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22.06.2018

Kontexte 07.09.2008


Kirche mit eigener Stimme

Aus: Karl Kardinal Lehmann, Mut zum Umdenken. Klare Positionen in schwieriger Zeit. Herder Freiburg Basel Wien 2000.


Die Bewältigung der Situation der Kirche in pluralistischen Gesellschaften ist immer noch eine große Aufgabe. Manche meinen, die damit gegebenen Schwierigkeiten seien weitgehend ein Problem der Kirche, weil sie sich zu wenig "anzupassen” verstehe. Nun soll nicht bestritten werden, dass es da und dort eine größere Flexibilität der Kirche in der Reaktion auf gesellschaftliche Herausforderung geben könnte und müsste, ohne dass die Kirche sich bloß in das Bestehende einzufügen hätte.

Aber die Frage ist eben auch nicht weniger ein Problem pluralistischer Gesellschaften selbst: Im Grunde ist in ihnen, besonders ethisch, fast alles möglich und erlaubt. Über verpflichtend Gemeinsames wird relativ wenig gesprochen. Formelkompromisse täuschen nicht selten ein Einheit bloß vor. Schon darum ist es fast unmöglich, in allseits akzeptabler Weise auf elementare gesellschaftliche Herausforderungen befriedigend zu reagieren. Viele erwarten nämlich jeweils etwas ganz anderes, ohne dass dies aus falsch verstandener Höflichkeit und angeblicher Toleranz immer auch klar zum Ausdruck kommt. Aber man ist eben der Meinung, die Kirche habe grundsätzlich in allen Situationen notwendiger Hilfe - wie immer - zu dienen. Eine solche Haltung, die von hohen Erwartungen an die Kirche zeugt, begegnet mir immer wieder.

Man ist jedoch nicht selten enttäuscht, wenn die Kirche tatsächlich eine Antwort versucht. Man könnte dies leicht aufzeigen bei den verschiedenen Stellungnahmen zur Schwangerschaftskonfliktberatung, zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare oder auch angesichts der Parteispendenaffäre. Es ist eine Gefahr, dass im Grunde jeder bloß in seiner Meinung bestätigt werden möchte. Wenn dies nicht geschieht, kann die Enttäuschung rasch bis zur Distanzierung von Kirche oder gar zum Kirchenaustritt umschlagen.

In einer solchen Lage gerät die Kirche manchmal in gefährliche Bedrängnis. Sie möchte gerade in Fragen des grundlegenden Ethos möglichst integrierend wirken. Es geht ja auch um sittliche Grundlagen eines gemeinsamen Lebens. Außerdem fürchtet man im Blick auf manche Fehltritte in der Geschichte den Vorwurf der Gesprächsunfähigkeit, der Borniertheit oder gar der Intoleranz. Es ist nicht leicht, hier so zu sprechen, dass Entschiedenheit und Klarheit vorherrschen, zumal auch die Kirche in sich selbst angesichts der vielen Einflüsse von außen her und der Vielfalt in ihr selbst immer wieder mühsam den Konsens suchen muss.

Ich bin der festen Überzeugung, dass mancher Vorwurf, der auf mangelnde Eindeutigkeit hinausläuft, zwar im Blick auf einzelne Formulierungen rechthaben mag, aber als pauschaler Vorwurf nicht stimmt. Wir müssen heute stärker als früher in vielen Fragen den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche, wenn wir sachgerecht und hilfreich zugleich bleiben wollen, ein differenzierteres Sprechen zumuten, ohne damit den Willen zu einer klaren Orientierung aufzugeben. Dies ist meines Erachtens vielfach gelungen, nicht zuletzt auch in nicht wenigen gemeinsamen ökumenischen Verlautbarungen.

Dennoch ist, wie ich in den letzten Jahren immer wie-der anmahnte, in mancher Hinsicht eine noch deutlichere Positionsnahme vonnöten. Wir sind inzwischen ausreichend eingeübt und ausgewiesen in der Rücksichtnahme auf andere Meinungen, in der Gesprächsfähigkeit darüber und auch in einem zivilisierten Streit. In pluralistischen Gesellschaften geht man jedoch unter, wenn man nicht in der immer unübersichtlicher werdenden Vielfalt der zahlreichen Stimmen seinen eigenen, unverwechselbaren Standort kräftig und vernehmbar markiert.

Dies ist nicht nur sachlich notwendig, um die eigene Position überzeugend darzustellen, sondern nur so wird auch ein bestimmter Standort, hier aus dem Glauben verantwortet, wirklich mitteilbar - in der Mediengesellschaft ist die Sorge darum unübersehbar wichtig. Deshalb muss es hier manchmal zu Streit, Konfrontation, auf je-den Fall zu mehr Wettbewerb der geistigen Standorte kommen. Deshalb kann die Kirche nicht eine Allerweltsantwort geben. Sie kann nur wirklich helfen, wenn z. B. sie tatsächlich die Wunden aufzeigt und auch schmerzliche Wege der Heilung nicht verschweigt.

In vielen Fragen ist auch zuerst ein Umdenken, d. h. eine Ab- und Umkehr von bisherigen Haltungen, notwendig. Wenn dies zunächst fremd und auch schmerzlich ist, wird es in vielen Fällen - wenigstens auf mittlere oder längere Sicht - mehr helfen als weiche Angebote. In diesem Sinne kann gerade das zunächst Unbekannte und Fremde zu einem Segen werden. Besonders in der Österlichen Bußzeit sollten wir diese Aufgabe des Umdenkens, wie sie immer notwendig ist, in der konkreten Gestalt für heute nicht vergessen. Sonst versteht man im Grunde nicht, warum die Kirche so und nicht anders spricht und sprechen muss.



Was es heißt, »Kirche« zu sein

Lothar Zenetti in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Hohe Verlag Erfstadt 2007.


Herr,
mache deine Kirche zum Werkzeug deines Friedens
Wo Menschen sich befehden
ein jeder gegen jeden
hilf uns den Frieden schaffen
in einer Welt von Waffen

Herr,
mache deine Kirche zur Stimme deiner Wahrheit
Inmitten von Intrigen
Verdrehungen und Lügen
hilf uns die Wahrheit finden
und unbeirrt verkünden

Herr,
mache deine Kirche zum Anwalt aller Armen
Dass sie stets auf der Seite
der Unterdrückten streite
hilf uns das Recht verbreiten
auch für die Minderheiten

Herr,
mache deine Kirche zum Anfang deiner Zukunft
Dass alle in ihr sehen
die neue Welt entstehen
du kannst uns Menschen einen
Herr, lass dein Reich erscheinen



Kultur der Aufmerksamkeit

Bernhard Meuser in: Reinhard Kürzinger / Bernhard Sill, Das große Buch der Gebete. Über 800 alte und neue Gebetstexte für jeden Anlass. Hohe Verlag Erfstadt 2007.


Herr, es kommt weniger darauf an,
an einem Tag etwas Großes zu tun,
als an vielen kleinen Tagen
viele kleine Dinge gut zu tun.
Darum hilf mir
in der täglichen Einübung
einer Kultur der Aufmerksamkeit,
der Versöhnung und des Wohlwollens.
Lass mich einfach menschlicher werden,
um christlicher zu werden.



Mein Schutz, mein Panzer

Aus: Ulrich Schaffer, Sehnsucht nach Nähe. Kreuz Verlag Stuttgart 1986.


Gott,
ich gebe dir meinen Panzer,
meine Unverletzbarkeit:
laß mein Blut fließen.

Ich gebe dir meinen Star,
meine Blindheit:
stich durch, laß Licht fallen.

Ich gebe dir meine reine Haut,
meine Gerechtigkeit:
laß sie schmutzig werden im Leid.

Ich gebe dir meine musiküberwehten Ohren,
meine Schwerhörigkeit:
laß Notschreie meine Seele erschüttern.

Ich gebe dir meine verzärtelten Hände,
meine Angstlichkeit:
laß sie das Zupacken lernen.



Sein geschlossenes System

Aus: Ulrich Schaffer, Neues umarmen. Für die Mutigen, die ihren Weg suchen. Edition Schaffer im Kreuz Verlag Stuttgart 1984.


Ich habe mit ihm geredet. Er wußte alles. Hatte Antworten und Erklärungen für alles. Er hatte ein System, in das alles paßte. Und was nicht paßte, gab es nicht. Darum war ihm nichts peinlich an meinen Fragen. Aber mir war es peinlich, daß ich solche Fragen hatte. Auf seine Antworten hätte ich auch selbst kommen müssen. Klar. Alles klar. Es leuchtete mir ein. Jedenfalls damals.

Warum ich ihm jetzt nicht mehr glaube? Weil er nicht fragen kann! Seine Fraglosigkeit ist seine Verurteilung meiner Person. Auch seine Antworten sind ein Urteil. Er haßt mich - aber das würde er nie zugeben. Eigentlich haßt er meine Fragen - aber sie werden ungefährlicher, weil er ja Antworten hat.

Aber ohne Fragen ist er arm. Armer kann man nicht sein, als wenn man ohne Fragen ist. Seine Antworten kommen aus dieser Armut, die er Reichtum nennt.



Was ihm fehlt

Aus: Hermann Josef Coenen. In Ninive und anderswo. Meditationen. Patmos Verlag Düsseldorf 1989.


Er wuchs auf in unsrer Stadt,
ungewollt und ungeliebt,
auch der Lehrer sagt,
daß er nichts kann, nichts taugt.
Er schwänzt die Schule und brennt durch,
bis das Jugendamt ihn sucht,
ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Geld.

Was ihm fehlt, was ihm fehlt,
ist ein Mensch, der an ihn glaubt,
ist ein Freund, der zu ihm hält,
ist der Glaube, daß ihn Gott trotz allem mag.

Ihre Eltern sind o.k.,
sie treibt Sport und sieht gut aus.
Nur die Angst, daß sie
die Prüfung doch nicht schafft.
Ihre Freundin hat nie Zeit,
und ihr Freund macht plötzlich Schluß.
Da drückt sie sich zum erstenmal 'nen Schuß.

Er ist schüchtern und verklemmt,
voller Hemmung, voller Angst,
und er traut sich nicht,
auf andre zuzugehn.
Ein Motorrad ist sein Traum,
und er quält den kleinen Hund,
und er hält sich selbst für eine große Null.

Heute fühl ich mich ganz gut,
wenn's auch gestern anders war.
Da kam einer auf mich zu und machte mir Mut:
»Du kannst viel mehr, als du denkst,
und ich mag dich, wie du bist!«
Seitdem weiß ich, was der Mensch
zum Leben braucht.