16.12.2017

Kontexte 03.12.2017


Vom geistigen Erwachen

Aus: Alla Selawry (Hg.), Das immerwährende Herzensgebet. Ein Weg geistiger Erfahrung, 1986.


(nach Theophanos dem Eremiten)

Im Menschenleben gibt es den Augenblick des Erwachens. Sobald der Geist Gottes das Herz berührt, erwacht der Mensch zu einem gesteigerten Bewusstsein. Wer in Lebensgefahr oder Todesnähe kommt, erfährt häufig dieses Erwachen. Blitzartig erschließt sich eine unabweisbare höhere Wirklichkeit, die alles im wahren Lichte zeigt. Das ist das Einwirken göttlicher Gnade, die die Seele zum wirklichen Leben weckt. Sie vernichtet blitzartig das ganze Gefüge der Selbstverblendung in Bewusstsein und Gefühl des Menschen und erhellt zugleich eine göttliche Ordnung der Wahrheit und Güte.



Die wachenden Knechte

Aus: Egon Kapellari, Menschenzeit in Gottesezeit. Wege durch das Kirchenjahr. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2002.


Kurz nach Mitternacht fahren wir, eine Gruppe von Priestern, am Ende einer Reise durch das Heilige Land von Jerusalem hinab zum Flughafen von Tel Aviv. Unterwegs ist kaum ein erleuchtetes Fenster zu sehen. Bald aber hebt sich inmitten der Dunkelheit und im Schatten einiger Gebäude eine schlichte, innen hell erleuchtete Kirche vor uns ab. Der die Gruppe begleitende Gastgeber aus Jerusalem kennt dieses Haus des Lichtes. Es ist die Kirche einer Abtei französischer Trappisten. Das Licht ist das Zeichen dafür, dass die Mönche ihr nächtliches Stundengebet begonnen haben. Den vorbeifahrenden Pilgern ist das Neue Testament vertraut. Sie erinnern sich beim Anblick der erleuchteten Abteikirche an das Gleichnis von den wartenden Knechten aus dem Lukasevangelium (Lk 12,35-40): "Legt euren Gürtel nicht ab, und lasst eure Lampen brennen! Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft. Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt. Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen ... Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet."

Diese wachenden Knechte sind kein Abbild der Kirche insgesamt. Denn zu jeder Zeit der Kirchengeschichte gibt es viele Christen, die geistlich müde sind und die Ausrichtung auf den wiederkehrenden Christus verloren haben. Die wachenden Knechte, von denen Jesus in diesem Gleichnis spricht, sind vielmehr eine Mahnung und Einladung an die Kirche, es ihnen gleichzutun. Und tatsächlich gibt es immer unter der Christenheit eine zahllose Schar von Männern und Frauen, die adventlich bereit sind. Ein Ausdruck dafür ist das Gebet in der Nacht vor dem Anbruch des Morgens. Gertrud von le Fort hat diese adventliche Gebetsgemeinschaft innerhalb der universalen Kirche in ihren "Hymnen an die Kirche" mit poetischer Sprachkraft beschrieben:

Wenn die Städte noch auf ihrem Fieberbrett schlafen
und die dumpfen Dörfer im Brodem der Felder versinken. 
Wenn die Tiere sich noch nicht regen und 
die Einsamkeit des Herrn auf der Welt lagert, 
Dann erhebst du deine Stimme in den Schatten, 
wie der Geist sich erhebt in der blinden Materie. 
Du schüttelst die Traumheit von deinen Gliedern und 
ringest im Dunkeln mit dem Grauen der Stunde ... 
Du fällst vor dem Herrn nieder, 
bevor der Tau fällt ...
du wäschst das Angesicht der Erde 
in deinen Liedern, 
du badest es in deinem Gebet, 
bis es ganz rein ist.
Du wendest es dem Herrn zu wie ein neues Antlitz! 
Und der Herr bricht aus seiner Einsamkeit 
und empfängt dich mit Armen des Lichtes - 
Da erwacht alle Welt in seiner Gnade.

Das Gleichnis von den wachenden Knechten spricht davon, dass der Herr sich gürten und die Knechte bedienen wird. Es ist Christus selbst, von dem hier die Rede ist. Schon in der Nacht vor seinem Tod hat er durch den Dienst der Fußwaschung an den Jüngern getan, was er in diesem Gleichnis für die Endzeit der Kirche verheißt.



Wie nahe ist das Ende?

Aus: Franz Kamphaus, Lichtblicke. Jahreslesebuch. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2001.


Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft« (Mk 13,30). Dieser Satz trifft uns heute wie der Schlusssatz vieler Hochrechnungen und Wahrscheinlichkeitsmodelle. Unsere Erde hat nach wissenschaftlichen Berechnungen noch eine Lebensdauer von etwa fünf Milliarden Jahren, bevor sie im Leib der zu einem Roten Riesen verglühenden Sonne verdampft. Aber wie viele Jahre wird es auf dieser Erde noch Geschichte geben, ein Geschehen, das Menschen mitgestalten? Das Ende liegt nicht völlig außerhalb unserer Erfahrung, wir müssen damit rechnen. Und zwar nicht nur persönlich (im Tod), sondern auch global: Welt und Zeit haben ein Ende.

Jesus hat nicht zu chronologischen Spekulationen ermuntert. »Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater« (32). Es geht hier wie in allen echten apokalyptischen Reden eben nicht um die Ankündigung einer bestimmten Zeitspanne bis zum nahen Ende. Nicht das nahe Ende, sondern der im Ende nahe Gott ist das Thema.

Die Worte Jesu gelten jeder Generation, die von Katastrophen betroffen ist und fürchtet, dass nun alles zu Ende geht. Der Mensch, unter dessen Füßen die Erde wankt - ob durch Erdbeben oder durch Bomben - der Mensch, der die Rhythmen von Aussaat und Ernte zerstört sieht, er fürchtet, dass alles aus ist. Für die Betroffenen ist es nicht irgendein Ende, sondern das Ende. Ich muss Betroffener sein oder mich betreffen lassen von den Katastrophen. Dann werde ich bald merken, dass es bei diesen Schriftaussagen nicht um die Frage einer möglicherweise enttäuschten Naherwartung geht, vielmehr um die Zusage: »Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr (all) das geschehen seht, dass es/er vor der Tür steht« (29).

Das ist Christen gesagt, die Jerusalem, die Stadt der Verheißung, in Schutt und Asche liegen sehen, die verfolgt werden. Das gilt uns, den vor lauter Krisenmeldungen Verschreckten, denen, die die Erschütterungen der Zeit am eigenen Leibe spüren. Es gilt den Zeitgenossen, die drinstecken in den Ereignissen und nicht wissen, ob sie ihnen entrinnen können.



Abendgebet im Advent

Aus: Albert Dexelmann, Der Tag klingt aus, die Nacht bricht an. 101 Abendgebete. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2002.


Gott unseres Lebens,
es wird Abend. 
Wir halten inne,
erinnern die Wegstrecke dieses Tages, 
lassen die Seele nachkommen. 
Sie ist gezeichnet
von Projekten und Geschäften 
und manchen Sorgen dieser Welt. 
Hilf, dass wir das ablegen können -
es gehört nicht so eng zu deinem Reich 
und deinem Advent - 
eher die Liebe.
Aus den Begegnungen von heute 
glüht sie nach.
Auf dein kommendes Reich hin 
wärmt sie vor.
Falte unser Wesen ein 
in diese Liebe,
birg uns in deiner Hut.
Du empfiehlst uns Wachsamkeit 
und gönnst uns Ruhe.
Das kann nur in Liebe geklärt werden. 
Da wir das Licht löschen
und die Augen schließen,
atme uns dein Geist ein und aus.
Andere Hände regen sich
und unser Lobgesang wandert weiter 
zu fernen Ländern. 
Uns aber schenke tiefe Ruhe 
und mitten darin
ein adventliches Harren.



Wege und Weisen des Wartens

Aus: Josef Ratzinger (Benedikt XVI.), Der Segen der Weihnacht, Meditationen, Herder Verlag, Freiburg 2006 (2).



Erwartungsvolle Unruhe

Aus: Johannes Bours, Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt. Herder Verlag, Freiburg 1996 (1987).



Gib uns ein waches Herz

Aus: Peter und Annegret Kokschal, Gebete für das ganze Leben. Benno-Verlag, Leipzig 2004.



Dass ich nicht müde werde

Aus: Beten im Alltag, Action 365.



Wider die Resignation

Meditationscassetten: Warten. Mit Einer Theologischen Meditation von Otto Betz. Verlag Benziger/Christopherorus, 1978.



Gebt acht!

Manfred Josuttis, Predigt zu Mk. 13,31-37 in einem Göttinger Universitätsgottesdienst, in: Ders., Offene Geheimnisse. Predigten, Gütersloh 1999.



Sentimentalität

Hermann Hesse, Weihnacht (Neue Zürcher Zeitung vom 25.12.1917), in: Sämtliche Werke, Bd. XV, Frankfurt 2004.



Wallfahrtslied nach Psalm 24

Hans Bernoulii (1988) in: EG 614 mit einer Melodie von Loys Bourgeois 1547.



Dann stehen Mensch und Mensch zusammen

Jürgen Henkys (1981) nach dem niederländischen "Het volk dat wandelt in het duister" von Jan Willem Schulte Nordholt (1959), in: EG 20.



Gebet eines Arbeitslosen

EG 921



Vor dem Gesetz steht ein Türhüter

Franz Kafka ... eine Parabel zum Abschluss des Jom Kipur (vgl. Pesikta Rabbati 20) In: http://www.hagalil.com/judentum/feiertage/kippur/neila-6.htm



Religion

Erich Fromm: http://www.erich-fromm.de/data/pdf/1979b-d.pdf



Marx redet

Michael Krüger zitiert in: Georg Langenhorst, Gedichte zur Gottesfrage. Texte – Interpretaitonen – Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde. Kösel Verlag München 2003.



Finale

Aus: Lothar Zenetti, Leben liegt in der Luft. Worte der Hoffnung. Matthias-Grünewald-Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2007.



Vorausschauende Verantwortung und Umdenken

Aus: Karl Kardinal Lehmann, Mut zum Umdenken. Klare Positionen in schwieriger Zeit. Herder Spektrum Freiburg basel Wien 2000.



Nächtliches Geklingel

Aus: Manfred Chobot, Stadtgeschichten. Erzählungen mit Fotos von Manfred Horvath. Bibliothek der Provinz A-3970 Weitra o. J.



Kokain für das Volk?

Rudolf Taschner in: "Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2007 - © DiePresse.com Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.