Diese Webseite nutzt Cookies

Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die Nutzung der Website sind Sie mit unseren Datenschutzbestimmungen einverstanden.

Einige dieser Cookies sind technisch zwingend notwendig, um gewissen Funktionen der Webseite zu gewährleisten.

Darüber hinaus verwenden wir einige Cookies, die dazu dienen, Informationen über das Benutzerverhalten auf dieser Webseite zu gewinnen und unsere Webseite auf Basis dieser Informationen stetig zu verbessern.

23.03.2019

Kontexte 21.02.2010


Versuchung

O. Bayer, Art. Versuchung, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 11, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2001.


Die Abstraktbildung "Versuchnis" bezeichnete bis ins 17. Jh. hinein den Vorgang, ein Objekt mit verschiedenen Möglichkeiten zu konfrontieren und damit zu testen, ob dessen tatsächliches Verhalten in der Realisierung einer dieser Möglichkeiten dem vermuteten Verhalten entspricht oder nicht. . .

Gleiches gilt für die lateinische Übersetzung "tentare": "tentare est proprie experimentum sumere de aliquo" ("versuchen heißt eigentlich: ein Experiment mit jemandem bzw. mit etwas vorzunehmen"). . .
Die allgemeine Bedeutung wurde ab dem 17. Jh. durch "Versuch" ersetzt. Besonders im naturwissenschaftlichen Bereich bürgerte sich dafür auch der Begriff "Experiment" ein. . .

"V(ersuchung)" wurde zunächst synonym mit "Versuchnis" gebraucht, verdrängte dieses Wort aber ebenfalls ab dem 17. Jh. Seither hat "V(ersuchung)" nur noch den biblischen Sinn oder aber die trivialisierte säkulare Bedeutung: der Verlockung dazu, einem - vor allem sinnlichen - Genuß nachzugeben, obwohl dieser im Widerspruch zu einem grundsätzlich bejahten Ziel - z.B. Gesundheit oder Ehe – steht. . .

Was das Verhältnis von V(ersuchung) und Anfechtung betrifft, so will es nicht gelingen, in der Begriffsgeschichte eine fest bestimmte Differenz zwischen "V(ersuchung)" und "Anfechtung" (beides Übersetzungen von "tentatio"!)‘ auszumachen. . .

In theologischer Sicht ergibt sich: Die Situation der V(ersuchung) ist mit der menschlichen Freiheit prinzipiell gegeben. Der Mensch ist tentatus quaerens certitudinem: Versucht und angefochten sucht er nach Gewißheit seiner Bestimmung - nach der Gewißheit des Ursprungs und Ziel seines Lebens.



Nichts als das rettende, haltende, tragende Wort Gottes

Dietrich Bonhoeffer (zu Mt. 4,1-11), in: Bonhoeffer-Brevier, zusammengestellt und herausgegeben von Otto Dudzus, München: Chr. Kaiser Verlag 3. Aufl. 1968.


Jesus hat vierzig Tage in der Wüste gefastet, und es hungerte ihn. Da trat der Verführer zu ihm. Der Versucher beginnt mit der Anerkennung Jesu als Gottes Sohn. Hier sagt er nicht: Du bist Gottes Sohn - das kann er nicht! Aber er sagt: Bist du Gottes Sohn, so sprich du, der du jetzt Hunger leidest, daß dieser Stein Brot werde. Der Satan versucht Jesus hier in der Schwachheit seines menschlichen Fleisches. Er will seine Gottheit gegen seine Menschheit führen. Er will das Fleisch gegen den Geist rebellisch machen. Der Satan weiß, das Fleisch ist leidensscheu. Warum aber soll der Sohn Gottes am Fleisch leiden? Das Ziel dieser Frage ist klar: Würde Jesus in der Kraft seiner Gottheit sich dem Leiden am Fleisch entziehen, so wäre alles Fleisch verloren. Der Weg des Sohnes Gottes auf Erden wäre zu Ende. Das Fleisch gehörte wieder dem Satan. Die Antwort Jesu mit dem Wort Gottes zeigt zuerst, daß auch der Gottessohn unter Gottes Wort steht und daß er kein eigenes Recht neben diesem Wort haben kann und will. Sie zeigt zweitens, daß Jesus an diesem Wort allein bleiben will. Auch das Fleisch gehört unter Gottes Wort, und wenn es leiden muß, so gilt eben: der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Jesus hat seine Menschheit und seinen Leidensweg in der Versuchung bewahrt. Die erste Versuchung ist die Versuchung des Fleisches.

In der zweiten Versuchung beginnt der Satan wie in der ersten: Bist du Gottes Sohn - aber er steigert seine Versuchung nun noch, indem er selbst Gottes Wort gegen Jesus anführt. Auch der Satan kann Gottes Wort in den Kampf führen. Jesus soll sich seine Gottessohnschaft beglaubigen lassen. Er soll ein Zeichen Gottes fordern. Das ist die Versuchung am Glauben Jesu, die Versuchung am Geist. Soll der Gottessohn schon mit den Menschen leiden, so soll er ein Zeichen der Macht Gottes, die ihn jederzeit retten kann, fordern. Die Antwort Jesu führt Gotteswort gegen Gotteswort, aber so, daß daraus nicht eine heillose Ungewißheit wird, sondern so, daß hier Wahrheit gegen Lüge steht. Jesus nennt diese Versuchung eine Gottesversuchung. Er will allein am Wort seines Vaters bleiben; das genügt ihm. Wollte er mehr als dieses Wort, so hätte er dem Zweifel an Gott in sich Raum gegeben. Der Glaube, der mehr will als das Wort Gottes in Gebot und Zusage, wird zur Gottesversuchung. Gott versuchen aber heißt, die Schuld, die Untreue, die Lüge in Gott selbst hineinverlegen statt in den Satan. Gott versuchen ist die höchste geistliche Versuchung.

Zum dritten Mal kommt der Satan in seiner ganzen unverhüllten Machtentfaltung als Fürst dieser Welt. Hier ist keine Verschleierung, keine Verstellung mehr. Satan wagt das Letzte. Seine Gabe ist unermeßlich groß und schön und verlockend; und er fordert für diese Gabe - die Anbetung. Er fordert den offenen Abfall von Gott, der keine Rechtfertigung mehr hat als eben die Größe und die Schönheit des Reiches Satans. Die dritte Versuchung geht auf die gesamte leiblich-geistige Existenz des Gottessohnes. "Willst du dich nicht innerlich von mir zerreißen lassen, so gib dich mir ganz - und ich will dich groß machen in dieser Welt, im Haß gegen Gott und in der Macht gegen ihn." Es geht in dieser Versuchung um die in voller Klarheit und Erkenntnis vollzogene endgültige Absage an Gott. Es ist die Versuchung zur Sünde wider den Heiligen Geist.

Weil hier der Satan sich ganz offenbart hat, darum muß er hier von Jesus angeredet, getroffen und verworfen werden: Hebe dich weg von mir, Satan, denn es steht geschrieben: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen.

Auch die Versuchung Jesu ist nicht jener heldische Kampf des Menschen gegen böse Gewalten, wie wir es gern und leicht verstehen. Auch Jesus ist in der Versuchung aller seiner eigenen Kräfte beraubt, er ist allein gelassen von Gott und Menschen, er ist in das vollkommene Dunkel hineingefallen. Es bleibt ihm nichts als das rettende, haltende, tragende Wort Gottes, das ihn festhält und das für ihn streitet und siegt. Die Nacht der letzten Worte: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen", ist hier angebrochen. "Da verließ ihn der Teufel." Wie ihn anfangs Gott verlassen hatte, so verläßt ihn jetzt der Versucher - "und siehe, da traten die Engel zu ihm und dienten ihm." Das ist das Ende der Versuchung, daß der in alle Schwachheit Gefallene, aber vom Wort Gehaltene Stärkung aller seiner Kräfte des Leibes und der Seele und des Geistes empfängt durch einen Engel Gottes.



Der Kern aller Versuchung

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Erster Teil von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg: Herder 2007.


Der Kern aller Versuchung - das wird hier sichtbar - ist das Beiseiteschieben Gottes, der neben allem vordringlicher Erscheinenden unseres Lebens als zweitrangig, wenn nicht überflüssig und störend empfunden wird. Die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, auf das Eigene zu bauen, nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anzuerkennen und Gott als Illusion beiseitezulassen, das ist die Versuchung, die uns in vielerlei Gestalten bedroht.

Zum Wesen der Versuchung gehört ihre moralische Gebärde: Sie lädt uns gar nicht direkt zum Bösen ein, das wäre zu plump. Sie gibt vor, das Bessere zu zeigen: die Illusionen endlich beiseitezulassen und uns tatkräftig der Verbesserung der Welt zuzuwenden. Sie tritt zudem unter dem Anspruch des wahren Realismus auf: Das Reale ist das Vorkommende - Macht und Brot; die Dinge Gottes erscheinen demgegenüber als irreal, eine Sekundärwelt, derer es eigentlich nicht bedarf.



Weiterringen

R.M Rilke, Die Versuchung, in: ders., Die Gedichte, itb 2246, Frankfurt-Leipzig: Insel Verlag 1998.


NEIN, es half nicht, daß er sich die scharfen
Stacheln einhieb in das geile Fleisch;
Alle seine trächtigen Sinne warfen
Unter kreißendem Gekreisch

Frühgeburten: schiefe, hingeschielte
kriechende und fliegende Gesichte,
Nichte, deren nur auf ihn erpichte
Bosheit sich verband und mit ihm spielte.

Und schon hatten seine Sinne Enkel;
Denn das Pack war fruchtbar in der Nacht
Und in immer bunterem Gesprenkel
hingehudelt und verhundertfacht.

Aus dem Ganzen ward ein Trank gemacht:
Seine Hände griffen lauter Henkel,
und der Schatten schob sich auf wie Schenkel
warm und zu Umarmungen erwacht -.

Und da schrie er nach dem Engel, schrie:
Und der Engel kam in seinem Schein
und war da: und jagte sie
wieder in den Heiligen hinein,

daß er mit Geteufel und Getier
in sich weiterringe wie seit Jahren
und sich ‚ Gott, den lange noch nicht klaren,
innen aus dem Jäsen destillier.



Mit der Rolle zufrieden

Georg Bernanos, Tagebuch eines Landpfarrers. Roman, Köln: Verlag Jakob Hegner 1971.


Es gibt Gedanken, die ich niemand anzuvertrauen wage, und doch erscheinen sie mir nicht töricht, bei weitem nicht. Was wäre ich zum Beispiel, wenn ich mich mit der Rolle zufrieden gäbe, in die mich so viele Katholiken gern hineindrängen möchten, die vor allem auf die Erhaltung der Gesellschaft bedacht sind, das heißt auf ihre eigene Erhaltung. Ich will diese Herren nicht zu Heuchlern stempeln, ich halte sie für durchaus aufrichtig. Wie viele Menschen behaupten doch, sie hingen an der Ordnung, und verteidigen dabei nur Gewohnheiten, manchmal sogar nur einen bloßen Wortschatz, der vom Gebrauch so schön abgeschliffen und abgenutzt ist, daß er alles rechtfertigen kann, ohne jemals etwas in Frage zu stellen. Es ist für den Menschen eins der unbegreiflichsten Mißgeschicke, daß er das Kostbarste, was er hat, einem so unbeständigen, leider so nachgiebigen Ding wie dem Wort anvertrauen muß.



Herr über den Teufel

Martin Luther, Erste Invokavitpredigt (9.3.1522), in: ders., Ausgewählte Schriften, hrsg. Karin Bornkamm und Gerhard Ebeling, Bd. I, Frankfurt: Insel Verlag 1982. Vollständiger Text unter http://www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-6/predigt1-gesamt.pdf


Darum laßt uns das mit Furcht und Demut verhandeln und einer dem andern zu Füßen liegen, einander die Hände reichen, einer dem andern helfen. Ich will das Meine tun, wie ich schuldig bin, und liebe euch, wie ich meine Seele liebe; denn wir streiten nicht gegen den Papst oder Bischöfe usw., sondern gegen den Teufel. Denkt ihr, daß er schlafe? Er schläft nicht, sondern er sieht das wahre Licht aufgehen. Das darf ihm nicht gerade ins Auge leuchten; daher wollte er ihm gerne seitwärts beikommen, und er wird es tun, wenn wir nicht achtgeben. Ich kenne ihn gewiß; ich hoffe auch, wenn Gott will, bin ich Herrn über ihn. Geben wir ihm einen Fußbreit nach, mögen wir sehen, wie wir ihn loswerden.



Durchbrecher aller Bande

Gottfried Arnold (1698) in: EG 388.


O Durchbrecher aller Bande,
der du immer bei uns bist,
bei dem Schaden, Spott und Schande
lauter Lust und Himmel ist,
übe ferner dein Gerichte
wider unsern Adamssinn,
bis dein treues Angesichte
uns führt aus dem Kerker hin.

Ist's doch deines Vaters Wille,
daß du endest dieses Werk;
hierzu wohnt in dir die Fülle
aller Weisheit, Lieb und Stärk,
daß du nichts von dem verlierest,
was er dir geschenket hat,
und es aus dem Treiben führest
zu der süßen Ruhestatt.
 
Ach so mußt du uns vollenden,
willst und kannst ja anders nicht;
denn wir sind in deinen Händen,
dein Herz ist auf uns gericht',
ob wir wohl von allen Leuten
als gefangen sind geacht',
weil des Kreuzes Niedrigkeiten
uns veracht; und schnöd gemacht.

Schau doch aber unsre Ketten,
da wir mit der Kreatur
seufzen, ringen, schreien, beten
um Erlösung von Natur,
von dem Dienst der Eitelkeiten,
der uns noch so hart bedrückt,
ob auch schon der Geist zu Zeiten
sich auf etwas Bessers schickt.

Haben wir uns selbst gefangen
in der Lust und Eigenheit,
ach so laß uns nicht stets hangen
in dem Tod der Eitelkeit;
denn die Last treibt uns zu rufen,
alle flehen wir dich an:
zeig doch nur die ersten Stufen
der gebrochnen Freiheitsbahn!

Ach wie teu'r sind wir erworben,
nicht der Menschen Knecht zu sein!
Drum, so wahr du bist gestorben,
mußt du uns auch machen rein,
rein und frei und ganz vollkommen,
nach dem besten Bild gebild't;
der hat Gnad um Gnad genommen,
wer aus deiner Füll sich füllt.

Liebe, zieh uns in dein Sterben;
laß mit dir gekreuzigt sein,
was dein Reich nicht kann ererben;
führ ins Paradies uns ein.
Doch wohlan, du wirst nicht säumen,
laß uns nur nicht lässig sein;
werden wir doch als wie träumen,
wenn die Freiheit bricht herein.