarme dich meiner!



Unschuldswahn

Aus: Lothar Zenetti, Leben liegt in der Luft. Worte der Hoffnung. Matthias-Grünewald-Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2007.


Es sollte uns zu denken geben,
dass heute keiner mehr von Sünde spricht,
und kaum noch einer weiß, was es bedeutet,
erst recht nicht so ein Wort auf sich bezieht
und auf sein Handeln. Niemand fühlt sich
schuldig. Keinem fällt es ein, von irgendwem,
gar einem Gott, Vergebung zu erbitten. Nein,
es scheint, als sei das Böse aus der Welt
entschwunden.

Lebt es denn nur noch in der Kirche fort?
Da gibts noch diese Sorte Mensch: die Sünder.
Da sagt man immer noch wie früher: Ich
bekenne, ich hab gesündigt, Herr, durch meine
große Schuld. Nur in der Kirche wagt man
noch zu reden von dem, was Menschen in
Jahrtausenden bewegte: von unsrer Schuld
und göttlichem Erbarmen.

Wenn aber niemand mehr sich schuldig fühlt,
dann braucht’s auch kein Erbarmen und
Verzeihn. Und schuld an allem Bösen sind
die andern. Es wird sich schon wer finden,
gegen den man lautstark sich entrüstet.

Ich hasse diese selbstgerechte Heuchelei.
(Und bin doch grade eben selber schon dabei,
auf andere zu zeigen. Herr, verzeih!)



Sünde

Aus: Michael Broch, Von Auferstehung bis Zweifel. Den Glauben neu sagen. Schwabenverlag, Ostfildern 2001.


Wird von mir etwas hartnäckig verlangt, gefordert oder wird mir etwas verboten, ohne dass ich den Grund einsehe, dann neige ich dazu, es äußerst unwillig zu tun, es nicht zu tun oder genau das Gegenteil zu tun. Nicht selten bin ich egoistisch: Ich drehe mich um mich selbst und verliere rasch den Blick für andere und dafür, was um mich herum geschieht. In diesem Zusammenhang spricht man dann gerne von Sünde. Was aber ist Sünde?

Dazu gibt es viele und gegensätzliche Meinungen. Jedenfalls verbindet man mit diesem Wort zumeist Moral oder Unmoral und darüber wachende Instanzen wie die Kirche. Moderne Menschen mögen das Wort Sünde nicht.

Was ist Sünde? Biblisches Denken ist da nüchtern und sachlich. Sündigen bedeutet dort: trennen, scheiden, entzweien, aber auch undankbar sein, verachten. Die „Ursünde“ in der Bibel ist der Unglaube, der sich gegen Gott richtet. Aber kann ich überhaupt gegen Gott sündigen? Wer ist er und wer bin ich? Kann ich Gott etwas geben, was er noch nicht hat, geschweige denn ihm etwas nehmen?

Gott will unser Glück, so bezeugt es die Bibel im Alten und Neuen Testament. Er will, dass unser Leben und Zusammenleben menschlich und menschenwürdig gelingt. Das ist auch der Sinn der Zehn Gebote. Gott nicht vertrauen, ihm nicht Zutrauen, dass dies seine Absicht mit uns ist, das heißt sich von ihm trennen, sich mit ihm entzweien. Und zugleich bedeutet es: mich von Mitmenschen trennen, absondern, mich mit anderen entzweien. Es wird finster in meinen Beziehungen. Es verfinstert sich mein Blick auf Gott. Vor allem ist es finster in mir und um mich. Würde ich sündigen, wenn es mir wirklich bewusst wäre, dass ich mir selber schade? Würde ich sündigen, könnte ich mir auch nur entfernt vorstellen, was ich mir selbst antue?

Gott will des Menschen Glück. Er will nichts von mir für sich selbst. Aber er will mich aus diesem elenden Zustand der Sünde, der vielfältigen Trennungen befreien. Dies verdeutlicht eine alte, sehr anschauliche und obendrein humorvolle Weisheit: „Gott ist Sündern näher als Heiligen.“ Wie das?

Anthony de Mello hat dafür ein schönes Bild gefunden: „Gott im Himmel hält jeden Menschen an einer Schnur. Wenn man sündigt, zerschneidet man die Schnur. Dann knüpft Gott sie mit einem Knoten wieder zusammen und zieht einen dadurch etwas näher an sich heran. Immer wieder schneiden deine Sünden die Schnur durch und mit jedem weiteren Knoten zieht dich Gott näher und näher.“

Jeder Vergleich hinkt und auch hier bleibt einzuwenden, dass Gottes Beziehung zum Menschen nicht „Schnur“, sondern Freiheit ist. Dennoch: Entspricht dieses dem Sünder geradezu schmeichelnde Wort nicht der Gedankenwelt Jesu? Er wollte doch nichts anderes als Trennwände einreißen und neue Beziehungen herstellen zwischen Mensch und Gott sowie unter den Menschen.



Johannes der Täufer: Der wilde Mann

Aus: Anselm Grün, Kämpfen und Lieben. Wie Männer zu sich selbst finden. Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach 2003.



Christus den Menschen nahe bringen

Johannes Paul II. in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebete für jeden Anlass. Hohe Verlag, Erfstadt 2003.



Bekennen – sagen, was Sache ist

Aus. Susanne Niemeyer / Matthias Lemme, Brot und Liebe. Wien man Gott nach Hause holt. Kreuz Verlag im Verlag Herder GmbH, Freiburg 2013.



"Religiöse Bildung muss lebensbedeutsam sein"

Copyright 2013 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich (www.kathpress.at) Alle Rechte vorbehalten.



"Eltern verhindern Religions-Abbruch, wenn sie Gott kommunizeren"

Copyright 2013 Katholische Presseagentur, Wien, Österreich (www.kathpress.at) Alle Rechte vorbehalten.



Wachsen

Andrea Schwarz in: Weisheit für die Seele. Gute Gedanken für alle Tage. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien, 2007.



Segnen

Aus: Anselm Grün; Du bist ein Segen. dtv Taschenbuch München 2004.



Sehnsucht im Herzen

Andrea Schwarz in: Ludger Hohn-Morisch (Hrsg); Für jeden Tag ein gutes Wort. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.



Und ich strebe zu dir

Aus: Anton Rotzetter; Gott, der mich atmen lässt. Gebete Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1985.



Ich suche Geborgenheit

Aus: Anton Rotzetter; Gott, der mich atmen lässt. Gebete Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1985.



Manchmal bricht dein Licht

Huub Oosterhuis in: Weisheit für die Seele. Gute Gedanken für alle Tage. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2007.



Gebet für kleingemachte Menschen

Irmlind Rehberger OSF in: Benedikta Hintersberger OP, Andrea Kett, Hildegund Keul, Aurelia Spendel OP (Hrsg); Du bist der Atem meines Lebens. Das Frauengebetbuch. Schwabenverlag Ostfildern 2006.



Johannes der Täufer

Aus: Georg Langenhorst, Gedichte zur Bibel. Texte - Interpretationen - Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde. Kösel Verlag München 2001/2004.



Pygmalion

Aus: Ovid, Metamorphosen. Das Buch der Mythen und Verwandlungen. In Prosa neu übersetzt von Gerhard Fink. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Mai 1992.



Besondere Begabungen

Aus Gerog Markus, Das heitere Lexikon der Österreicher. Die besten Anekdoten von Altenberg bis Zilk. DTV, München 2007.



Wo der Geist wirkt

Aus: Carlo Maria Martini, Spuren des Heiligen Geistes. Beobachtungen und Anstöße. Verlag Neue Stadt, München Zürich Wien 1998.



Den Schatz des Konzils neu entdecken

Aus: Helmut Krätzl, Eine Kirche, die Zukunft hat. 12 Essays zu scheinbar unlösbaren Kirchenproblemen. Styria Verlag Wien Graz Klagenfurt 2007.



Pfingstlied

Lothar Zenetti in Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Lizenzausgabe für Verlag Hohe, Erfstadt 2007.