Diese Webseite nutzt Cookies

Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die Nutzung der Website sind Sie mit unseren Datenschutzbestimmungen einverstanden.> Mehr dazu

Schließen
22.09.2018

Lesungen 15.07.2018


1. Lesung vom 15. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Am 7,12-15

Lesung aus dem Buch Amos:

In jenen Tagen sagte Amazja, der Priester von Bet-El, zu Amos:
Geh, Seher, flüchte ins Land Juda!
Iß dort dein Brot, und tritt dort als Prophet auf!
In Bet-El darfst du nicht mehr als Prophet reden;
denn das hier ist ein Heiligtum des Königs und ein Reichstempel.
Amos antwortete Amazja:
Ich bin kein Prophet und kein Prophetenschüler,
sondern ich bin ein Viehzüchter,
und ich ziehe Maulbeerfeigen.
Aber der Herr hat mich von meiner Herde weggeholt
und zu mir gesagt:
Geh und rede als Prophet zu meinem Volk Israel!



Im 8. Jahrhundert ist das Reich Davids bereits in ein Nordreich (Israel) und ein Südreich (Juda) aufgeteilt. Im Süden, in der Hauptstadt Jerusalem, regieren weiterhin die Könige aus der Dynastie Davids. Im Norden wird der König, wie zu Davids und Sauls Zeiten, durch Wahl bestimmt. Das Land ist reicher und fruchtbarer als der Süden – und darum auch stärker bedroht von seinem starken Nachbarn, dem assyrischen Großreich. Schon Generation nach dem Wirken des Amos, 722 v. Chr., wird das Nordreich Israel von den Assyrern erobert und hört auf zu existieren. Aber noch ist es nicht soweit. Zur Zeit des Amos, unter König Jerobeam II., erlebt das Nordreich Israel eine ungeheure wirtschaftliche Blüte. Gleichzeitig vertieft sich die soziale Kluft: Der wachsende Wohlstand der reichen Großgrundbesitzer hebt sich immer mehr von den Kleinbauern und Tagelöhnern ab. Außerdem folgt die herrschende Schicht immer weniger den "altmodischen" Jahwe-Überlieferungen, sondern orientiert sich mehr und mehr an der "vornehmeren" Kultur der Kanaanäer und Assyrer. Offensichtlich auch in religiöser Hinsicht – Ausgrabungen aus dieser Zeit belegen, dass es in fast einem Drittel der Haushalte kleine weibliche Götterfiguren gab. Man betete nicht mehr allein zu Jahwe. In dieser Situation erlebt Amos, ein Vieh- und Maulbeerfeigenzüchter aus der Nähe von Betlehem, dass Gott ihn als Mahner und Rufer nach in den Norden schickt. Dort soll er das Volk aufrütteln und daran erinnern, was es heißt, Jahwe zu verehren: Der wahre Gottesdienst geschieht nicht in erster Linie durch Opfer und Kulthandlungen im Tempel, sondern durch gerechte Rechtsprechung und achtungsvolle, menschenwürdige Behandlung der Armen und Schutzlosen im Land. Darin hat Israel versagt und Gottes Rechtsordnung verletzt, stellt der Prophet Amos ungeschminkt fest. Diese himmelschreienden sozialen Zustände werden nicht ohne Folgen bleiben – auch wenn die Satten und Reichen sich darin wohlfühlen und keinen Änderungsbedarf sehen mögen. Letztlich, so die nüchterne Analyse des Propheten, werden Ausbeutung und der Zerfall des alten Zusammenhalts das Nordreich Israel zerstören. Eine Generation später ist es dann so weit. Solche Androhungen, noch dazu von einem Mannes aus dem Süden, werden im Nordreich nicht gerne gehört, vor allem nicht in Bet-El, dem Reichsheiligtum des Nordreichs. Der Tempel von Bet-El ist nicht Hyde Park Corner in London, wo jeder predigen kann, was ihm gerade einfällt. Hier leben außer den Priestern auch eine festangestellte Kaste von Propheten, die den König beraten und ihm weissagen. Da sie von ihm abhängig sind, weissagen sie natürlich eher, was man "Oben" gerne hört. Amos ist dagegen kein "gelernter" Prophet von Berufs wegen, wie die Tempelpropheten von Bet-El ("ich bin kein Prophet und kein Schüler eines Propheten", sagt er), sondern ein Prophet aus Berufung. Er ist niemandem außer Jahwe verpflichtet, das aber ganz und gar. Der Ruf seines Gottes hat ihn aus seinem geruhsamen Dasein herausgerissen, in eine fremde und ihm feindliche Umgebung getragen und ihn Spott und Widerstand ausgesetzt. Amos, ein Mann der es – um Gottes willen – unbequem hat. Ein unbequemer Mann auch für andere, der eine unbequeme Botschaft verkündet, und dafür büßen muß. Amazja, der Priester des Heiligtums, denunziert ihn bei König Jerobeam, weist ihn aus dem Tempel und legt ihm nahe, doch statt dessen den Bewohnern von Juda auf die Nerven zu gehen. Ist Amos gescheitert? Wie lebt er mit seinen Erfahrungen in Bet-El? Ist er nach Tekoa zu seinen Maulbeerfeigen zurückgekehrt? Das Buch Amos schweigt darüber. Wie auch immer es mit ihm weiterging – ich denke, dass ein Mann, der sich so unbedingt seinem innersten Ruf anvertraut hat, mit sich und seinem Gott im Frieden lebte.


Den Abschluss des Amosbuches bilden 5 Visionen des Propheten. Die Lesung bringt einen Einschub in der dritten Vision (Verse 10-17), in dem Amos nicht selbst spricht; es ist ein Bericht über seine Ausweisung. Amos soll aufgrund seiner Unheilsprophetie gegen Israel das Land verlassen. Im Ausschnitt der Lesung wird die Frage des Rechtes zum prophetischen Reden angesprochen. – Amos selbst hat das herrschende System in Frage gestellt: Dass die funktionierende Wirtschaft und der Handel seiner Zeit nur einigen wenigen, nicht aber der Bevölkerung zu Gute kam. Deshalb kündete er den Untergang der Regierung an. Für ihn muss sich der Jahweglauben auch im tatsächlichen Handeln ausdrücken (also auch im gerechten Verteilen des Wohlstands). In Amos 7,10-17 wird zuerst die Sicht des Amazja hinsichtlich der Prophetie dargestellt: es ist ein staatlicher Beruf (Verse 10-13); für Amos hingegen (Verse 14-17) ist der Prophet ein von Gott Berufener.


Der Prophet Amos ist der älteste Schriftprophet (ab 760 v. Chr.). Das hebräische Wort für Prophet "nabi" geht in seiner Grundbedeutung weit über unser Prophetenverständnis hinaus. Es ist aktivisch und passivisch zugleich und könnte mit "berufener Rufer" übersetzt werden. "nabi" bezeichnet den von Gott auserwählten und bevollmächtigten Ausrufer und Boten des Gotteswillens. Die Propheten sollten dem Volk und den Verantwortlichen Heil oder Gericht verkünden, und konnten, indem sie im Namen Jahwes für das Gottesrecht, das heißt für die gottgewollten Menschenrechte der Schwächeren eintraten, zu unerbittlichen Kritikern der führenden Schicht des Volkes werden. Mit einer sehr gesellschaftskritischen Botschaft wird auch Amos zur Zeit der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Blüte des Nordreiches Israel unter König Jerobeam II. (ca. 785-745 v. Chr.) von Gott beauftragt. Mit harten Worten kritisiert er das Luxusleben der Reichen, die die wirtschaftlich und sozial Schwächeren ausbeuten und unterdrücken. Mit seinem Ansatz: "Wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden, kann man sich auch mit den schönsten kultischen Feiern und den reichsten Schlachtopfern die Zuwendung Gottes nicht erkaufen" schafft er sich sehr viele Feinde, so daß er schon kurze Zeit nachdem er von seinem Heimatort Tekoa im Südreich, nahe bei Bethlehem von Gott weggerufen und als Prophet ins Nordreich gesandt wurde, wieder ausgewiesen wird. Der Konflikt Amazja - Amos Nach konkreten Anklagen, Strafansagen und Gerichtsreden beginnt im 7. Kapitel ein Zyklus mit 5 Visionen des Propheten. Die erste Vision verkündet den Untergang Israels im Bild einer Heuschreckenplage (Am 7,1-3), die zweite im Bild einer Feuersglut (Am 7,4-6), doch immer wieder verschont Gott das Volk. In der dritten Vision dürfte es sich nicht um ein Senkblei handeln, wie die Einheitsübersetzung deutet, sondern Amos schaut Gott, der auf der Stadtmauer steht und eine Art "Zinnschwert" in der Hand hält, als Symbol der kriegerischen Vernichtung des Volkes (Zenger, Erich, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart 1995, 390) Auf diese Visionen hin verklagte Amazja, der Priester von Bet-El wo Amos wirkt, den Propheten bei König Jerobeam. Amos bekommt Redeverbot und wird ausgewiesen. Von Gott berufen In dieser Situation unterstreicht Amos seine göttliche Sendung: Er ist kein bezahlter Tempel- und Hofprophet, auch kein Prophetenjünger aus einer Prophetenschule. Aus seinem Beruf und seiner gewohnten Umgebung wurde er herausgerufen, um für die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit zu kämpfen. Als Bauer mit eigener Vieh- und Maulbeerfeigenzucht besaß er wahrscheinlich einen gewissen Wohlstand. Die Unabhängigkeit und das Selbstbewußtsein, mit der er auch in dieser Konfliktsituation auftritt, sowie die Tradition des nach ihm benannten Buches, die die bäuerliche Sprach- und Bilderwelt gut bewahrt hat, bestätigen diese Angaben. Als von Gott beauftragter Prophet kann er sich nicht nur die schönen und angnehmen Seiten aussuchen und darf sich nicht von der menschlichen Meinung, auch wenn sie vom König selbst stammt, abhängig machen. Amos hat keine andere Wahl als seinen Hals zu riskieren und dem Volk weiterhin vor Augen zuführen was passiert, wenn es die gesellschaftlichen Mißstande nicht behebt. Nach allen Drohungen und Gerichtsansagen endet das Buch Amos trotzdem mit einer Heilszusage. Alle Kritik die der Prophet übt, ist ausgerichtet auf die Utopie eines göttlichen Reiches hier auf der Erde. Darum ist nicht die Vernichtung des Volkes das Ziel des Propheten, sondern die Umkehr des Volkes und das Eingreifen Gottes, das die gerechten Zustände herstellen wird.


Antwortpsalm, 15. Sonntag im Jahreskreis (B)
Ps 85,9-10. 11-12. 13-14

R: Erweise uns, Herr, deine Huld,
und gewähre uns dein Heil! – R


Ich will hören, was Gott redet:
Frieden verkündet der Herr seinem Volk
und seinen Frommen, den Menschen mit redlichem Herzen.
Sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten.
Seine Herrlichkeit wohne in unserm Land. - (R)

Es begegnen einander Huld und Treue;
Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
Treue sprosst aus der Erde hervor;
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder. - (R)

Auch spendet der Herr dann Segen,
und unser Land gibt seinen Ertrag.
Gerechtigkeit geht vor ihm her,
und Heil folgt der Spur seiner Schritte. - R


2. Lesung vom 15. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Eph 1,3-14

Lesung aus dem Brief an die Epheser:

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus:
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor Gott;
er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt,
seine Söhne zu werden durch Jesus Christus
und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen,
zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn;
durch sein Blut haben wir die Erlösung,
die Vergebung der Sünden
nach dem Reichtum seiner Gnade.
Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt
und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan,
wie er es gnädig im voraus bestimmt hat:
Er hat beschlossen,
die Fülle der Zeiten heraufzuführen,
in Christus alles zu vereinen,
alles, was im Himmel und auf Erden ist.
Durch ihn sind wir auch als Erben vorherbestimmt und eingesetzt
nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht,
wie er es in seinem Willen beschließt;
wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt,
die wir schon früher auf Christus gehofft haben.
Durch ihn habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört,
das Evangelium von eurer Rettung;
durch ihn habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen,
als ihr den Glauben annahmt.
Der Geist ist der erste Anteil des Erbes, das wir erhalten sollen,
der Erlösung, durch die wir Gottes Eigentum werden,
zum Lob seiner Herrlichkeit.



Der Brief an die Epheser wurde nicht von Paulus selber verfaßt, sondern zwischen 60 und 70 n. Chr., vermutlich von einem seiner Schüler, der nach dem Tod des Apostels in dessen Namen die Gemeinde weiter betreute. Es fehlen die aktuellen Bezüge und Stimmungsumschwünge, die die echten Paulusbriefe prägen. Überhaupt hat die Schrift eher den Charakter einer durchkomponierten Predigt als eines Briefes, der auf konkrete Anfragen und Vorfälle in der Gemeinde Bezug nimmt. Vielmehr legt er einige Grundlagen des christlichen Glauben und die daraus folgende ideale Ordnung einer Gemeinde vor. Die vorliegende Perikope ist die "Ouvertüre" des Epheserbriefes, der sogenannte Hymnus des Epheserbriefs. Die Sprache ist blumig und trotz all ihrer Schönheit für manche etwas verwirrend. Deshalb vielleicht ein paar "Wegweiser" in das Innere des Textes: Die Perikope ist ein Loblied. Sie will also keine dogmatischen Lehraussagen über Vorherbestimmung ("Prädestination") des Menschen oder über das, was vor aller Schöpfung, was im Himmel und was nach dem Ende der Welt geschah und geschehen wird, machen. Hier preist der Verfasser staunend die unermeßliche Größe Gottes zugleich mit der unfassbaren Tatsache, dass wir in seine heilende Nähe berufen sind. Das Wunder, das er hier ausdrücken möchte, übersteigt den irdischen, sichtbaren Bereich, zu dem wir Menschen Zugang haben. Dafür reichen keine nüchternen Worte aus der Alltagssprache, er muss auf "große Worte" zurückgreifen, mit denen er sich kreisend und wiederholend an dieses Geheimnis antastet, ohne es je ganz und gar ausdrücken zu können. Hilfreich für das Verständnis des Textes sind diese Worte, die er immer wieder in Variationen aufgreift – die geben die Grundthemen des Hymnus an: "Segen", "Gnade / gnädig", "nach seinem Willen", "im Voraus bestimmt / vorherbestimmt", "als Erben / Anteil des Erbes", "nach seinem Willen / in seinem Willen", und immer wieder "zum Lob seiner herrlichen Gnade / zum Lob seiner Herrlichkeit". Fassungslos staunt der Verfasser über die Herrlichkeit Gottes, den "Glanz", wie es auf Griechisch heißt – blendend und stark wie die Sonne. Gott ist ganz und gar größer und stärker als wir Menschen. Was wir sind, sind wir durch seine Erwählung, seinen Willen, sein Gnade. Unsere Anfang und unsere Berufung beginnt nicht erst mit uns, sondern mit ihm - "vor der Erschaffung der Welt". Die Initiative liegt ganz bei ihm. Wir werden überreich gesegnet, nicht weil wir wir sind, sondern weil Gott Gott ist. Dass wir zu Christus gehören, dass wir Anteil an ihm haben, dass wir Vergebung und Erlösung erfahren, dass wir "Erben Christi" sind - all das ist nicht unser Verdienst, unsere kluge Entscheidung, sondern ein völlig unverdientes Geschenk. Weil wir so gesegnet wurden, sind wir Spiegel für den blendenden Glanz Gottes, wir sind "Lob seiner Herrlichkeit". Das gilt es zu preisen und an uns geschehen zu lassen. Wer den unfassbar großen Gott an sich handeln lässt, wer dieser Berufung folgt, der wird zu unfassbar Großem berufen. Dazu passt das Wort von Meister Eckehart aus dem Mittelalter: "Lasst euch durch kleine Dinge nicht verwirren, ihr seid zu Kleinem nicht geschaffen". - Ein sehr demütiger Text - trotz aller prunkvollen Worte!


An den Beginn seines Briefes nach Ephesus stellt Paulus einen Lobpreis auf Gottes Heilsplan (1,3-14). Vers 3 stellt gewissermaßen die Zusammenfassung des ganzen Lobes dar: der Segen zieht sich durch den ganzen Hymnus. Trotz Anlehnung an vorgegebene Formen ist mit dem Adressaten des Lobes die christliche Ausrichtung klar: der "Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus". Der Segen hat trinitarische Struktur: Gott ist Spender des Segens; der Geist und Christus haben wesentlichen Anteil daran. In weiterer Folge werden die Auswirkungen des Segens ausgefaltet: Erwählung (Vers 4), Prädestination zur Sohnschaft (Verse 5f), Erlösung (Vers 7), Offenbarung seines Ratschlusses (Verse 8f), Losanteil (=Anteil am Heilshandeln Gottes; Erwählung) (Verse 11f), Glaubensannahme (Vers 13), Besiegelung (Vers 14).


Ephesus war mehrere Jahre lang das Missionszentrum des Apostels Paulus. Die Gemeinde ist wahrscheinlich auch von ihm gegründet worden. Daher fällt es auf, daß der Verfasser des Epheserbriefes die Empfänger seines Schreibens gar nicht zu kennen scheint. Außerdem ist der Brief an die Epheser gleichsam eine aufs "Grundsätzliche" bezogene Überarbeitung des Kolosserbriefes. Aufgrund dieser Beobachtungen und auch verschiedener theologischer und stilistischer Kriterien geht ein Großteil der Bibelwissenschaftler heute davon aus, daß der Brief nicht vom Apostel Paulus selbst verfaßt wurde, sondern einige Zeit nach seinem Tod entstanden ist und die paulinische Tradition weiterführt. Der Brief beginnt mit der Angabe des Absenders und der Adressaten und einer Grußformel (Eph 1,1-2). Daran schließt, wie in der Form des antiken Briefes, eine Eulogie an. Das war ursprünglich ein Hinweis auf die Götter mit Dank oder Fürbitte für das Wohlergehen des Empfängers. Hier in Eph 1,3-14 ist dieser Teil als ausführlicher Lobpreis Gottes gestaltet, in Eph 1,15-23 ist der Einleitungsteil durch eine Danksagung an Gott verdoppelt. Lobpreis Der Inhalt und Grund des Lobpreises in Eph 1,3-14 ist ein dreifacher: Immer schon hat Gott uns geliebt. Gott will unser Heil. Durch Christus verwirklicht er seinen Plan zur Rettung der ganzen Menschheit und der Schöpfung. Durch den heiligen Geist gehören wir jetzt schon zu Gott und haben an der Erlösung Anteil.


Kurzfassung der
2. Lesung vom 15. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Eph 1,3-10

Lesung aus dem Brief an die Epheser:

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus:
Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt,
damit wir heilig und untadelig leben vor Gott;
er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt,
seine Söhne zu werden durch Jesus Christus
und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen, 
zum Lob seiner herrlichen Gnade.
Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn; 
durch sein Blut haben wir die Erlösung,
die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.
Durch sie hat er uns mit aller Weisheit und Einsicht reich beschenkt 
und hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan,
wie er es gnädig im voraus bestimmt hat: 
Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen,
in Christus alles zu vereinen,
alles, was im Himmel und auf Erden ist.


Ruf vor dem Evangelium am 15. Sonntag im Jahreskreis (B)
vgl. Eph 1,17-18

Halleluja. Halleluja.
Der Vater unseres Herrn Jesus Christus
erleuchte die Augen unseres Herzens,
damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind.
Halleluja.


Evangelium des 15. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr B:
Mk 6,7-13   

Aus dem hl. Evangelium nach Markus:

In jener Zeit rief Jesus die Zwölf zu sich
und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen.
Er gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben,
und er gebot ihnen,
außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen,
kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel,
kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.
Und er sagte zu ihnen:
Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt,
bis ihr den Ort wieder verlaßt.
Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt
und euch nicht hören will,
dann geht weiter,
und schüttelt den Staub von euren Füßen,
zum Zeugnis gegen sie.
Die Zwölf machten sich auf den Weg
und riefen die Menschen zur Umkehr auf.
Sie trieben viele Dämonen aus
und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.



Die Aussendung der zwölf Jünger leitet im Markusevangelium eine neue Phase in Jesu öffentlichem Leben ein. Unter die Schilderung des vollmächtigen Wirkens Jesu und der Begeisterung der galiläischen Massen mischen sich Anzeichen einer drohenden Gefahr. Der Konflikt mit den Pharisäern und Schriftgelehrten, aber auch mit dem galiläischen Machthaber Herodes Antipas tritt immer offener zu Tage. Jesus beginnt deutlich gegen sie Stellung zu beziehen. Was vorher geschah Vorher berichtet der Verfasser des Markusevangeliums von drei unerhörten Wundertaten Jesu, eine immer noch unglaublicher als die vorangegangene: von der Stillung des Sturms, der Heilung des Besessenen von Gerasa, den eine Legion Dämonen quält, und schließlich der Tat, die die letzte menschliche Grenze sprengt: die Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers Jairus (Mk 4,35 – 5,43). Der Evangelist schildert Jesus als einen unwiderstehlich mächtigen Wundertäter, der Naturgewalten und Legionen von Dämonen mit ein paar Worten in die Schranken verweisen kann und vor dem sogar der Tod, der stärkste Feind des Lebens, seine Macht verliert. Jesus strahlt diese Heilungsmacht richtiggehend aus; eine blutflüssige Frau muss auf dem Weg zur Tochter des Jairus nur den Zipfel seines Gewandes berühren und wird schon geheilt von einem seit zwölf Jahren chronischen Leiden. Wo der Mensch Jesus ist, schießt Leben empor - so heftig und nicht aufzuhalten, dass einem ganz unheimlich zumute wird. Um so erstaunlicher ist es, wenn es unmittelbar vor unserer Perikope von diesem "Kraftwerk" Jesus anläßlich eines Besuchs in seiner Heimatstadt Nazaret heißt, "er konnte dort kein Wunder tun" (Mk 6, 1-6a). Hier wird klar, dass die erstaunliche Vollmacht Jesu keine übernatürliche magische Begabung ist, sondern sich nur in einer vertrauensvollen Beziehung entfalten kann. Wie es weiterging Unmittelbar nach der Aussendung der Jünger wird erzählt, dass König Herodes Antipas von Galiläa in Jesus einen neuen Johannes sieht (Mk 6,14-16). Dass der Vergleich für Jesus lebensgefährlich ist, macht der Evangelist deutlich, indem er gleich anschließend von der Enthauptung des Täufers berichtet (6,17-29). Je mächtiger Jesu Wirken, je bekannter sein Name, desto mehr wachsen die drohenden Schatten. Es folgen noch einmal drei Wunder-, bzw. Heilungsgeschichten. Danach beginnt die Auseinandersetzung Jesu mit den Pharisäern und ganz allgemein mit der Frage, ob die Verheißung Gottes nur für Israel gilt oder auch für die Heiden. Reich Gottes durch Heilung und Befreiung Dazwischen wird erzählt, wie die Jünger ausgesandt werden. Anders als in der besser bekannten Parallelstelle in Mt 10 wird hier nicht gesagt, dass sie predigen, sondern dass sie Dämonen austreiben und Krankheiten heilen sollen - wie überhaupt bei Markus weniger das Lehren als das Weitergeben der frohen Botschaft durch veränderndes, heilendes Tun im Vordergrund steht. Historischer Hintergrund Zur Zeit, in der das Markusevangelium entstand (60-50 n. Chr.), gab es vermutlich bereits christliche Wandermissionare, die diese Form der Besitzlosigkeit praktizierten. Allerdings lebten sicher nicht alle Apostel auf diese Weise: Paulus ist stolz darauf, dass er sich - außer durch die Gemeinde von Philippi - von niemandem unterstützen ließ, sondern von seiner Hände Arbeit lebte. Offensichtlich wird die Anweisung Jesu als "Wegweiser" betrachtet, nicht als ein sklavisch zu befolgendes Gesetz.


Im Anschluss an den Wunderzyklus (4,35 - 5,43) und dem Bericht der Ablehnung Jesu in seiner Heimat (6,1-6a) folgt der Bericht über die Aussendung der 12 Jünger (6,6b-13). Der Evangelist setzt damit ein Zeichen: Die Ablehnung in der Heimat bewegt Jesus, seine Mission auszuweiten. In den Versen 8-11 findet sich die urchristliche Regel für die Mission wieder: praktische Anweisungen für Wanderprediger. Dass die Jünger zu zweit losgesandt werden gründet darin, dass erst das Zeugnis zweier Männer eine Sache glaubwürdig machte. Ihre Armut verdeutlicht ihre Botschaft: Gott selbst wird sorgen. In den Versen 10f finden sich Grundregeln für Gemeindegründungen: sie bauen auf Gastfreundschaft auf.


Das Markusevangelium stellt "die Zwölf" in eine besondere Nähe zu Jesus. Sie sind seine Jünger, seine Schüler. Es wird mehrmals erzählt, daß er sie, nachdem er das Volk gelehrt hat, in seinem Haus versammelt (Mk 7,17; 10,10). Abseits der Volksmenge dürfen sie an Jesus Fragen stellen und werden langsam mit dem Prozeß der Nachfolge vertraut gemacht. Die Kehrseite des Beschenktseins von Gott durch die Gnade der Jüngerschaft ist aber das menschliche Versagen: Deutlich zeichnet Markus die Jünger als diejenigen, die nicht verstehen, feig sind, untereinander streiten und in der Passion Jesu völlig versagen. Damit ist bewußt gemacht, daß die Jüngerexistenz ganz von der Gnade Gottes abhängig ist und daß der Weg der Nachfolge nur über die Anerkennung des Kreuzes und der Auferstehung Jesu führen kann. Der Evangelist beschreibt mit dem Weg der Jünger an der Seite Jesu nicht nur die ersten Jünger, sondern die Mitglieder der Gemeinde sollen sich in den Jüngern wiedererkennen und von und mit ihnen lernen. Die Aussendung der Zwölf Die Aussendung der Zwölf, der Apostel, ist damit auch die Sendung der Kirche. "Wirtschaftlich" gesehen, müßte Jesu die Jünger einzeln ausschicken, trotzdem sendet er sie zu zweit. Für Jesus steht nicht die Quantität im Vordergrund, sondern das Wissen um die Notwendigkeit von Gemeinschaft und auch die Sorge um die Jünger. Gerade in der Verkündigung ist die Möglichkeit der gegenseitigen Stärkung aber aber der Korrektur eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubhaftigkeit der Verkünder und die psychische Gesundheit der Seelsorger und Seelsorgerinnen. Jesu sendet die Jünger aber nicht nur aus, sondern gibt ihnen auch das notwendige "Werkzeug" mit: die Macht des Wortes und der Tat. Sendung durch Gott bedeutet immer auch Bevollmächtigung zur Durchführung des Auftrages. Dazu gibt Jesus den Jünger auch noch Verhaltensregeln mit auf den Weg, damit die Botschaft auch in ihrem Auftreten sichtbar wird: praktizierte Einfachheit und Armut, damit aus der Verkündigung keine Selbstdarstellung wird, eine klare Linie sowohl bei Annahme als auch bei Ablehnung der Botschaft, daß heißt sich nicht anbiedern, aber auch keine Furcht vor den Menschen. Das Ziel der Sendung Jesu ist auch das Ziel der Aussendung der Jünger und damit der Kirche: das Heil der Menschen.