26.06.2017

Kontexte 19.02.2017


Machtverzicht und Machtmissbrauch

Paul Schulmeister in "Die Presse", Print-Ausgabe, 13.12.2010
http://diepresse.com/home/meinung/rundschau/617902


In der Politik ist Machtmissbrauch unvermeidlich, es gibt ihn aber auch in einer Kirche des prinzipiellen Machtverzichts.

Macht erringen zu wollen gehöre zur Politik, sei aber auch eine Versuchung, sagen Skeptiker und zitieren Lord Acton, wonach Macht korrumpiere - und absolute Macht absolut korrumpiere.
Was ist „Macht“? Nach der Definition von Max Weber bedeutet Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“.
Quelle der Macht kann also Überredung oder Vorteilsgewährung sein, Sanktionsdrohung oder Gewalt usw. Macht kann nicht einfach aus der Gesellschaft verschwinden. Den Vorrang hat zwar die Freiheit, aber will einer seine Freiheit realisieren, muss er von „Macht“ - in welcher Form immer - Gebrauch machen. Macht steckt in allen gesellschaftlichen Verhältnissen, auch in sexuellen und in Erkenntnisbeziehungen, wie Michel Foucault gezeigt hat. Macht, so stellte der Philosoph fest, „ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt“.

Die zweideutige Macht

Wenn Macht das Apriori unseres Handelns ist, dann, so könnte man meinen, ist Macht zwar missbrauchsanfällig, aber eine prinzipiell wertneutrale Gegebenheit.
Doch nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts wollen die meisten Menschen der Macht nicht einfach ein Unbedenklichkeitszeugnis ausstellen. Politische Macht gilt als zweideutig, gefährlich und oft zum Schlechten geneigt. Sie orientiert sich nicht nach der Wahrheit, strebt immer wieder nach Übermacht und bedarf zu ihrer Zivilisierung ausgeklügelter Gegenmacht und Kontrolle. Wie steht es mit der Macht im institutionell verfassten Christentum? Soll es sie überhaupt geben?
„Jesus verkündete das Reich Gottes; gekommen ist die Kirche.“ Dieses 110 Jahre alte Wort des Theologen Alfred Loisy, den Rom später (als einen der Begründer des „Modernismus“) exkommunizierte, wird von Kritikern gern - und oft einseitig - zitiert. Sei nicht die Papstkirche einer absoluten Monarchie nachgebildet? Wie oft hätten Christen daran Anstoß genommen!


Gewiss brennen keine Scheiterhaufen mehr, der Papst ruft nicht zu Kreuzzügen auf, der Index librorum prohibitorum ist längst verschwunden. Aber, so fragen Kritiker, wann spüre man in der Kirche die unbedingte Geltung von Jesu Satz: „Ihr wisst, dass die Mächtigen die Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der muss euer Diener sein.“ Wo spürt man das noch? Hat sich die Kirche der „Welt“ nicht viel zu sehr angepasst? Solcherart räsonieren viele und empfinden eine schmerzhafte Distanz zwischen dem weihnachtlichen Bild vom machtlosen Kind in der Krippe und der kanonisch abgesicherten Macht auf dem Thron.

Die sündenanfällige Kirche

Die meisten werden heute bei der Macht der katholischen Kirche an Geld und Besitz denken, an Schulen und in Konkordaten verbriefte Vorteile. Doch das soll hier weniger interessieren als der prinzipielle Machtaspekt in einer ursprünglich auf Machtverzicht durch das Pfingstereignis gegründeten Kirche. Ja, es gibt die an Petrus (und die Jünger) übertragene Vollmacht, „zu binden und zu lösen“, es gibt die Autorität des Lehramts und den Gehorsamsanspruch der Bischöfe, kulminierend im römischen Jurisdiktionsprimat.
Wo es Macht gibt, gibt es auch Missbrauch. Die Kirche war nie frei davon - von den Gewaltexzessen bei den Kreuzzügen und einzelnen Phasen der Missionierung bis hin zur Pädophilie in Abhängigkeitsverhältnissen, von der römischen Missachtung ortskirchlicher Mitspracherechte bis hin zur verbreiteten Doppelmoral (wenn etwa die Kirchenleitung den Zölibat fordert, doch dessen faktische Nichteinhaltung routiniert duldet).
Für Theologen stammt Macht „aus der Sünde“ (ohne damit selbst Sünde sein zu müssen), ist also erlösungsbedürftig. In der Geschichte haben Christen immer wieder die extensive Institutionalisierung der Kirche für macht- und sündenanfällig gehalten.

Die Radikalität der Bergpredigt

Die einen glaubten, das Problem (wenigstens für sich selbst) durch Weltflucht oder Askese lösen zu können, andere (wie die Anhänger Joachim von Fiores) setzten auf eine rein gewaltlose Kirche des Heiligen Geistes - alles teils schwärmerische, teils gnostische Vorstellungen, die der irdischen Wirklichkeit nicht standhalten konnten.
Also ist Jesu Bergpredigt doch nur ein Gleichnis und keine lebbare Botschaft? Genau hier würde der nächste Fehler eines vermeintlich „geerdeten“ Christentums und seiner Hierarchen beginnen.
Auch die Kirche neigt nicht selten dazu, die Radikalität der Bergpredigt umzuinterpretieren: Sie gelte nur für die innere Einstellung oder das Privatleben, als Zielgebot, aber nicht als konkrete Verhaltensregel. Wer so denkt, für den war Jesus vermutlich kein Realist. Weiß die Kirche überhaupt noch - so hat der Theologe Norbert Lohfink einmal gefragt -, dass ihr Ursprung etwas mit Gewalt und Gewaltlosigkeit zu tun hat? Will sie überhaupt noch „Kontrastgesellschaft“ sein?
Lohfink bekannte, „ratlos vor der Verschwisterung der Kirche mit einer Gesellschaft zu stehen, die man beim besten Willen nicht auf der Seite Jesu, sondern nur auf der Seite derer einordnen kann, die Jesus vernichtet haben“.
Die Bestandsgarantie für die Kirche stützt sich nicht auf noch so große Buchstaben, wie sie in der Peterskuppel das (nicht authentische) Jesuswort verkünden „Tu es Petrus, et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam“. Überlebt hat die Kirche in den Katakomben - auch Prachtkathedralen sind letztlich vergänglich. Und doch bleibt es die Kirche (und sind es nicht „Einzelkämpfer“), der der Auftrag Jesu auf dem Weg durch die Zeit anvertraut ist.

Heilige und Sünder

Deshalb versagen hier die gewöhnlichen Kategorien des Nachdenkens über die Macht. Das Konzil nennt die Kirche ein „Zeichen der Einheit und Werkzeug des Heils“. Doch zugleich haben wir es mit einer Kirche der Heiligen und der Sünder zu tun. Die Aufhebung dieses Widerspruchs für „machbar“ zu halten, wäre ebenso Täuschung wie jede Selbstbewunderung einer Kirche, die ihre innere Orientierungsspannung (das „Anderssein“) durch allzu viel Konformismus sediert.
Das Übel liegt nicht darin, dass die Kirche stets von Neuem eine Selbstreinigung braucht. Das Übel beginnt dann, wenn sich die Kirche dieser Einsicht und ihren Konsequenzen verweigert.
Wer seinen gedanklichen Weg beim Kind in der Krippe begonnen hat, weiß, dass dieser Weg beim Kreuz endet. Ohne den Glauben an die Auferstehung wäre der ganze christliche Glaube null und nichtig.
Die Überwindung des Todes, der Gewalt und des Sündenbock-Mechanismus hat schon mit der Geburt im Stall begonnen. Vor der Krippe werden alle „Throne“ zuschanden.



Haß kann den Haß nicht vertreiben

Martin Luther King


Die größte Schwäche der Gewalt liegt darin, daß sie gerade das erzeugt, was sie vernichten will. Statt das Böse zu ver­ringern, vermehrt sie es.

Durch Gewalt kann man den Lügner ermorden; aber man kann weder die Lüge ermorden noch die Wahrheit aufrichten. Durch Gewalt kann man den Hasser ermorden, aber man tötet den Haß nicht.

Gewalt verstärkt nur den Haß. Das ist der Lauf der Dinge. Gewalt mit Gewalt zu vergelten, vermehrt die Gewalt und macht eine Nacht, die schon sternenlos ist, noch dunkler. Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben; das kann nur das Licht. Haß kann den Haß nicht vertreiben; das kann nur die Liebe.



Dem Terror überlegen sein

Michael Prüller in "Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2015 - Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.
http://diepresse.com/home/meinung/cultureclash/4866672


Dem Terror überlegen sein. Gibt es ein kläglicheres Bild als angebliche Gotteskrieger, die Wehrlose niedermetzeln? Europa muss zeigen, dass es sich nicht von seinem Weg abbringen lässt.

Die Gewalt gegen Wehrlose ist in besonderem Maß ehrlos. Sogar der Selbstmord am Ende macht mit seinem „Und ihr kriegt mich nie“-Gehabe die Feigheit der Anschläge von Paris nur noch größer. Sollten die Terrorakte tatsächlich das Werk von IS-Anhängern sein, kann man nur sagen: Was für eine verdrehte Logik haben die, die ihrer Sache nützen wollen, indem sie der Welt ein so klägliches und verachtenswertes Bild islamischen Kampfgeistes bieten?

Mir scheint der Schlüssel zum Verständnis dessen, was in Paris geschehen ist und sicher noch anderswo geschehen wird, nicht in der Logik des Krieges zu liegen, nicht in der Kultur des arabischen Raums und nicht in der Religion des Islam. Der Schlüssel ist die Faszination einzelner Menschen an der puren Gewalt, die immer irgendwelche Rechtfertigungen finden wird. Entsprechen nicht gerade die KalaschnikowSchießereien von Paris dem Habitus des organisierten Verbrechens, des natürlichen Habitats neurotischer Gewalttäter?

Solche Gewaltbiografien gibt es fast ausschließlich dort, wo ein Mensch selbst Gewalt erfahren hat. Das hat Relevanz, wenn man nach der richtigen Antwort auf die terroristische Gewalt sucht. Bloße Vergeltung nützt nichts. Verschärfte Überwachung kann einiges verhindern, reicht aber, wie Paris zeigt, nicht. Freilich wird man nicht umhin können, die wilde Einreise der Flüchtlinge, unter denen sich Terroristen mit ihren Waffen verstecken können, einer vernünftigen Kontrolle zu unterziehen.

Der Kampf gegen den Terror ist mit Investitionen in die Sicherheitskräfte nicht getan. Das Wichtigste scheint mir ein unbeirrtes Festhalten an der Kultur der Gewaltlosigkeit zu sein, die die Mission Europas in den vergangenen 70 Jahren war, und die keine Kultur der Ermattung, sondern der Weisheit ist. Gewaltlosigkeit ist aber nicht Passivität. Europa muss sich dringend überlegen, wie es der Gewalt im Nahen und Mittleren Osten auf eine Weise beikommen kann, die die Traumatisierung der dortigen Menschen nicht vergrößert, sondern beendet. Vielleicht rüttelt Paris ja Europa auf.

Was ich mir in dieser Stunde am meisten wünsche, freilich idyllische 1000 Kilometer von Paris entfernt, wäre eine Demonstration der inneren Stärke: dass die Menschen weitermachen wie bisher. Nicht ängstlich in den Häusern bleiben, sondern essen, trinken, Musik hören, Fußball schauen gehen. Solidarisch bleiben mit den Millionen friedfertigen Muslimen unter uns, auch jenen auf der Flucht. Wir Europäer müssen zeigen, dass der Terrorismus nicht wirkt, weil wir seinem Schrecken überlegen sind.



Auge um Auge - Zahn um Zahn

Pfarrer Marco Uschmann (Wien)
http://oe1.orf.at/programm/458799


Die Welt ist sich einig: So geht es nicht. Was der neue amerikanische Präsident sich leistet, wird zunehmend grotesker: Es ist gar nicht so lange her, da wurde der Fall einer Mauer zu Recht als große menschliche Errungenschaft gefeiert. Nun errichtet Donald Trump eine neue.

Seit Jahrhunderten ringen Menschen um Religionsfreiheit, sie gilt als großes und schützenswertes Gut. Religionsfreiheit gilt als Merkmal entwickelter Demokratien, sie ist Ausweis von Toleranz und Vernunft. Präsident Trump dagegen grenzt Menschen aus, die die vermeintlich falsche Religion haben. Das ist nicht nur unvernünftig, das ist auch unchristlich. Ich sage das deswegen, weil der Präsident im Wahlkampf auch von seiner Religion gesprochen hat und seine Konfession als Presbyterianer hervorgehoben hat. Die Bibel sei sein Lieblingsbuch, sagte er in einem Interview vom vergangenen August. Bezeichnenderweise ist sein Lieblingsbibelvers "Auge um Auge, Zahn um Zahn".

Nun kann man sagen, dass Wahlkampf und Realität nicht viel miteinander zu tun haben - nicht nur in den USA. Weiters kann man in den USA (noch) keinen Wahlkampf ohne ein deutliches Bekenntnis zum Christentum gewinnen. Abgesehen davon wechselte Trump ja die Partei - wurde vom Demokraten zum Republikaner. Das rechnen ihm konservative Christen in den USA nach wie vor hoch an. Auch ist Trump für viele weiße evangelikale Christen jemand, der den Verfall der Sitten stoppt. So bedeutet in ihren Augen sein Slogan "Make America great again" nichts anderes, als dass Homosexualität wieder geächtet wird oder dass gegen die vermeintliche Sünde der Abtreibung massiv angegangen wird.

Das mag auch mit ein Grund sein, warum Trump seine Konkurrentin Hillary Clinton besiegt hat, stand sie doch für einen liberalen Umgang mit diesen und anderen Themen. Das machte sie für viele amerikanische konservative Christen unwählbar. So ist Trump auch mit vielen evangelikalen und konservativen christlichen Stimmen Präsident geworden.

Trump, der Christ, grenzt nun Menschen aus, die das falsche Bekenntnis haben. Da mutet es nahezu absurd an, dass gerade viele Christen ihm ihre Stimme gegeben haben. So zeigt sich, dass der Missbrauch von Religion auch im Christentum Einzug gehalten hat. Leider geht dieser Missbrauch nicht selten mit Gewalt einher.

Gefährlich bei Trump ist seine Machtfülle. Was er damit anrichten kann, hat die vergangene Woche gezeigt: Verzweifelte Menschen auf Flughäfen, aufgrund ihrer Religion und Herkunft buchstäblich ausgegrenzt. Zum Glück gibt es viele Menschen, die gegen diese Diskriminierung auf die Straße gehen, die ein anderes Verständnis von Religion haben. Denn es sei auch hier grundsätzlich festgehalten: Mit dem Christentum lassen sich niemals und nirgendwo Menschen ausgrenzen, sei es auf Grund ihrer Religion, ihrer Hautfarbe, ihrer Sexualität. Selbstverständlichkeiten eigentlich, so habe ich es gedacht bis letzte Woche.

So gewinnen die Gedanken der Reformatoren traurige Aktualität: Sie haben Religionsfreiheit und Religionsmündigkeit vor 500 Jahren angestoßen und dafür gekämpft. So wie ihre Nachkommen sich nach wie vor dafür einsetzen. Freiheit und Verantwortung stehen im Zentrum der Feiern zum Reformationsjubiläum. Betont wird damit die Freiheit der Menschen von allen weltlichen Zwängen und Hierarchien. Maßstab ist das Gewissen und die Verantwortung gegenüber den christlichen Werten und der darin begründeten Menschenwürde. Daraus fließen die Menschenrechte. Freiheit und Verantwortung - beides wird in den USA derzeit mit Füßen getreten.

Und weil zuvor von des Präsidenten biblischem Lieblingsvers die Rede war: Auge um Auge - Zahn um Zahn. Jesus Christus hat diesen Satz aus dem Alten Testament (2 Mos 21,24) übrigens kommentiert: Im Matthäusevangelium heißt es dazu: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.



Wohl denen, die da wandeln

Cornelius Becker, in: EG 295. Dazu: http://www.ekd.de/reformation-und-musik/download/10_EG_295_Gestaltungsvorschlaege.pdf



Auge um Auge

Berthold Kohler, Leitartikel: In den Koalitionsgräben, FAZ 18.02.2014, Seite 1 Vergeltung



Angemessener Schadenersatz

Manfred Oeming, in: https://www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca03-3/auge.html



Durchbrechen der Gewaltdynamik

Friedhelm Wessel, Auge um Auge… Eine biblische Klärung, in: http://www.arjeh.de/bibel/AT/auge-um-auge.html



Heiligenschein

www.bdkj-darmstadt.de/download_file.php?download=66&source=3



Rabbi Isaaks Geduld

Aus: Öster D. Bünker, Die Güte des Meisters wiegt mehr als ein Berg. Weisheitsgeschichten. Herder Spectrum, Freiburg Basel Wien 1998.



Heimzahlen, was uns kränkt?

Aus: Das Lächeln Gottes. Gebete unserer Zeit. Herausgegeben von Maria Otto und Ludger Hohn-Morisch. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2003.



Als Zeuge vor Gericht

Aus: August Janisch, Mit weitem Herzen. Gedanken eines Grenzgängers. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2002.



Unbewaffnet und nackt

Aus: Ludger Schulte, Gott suchen – Mensch werden. Vom Mehrwert des Christseins. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.