18.11.2017

Kontexte 22.10.2017


Geld definiert Pastoral?

Johann Pock in: Pastoral und Geld. Theologische, gesellschaftliche und kirchliche Herausforderungen. Hg. Johann Pock, Ulrike Bechmann, Rainer Krockauer, Christoph Lienkamp. Werkstatt Theologie, Bd. 16. LIT Verlag, Wien Berlin 2011.


Das vorhandene oder nicht vorhandene Geld hat über die Jahrhunderte die pastorale Landschaft stark geprägt: Reichere oder ärmere Stiftungspfarren erhielten eine entsprechend bessere oder schlechtere Ausstattung - auch im Blick auf das Personal. Das Pfründenwesen ermöglichte pastorale Arbeit, bestimmte aber gleichzeitig auch die pastorale Arbeit, sodass der finanzielle Aspekt zeitweise die eigentliche seeelsorgliche Arbeit in der Wertigkeit ablöste.

Schon sehr früh setzte in der Kirche die Notwendigkeit ein, mit Hilfe einer Vermögensverwaltung die pastorale Arbeit zu organisieren. So gilt ein Dekret des Papstes Simplicius aus dem Jahre 475 als erstes geschichtlich bekanntes Gesetz der Kirche über ihre Vermögens Verwaltung.

Die Unabhängigkeit der Priester und hauptamtlich in der Seelsorge tätigen Personen von den jeweiligen pastoralen Einrichtungen (Pfarren, Schulen, kategoriale Stellen) definiert dieses Verhältnis von Geld und Pastoral neu. So ist durch das System der Kirchensteuer (Deutschland) bzw. des Kirchenbeitrags (Österreich) und der dadurch möglichen Unabhängigkeit des hauptamtlichen Personals von den konkreten Ressourcen vor Ort eine in der Weltkirche spezifische Situation entstanden: einerseits die relative Entkoppelung von vorhandenem Vermögen in den jeweiligen Pfarren und den pastoralen Möglichkeiten; andererseits aber auch eine Erwartungshaltung der zahlenden Kirchenmitglieder auf ein entsprechendes pastorales, vor allem liturgisches „Service“: Taufen, Trauungen, Begräbnisse, Festgottesdienste und vieles mehr. Gleichzeitig unterscheiden aber anscheinend viele Menschen auch zwischen dem Kirchenbeitrag als einer Art „Vereinsbeitrag“ und der konkreten pastoralen Arbeit; dies wird dann deutlich, wenn jemand aus der Kirche austritt und trotzdem weiterhin selbstverständlich seelsorgliche Dienste in Anspruch nimmt.

Geld spielt in der pastoralen Arbeit aber auch als Machtfaktor eine nicht unwesentliche Rolle. Gerade hier ist aber durch die Wirtschaftsräte in den Pfarren ein gewisses Mitspracherecht der Laien im Einsatz dieses Geldes garantiert.



Münzen als Massenmedium

Ulrike Bechmann in: Pastoral und Geld. Theologische, gesellschaftliche und kirchliche Herausforderungen. Hg. Johann Pock, Ulrike Bechmann, Rainer Krockauer, Christoph Lienkamp. Werkstatt Theologie, Bd. 16. LIT Verlag, Wien Berlin 2011.


Münzen waren die ersten Massenmedien. Nachdem erst die Prägungen für den Wert darauf waren, entdeckte man schnell, dass man die Fläche nicht nur für die Herkunft und den Wert der Münze nutzen konnte, sondern auch für Botschaften. Die weite Verbreitung der Münzen, gerade in Großreichen wie Persien, Griechenland oder im Römischen Reich, brachte diese Botschaften in alle Ecken der jeweiligen Herrschaft. Münzprägungen erwiesen sich bald auch als probates religiöses und/oder politisches Propagandamittel für die Stadtstaaten und Herrscher. Münzen propagierten Gottheiten, die die jeweiligen münzprägenden Staaten oder Städte repräsentierten; sie vermittelten Herrscherbilder mit deren Insignien und Images und dienten so der politischen Propaganda. Da die Macht aber immer mit Gottheiten verbunden war, also Religion und Politik nicht zu trennen waren, dienten Münzen beider Verbreitung: Götter und Göttinnen einerseits, Herrscheranspri andererseits.



Die „Absichtslosigkeit der Mission"

Aus: Otto Neubauer, Mission possible. Das Handbuch für die neue Evangelisation. Sankt Ulrich Verlag Augsburg 2013.


Nicht nur die Erfahrungen des Dialogs zeigen, dass Verkündigung heute vor allem das demütige und gleichzeitig leidenschaftliche Lebenszeugnis für Jesus Christus braucht, durch Menschen, die mitten in dieser Welt, in ihrer Arbeit und im vielfältigen Netzwerk von Familie und Freunden stehen. Es braucht diese neue „Berü

hrbarkeit" der Kirche. Genau das könnte auch eine neue „Stunde der Laien" von heute sein.

ln unzähligen großartigen geistlichen Reden im und um das Konzil wurde uns schon oft gesagt, dass in Kirche und Welt vielmehr Zeugen gebraucht werden als Lehrer. Auch in der Orientierungslosigkeit unserer Zeit wissen wir, dass es die Lehre braucht, und doch wird die so stark geschwundene Glaubwürdigkeit unserer Kirche erst wieder durch das Leben selbst zurückgewonnen. Die Verdunkelung Gottes z. B. durch die verschiedenen Arten des Machtmissbrauchs in der Kirche kann nur durch das konkrete Zeugnis der Ehrlichkeit, der tätigen Reue, des entschiedenen Eintretens für die Leidenden, die Opfer, und gleichzeitig durch Sanftmut und Güte überwunden werden. Wenn wir verstehen und es annehmen können, dass wir tatsächlich „Arme" und „Bedürftige" sind, vielleicht auch Schafe mitten unter Wölfen, dann werden wir die „Armen" und „Bedürftigen" unserer Umgebung berühren können.

Nach unseren noch immer wirtschaftlich geprägten Denkmustern wollen wir gerne schnelle Ergebnisse unserer Verkündigung und unseres Engagements sehen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen menschlicher Effizienz und der Fruchtbarkeit in der christlichen Verkündigung. Es tut gut zu hinterfragen, ob wir durch zu viel Schauen auf „pastorale Effizienz" und Machbares das Geschenk geistlicher Freude nicht genügend angenommen haben. Zu oft entwickeln sich Pfarrgemeinden eher zu Arbeitseinheiten als zu spirituellen Oasen oder Missionsstationen.

Der Mensch solle im Mittelpunkt stehen, nicht unser Projekt, so hebt das Konzil an mehreren Stellen hervor. Jesus Christus hat sein Leben am Kreuz für die Menschen (!) hingegeben - in Gehorsam zum Vater. Die Frage darf erlaubt sein, ob dies eine pastoral effiziente Methode war. Er tat es nicht für eine Idee und für seine eigene Herrlichkeit. Die Mission und die Freude Gottes ist zuallererst die Rettung des Menschen. „Die Freude", die wir leben dürfen, weil Gott uns Erbarmen geschenkt hat, „hat eine absichtslos missionarische Kraft." Diese Freude über sein Erbarmen teilen wir einfach mit den Menschen von heute. Deswegen kann es eigentlich nicht um die Sorge gehen, wie stark der Einfluss der Kirche in der Gesellschaft in der Zukunft sein wird, sondern vielmehr wie sehr Christen Vorbilder für ein Leben sein können, an denen sich die Menschen orientieren können. Das hängt sicher nicht zuerst von der zahlenmäßigen Größe der Kirche in Europa ab.



Über die Zukunft der Religionen

Aus: Papst Franziskus über Himmel und Erde. Jorge Bergoglio im Gespräch mit dem Rabbiner Abraham Skorka. Hg. Von Diego Rosenberg. Riemann Verlag, München 2013.


Bergoglio: Wenn man die Geschichte ansieht, haben die religiösen Formen des Katholizismus merklich variiert. Denken wir beispielsweise an den Kirchenstaat, wo die weltliche Macht mit der geistigen Macht verbunden war. Das war eine Deformation des Christentums, es entsprach nicht dem, was Jesus wollte und was Gott will. Wenn die Religion im Lauf der Geschichte eine derartige Entwicklung durchgemacht hat, warum sollten wir nicht denken, dass sie sich auch in der Zukunft an die Kultur ihrer Zeit anpassen wird? Der Dialog zwischen Religion und Kultur ist von grundlegender Bedeutung, das wird schon im Zweiten Vatikanischen Konzil gesagt. Von Anbeginn an wird von der Kirche eine fortwährende Bekehrung verlangt - Ecclesia semper reformanda - und diese Wandlung nimmt im Lauf der Zeit verschiedene Formen an, ohne das Dogma abzuändem. In der Zukunft wird sie andere Arten finden, sich neuen Epochen anzupassen, so wie sie heute andere Modi hat als zur Zeit des Regalismus, des Jurisdiktionalismus und des Absolutismus. Sie spielen auch auf das Wiedererstarken der Gemeinden an. Das ist ein Schlüssel, die Tendenz zur kleinen Gemeinschaft als Ort der religiösen Zugehörigkeit. Das entspricht einem Bedürfnis nach Identität, die nicht nur religiös, sondern auch kulturell ist: Ich bin aus diesem Viertel, für diesen Fußballclub, aus dieser Familie, aus diesem Ritus ... dann habe ich einen Ort der Zugehörigkeit, erkenne mich in einer Identität. Der Ursprung des Christentums lag in den Gemeinden. Wenn man die Apostelgeschichte des heiligen Lukas liest, wird einem klar, dass das Christentum eine massive Expansion erlebt hat; bei den ersten Predigten von Petrus tauften sie Tausende Personen, die sich anschließend in kleinen Gemeinschaften zusammentaten. Das Problem ist, wenn eine Pfarrei kein Eigenleben hat und durch die übergeordnete Struktur außer Kraft gesetzt und vereinnahmt wird. Denn Leben wird einer Pfarrei durch diesen Sinn für Zugehörigkeit eingehaucht. Ich erinnere mich, als ich einmal zum Gespräch mit Ihnen in Ihre Gemeinde kam und Sie mir die Frauen vorstellten, die die Wohltätigkeitsarbeit der Synagoge leisten. Sie bereiteten gerade Pakete und Tüten für bedürftige Familien vor. Die Synagoge oder die Pfarrei führen uns dahin, unsere Brüder zu versorgen, sie bringen das Religiöse ins Handeln. In diesem Fall war es unterstützender Art, aber es gibt auch andere Formen: in der Erziehung, bei der sozialen Förderung usw. Wegen Aktionen dieser Art klagt man uns an, uns in Dinge zu mischen, die uns vermeintlich nicht interessieren sollten. Vor Kurzem feierte ich zum Beispiel im Bahnhof Constituciön in Buenos Aires eine Messe für die Opfer des Menschenhandels: die Versklavung in den geheimen Werkstätten, die ausgebeuteten Cartoneros, die zum Drogenschmuggel gezwungenen Kinder, junge Prostituierte. Es wurde schließlich ein großer Protest, dem sich Leute anschlossen, die nicht katholisch sind, die meinen Glauben nicht teilen, jedoch die Liebe zum Bruder teilen. Ich mische mich nicht in Politik ein, ich versetze mich in die Haut meines Bruders, der in die Mangel genommen wird, in eine Sklavenfabrik gesteckt wird. Es stimmt, dass manche so etwas auch ausdeshalb muss man gut unterscheiden, wie man in diesen Angelegenheiten handelt.



Gott das Seine geben

Aus: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, 3. Teilband: Mt. 18-25, EKK I/3, Zürich-Düsseldorf: Benziger und Neukirchen Vluyn: Neukirchener 1997.



Steueroase

Claus Hulverscheidt, Berlin, Süddeutsche Zeitung, 07.11.2013. http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/internationale-studie-steueroase-deutschland-1.1812394



Steuersong

http://www.steuerkanzlei-burmann.de/lied.html



Recht und Gerechtigkeit

Raymund Weber nach Amos 5,24 in: lieder zwischen himmel und erde, Düsseldorf: tvd-Verlag 2011.



Noch tausend und ein Morgen

Thomas Laubach, in: lieder zwischen himmel und erde, Düsseldorf: tvd-Verlag 2011.



Propheten

Aus: Hermann Cohen, Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums. Nach dem Manuskript des Verfassers neu durchgearbeitet und mit einem Nachwort versehen von Bruno Strauß, Frankfurt 1929.