21.08.2017

Kontexte 05.03.2017


Die Kunst, Dinge loszulassen

Aus: Alois Kothgasser / Clemens Sedmak, Jedem Abschied wohnt ein Zauber inne. Von der Kunst des Loslassens. tops taschenbücher, Kevelaer 2015.


Die Kunst, Dinge loszulassen, hat auch viel mit der „Kunst des Weniger“ zu tun. Der Satz „Weniger ist mehr“ gilt für viele Aspekte des Lebens. Es ist befreiend, sich von Dingen zu lösen; es ist befreiend, Ordnung in das Leben zu bringen. Wenn Menschen niedergeschlagen sind, ist es ein guter Schritt, einmal eine halbe Stunde, eine Stunde aufzuräumen. Der Versuch, äußere Ordnung zu schaffen, bringt auch innere Ordnung mit sich. Wenn äußerlich Klarheit und Ordnung herrschen, bestärkt das auch das Innere. Entrümpeln kann ein Akt der Befreiung sein. Im Englischen heißt das „decluttering“, was allein vom Wort her etwas Befreiendes ausdrückt. Es ist ziemlich erstaunlich, wie rasch sich viele Dinge ansammeln. Wenn man Keller, Dachboden, Kästen und Schubläden einmal durchforstet, ist man zumeist sehr erstaunt, was sich alles findet; Dinge, von denen wir gar nicht mehr wussten, dass wir sie besitzen, und die wir dann natürlich weder gebrauchen noch irgendwie vermisst haben. Es ist befreiend, Dinge loszulassen und sich auch die Frage zu stellen: Was ist genug? Der in Stockholm lebende Amerikaner Alan AtKisson berichtet von seinem ersten Besuch bei seiner schwedischen Frau in ihrer Wohnung in der Nähe von Stockholm. Er war geschockt, als er herausfand, dass sie nur drei Handtücher besaß. Sie erklärte ihm, dass sie nicht mehr brauche, alle drei seien von sehr guter Qualität und entsprechend langlebig, eines sei in Verwendung, eines sei in der Wäsche, eines stehe für Reisen zur Verfügung. Und dann sagte sie: „Det är lagom“ - „das ist ganz genau genug“. Das Wort „lagom“ hat es AtKisson angetan. Es ist eine Kombination aus zwei Begriffen, „lag“ („Team“, „Gemeinschaft“) und „om“ („rundherum“). Man vermutet, dass das Wort aus der Wikingersprache kommt und auf den Brauch anspielt, eine Schale Bier herumzureichen - jeder trinkt (genau die richtige Menge) und lässt, wenn er die Schale weiterreicht, genau die rechte Menge für die anderen zurück. So kann man für viele Bereiche des Lebens und für viele Dinge - für Kleidung und Schuhe, für Geschirr und Möbel, für Bücher und DVDs, für Schmuck und Sammlungen - die Frage stellen: Was ist „lagom“, was ist in der Menge ganz genau richtig?



Freiwillig arm

Aus: Hildegung Keul, Auferstehung als Lebenskust. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag, Freiburg Basel Wein 2014.


Ausgangspunkt von Mechthilds [von Magdeburg (1207 - 1282/1294)] Theologie ist jene neue Armut, die im Zuge der Geldwirtschaft und der bürgerlichen Stadtkultur zu einem wachsenden Problem wird. Mechthild streitet dafür, dass die Theologie dieser Frage nicht ausweicht. Sie stellt die Theologie selbst neu zur Debatte: Worüber diskutiert sie, was sind ihre Themen - und worüber schweigt sie, wofür fehlt ihr die Sprache? Die Theologien der Armutsbewegung, die heute zur Mystik gerechnet werden, entstehen in Abgrenzung zu Theologien, die Armutsfragen eher randständig oder gar nicht behandeln. Sie wollen mit ihrer Kritik die christliche Gottesrede zukunftsfähig halten.

Freiwillige Armut - eine Antwort auf erzwungene Armut

Mechthild gehört zur Armutsbewegung des 13. Jh.s. Diese Bewegung zeichnet sich vor allem durch ein Charakteristikum aus: die freiwillige Armut. Die »willig Armen«, wie Mechthild sie nennt, teilen ihre Lebensgüter miteinander. Sie bringen Bildung und Kultur, Geld und Handwerk, Theologie und Spiritualität in Umlauf. Die Beginen gehen gezielt in die Städte, um mit verarmten Waisen, mit Kranken, Sterbenden und Trauernden, mit Elendsprostituierten und anderen an den Rand Gedrängten zu arbeiten und für sie da zu sein. Hier werden sie massiv mit Armut konfrontiert, die Menschen nicht freiwillig auf sich nehmen, sondern in die sie geboren, gezwungen, gestoßen wurden oder einfach hineingeraten sind. Diese Armut hat ein schreckliches Gesicht mit Krankheit und Elend, mit unvorstellbaren hygienischen Zuständen, mit bitterstem Hunger und bohrendem Schmerz. Ausgerechnet hierhin gehen die Beginen, und zwar nicht mit Jammern, sondern mit schwungvoller Begeisterung.

Freiwillige Armut ist etwas anderes als aufgezwungene, schicksalhafte Armut. Beides ist voneinander zu unterscheiden. Aber beides darf auch nicht voneinander getrennt werden. Denn die freiwillige Armut bezieht sich auf die erzwungene und würde ohne sie ihre Bedeutung verlieren. Die freiwillige Armut gibt Antwort auf die erzwungene Armut. Elisabeth von Thüringen und Mechthild von Magdeburg verschreiben sich der Armut, weil sie im Umfeld ihrer wohlhabenden Burg jenes Elend wahrnehmen, das der Reichtum der Burg erzeugt. Elisabeth (1207 - 1231) weigert sich auf der Wartburg selbst bei Empfängen, etwas zu essen, das den Armen abgepresst wurde. Wo auch immer es geht, tritt sie nicht in Hofkleidung auf, sondern in grober Wolle. Diese Kleidung der Armutsbewegung ist ein Affront gegenüber der höfischen Kultur; ein sichtbares Zeichen des Widerstandes gegen Reichtum, Stolz und Hochmut. Damit bringt sich Elisabeth sogar in höchste Lebensgefahr. Sie muss jederzeit damit rechnen, einem intriganten Mord zum Opfer zu fallen. Im Gegenzug hat die spätere Verehrung Elisabeths eine Metapher für die Lebensmacht ihrer Kultur des Teilens kreiert. Das populäre Rosenwunder besagt, dass Elisabeth gegen den Willen ihres Ehemannes den Armen Brot bringen wollte. Als ihr Mann sie dazu zwang, den Brotkorb aufzudecken, fand sich dort ein prächtiger Strauß roter Rosen. Der übergriffige Ehemann war in mehrfacher Hinsicht hilfreich beschämt. Denn die Legendenbildung bringt es auf den Punkt: Wo Menschen ihre Lebensressourcen miteinander teilen, da blüht das Leben auf.



Auf einen anderen Lebensstil setzen

Aus der Enzyklika LAUDATO SI’ von Papst Franziskus, Rom 2015.


203. Da der Markt dazu neigt, einen unwiderstehlichen Konsum-Mechanismus zu schaffen, um seine Produkte abzusetzen, versinken die Menschen schließlich in einem Strudel von unnötigen Anschaffungen und Ausgaben. Der zwanghafte Konsumismus ist das subjektive Spiegelbild des techno-ökonomischen Paradigmas. Es geschieht das, worauf schon Romano Guardini hingewiesen hat: Der Mensch „nimmt […] Gebrauchsdinge und Lebensformen an, wie sie ihm von der rationalen Planung und den genormten Maschinenprodukten aufgenötigt werden, und tut dies im Großen und Ganzen mit dem Gefühl, so sei es vernünftig und richtig“. Dieses Modell wiegt alle in dem Glauben, frei zu sein, solange sie eine vermeintliche Konsumfreiheit haben, während in Wirklichkeit jene Minderheit die Freiheit besitzt, welche die wirtschaftliche und finanzielle Macht innehat. In dieser Unklarheit hat die postmoderne Menschheit kein neues Selbstverständnis gefunden, das sie orientieren kann, und dieser Mangel an Identität wird mit Angst erfahren. Wir haben allzu viele Mittel für einige dürftige und magere Ziele.

204. Die gegenwärtige Situation der Welt „schafft ein Gefühl der Ungewissheit und der Unsicherheit, das seinerseits Formen von kollektivem Egoismus […] begünstigt“. Wenn die Menschen selbstbezogen werden und sich in ihrem eigenen Gewissen isolieren, werden sie immer unersättlicher. Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann. In diesem Kontext scheint es unmöglich, dass irgendjemand akzeptiert, dass die Wirklichkeit ihm Grenzen setzt. Ebenso wenig existiert in diesem Gesichtskreis ein wirkliches Gemeinwohl. Wenn dieser Menschentyp in einer Gesellschaft tendenziell der vorherrschende ist, werden die Normen nur in dem Maß respektiert werden, wie sie nicht den eigenen Bedürfnissen zuwiderlaufen. Deshalb denken wir nicht nur an die Möglichkeit schrecklicher klimatischer Phänomene oder an große Naturkatastrophen, sondern auch an Katastrophen, die aus sozialen Krisen hervorgehen, denn die Versessenheit auf einen konsumorientierten Lebensstil kann – vor allem, wenn nur einige wenige ihn pflegen können – nur Gewalt und gegenseitige Zerstörung auslösen.

205. Trotzdem ist nicht alles verloren, denn die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, können sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern, über alle geistigen und sozialen Konditionierungen hinweg, die sich ihnen aufdrängen. Sie sind fähig, sich selbst ehrlich zu betrachten, ihren eigenen Überdruss aufzudecken und neue Wege zur wahren Freiheit einzuschlagen. Es gibt keine Systeme, die die Offenheit für das Gute, die Wahrheit und die Schönheit vollkommen zunichte machen und die Fähigkeit aufheben, dem zu entsprechen. Diese Fähigkeit ist es ja, der Gott von der Tiefe des menschlichen Herzens aus fortwährend Antrieb verleiht. Jeden Menschen dieser Welt bitte ich, diese seine Würde nicht zu vergessen; niemand hat das Recht, sie ihm zu nehmen.



Kairos - Der rechte Augenblick

Aus: Ilse Pauls, Worte am Weg. Gedichte. Wolfgang Hager Verlag, Stolzalpe 2013.



bist du in mir, geht es mir gut

Aus: Susanne Niemeyer / Matthias Lemme, Brot und Liebe. Wie man Gott nach Hause holt. Kreuz Verlag im Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2013.



Gewissen - Echo Gottes

Aus: Susanne Niemeyer / Matthias Lemme, Brot und Liebe. Wie man Gott nach Hause holt. Kreuz Verlag im Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2013.



Die Gefahr eines spirituellen Kunsumismus

Aus: Apostolisches Schreiben EVANGELII GAUDIUM des Heiligen Vaters Papst Franzis-kus, gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, zum Abschluss des Jahres des Glaubens, am 24. November – Hochfest unseres Herrn Jesus Christus, König des Weltalls – im Jahr 2013, dem ersten meines Pontifikats.



Die alte Lehrerin, die Bibel

Aus: Dorothee Sölle, Erinnert euch an den Regenbogen. Texte, die den Himmel auf Erden suchen. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1999.



nicht-angepaßt

Aus: Martin Luther King, Ich habe einen Traum. Benziger Verlag, Zürich und Düsseldorf 1999.



Wehrt Euch! - Enzensbergers Regeln für die digitale Welt

FAZ online



Exodus

Aus Maria Strauss, Nur der gelebte Augenblick. Gedichte. Fram Verlag, Wien 2001.



Gegen jeden

Aus: Ralf Rothmann, Gebet in Ruinen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000.



Wunsch und Begierde

Aus: Eugen Roth für Lebenskünstler. Heitere Verse mit farbigen Illustrationen von Hans Traxler. Carl Hanser Verlag, München Wien 1995.



Der König

Aus: Rainer Maria Rilke, Gesammelte Gedichte. Wilhelm Goldmann Verlag, München 2004.



Versuch einer Versuchung

Aus: Karlheinz May, Vom Duft der Auferstehung. Die vier Evangelien in Auszügen mit Meditationen, kommentierenden Texten und Zeichnungen. Im Eigenverlag (Holsteinstr 1, D-51065 Köln).



Gib mir die Gabe der Tränen, Gott

Dorothee Sölle in: Höre Gott! Psalmen des Jahrhunderts. Herausgegeben von Paul Konrad Kurz. Benziger Verlag, Zürich und Düsseldorf 1998.



Down On Me

Aus: Ralf Rothmann, Gebet in Ruinen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000.



ihre eitelkeit frißt die erde kahl

Aus: Said, Psalmen. Mit einem Nachwort von Hans Maier. Verlag C. H. Beck oHG, München 2007.



Unterlassungssünden

Aus: Hans Magnus Enzensberger, Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003.