17.11.2017

Kontexte 05.11.2017


Zwei Träume

Aus: Der klerikale Witz. Patmos, Düsseldorf 1970.


«Heute nacht habe ich geträumt», sagt ein Pfarrer zu einem Rabbiner, «ich sei ins jüdische Paradies gekommen. Einfach scheußlich! Dieses Schreien und Gestikulieren und dieses Gedränge! Alles überfüllt bis in den hintersten Winkel. Und dieser Gestank!»
«Wie sich das trifft» sagt da der Rabbiner. «Ich bin heute nacht im Traum durch das christliche Paradies gegangen. Eine himmlische Ruhe! Köstlicher Duft nach Lilien und Rosen - und weit und breit kein Mensch!»



Pharisäer, Sadduzäer, Essener

Aus: Günter Stemberger, Pharisäer Sadduzäer Essener. Fragen – Fakten – Hintergründe. KBW Stuttgart 2013.


Die Darstellung der religiösen Strömungen des palästinischen Judentums in neutestamentlicher Zeit stößt auf größere Schwierigkeiten, als man sich vielfach bewusst ist. Das Hauptproblem ist die Quellenlage. Wer so manche Darstellungen der Geschichte der jüdischen „Religionsparteien“ liest, denkt kaum daran, dass die Bezeichnung „Pharisäer“ vor Paulus und der Name „Sadduzäer“ vor dem Markusevangelium nirgends belegt sind. Kurz darauf und etwa gleichzeitig mit den anderen Texten des Neuen Testaments schreibt Josephus Flavius, der als dritte Strömung des Judentums die Essener hinzufugt. Das bedeutet aber, dass die frühesten expliziten Aussagen über Pharisäer und Sadduzäer erst in einer Zeit niedergeschrieben wurden, als die eigentliche Zeit dieser Gruppen schon zu Ende ging bzw. schon vorbei war. Einzig die dritte Gruppe, die der Essener, ist inzwischen durch die Qumrantexte umfangreich dokumentiert, auch wenn eine direkte Gleichsetzung Qumran - Essener fragwürdig bleiben muss.

Die Qumrantexte fuhren uns zwar weiter zurück und sind eine wesentliche Quelle der jüdischen Geistesgeschichte seit der Makkabäerzeit; doch darf das durch die Funde der letzten Jahrzehnte gesteigerte Interesse an den Essenern nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nach eigenen Aussagen wie auch nach dem Zeugnis des Josephus eher eine radikale Randgruppe bilden und das Neue Testament wie die rabbinische Literatur ohne ihre Erwähnung auskommen. Dieses Schweigen muss man erklären, die Beziehungen der Essener zu den anderen religiösen Strömungen ihrer Zeit zu erhellen versuchen. Im Übrigen darf der Umfang der nun vorliegenden Quellen nicht dazu verführen, ihre Bedeutung in der Geschichte jener Zeit zu übertreiben. Zudem gibt es eine schon unübersehbar gewordene Spezialliteratur zu Qumran, die es erlaubt, hier die Essener allein im Zusammenhang mit den anderen Gruppen und nicht als selbstständige Größe zu besprechen.

Josephus geht als einziger Autor auch auf die Vorgeschichte der drei Richtungen ein. Doch woher weiß er selbst davon? Nikolaus von Damaskus, der Hofgeschichtsschreiber des Herodes, gilt als seine wesentliche Quelle; anderes Material kann man nur vermuten. Die geschichtlichen Rekonstruktionen, die die Pharisäer und Sadduzäer bis in die Makkabäerzeit und weiter zurück verfolgen, beruhen somit weithin auf einem fast grenzenlosen Vertrauen zu Josephus und seinen ungenannten Quellen sowie auf Entwicklungslinien, die man von den biblischen Schriften zum nachbiblischen Judentum zieht. Vieles ist dabei sicher legitim, doch muss man sich des Verfahrens bewusst bleiben.


In der Rekonstruktion der geistigen und politischen Geschichte der religiösen Gruppen greift man natürlich fast immer auch auf andere Texte zurück. Viele Autoren versuchen, die erhaltene Literatur des Zweiten Tempels auf Pharisäer, Sadduzäer und Essener aufzuteilen, hier Hinweise auf die jeweilige Gruppe und ihre Gegner zu finden, auch wenn die Ausdrücke Pharisäer oder Sadduzäer nie Vorkommen. Auch daran ist manches plausibel, wenn auch schwer beweisbar. Problematisch ist jedoch die zugrunde liegende Vorstellung, das ganze Judentum der etwa drei Jahrhunderte von den Makkabäern bis zur Zerstörung des Tempels im Jahre 70 auf diese drei Strömungen reduzieren zu können. Davor sollten schon die bei Josephus genannten Zahlen warnen, so problematisch auch diese wiederum sind. Die Ergänzung des Bildes durch die Qumrantexte, in denen man verschiedene Hinweise auf Pharisäer und Sadduzäer gefunden zu haben glaubt, ist zwar verlockend, im Einzelfall auch wahrscheinlich; doch nennen die Texte die Gegner nie direkt beim Namen, womit - zusätzlich zu allen anderen Schwierigkeiten der historischen Auswertung der Qumrantexte - doch sehr vieles im Bereich der Vermutung bleibt.

Dass die neutestamentlichen Texte Pharisäer und Sadduzäer nicht vorurteilsfrei beschreiben, ist nur zu natürlich und auch allgemein bekannt. Dafür erhofft man gewöhnlich - bei jüdischen wie christlichen Autoren - eine Korrektur und Bereicherung zumindest des Pharisäerbildes in den rabbinischen Texten. Dahinter stehen zwei problematische Grundvorstellungen: einerseits eine mehr oder weniger direkte Kontinuität zwischen den Pharisäern vor 70 und den Rabbinen nach dem Untergang Jerusalems, andererseits das Vertrauen auf die historische Verlässlichkeit und Verwertbarkeit rabbinischer Aussagen für die Verhältnisse früherer Jahrhunderte. Dass die Aussagen der Rabbinen über die Sadduzäer kaum objektiv sind, ist klar; aber auch die wenigen Abschnitte über die Pharisäer sind wohl eher als Verklärung der eigenen Anfänge zu lesen, soweit überhaupt von den historischen Pharisäern die Rede ist. Die Frage der Terminologie wird uns noch beschäftigen.



An Edom!

https://www.aphorismen.de/gedicht/59344


Ein Jahrtausend schon und länger,
Dulden wir uns brüderlich,
Du, du duldest, daß ich atme,
Dass du rasest, dulde Ich.

Manchmal nur, in dunkeln Zeiten,
Ward dir wunderlich zu Mut,
Und die liebefrommen Tätzchen
Färbtest du mit meinem Blut!

Jetzt wird unsre Freundschaft fester,
Und noch täglich nimmt sie zu;
Denn ich selbst begann zu rasen,
Und ich werde fast wie Du.



Aus der Benediktus-Regel

Aus: Die Benediktus-Regel, hrsg. im Auftrag der Salzburger Äbtekonferenz, Beuron 1992.


Wer also den Namen "Abt" annimmt, muss seinen Jüngern in zweifacher Weise als Lehrer vorstehen: Er mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar. Einsichtigen Jüngern wird er die Gebote des Herrn mit Worten darlegen, hartherzigen aber und einfältigeren wird er die Weisungen Gottes durch sein Beispiel veranschaulichen. In seinem Handeln zeige er, was er seine Jünger lehrt, dass man nicht tun darf, was mit dem Gebot Gottes unvereinbar ist. Sonst würde er anderen predigen und dabei selbst verworfen werden. Gott könnte ihm eines Tages sein Versagen vorwerfen: "Was zählst du meine Gebote auf und nimmst meinen Bund in deinen Mund? Dabei ist meine Zucht dir verhasst, meine Worte wirfst du hinter dich." Auch gilt: "Du sahst im Auge deines Bruders den Splitter, in deinem hast du den Balken nicht bemerkt."



Manchmal ist die Kirche...

Aus: Immanuel Jacobs, Israel. Land der Widersprüche, Münsterschwarzach 1990.


Manchmal ist die Kirche wie eine Herde ohne Hirten, weil die Hirten immer hinterherlaufen und die Herde nicht weiß wohin.
Manchmal ist die Kirche wie eine Karawane in der Wüste, an die sich jeder anschließen kann, der zur Oase will.
Manchmal ist die Kirche so auf ihr eigenes Herdenleben konzentriert, dass sie gar nicht merkt, dass sie ihre eigenen Weiden total abgefressen hat.
Manchmal ist die Kirche wie eine Herde in der judäischen Wüste, wo die Hirten vorne gehen und die Schafe hinten dauern meckern.
Manchmal ist die Kirche so voller lebendigem Grün, dass jeder nur vor sich hinkaut und die anderen im selbstgemachten Glück vergisst.
Manchmal ist die Kirche wie eine Herde, in der einige aus der Reihe tanzen, die man immer wieder zurücktreibt, obwohl sie vielleicht die besseren Weiden schnuppern.
Manchmal ist die Kirche wie eine hungrige Herde, die nach jedem Grashalm sucht, während die Hirten ein Schaf am Spieß braten.
Manchmal ist die Herde in der Wüste, die sich in der Kälte gegenseitig wärmt und in der Hitze Schatten schenkt.



Bemerkungen zur Geschichte der Seelenführung

Aus: Hermann M. Stenger, Im Zeichen des Hirten und des Lammes. Mitgift und Gift biblischer Bilder. Tyrolia, Innsbruck 2000.


Soweit ich in die umfangreiche und differenzierte Geschichte der Seelenführung Einblick nehmen konnte, bietet sich mir ein extrem ambivalentes Bild: auf der einen Seite achtunggebietende Meisterschaft, auf der anderen schreckenerregende Methoden und Ideologien.
Zunächst gebe ich einige positive Beispiele wieder. Von den Anfängen des Mönchtums an - im 3./4. Jh. - gab es Persönlichkeiten, die in dem Ruf standen, leid- und schuldbeladene Menschen von ihrer Not befreien zu können. Vom Wüstenvater Elipandus wird berichtet, er habe die Kunst reinen Hörens beherrscht:

"Er hörte sie alle in seiner Güte an, ohne einen Tadel oder einen Vorwurf zu machen oder eine störende Frage zu stellen. Befreit und beglückt atmeten die Menschen auf, wenn sie sich vor dem schweigenden Gottesmann ausgesprochen hatten."


Die Entfaltung des Mönchtums im Osten wie im Westen brachte zahlreiche Meister des geistlichen Lebens hervor. In der "Philokalie", einem mehrbändigen Sammelwerk, sind Texte von mehr als 30 Schriftstellern des christlichen Ostens aus dem 3. - 15. Jh. enthalten, die eine hohe Kultur der Seelenführung dokumentieren. Später entstand das Starzentum.


"Ein Starez (wörtlich 'Alter') ist ein durch lange und intensive Übung im geistlichen Leben erfahrener Mönch, der junge Mönche wie auch Laien in geistliche Schulung nimmt. Da er seine Aufgabe vornehmlich in der Seelenführung sieht, das heißt in der Ausübung geistlicher Vaterschaft, übernimmt er im Kloster meist kein weiteres Amt."


Leo Tolstoj besuchte dreimal einen Starez namens Amvrosij in Optina und war, trotz seiner kritischen Einstellung zur christlichen Frömmigkeit, tief erschüttert:

„Ja, der Vater Amvrosij ist ein ganz und gar heiliger Mensch. Ich habe mit ihm gesprochen, und so leicht und froh wurde mir in der Seele. Wenn du dich mit einem solchen Menschen unterhältst, dann fühlst du die Nähe Gottes.

Auch Fedor Dostojewskij kannte den Starez Anivrosij. Er wurde ihm zum Vorbild für die Gestalt des Starez Sossima in "Die Brüder Karamasoff".

In der Westkirche
hat sich zwar kein Starzentum entwickelt, dennoch gibt es das Ideal des geistlichen Vaters. Die Benediktusregel stellt es uns in der Gestalt des Abtes als Arzt und Hirte vor Augen. Könnte die Sorge für schuldig gewordene und sog. schwierige Menschen besser in Worte gefaßt werden, als es in Nr. 27 der Regel geschah? Ich zitiere einen Teil des Textes:

"Der Abt muß sich sehr darum sorgen, und mit Gespür und großem Eifer danach streben, daß er keines der ihm anvertrauten Schafe verliert. Er sei sich bewußt, daß er die Sorge für gebrechliche Menschen übernommen hat, nicht die Gewaltherrschaft über gesunde ... Er ahme den Guten Hirten mit seinem Beispiel der Liebe nach: Neunundneunzig Schafe ließ er in den Bergen zurück, und machte sich auf, um das eine verirrte Schaf zu suchen. Mit dessen Schwäche hatte er soviel Mitleid, daß er es auf seine heiligen Schultern nahm und zur Herde zurücktrug."

Dieses Hirtenethos beseelte von jeher und bis heute eine lebens- und glaubensfördernde Seelenführung im Westen wie im Osten, innerhalb und außerhalb der Klöster.

Neben der einfühlsamen und differenzierten Form der Seelenführung hat es aber immer auch die anthropologisch nicht verantwortbare gegeben. Durch einen Zufall kam mir eine historisch sorgfältig ausgearbeitete Abhandlung über die Beziehung zwischen der heiligen Elisabeth von Thüringen und ihrem "Seelenführer" Konrad von Marburg zu Gesicht. Der Verfasser Matthias Werner warnt zu Recht vor oberflächlichen Wertungen und Erklärungsversuchen. Der bedingungslose Gehorsam - einen solchen gibt es nur Gott gegenüber! -, die systematisch und methodisch geforderte Abhängigkeit, die permanente Erniedrigung und die körperlichen Züchtigungen sind jedoch durch nichts, auch nicht durch die Berufung auf "eine andere Zeit", objektiv zu rechtfertigen. Wenn es sich bei dieser Beziehung um eine einmalige problematische Konstellation handeln würde, könnte man sich dabei beruhigen. Leider ist das nicht so. Was z. B. Maria del Carmen Tapia über ihr Leben im "Opus Del" aufgezeichnet hat, ist nicht finsteres Mittelalter, sondern finstere Gegenwart. Für das neuzeitliche Bewußtsein und das Lebensgefühl wahrer Gleichheit von Mensch zu Mensch ruft die Ausübung von Pastoralmacht in dieser Form entschiedene Kritik hervor. Hermann Steinkamp faßt, in Weiterführung von Michel Foucault, die kritischen Punkte zusammen, die alle kennen sollten, die mit geistlicher Begleitung aktiv oder passiv zu tun haben. Er nennt 1. die einseitige Überbetonung der Verantwortung des Seelenführers (des Hirten). Dieser muß vor Gott strenge Rechenschaft über den Zustand der geführten Seele (des Schafes) ablegen. Die Selbstverantwortung der geführten Person bleibt ausgeblendet. Der Verantwortungsdruck, der auf dem Hirten lastet, führt 2. zu einem steilen Beziehungsgefälle in gegenseitiger Abhängigkeit. Eine Beziehung mit Verantwortung auf beiden Seiten kann nicht zustandekommen. Die Loslösung aus einer solchen Verflechtung ist somit äußerst schwierig. Der angemaßten einseitigen Verantwortung des Hirten entsprechen 3. seine uneingeschränkte Weisungsbefugnis und der geforderte bedingungslose Gehorsam: "Der Wille muß gebrochen werden."



Erhebet er sich, unser Gott

Psalm 68 in der Bereimung von Matthias Jorissen (1798) in: EG 281.



Herz und Herz vereint zusammen

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1723), bearbeitet von Christian Gregor (1778) und Albert Knapp (1837) in: EG 251.



Für immer Schüler

Aus: Joseph Ratzinger, Brüderlichkeit (Lexikonartikel, 1964), in: ders., Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche. Gesammelte Schriften Bd. I, Freiburg-Basel-Wien: Herder 2011.



Lebendiger Zusammenhang

Aus: Romano Guardini, Der Herr. Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu Christi, Würzburg: Werkbund-Verlag, elfte unveränderte Aufl. 1959.



Schaut nicht auf dieses traurige Bild

Auszug aus einer Predigt von Pfr. Dr. Sieger, gehalten am 31. Oktober 1999 in der Pauluskirche, Bruchsal: http://www.joerg-sieger.de/predigt/jahr_a/a_31.htm