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14.11.2018

Kontexte 23.03.2008


... dass es eine Stadt geben wird ohne Tod

Huub Oosterhuis, Im Vorübergehn, Wien: Herder 1969, S. 341 - 343 (Gekürzt)


Er ist auferstanden. Hart und unmöglich fallen uns diese Worte auf den Kopf, der voll ist von Einfällen und Gedanken und der doch nichts begreift. "Er ist auferstanden" - ein Wort wie ein Meer, auf dem man nicht gehen, auf dem man nichts bauen kann, es rinnt einem wie Wasser durch die Finger. "Er ist auferstanden" - ein Wort wie ein Berg, es verstellt einem die Aussicht, man kann nicht sehen, was sich dahinter befindet, was es bedeutet. Ist er vielleicht hier, ein Körper mit Augen, die sehen, gekleidet wie wir? Wie sonst?

"Er ist nicht hier, er ist auferstanden"; ohne Überschwang und Begeisterung steht es geschrieben im Evangelium der heutigen Nacht. Die Menschen, die als erste diesen Bericht verarbeiten mußten, flohen in Angst und Entsetzen. Und in ihrer Panik erzählten sie niemand davon.

Diese Panik ist kein Wunder. Daß wir Menschen dieses Wort nicht glauben, nicht im Leben vollziehen können, daß es ohne Kraft ist und unverständlich bleibt - das ist kein Wunder. Schauen wir uns irgendeinen Toten an, er zeigt keine Spur dessen, was wir "Auferstehung" nennen. Und sehen wir die vielen lebendigen Menschen auf Erden an: das Dumpfe, die farblose Sorge, das endlose Gehen, die Sklaverei, die Gewalt - das Nicht-anders-Wollen, so scheint es wohl. Die Menschen scheinen zu sagen: Es kann nichts Neues geschehen, es gibt keine Zukunft, niemand kann kommen, die mich befreit. Menschen kapitulieren vor dem Grab und versteinern - die Verzweiflung ist kein Wunder.

Dennoch erfahren wir, daß mitten in dieser Welt die Hoffnung geboren wird, die Hoffnung, daß eine Hand dasein wird, die uns befreit, "jemand, der tut, was er sagt" - daß diese Hoffnung noch nicht - bis auf den heutigen Tag nicht - gestorben ist und daß bei jedem Todesfall diese Hoffnung doch nicht stirbt - das ist das Wunder.

"Er ist nicht hier, er ist auferstanden." Wie viele gibt es noch - hier und wo immer - die hoffen, daß sich die Erzählung über Jesus von Nazareth an ihnen erfülle. Sie hoffen, daß der, "Der sagt, er wäre Gott", ihr Gott sein wird.

Niemand kann sagen: Mir wird das nie geschehen. Als wüßte er etwas und hätte etwas in Händen. Niemand hat Gott jemals gesehen. Man darf sagen : Ich hoffe es. Was mich betrifft: ich hoffe, daß die Befreiung mir zuteil wird, daß ich dasein darf, daß jemand für mich kommen wird, daß Felsen sich wandeln werden in Quellen und Teiche, daß es eine Stadt geben wird ohne Tod.



Neue Menschheit

Bonhoeffer Brevier, zusammengestellt und herausgegeben von Otto Dudzus, München:. Kaiser Verlag 1968, S. 150/51.


Das Wunder der Auferstehung Christi hebt die Vergötzung des Todes, wie sie unter uns herrscht, aus den Angeln. Wo der Tod das Letzte ist, dort verbindet sich die Furcht vor ihm mit dem Trotz. Wo der Tod das Letzte ist, dort ist das irdische Leben alles oder nichts. Das Trotzen auf irdische Ewigkeiten gehört dann zusammen mit einem leichtfertigen Spiel mit dem Leben, krampfhafte Lebensbejahung mit gleichgültiger Lebensverachtung. Nichts verrät die Vergötzung des Todes deutlicher, als wenn eine Zeit für die Ewigkeit zu bauen beansprucht und doch in ihr das Leben nichts gilt, wenn man große Worte spricht über einen neuen Menschen, eine neue Welt, eine neue Gesellschaft, die heraufgeführt werden soll, und wenn dieses Neue alles nur in einer Vernichtung dieses vorhandenen Lebens besteht. Aber alles erraffen oder alles wegwerfen, das ist die Haltung dessen, der fanatisch an den Tod glaubt.

Wo aber erkannt wird, daß die Macht des Todes gebrochen ist, wo das Wunder der Auferstehung und des neuen Lebens mitten in die Todeswelt hineinleuchtet, dort verlangt man vom Leben keine Ewigkeiten, dort nimmt man vom Leben, was es gibt, nicht Alles oder Nichts, sondern Gutes und Böses, Wichtiges und Unwichtiges, Freude und Schmerz, dort hält man das Leben nicht krampfhaft fest, aber man wirft es auch nicht leichtsinnig fort, dort begnügt man sich mit der bemessenen Zeit und spricht nicht irdischen Dingen Ewigkeit zu, dort läßt man dem Tod das begrenzte Recht, das er noch hat. Den neuen Menschen und die neue Welt aber erwartet man allein von jenseits des Todes her, von der Macht, die den Tod überwunden hat.

Der auferstandene Christus trägt die neue Menschheit in sich, das letzte herrliche Ja Gottes zum neuen Menschen. Zwar lebt die Menschheit noch im Alten, aber sie ist schon über das Alte hinaus, zwar lebt sie noch in einer Welt des Todes, aber sie ist schon über den Tod hinaus, zwar lebt sie noch in einer Welt der Sünde, aber sie ist schon über die Sünde hinaus. Die Nacht ist noch nicht vorüber, aber es tagt schon.



Zukunft für jeden Menschen

Joseph Ratzinger, Dogma und Verkündigung, München: Erich Wewel Verlag 1973, S. 358/59


Der Glaube an die Auferstehung Jesu besagt, daß es Zukunft für einen jeden Menschen gibt. Daß der Ruf nach Unendlichkeit, der in ihm wohnt, beantwortet ist. Durch Jesus kennen wir »den Raum, wo die ausgewanderte Liebe ihren Sieg niederlegt ...« [Formulierung nach einem Gedicht von Nelly Sachs] Er selbst ist dieser Raum. Und er ruft uns, mit ihm und von ihm her dieser Raum zu sein. Diesen Raum offen zu halten in der Welt, damit er, die ausgewanderte Liebe, immerfort einwandern kann in die Welt. Gewiß, die Welt ist nicht »heil«. Aber die Welt ist auch nicht nur ein sinnloses Spiel des gefräßigen Todes. Es gibt den Raum der ausgewanderten Liebe, weil Gott durch die Todeswunde Jesu Christi eingewandert ist in die Welt. Oder sagen wir es mehr vom Weltbild der Evolution her: Der Punkt Omega ist deswegen für uns eine Hoffnung, weil wir erwarten dürfen, in ihm aufgehoben zu sein. Weil der Geist, die Liebe stärker ist als der Tod. Weil es die Unwiderruflichkeit des Menschen, der Person gibt, die nicht mehr aufgelöst, aber aus ihrer Einsamkeit erlöst und in die Einheit des endgültigen Menschen hinein genommen wird.

Um nur noch eine letzte Beobachtung festzuhalten: Matthias Grünewald hat in seinem großartigen Auferstehungsbild den auferstehenden Christus als Theophanie gezeichnet: als die Erscheinung Gottes in dem durch das Opfer hindurchgegangenen Menschen. Er hat damit einen Grundgedanken biblischer und altchristlicher Auferstehungstheologie ins Bildnerische übersetzt, ihm eine Kraft der Aussage gegeben, wie Worte sie nicht erreichen können. In der Tat ist dies das Eigentliche: Die Auferstehung Jesu gibt uns die Gewißheit, daß Gott ist und daß er als Vater Jesu Christi ein Gott der Menschen ist. Die Auferstehung Jesu ist die endgültige Theophanie, die triumphale Antwort auf die Frage, wer nun eigentlich herrscht, der Tod oder das Leben. Gott ist - das ist die eigentliche Botschaft von Ostern. Und wer auch nur anfängt zu begreifen, was das heißt, der weiß, was Erlöstsein bedeutet. Der weiß, warum die Kirche an diesem Tag in ihren Gebeten schier endlos Alleluja singt - den wortlosen Jubel, der zu groß ist, um in Worten der Alltagssprache artikuliert zu werden, weil er unser ganzes Leben umfaßt, das Sagbare und das Unsagbare zumal. Etwas von dieser Freude zun erfassen, das heißt Ostern feiern.



Herbst

Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2. Aufl.


Ich pflücke mir am Weg das letzte Tausendschön .....
Es kam ein Engel mir mein Totenkleid zu nähen -
Denn ich muß andere Welten weiter tragen.

Das ewige Leben d e m, der viel von Liebe weiß zu sagen.
Ein Mensch der L i e b e kann nur auferstehen!
Haß schachtelt ein! wie hoch die Fackel auch mag schlagen.



Stillung Mariae mit dem Auferstandenen

Rainer Maria Rilke, Gesammelte Gedichte, Frankfurt: Insel-Verlag 1962, S. 434.


Was sie damals empfanden: ist es nicht
vor allen Geheimnissen süß
und immer noch irdisch:
da er, ein wenig blaß noch vom Grab,
erleichtert zu ihr trat:
an allen Stellen erstanden.
O zu ihr zuerst. Wie waren sie da
unaussprechlich in Heilung.
Ja sie heilten, das war's. Sie hatten nicht nötig,
sich stark zu berühren.
Er legte ihr eine Sekunde
kaum seine nächstens
ewige Hand an die frauliche Schulter.
Und sie begannen
still wie die Bäume im Frühling,
unendlich zugleich,
diese Jahreszeit
ihres äußersten Umgangs.



Wenn

Rose Ausländer, Gedichte, Frankfurt: S. Fischer 2001, S. 93.


Wenn wir auferstehen
von allen Übeln
ohne Fäulnisgeruch
im Osterwort des Baal-Schem

wenn nicht unsere Übel auferstehn
und wir den unsterblichen
Bruder Kain begraben

wenn Moses wieder das Angstmeer
glättet
und wir Verschiedenen
auferstehen
unser Brot backen
in der Sonnenoase
Schlaf aus dem
Sternquell schöpfen

wenn wir einkehren
in unser zukünftiges Erbe
im Osterwort des Baal-Schem

wenn

feiern wir Passah
das auferstandene Fest



Unverhofftes Wiedersehen

Johann Peter Hebel, in: Deutsches Anekdotenbuch, hrsg. v. Paul Alverdes und Hermann Rinn, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1962, S. 110-112


In Falun in Schweden küßte vor guten fünfzig Jahren ein junger Bergmann seine junge, hübsche Braut und sagte zu ihr: "Auf Sankt Luciä wird unsere Liebe von des Priesters Hand gesegnet. Dann sind wir Mann und Weib und bauen uns ein eigenes Nestlein." - "Und Friede und Liebe soll darin wohnen", sagte die schöne Braut, "denn du bist mein einziges und alles, und ohne dich möchte ich lieber im Grab sein als an einem andern Ort." Als sie aber vor Sankt Luciä der Pfarrer zum zweiten Mal in der Kirche ausgerufen hatte: "So nun jemand Hindernisse wüßte anzuzeigen, warum diese Personen nicht möchten ehelich zusammenkommen", da meldete sich der Tod. Denn der Jüngling kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie saumte vergeblich ein schwarzes Halstuch mit rotem Rand für ihn zum Hochzeittag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn und vergaß ihn nie.

Unterdessen wurde die Stadt Lissabon in Portugal durch ein Erdbeben zerstört, und der Siebenjährige Krieg ging vorüber [ ...]

Als aber die Bergleute in Falun im Jahr 1809 zwischen zwei Schachten eine Öffnung durchgraben wollten, gruben sie den Leichnam eines Jünglings heraus, der ganz mit Eisenvitriol durchdrungen, aber unverwest und unverändert war; also daß man seine Gesichtszüge und sein Alter noch völlig erkennen konnte. Als man ihn aber zu Tag ausgefördert hatte, kein Mensch wollte den schlafenden Jüngling kennen oder etwas von seinem Unglück wissen, bis die ehemalige Verlobte des Bergmanns kam, der eines Tages nimmer zurückkehrte. Grau und zusammengeschrumpft kam sie an einer Krücke an den Platz und erkannte ihren Bräutigam; und mehr mit freudigem Entzücken als mit Schmerz sank sie auf die geliebte Leiche nieder, und erst als sie sich von einer langen, heftigen Bewegung des Gemüts erholt hatte: "Es ist mein Verlobter", sagte sie endlich, " um den ich fünfzig Jahre lang getrauert hatte und den mich Gott noch einmal sehen läßt vor meinem Ende. Acht Tage vor der Hochzeit ist er unter die Erde gegangen und nimmer heraufgekommen." Da wurden die Gemüter aller Umstehenden von Wehmut und Tränen ergriffen, als sie sahen die ehemalige Braut jetzt in der Gestalt des hingewelkten, kraftlosen Alters und den Bräutigam noch in seiner jugendlichen Schöne und wie in ihrer Brust nach fünfzig Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte; aber er öffnete den Mund nimmer zum Lächeln oder die Augen zum Wiedererkennen; und wie sie ihn endlich von den Bergleuten in ihr Stüblein tragen ließ, als die einzige, die ihm angehöre und ein Recht an ihn habe, bis sein Grab gerüstet sei auf dem Kirchhof. Den andern Tag, als ihn die Bergleute holten, legte sie ihm das schwarzseidene Halstuch mit roten Streifen um und begleitete ihn alsdann in ihrem Sonntagsgewand, als wenn es ihr Hochzeittag und nicht der Tag seiner Beerdigung wäre. Denn als man ihn auf dem Kirchhof ins Grab legte, sagte sie: "Schlaf nun wohl. Noch einen Tag oder zehen im kühlen Hochzeitbett, und laß dir die Zeit nicht lang werden. Ich habe nur noch wenig zu tun und komme bald, und bald wird's wieder Tag. Was die Erde einmal wiedergegeben hat, wird sie zum zweitenmal auch nicht behalten", sagte sie, als sie fortging und noch einmal umschaute.