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16.10.2018

Kontexte 01.03.2015


Creditur

Aus: Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950-2010. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010.


Schon das schiere Nichts
hat es in sich.
Bauchschmerzen
für Metaphysiker.
Die Null zu erfinden
war kein Zuckerlecken.

Als dann auch noch
irgendein Inder
auf die Idee kam, etwas
könne weniger sein als nichts,
streikten die Griechen.

Auch den Gottesgelehrten
war nicht wohl dabei.
Blendwerk, hieß es,
eine Versuchung des Teufels.

Das sollen natürliche Zahlen sein,
riefen die Zweifler,
minus eins, minus eine Milliarde?

Nur wer Geld hatte,
und das waren die wenigsten,
der hatte keine Angst:

Schulden, Abschreibungen,
doppelte Buchführung.
Die Welt wurde abgezinst.
Die Arithmetik - ein Füllhorn.
Wir haben alle Kredit,
sagten die Banker.
Eine Sache des Glaubens.

Seitdem wird immer größer,
was weniger ist als nichts.



Mohn an der Pfote

Aus: Ralf Rothmann, Gebet in Ruinen. Gedichte. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2000.


Gut, du gabst mir ein Ziel,
zeigtest mir den Weg,
schenktest mir die Schuhe.
Und ich blieb im Bett.

Okay, auch ich hatte mein Kreuzigungsjahr.
Dann kam die Auferstehung. (Wow!)
Dann blieb ich in den Wolken hängen.
Doch sind Idioten nicht ein Trost?

Halt mich bis zur Tagesschau,
ich erkläre dir die Welt.
Jeder Handgriff im Honig.
Mein Süden hat Schuhgröße 42,

der Norden muß zum Friseur,
und mein Himmel riecht nach Schweiß
wie deine Bibel. Doch ein Stern
zieht seine Bahn durch dieses Herz.



Trauen und Vertrauen

Aus: Alois Kothgasser / Clemens Sedmak, Geben und vergeben. Von der Kunst neu zu beginnen. Tyrolia Verlag, Innsbruck Wien 2008.


Vergebung und Versöhnung sind nicht möglich ohne Vertrauen. Vertrauen ist gleichzeitig das Einfachste und das Schwierigste. Wir alle haben schon oft erlebt, wie vertrauensvoll Kinder mit ihren Eltern umgehen. Wenn ein Kind auf einer Mauer steht und der Vater verspricht, das Kind aufzufangen, so wird das Kind ohne Zögern in die Arme des Vaters springen. So einfach - und doch so schwer! Haben wir uns schon einmal überlegt, welche Gnade es ist oder sein könnte, sich wirklich und wahrhaftig auf Gott zu verlassen? Wenn wir wirklich und wahrhaftig an die Gegenwart Gottes glauben können, der lenkt und leitet. Der heilige Josef Benedikt Cottolengo, ein Zeitgenosse von Johannes Don Bosco in Turin, hatte den Mut aufgebracht, "das kleine Haus der göttlichen Vorsehung" zu gründen, das Kranke für Gottes Lohn betreute und von der Hand in den Mund lebte. Natürlich wurde sorgsam gehaushaltet und hart gearbeitet. Aber mit dem Vertrauen auf Gott und auf die Kraft des Gebets. Immer wieder zeigte sich die Macht der Vorsehung in wunderbarer Weise. Das Haus besteht heute noch und ist ein Zeichen für die Kraft, die der Glaube an die Vorsehung schenken kann.

Gottvertrauen macht großmütig, erfüllt uns mit Zuversicht und Kraft. Thomas von Aquin betont, dass Großmütigkeit, der Mut, auf Großes zu hoffen, eine Tugend ist: Kleinmütigkeit ist ein Makel, weil hier der Mensch kein Vertrauen in sich, in Gott, in die anderen setzen möchte und kein Risiko eingehen will, genau abrechnet und nicht großzügig ist. So einfach - und doch so schwierig! Gott lädt uns ein, eine Entscheidung zu treffen, eine einzige Entscheidung - die Entscheidung nämlich, das Leben in einer unumkehrbaren Weise in Gottes Hände zu legen. Diese Entscheidung können wir treffen, auch hier und heute, jetzt und ein für alle Mal. Sie besteht darin, Gott zu bitten, das eigene Leben in Gottes Hände legen zu dürfen, und vertrauensvoll das eigene Leben in der Gegenwart Gottes zu leben.



Gott ist kein Konkurrent des Menschen

Aus: Manfred Scheuer, Und eine Spur von Ewigkeit. Ein geistlicher Begleiter durch das Jahr. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.


Das Wort "Gott" ist beladen, missbraucht für Unterdrückung, Ausbeutung, Angst und Tod. Menschen schaffen Bilder von Gott als kleinlichem Buchhalter, quälendem Leuteschinder, überforderndem Leistungsgott, als strenger Überwachungsinstanz, unbarmherzigem Richter, willkürlichem Tyrann, als Vernichter des Lebens. Es werden auch goldene Kälber des Geldes, der Macht, des Krieges, der Wirtschaft, der Nation, der Rasse geschmiedet, die allesamt in Barbarei enden.

Gott ist kein Konkurrent des Menschen, er ist ein Freund und Liebhaber des Lebens (Weish 11,23-26). Sein Sohn ist gekommen, damit wir Leben in Fülle haben (Joh 10,10). Seit Ostern gehören für Christen das Bekenntnis zu Gott und das Bekenntnis zu Jesus endgültig zusammen. In Jesus sprechen wir "Abba", Vater; im Heiligen Geist bekennen wir "Herr ist Jesus" (1 Kor 12,1-3) bzw. "Abba" (Röm 8,14-17). Die Grundhaltung der Christen ist es, teilzunehmen an dieser Liebe Gottes zu Mensch und Welt, denn "du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft" (Dtn 6,5).