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23.03.2019

Kontexte 17.02.2013


Drei Lebensfragen

Aus: Franz Kamphaus, Hinter Jesus her. Anstöße zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2010.


Jesus ist versucht worden, nicht scheinbar, sondern tatsächlich, nicht am Rande, sondern in der Mitte seiner Existenz: in seinem Verhältnis zu Gott. In seiner Auseinandersetzung mit dem Satan zeigt sich, wer Gott ist und wo die Götzen stehen. Die Versuchung entzündet sich an drei entscheidenden Lebensfragen.

Die erste Frage: Wovon leben wir? Das ist keine Allerweltsfrage. Sie stellt sich sehr konkret jedem Einzelnen von uns. Viele Menschen heute sind davon bewegt, werden krank an dieser Frage: Wovon lebe ich eigentlich? Worum dreht sich mein Leben?

»Befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden«, rät der Teufel. Die Versuchung ist groß, sich selbst das Brot des Lebens zu machen. Wenn das, was wir uns selbst verdienen und verschaffen, unser Ein und Alles ist, dann haben wir den Götzen leibhaftig vor uns: ein Machwerk unserer Hände. Es hat viele Namen: Der Besitz kann zum Götzen werden, die gesicherte Position, die Leistung, die Wohnung, das Geld. In all diesen Bereichen stehen Entscheidungen an: »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon« (Mt 6,24).

Es genügt nicht, sich mit Selbstgemachtem vollzustopfen. Es geht darum, Erfüllung zu finden. Es ist eine teuflische Versuchung, den Menschen mit eigenhändigen Produkten abspeisen zu wollen. Der Mensch »lebt nicht von Brot allein«. Sehen wir nicht, wie er am »Brot allein« zugrunde geht? Er ist zu groß, als dass er an sich selbst oder an den Dingen der Welt genug finden könnte. In alldem ist etwas zu wenig. Gott allein genügt!

Die zweite Frage: Vor wem gehen wir in die Knie? Der Teufel führt Jesus auf einen Berg, zeigt ihm »alle Reiche der Erde«, und er sagt zu ihm: »All diese Macht und die ganze Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben ... wenn du mich anbetest« (Lk 4,5-7).

Vor wem gehen wir in die Knie? Vor welchen Autoritäten und Instanzen beugen wir uns? Vor den Herren und Herrschaften der Welt mit ihren Verlockungen oder vor Gott? Die Frage spitzt sich heute zu. Schon vor mehr als vierzig Jahren schrieb Teilhard de Chardin: »Der Tag ist nicht mehr weit, an dem die Menschheit wählen kann zwischen Selbstmord und Anbetung.« Dieser Tag ist gekommen. Die Weltmächte rüsten angstbesessen um die Wette. Sind wir dazu verurteilt, uns diesem Bann bedingungslos zu beugen? Die Versuchung ist groß, vor der Rüstung in die Knie zu gehen und von ihr das Heil zu erwarten. Sie kann sich zu einem Götzen verselbstständigen, der Sicherheit zu garantieren scheint und in Wahrheit den Tod in sich birgt. Sie hat uns an den Rand des Selbstmordes gebracht. Unsere Generation erfährt, was nie zuvor möglich war: Die Menschheit ist durch Menschen vernichtbar geworden.

Wie ist dieser Bann der Angst zu sprengen? Wie anders als durch den Glauben, dass Gott allein Herr ist und die Herrschaft von Menschen über Menschen beendet. »Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen!« (Lk 4,8). Das ist wie eine Befreiung, wie eine Erlösung.

Die dritte Frage: Können wir uns auf Gott verlassen? »Stürz dich hinab oben vom Tempel«, will der Teufel Jesus einreden (vgl. Lk 4,9-1i). »Du musst dich doch auf den Schutz der Engel verlassen können. Wie willst du es wagen, im Namen Gottes zu sprechen und dein Leben einzusetzen, wenn du keinen handfesten Beweis hast, dass Gott sich trägt? Mach doch die Probe aufs Exempel.«

Jesus lehnt ab. Gott lässt sich nicht als Beweismittel missbrauchen. Man kann mit ihm nicht experimentieren, man kann sich nicht absichern wollen. Solch garantierter Glaube wäre in Wirklichkeit Unglaube. Wer es mit Gott nur mal versuchen will, der versucht ihn.

Es ist wie bei Menschen, die sich lieben. Da sagt der eine zum anderen: Ich möchte ganz dein Eigen sein. Immer will ich mich für dich einsetzen, immer will ich zuerst fragen: Was ist gut für dich? - Das alles wird von Grund auf verkehrt, wenn der andere mich einfach als sein Eigentum betrachtet; wenn er das freie Versprechen, ihm zu gehören, in ein Verfügungsrecht verkehrt. Dann belügt er sich selbst, indem er meine Liebe, die ich ihm nur in Freiheit schenken kann, wie eine platte Gegebenheit verrechnet.

Genau das hat der Teufel im Sinn. Er gibt sich ganz fromm, er führt Gottes Wort im Mund (4,10 f). Man kann das, was Gott den Menschen sein und sagen möchte, auf diabolische Weise verdrehen, unter vollständiger Beibehaltung des Wortlauts. Das ist die satanische Versuchung der Frommen: Die Spannung von Vertrauen und Dankbarkeit, von Liebe und Freiheit wird aufgelöst, der Glaube zu einem Faktor eigener Kalkulation verkehrt, aus dem man Besitzansprüche herleitet. Und ehe wir uns versehen, haben wir es nicht mehr mit Gott zu tun, sondern mit Götzen, und das mitten in der Kirche.

Was habe ich von Gott? Wofür ist er gut? Nützt er mir? In solchen Fragen geht es uns nicht um Gott, sondern um uns selbst. Solange wir so fragen, glauben wir eigentlich nicht. Glaube beginnt dort, wo wir von uns absehen und nach Gott fragen; wo wir nicht nur nach ihm fragen, sondern uns von ihm fragen lassen: Wovon lebst du? Vor wem gehst du in die Knie? Willst du dich mir überlassen? Glaube beginnt dort, wo wir anerkennen, dass Gott ist, und ihn anbeten.



Versucht werden

Aus: Carlo M. Martini, Seht, welch ein Mensch. Texte für alle Tage der Fasten- und Osterzeit. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 1999.


Jesus wird zu Beginn seines öffentlichen Lebens versucht, und dies ist eine Prophetie dessen, was am Ende in der großen, letzten Versuchung auf ihn zukommen wird. Das öffentliche Leben Jesu spielt sich also zwischen zwei Versuchungen ab und ist somit als ganzes eine Prüfung; es steht unter dem Zeichen der Prüfung. Jesus hat nicht bloß zwei Versuchungen durchgemacht, sondern wurde während seines ganzen Lebens geprüft. Er sagt beim Letzten Abendmahl zu den Aposteln: "In all meinen Prüfungen habt ihr bei mir ausgeharrt" (Lk 22,28). Er ist sich also im klaren, daß sein ganzes Leben eine Prüfung war, die zwischen zwei Höhepunkten verlief: dem Beginn und dem Ende des öffentlichen Lebens ...

Jesus ist ja gekommen, den Glauben zu wecken, und am Kreuz sagt man zu ihm: "Wenn du willst, daß wir an dich glauben, so rette dich!" Wir können erahnen, welche Wunde im Herzen des Erlösers aufgerissen wird, der in seiner eigentlichen Aufgabe, den Menschen den Glauben zu schenken, versucht wird. Falls er vom Kreuz hinuntersteigt, wird dieses Volk rufen: "Es lebe Gott!" Doch Jesus steigt nicht hinab, denn er will den vom Vater vorgezeichneten Weg gehen, und dieser Weg ist noch viel wirksamer als der Erfolg, den er erringen könnte, wenn er ihm nicht folgen würde ... Wir können wohl nur in stiller Betrachtung, in der Liebe, die wir dem Herrn entgegenbringen, erfassen, wie schwer seine Prüfung war und was er litt, als er diesen Weg wählte.

Wir können zu ihm sagen: "Du, Herr, hast um unseretwillen gewählt, sonst hättest du uns den Weg der Herrschaft, des An-sich-Reißens, des rücksichtslosen Gebrauchs der Vorrechte gelehrt, den Weg, sich in den Mittelpunkt zu stellen; den Weg, den Satan dir am Beginn und am Ende deines Wirkens vorschlägt. Du aber bist gekommen, uns zu lehren, daß der Vater im Mittelpunkt steht."

In der Lebensbeschreibung des Thomas Morus hat mich eine Episode besonders beeindruckt: Thomas Morus wird vom König an den Hof beordert; er weiß, was auf ihn wartet (die Absetzung und all das, was auf sie folgen kann: die Prüfung, die Versuchung, die Folterung, der Tod). Doch er besteigt gehorsam das Boot, um sich auf den Weg zu machen, und versinkt in tiefes Schweigen. Das Boot gleitet auf der Themse dahin und man hört bloß das Geräusch der Ruderschläge, während Thomas nachsinnt. Plötzlich ruft er aus: "Ich habe gesiegt!"

Das will nicht heißen, daß für Thomas Morus darauf nicht doch noch die Prüfungen, Schmeicheleien, Lockungen und schließlich die Torturen folgen, damit er nachgibt. Doch als er in diesem Moment, ins Gebet versunken, vor all das Schreckliche gestellt ist, das auf ihn lauert, vertraut er sich Gott an, verspürt, daß ihm die Gnade Gottes zuteil wird und ihn stärkt, und ruft dann aus: "Ich habe gesiegt!" Seine Versuchung ist überwunden.



Die Gefahr der Geltungssucht

Aus: Kardinal Carlo M. Martini, Die Bergpredigt. Ermutigung zur Nachfolge. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2011.


Was brandmarkt Jesus also? Er verurteilt eine Haltung, die uns nahezu angeboren ist, die Geltungssucht: Man tut alles ein bisschen so, als stünde man vor dem Spiegel, und wartet darauf, was die Leute sagen oder nicht sagen. Ein englischer Philosoph hat von den idola theatri gesprochen, einem Verhalten, als stände man auf der Bühne, und von den idola fori, dem Haschen nach der Meinung des Publikums. Ohne Zweifel ist es sehr verbreitet -besonders bei denen, die öffentliche Ämter haben -, sich so zu verhalten, dass man kein Missfallen hervorruft, sondern möglichst sogar Sympathie.

Das Gebot Jesu ist schwierig, insofern es etwas mit dem Ruf eines Menschen zu tun hat. Wir alle haben es nötig, dass die Leute gut von uns reden und uns zustimmen. Wenn wir über längere Zeit hin nicht gelobt wurden, sondern nur getadelt, verfallen wir in Depression. Als ich das Amt des Rektors am Päpstlichen Bibelinstitut übernahm, betete ich folgendermaßen: »Herr, hilf mir, nicht zu viele Fehler zu machen, jedenfalls nicht zu große und nicht zu häufige, sonst könnte ich allen Mut verlieren und durch die negative Beurteilung der Leute auch das Vertrauen in mich selbst.« Der gute Ruf und die Wertschätzung der anderen sind für uns in gewisser Weise notwendig. Daher verurteilt Jesus, der das menschliche Herz bis auf den Grund kennt, es nicht, wenn man auf die Meinung der anderen Rücksicht nimmt, aber er warnt davor, uns davon versklaven zu lassen.

Wir werden aufgefordert, uns sorgfältig zu prüfen und dabei unsere Verwundbarkeit zu erkennen angesichts des Risikos, in diese Sklaverei zu geraten. Meiner Meinung nach sind auch einige Phänomene in der Kirche der Tatsache geschuldet, dass man um jeden Preis öffentliche Wirkung und die Gunst des Publikums sucht und dass man, um sie sich zu erhalten, einen bestimmten Ton anschlagen muss. Und auf diese Weise nutzt man sich dann ab und verdirbt sich.



Hierher, dorthin und wieder zurück

Aus: Tomáš Halík, Nachtgedanken eines Beichtvaters. Glaube in Zeiten der Ungewissheit. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2012.


šš"Da hin ich also wieder hier", sagt er mit einem breiten Lachen, als er sich mir gegenüber in einen der großen abgewetzten Klubsessel wirft, die im Arbeitszimmer im zweiten Stockwerk der Philosophischen Fakultät herumstehen. Möglicherweise ist es dasselbe Möbelstück, in dem ich vor genau dreiunddreißig Jahren bei der Staatsprüfung in Philosophiegeschichte bei Professor Patocka geschwitzt hatte. Da war er noch nicht auf der Welt, dieser magere Jüngling mit kurzgeschnittenem Haar; solche Leute sind mir in den Jahren meiner Lehrtätigkeit in großer Zahl begegnet. Doch kann ich mich gerade an ihn, diesen ehemaligen Studenten, den Hörer nicht nur meiner Universitätsvorlesungen, sondern häufig auch meiner Predigten in der Universitätskirche, gut erinnern, auch wenn ich von ihm in den vergangenen Jahren kaum etwas gehört hatte. Ich habe nur vernommen, dass er angeblich vor geraumer Zeit sein rasch aufgeflammtes, aber irgendwie unausgegorenes Christentum an den Nagel gehängt hat, die Welt der östlichen spirituellen Bewegungen entdeckte und diese ihn dann so faszinierten, dass er für viele Jahre - und es hatte den Anschein einer definitiven Entscheidung - irgendwohin in ein buddhistische Kloster entschwand; vielleicht in Thailand oder auf Sri Lanka oder in Japan?

Lange Zeit sitzt er einfach hier, doch dann sagt er nur einen kurzen Satz, aus dem jedoch nicht klar hervorgeht, ob sich daraus das Motto einer weiteren langen Erläuterung herausschält oder ob er auf orientalische Art und Weise seine gesamte Erfahrung in einer einzigen Aussage zusammenfassen möchte, mit der er mich offensichtlich zu überraschen gedenkt: "So habe ich also zuerst gedacht, dass die Wahrheit im Christentum beheimatet sei, dann wiederum dachte ich, dass der Buddhismus die Wahrheit innehabe, und nunmehr denke ich wiederum, dass sie im Christentum liegt." Seine Worte "wieder hier" erhielten damit jetzt einen völlig neuen Sinn.



Ich treibe dich aus

Aus: Ulrich Schaffer, Gott in der Weite meiner Fantasie. Mit Tuschzeichnungen des Autors. Edition Schaffer, Kreuz Verlag, Stuttgart 2008.


Ich treibe dich aus
aus mir.
Du sollst nicht
als Herr in mir wohnen,
nicht als Herrscher,
als kleinlicher Pedant,
als verkappter Tyrann,
als Beobachter, als Not,
als Bedrohung.

Im Namen deiner selbst
treibe ich dich aus,
du Gott, der du nicht Gott bist,
wenn es dir darum zu tun ist,
Gott zu sein.
Ich jage dich davon,
du Stammesgott,
nicht weil ich dich verachte,
sondern weil ich dich liebe,
du Gott über den Stammesgöttern.

Es ist Zeit,
dass du dich in mir entfaltest
und die Grenzenlosigkeit ausrufst,
in der ich befreit werde
zu dem, was hinter den Dingen
und Erscheinungen liegt.

Ich jage dich davon,
wenn du Angst hast
vor unserer Größe
oder neidisch bist auf uns.

Schon lange habe ich begriffen,
dass ich mit Bildern um mich werfe:
auf alles projiziere ich meine Vorstellungen,
alles versehe ich mit der Wirklichkeit,
die ich denken kann.
Mit dir habe ich es auch gemacht,
mir aber eingeredet,
ich würde tatsächlich von dir sprechen,
als gäbe es nur ein deutliches Bild von dir.
Jetzt ist es Zeit,
dass ich dich befreie aus den Käfigen.

Ob ich es dann aushalte, vor dir zu stehen,
nackt und ohne den Schutz der Formeln,
ohne den Mantel meiner Unterwürfigkeit,
ohne die Gloriole deiner Herrlichkeit,
in der ich mich früher gebadet habe,
ob ich es dann aushalte oder verrückt werde,
weil ich zu viel gewollt habe,
werde ich dann sehen,
und es wird früh genug sein.

Es wird besser sein,
als selbst immer mehr zu wachsen,
weise zu werden,
dich aber in dem alten Bild festzuhalten,
das ich schon kannte,
als ich noch ein Kind war.
Willst du
in der Weite meiner Fantasie wohnen
und so Heimat geben und empfangen?