20.04.2018

Kontexte 06.08.2008


Ich weiß, woran ich glaube

Ernst Moritz Arndt, 1819.


1. Ich weiß, woran ich glaube,
ich weiß, was fest besteht,
wenn alles hier im Staube
wie Sand und Staub verweht;
ich weiß, was ewig bleibet,
wo alles wankt und fällt,
wo Wahn die Weisen treibet
und Trug die Klugen prellt.

2. Ich weiß, was ewig dauert,
ich weiß, was nimmer läßt;
mit Diamanten mauert
mir's Gott im Herzen fest.
Die Steine sind die Worte,
die Worte hell und rein,
wodurch die schwächsten Orte
gar feste können sein.

3. Auch kenn ich wohl den Meister,
der mir die Feste baut,
er heißt der Herr der Geister,
auf den der Himmel schaut,
vor dem die Seraphinen
anbetend niederknien,
um den die Engel dienen:
ich weiß und kenne ihn.

4. Das ist das Licht der Höhe,
das ist der Jesus Christ,
der Fels, auf dem ich stehe,
der diamanten ist,
der nimmermehr kann wanken,
der Heiland und der Hort,
die Leuchte der Gedanken,
die leuchten hier und dort.

5. So weiß ich, was ich glaube,
ich weiß, was fest besteht
und in dem Erdenstaube
nicht mit als Staub verweht;
ich weiß, was in dem Grauen
des Todes ewig bleibt
und selbst auf Erdenauen
schon Himmelsblumen treibt.



Rechenschaft ablegen

Rupert von Deutz, Liber de divinis officiis. Der Gottesdienst der Kirche, 2. Teilband, hrsg. Helmut und Ilse Deutz, Fontes Christiani Bd. 33/2, Freiburg: Herder 2002, S. 575.


Am Samstag (der ersten Fastenwoche) wird für die neu geweihten Priester und
die anderen Altardiener Christi passend dieses Evangelium verlesen: "Jesus
nahm Petrus und Jakobus und Johannes mit sich und führte sie auf einen Berg
und wurde vor ihnen verklärt" (Mt. 17,1-2). Die Priester nämlich und die
anderen Altardiener steigen, wenn sie zu einem so erhabenen Dienst berufen
werden, mit dem Herrn gleichsam auf einen sehr hohen Berg, damit sie mit
unverhülltem Angesicht den Glanz seiner Herrlichkeit widerspiegeln und
erkennen, was Mose und Elija, das heißt das Gesetz und die Propheten, mit
ihm selbst und über ihn selbst sprechen, es dem niederen Volk verkünden, mit
dem Glauben an Christus die sittlichen Vorschriften des Gesetzes und die
Lehre der Propheten bewahren und vorbereitet sind, jedem, der sie fordert,
Rechenschaft abzulegen.



Erleuchtung erlitten

(Bertold Brecht, Gedichtet anlässlich der Konversion von Alfred Döblin 1943 im Exil).


Da betrat der gefeierte Gott die Plattform, die den Künstlern gehört
Und erklärte mit lauter Stimme
Vor meinen schweißgebadeten Freunden und Schülern
Dass er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr
Religiös geworden sei und mit unziemlicher Hast
Setzte er sich herausfordernd einen mottenzerfressenen Pfaffenhut auf
Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte
Schamlos ein freches Kirchenlied an, so die irreligiösen Gefühle
Seiner Zuhörer verletzend, unter denen
Jugendliche waren.

Seit drei Tagen
Habe ich nicht gewagt, meinen Freunden und Schülern
Unter die Augen zu treten, so
Schäme ich mich.



Verklärter Herbst

Georg Trakl in: Lesezeichen. Lesebuch 10. Schuljahr, Neuausgabe für Gymnasien und Realschulen. Stuttgart Düsseldorf Leipzig: Klett-Verlag 1998, S. 61.


Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten,
rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter,
wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
das geht in Ruh und Schweigen unter.



Im Sonnenlicht

Günter Eich in: Lesezeichen. Lesebuch 10. Schuljahr, Neuausgabe für Gymnasien und Realschulen. Stuttgart Düsseldorf Leipzig: Klett-Verlag 1998, S. 64.


Die Sonne, wie sie mir zufällt,
kupfern und golden,
dem blinzelnden Schläfer -
ich habe sie nicht verlangt.

Ich will sie nicht,
wie sie die Haut mir bräunt
und mir Gutes tut,
ich fürchte das Glück -
ich habe es nicht verlangt.

Die ihr sie hinnehmt,
kupfern und golden,
daß sie das Weizenkorn härtet,
daß sie die Traube kocht -
wer seid ihr, daß ihr nicht bangt?

Was üppig sie gab,
was wir genommen ohne Besinnen
das unverlangte Geschenk -
eines bestürzenden Tages
wird es zurückverlangt.

Was zu verschwenden erlaubt war,
die kupferne Scheidemünze,
die Haufen Goldes,
die vertanen Reichtümer - genau
wird es zurückverlangt.

Aber wir werden leere Taschen haben,
und der Gläubiger ist unbarmherzig.
Womit werden wir zahlen?
O Brüder, daß ihr nicht bangt!



Im Regen geschrieben

Hilde Domin in: Lesezeichen. Lesebuch 10. Schuljahr, Neuausgabe für Gymnasien und Realschulen. Stuttgart Düsseldorf Leipzig: Klett-Verlag 1998, S. 71.


Wer wie die Biene wäre,
die die Sonne
auch durch den Wolkenhimmel fühlt,
die den Weg zur Blüte findet
und nie die Richtung verliert,
dem lägen die Felder in ewigem Glanz,
wie kurz er auch lebte,
er würde selten
weinen.



Interview

Marie Luise Kaschnitz, Überallnie. Ausgewählte Gedichte 1928 - 1965. Mit einem Nachwort von Karl Krolow, Claassen Verlag 2. Aufl. 1998, S. 191.


Wenn er kommt, der Besucher,
Der Neugierige und dich fragt,
Dann bekenne ihm, daß du keine Briefmarken sammelst,
Keine farbigen Aufnahmen machst,
Keine Kakteen züchtest.
Daß du kein Haus hast,
Keinen Fernsehapparat,
Keine Zimmerlinde.
Daß du nicht weißt,
Warum du dich hinsetzt und schreibst,
Unwillig, weil es dir kein Vergnügen macht.
Daß du den Sinn deines Lebens immer noch nicht
Herausgefunden hast, obwohl du schon alt bist.
Daß du geliebt hast, aber unzureichend,
Daß du gekämpft hast, aber mit zaghaften Armen.
Daß du an vielen Orten zuhause warst,
Aber ein Heimatrecht hast an keinem.
Daß du dich nach dem Tode sehnst und ihn fürchtest.
Daß du kein Beispiel geben kannst als dieses:
Immer noch offen.