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21.09.2018

Lesungen 02.09.2018


1. Lesung vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Dtn 4,1-2. 6-8

Lesung aus dem Buch Deuteronomium:

Mose sprach zum Volk:
Und nun, Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften,
die ich euch zu halten lehre.
Hört, und ihr werdet leben,
ihr werdet in das Land, das der Herr, der Gott eurer Väter, euch gibt,
hineinziehen und es in Besitz nehmen.
Ihr sollt dem Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte,
nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen;
ihr sollt auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, achten,
auf die ich euch verpflichte.
Ihr sollt auf sie achten und sollt sie halten.
Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker.
Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen:
In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk.
Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind,
wie Jahwe, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen?
Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften,
die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung,
die ich euch heute vorlege?



Im Buch Deuteronomium wird beschrieben, wie sich das Volk in seine Berufung hineinfindet. Dazu dienen die Ermahnungen des Mos, aus denen die heutige Lesung stammt Das große Ganze wird betont. Es kann nur seine Kraft zeigen, wenn die einzelnen Teile beachtet werden. Gott wird als der mitgehende und vielfach erfahrbare Gott beschrieben. Dies ist so stark, dass es missionarisch wirken kann und Jahwe den Vorteil im Ranking der Götter geben soll.


Das Buch Deuteronomium besteht hauptsächlich aus einer großen Rede des Mose. In seinen Mund legen die Autoren des Deuteronomiums einen großartigen gesellschaftlichen Entwurf, einen kühnen Reformversuch, durch den das Königreich Juda an seinen Ursprung durch Jahwe erinnert und dadurch vor seinem drohenden Untergang gerettet werden sollte. Zentrales Anliegen des Deuteronomiums ist es, durch Gesetze und ethische Richtlinien den Rahmen für eine Gesellschaft zu schaffen, in der jeder - auch die sozial Unterprivilegierten wie Arme, Waisen, Witwen, Sklaven und Fremde - die Freiheit erfahren können, die Jahwe Israel bei der Errettung aus dem Schilfmeer schenkte. Niemand soll so tief unter die Armutsgrenze fallen, dass er davon auf Dauer ausgeschlossen ist. So schreibt das Gesetz vor, dass jeder, der sich aus Not selber als Sklave verkauft hat, im siebten Jahr freigelassen werden muß. Dabei muß ihm sein Herr soviel mitgeben, dass der Freigelassene genug für einen neuen Anfang in Freiheit hat (Dtn 15,12-18). Auch Schulden müssen jedes siebte Jahr erlassen werden, und es wird extra eingeschärft, selbst kurz vor dem siebten Jahr noch großzügig zu leihen, obwohl der Gläubiger dann kaum noch Chancen hat, das Geliehene zurück gezahlt zu bekommen (Dtn 15,7-11). Deutlich liegt der Akzent des Gesetzeswerks auf dem Schutz der Schwachen: Asylsuchenden ist Schutz zu gewähren; sie dürfen nicht ausgebeutet werden (Dtn 23:16-17). Es wird verboten, das Recht von Fremden, Waisen und Witwen zu beugen - eine Gefahr, die immer bestand, weil diese Gruppen keine einflußreichen Angehörigen hatten, die die Richter einschüchtern oder bestechen konnten (Dtn 24,17-18). Mehrfach wird betont, dass am Sabbat Sklave und Sklavin ihre Arbeit genauso ruhen lassen sollen wie ihr Herr (Dtn 5,14-15) - eine Regelung, die im ganzen Alten Orient einzigartig sein dürfte. Vor diesem Gesetz ist sogar der König nur ein Untertan wie jeder andere. Er darf sein Herz nicht über seine Brüder erheben und sein Volk nicht versklaven (Dtn 17,14-20). Das alles sollte man beim Lesen unserer Perikope nicht vergessen. Es macht den eindringlichen, werbenden Ton verständlich, in welchem eingeschärft wird, dem Gesetz ja "nichts hinzuzufügen und nichts davon wegzunehmen". Ein solches Gesetz tut nämlich gerade denen weh, die im Land das Sagen haben. Sie sind es, die um des Gemeinwohls willen auf die Durchsetzung ihrer Privatinteressen verzichten sollen. Damals wie heute ein kühnes Ansinnen! Was könnte ihnen die geforderte Selbstlosigkeit "schmackhaft" machen? Vordergründig die Achtung der anderen Völker vor der Kultur und Bildung Israels (das im Alten Orient dafür wahrlich nicht berühmt war). Aber es geht noch tiefer: Dieses Gesetz ist notwendig zum "Leben", wie es eingangs in der Perikope heißt. Es ist ein Zeichen für die unglaubliche Nähe des lebensspendenden Gottes Jahwes. Und dieser Gott ist nur dort gegenwärtig erfahrbar, wo Gerechtigkeit gelebt wird. Hier wird also keine sklavische Gesetzesfrömmigkeit eingeschärft, sondern es wird an die Mächtigen appelliert, sich einem Gesetz zu unterwerfen, das den Armen und Rechtlosen neuen Lebensraum gibt – also im Wortsinn eine neue "frohe Botschaft" ist.


Die alttestamentliche Lesung des 22. Sonntags im Jahreskreis entstammt dem Buch Deuteronomium, das zwar in der Bibel eines der fünf Bücher Mose ist, im wesentlichen aber erst in mehreren Stufen vor, in und nach dem babylonischen Exil (586 - 538 v. Chr.) entstand. Unser Text, eine Mose in den Mund gelegte Rede, verdankt sich der späten Exilszeit. Durch einen Rückblick auf die Geschichte bzw. einen erneuerten Blick auf das Gesetz Gottes die aktuelle, krisenhafte Situation meistern - so könnte man sein Anliegen anfanghaft charakterisieren. Die Perikope bildet im Buch Deuteronomium die große Überleitung zwischen dem historischen Rückblick (Kapitel 1 - 3) und dem Gesetz (Kapitel 5 - 28) und ist damit gewissermaßen eine Ouvertüre bzw. eine Interpretationshilfe für alles Folgende. Israel soll die Gesetze und Rechtsvorschriften halten, weil sie von Gott stammen und sie letztlich Medium der Gottesnähe sind. So findet es seine unvergleichliche Identität im Reigen der Großmächte. Israel wird durch sein Gesetz und die darin geborgene Gesellschafts- und Sozialordnung gewissermaßen eine "Alternativ-" oder "Kontrastgesellschaft" zu den übrigen Völkern.


Ungekürzte Fassung der
1. Lesung vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Dtn 4,1-8

Lesung aus dem Buch Deuteronomium:

Mose sprach zum Volk:
Und nun, Israel, höre die Gesetze und Rechtsvorschriften, die ich euch zu halten lehre. Hört, und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der Herr, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen.
Ihr sollt dem Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, nichts hinzufügen und nichts davon wegnehmen; ihr sollt auf die Gebote des Herrn, eures Gottes, achten, auf die ich euch verpflichte.
Ihr habt mit eigenen Augen gesehen, was der Herr wegen des Baal-Pegor getan hat. Jeden, der dem Baal-Pegor nachfolgte, hat der Herr, dein Gott, in deiner Mitte vernichtet.
Ihr aber habt euch am Herrn, eurem Gott, festgehalten, und darum seid ihr alle heute noch am Leben.
Hiermit lehre ich euch, wie es mir der Herr, mein Gott, aufgetragen hat, Gesetze und Rechtsvorschriften. Ihr sollt sie innerhalb des Landes halten, in das ihr hineinzieht, um es in Besitz zu nehmen.
Ihr sollt auf sie achten und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk. Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie Jahwe, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen? Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?


Antwortpsalm, 22. Sonntag im Jahreskreis (B)
Ps 15,2-5

R: Herr wer darf Gast sein in deinem Zelt,
wer darf weilen auf deinem heiligen Berg? – R


Der makellos lebt und das Rechte tut;
der von Herzen die Wahrheit sagt
und mit seiner Zunge nicht verleumdet;
der seinem Freund nichts Böses antut
und seinen Nächsten nicht schmäht; - (R)

der den Verworfenen verachtet,
doch alle, die den Herrn fürchten, in Ehren hält;
der sein Versprechen nicht ändert,
das er seinem Nächsten geschworen hat; - (R)

der sein Geld nicht auf Wucher ausleiht
und nicht zum Nachteil des Schuldlosen Bestechung annimmt.
Wer sich danach richtet,
der wird niemals wanken. - R


2. Lesung vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Jak 1,17-18. 21b-22. 27

Lesung aus dem Jakobusbrief:

Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben,
vom Vater der Gestirne,
bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt.
Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren,
damit wir gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.
Nehmt euch das Wort zu Herzen, das in euch eingepflanzt worden ist
und das die Macht hat, euch zu retten.
Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach;
sonst betrügt ihr euch selbst.
Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, besteht darin:
für Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie in Not sind,
und sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren.



Die Angabe der Textstelle zeigt: Es ist kein geschlossenes Ganzes in der heutigen Lesung. Dem Jakobusbrief geht es um klare Anweisungen für das Verhalten als gottgefälliger Mensch. Die Kraft dazu ist durch Gott gegeben. Sie soll sich zeigen im Wohl derer, die Not leiden.


Der Jakobusbrief entstand etwa um 70 - 80 n. Chr. und wird zu den katholischen Briefen gerechnet, d.h. zu den Briefen im NT, die keine bestimmte Adressatengemeinde haben, sondern "an alle" gerichtet waren. Er ist weniger ein Brief als eine urchristliche Predigt. Allem Anschein nach war sein Autor Judenchrist, denn er kannte das Alte Testament gut und bezieht es in seine Ausführungen mit ein (vor allem die weisheitliche Literatur). Als Verfasser wurde lange Jakobus der Herrenbruder, der eine tragende Säule der Jerusalemer Urgemeinde war und 62 n. Chr. hingerichtet wurde, erwogen. Heute datiert man den Brief gemeinhin später. Vermutlich kannte der Verfasser das Gedankengut des Paulus und nimmt dazu Stellung. Martin Luther schätzte den Jakobusbrief nicht sonderlich hoch und fragte misstrauisch, ob denn "Jakobi stroherne Epistel Christum treibet (d.h. hervorbringt)". Seine entscheidende Glaubenserkenntnis wurde dem großen Reformator beim Lesen der Paulusbriefe zugesprochen, als er erkannte, dass Gott uns vor aller Mühe und Leistung aus reiner Gnade und Güte gerechtspricht. Wie sein Seelenbruder Paulus verstand er plötzlich, dass er nicht erst vollkommen sein müsste, um vor Gott bestehen zu können. So erfuhr er sich erstmals von Gott ganz und gar bedingungslos geliebt. Beim Lesen des Jakobusbriefs schien es ihm allerdings, als ob ihm das alte "Du musst!" seines Lebens wiederbegegnete, denn dort heißt es in Jak 2,24, dass "der Mensch aufgrund seiner Werke gerecht" wird. War hier nicht wieder von einem misstrauischen, anspruchsvollen Gott die Rede, der erst gründlich die Verdienste eines Menschen abwog, bevor er sich gnädigst zu ihm herabbequemte? Kein Wunder, dass der Paulusfan Luther dieses Schreiben mit leerem Stroh verglich, das dem Menschen keine Herzensnahrung geben könne! Was seine Auffassung vom Gesetz und den "Werken" anbelangt, unterscheidet sich der Jakobusbrief tatsächlich stark von den Ansichten des Paulus. Der Völkerapostel schreibt im Römerbrief im dritten Kapitel: "Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von den Werken des Gesetzes". Dem widerspricht der Jakobusbrief: "Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen ihm die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?". Was also stimmt jetzt? Der urchristliche Autor des Jakobusbriefs und der Apostel Paulus verbinden andere Erfahrungen mit dem Wort "Gesetz". Zwar nennt der Apostel als guter Judenchrist das Gesetz "heilig", beschreibt aber gleichzeitig, wie er selber daran fast zerbrach, dass er es mit seinen Werken nie erfüllen konnte. Es brachte ihn zum Scheitern und zum Verzweifeln. Schließlich durfte er erkennen, dass es nicht sein wütender Perfektionismus war, der ihn Gott näher brachte, sondern - sein Vertrauen. Das war seine Lebenswende. Seither verkündete er die Botschaft vom heilenden, lebensspendenden Vertrauen, vom Glauben, wie ihn Jesus hatte. Der Verfasser des Jakobusbriefs steht mit seiner Auffassung vom Gesetz eher der Bergpredigt nahe. Für ihn ist es keine bedrohliche, unerfüllbare Vorgabe, sondern eine lebensspendende Leitlinie. Daher spricht er gern vom "Gesetz der Freiheit" (Jak 1,25; 2,12). Wer sich daran entlang hantelt, tastet sich in die Freiheit hinaus und ins "Reich Gottes" hier auf Erden hinein. Wer sich von den Ideen des "Gesetzes der Freiheit" anregen lässt, macht durch seine Werke Gott in der Welt lebendig spürbar. Er erlebt in seinem Tun Freiheit und die anderen mit ihm. Daher betont der Jakobusbrief, dass ihm der Glaube für sich allein zu wenig ist, weil er seine revolutionäre Kraft erst entfaltet, wenn er täglich im Leben Wirklichkeit werden kann. Wer also hat Recht? Wir können von Glück sagen, dass die Alte Kirche in dieser Hinsicht weniger dogmatisch dachte als wir heute. Noch um 400 n. Chr., als man entschied, welche Bücher nun endgültig zum Neuen Testament dazugehören sollten, fand man, dass beide Erfahrungen wahr und berechtigt seien. Also ließ man sie beide unkommentiert nebeneinander stehen. Im Neuen Testament ist Raum für alle: für die, die Lebensregeln als Stütze und als Übungsweg erfahren. Und für die, denen sie zum engen Korsett geworden sind, das ihnen den Lebensatem einschnürt.


Nachdem an den letzten Sonntagen die zweite Lesung jeweils ein Stück aus dem Epheserbrief zum Inhalt hatte, beginnt mit dem 22. Sonntag im Jahreskreis ein neuer Zyklus, der sich dem Jakobusbrief widmet. Diese neutestamentliche Schrift wurde nach heutigem Forschungsstand in der Zeit zwischen 70 und 90 n. Chr. geschrieben und war vermutlich an Christen in Syrien und Palästina gerichtet. Wer den Brief verfaßte, kann nicht mehr gesagt werden. Sowohl der "Herrenbruder" Jakobus (gestorben um 62 n. Chr.) als auch der Apostel Jakobus (hingerichtet um 44 n. Chr.) kommen für die angenommene Abfassungszeit nicht mehr in Frage. Unser aus einigen Stücken des ersten Kapitels patchworkmäßig zusammengestellter Lesungstext läßt das zentrale Anliegen des Jakobusbriefes bereits deutlich werden, die Notwendigkeit einer tatkräftigen Verwirklichung des Glaubens an Jesus Christus. Der Hörer des Wortes Gottes soll zugleich dessen "Täter" sein. Weil Christinnen und Christen "durch das Wort der Wahrheit geboren" sind (Vers 18), also ihnen geoffenbart wurde, wer Gott ist und wie Gott zum Menschen steht, weil sie sich zudem als "Erstlingsfrucht der Schöpfung" verstehen (ebd.), d.h. als Gabe, die ganz Gott gehört, sind sie aufgefordert, ein Leben nach dem Willen Gottes zu führen. Der Einsatz für Notleidende ist dann ebenso konsequent wie das Sich-Bewahren "vor jeder Befleckung der Welt", womit wohl Ausschweifungen verschiedener Art wie Selbstgerechtigkeit, Haß, Neid, Vermessenheit, Genußsucht, etc. gemeint sind (Vers 27).


Ungekürzte Fassung der
2. Lesung des 22. Sonntags im Jahreskreis, Lesejahr B:
Jak 1,17-27

Lesung aus dem Jakobusbrief:

Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben,
vom Vater der Gestirne,
bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt.
Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren,
damit wir gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.
Denkt daran, meine geliebten Brüder:
Jeder Mensch soll schnell bereit sein zu hören,
aber zurückhaltend im Reden
und nicht schnell zum Zorn bereit;
denn im Zorn tut der Mensch nicht das, was vor Gott recht ist.
Darum legt alles Schmutzige und Böse ab,
seid sanftmütig und nehmt euch das Wort zu Herzen,
das in euch eingepflanzt worden ist
und das die Macht hat, euch zu retten.
Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach;
sonst betrügt ihr euch selbst.
Wer das Wort nur hört, aber nicht danach handelt,
ist wie ein Mensch, der sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet:
Er betrachtet sich, geht weg,
und schon hat er vergessen, wie er aussah.
Wer sich aber in das vollkommene Gesetz der Freiheit vertieft
und an ihm festhält,
wer es nicht nur hört, um es wieder zu vergessen,
sondern danach handelt, der wird durch sein Tun selig sein.
Wer meint, er diene Gott, aber seine Zunge nicht im Zaum hält,
der betrügt sich selbst,
und sein Gottesdienst ist wertlos.
Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, besteht darin:
für Waisen und Witwen zu sorgen, wenn sie in Not sind,
und sich vor jeder Befleckung durch die Welt zu bewahren.


Ruf vor dem Evangelium, 22. Sonntag im Jahreskreis (B)
Jak 1,18

Halleluja. Halleluja.
Durch das Wort der Wahrheit hat uns der Vater das Leben geschenkt
und uns zu Erstlingen seiner Schöpfung gemacht.
Halleluja.


Evangelium vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Mk 7,1-8. 14-15. 21-23

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus:

In jener Zeit hielten sich Pharisäer und einige Schriftgelehrte,
die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf.
Sie sahen, daß einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen,
das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur,
wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben,
wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt.
Auch wenn sie vom Markt kommen,
essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen.
Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein,
wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also:
Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten,
sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen:
Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem,
was er über euch Heuchler sagte:
Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen,
sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren;
was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis
und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte:
Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt,
kann ihn unrein machen,
sondern was aus dem Menschen herauskommt,
das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen,
kommen die bösen Gedanken,
Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist,
Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.
All dieses Böse kommt von innen
und macht den Menschen unrein.



Wie bei der Lesung aus dem Jakobusbrief eine Stückelung verschiedener Passagen. So sehr die Erfüllung des Gesetzes angemahnt wird, hat sie ihre Grenzen, die Jesus aufzeigt. Bewahrung ohne den Sinn dahinter ist keine Bewahrung. Reinheit ist ein wichtiges Wort: Was ist rein? Was bewirkt Reinheit? Was macht Reinheit unmöglich? Mit Mk 7,14 (Jesus rief die Menge zu sich) wird noch eine Verstärkung der folgenden Verse vorgenommen. Wenn Jesus bewusst zu allen sprechen will, muss es viel Gewicht haben.


Die Perikope leitet im Markusevangelium zu einer ganzen Reihe von Erzählungen über, in denen sich Jesus mit der Berufung der Heiden auseinandersetzt und sich gleichzeitig scharf von den Pharisäern und den Schriftgelehrten seines Volkes abgrenzt. Der Verfasser des Evangeliums ist Heidenchrist und schreibt für eine Gemeinde von Heidenchristen. Daher haben er und seine Gemeinde an der Klärung dieser Fragen ein besonderes Interesse: Sind sie, die früher Heiden waren und das jüdische Gesetz nicht kennen, gegenüber den Judenchristen so etwas wie "Christen zweiter Klasse"? Wer sind nun diese Pharisäer und Schriftgelehrten? Das Judentum zur Zeit Jesu war eine vielfältige religiöse Landschaft, in der es so ziemlich alles gab. Eines war allen gemeinsam: Im Zentrum des Glaubens stand der Tempel in Jerusalem. Das ist nicht nur bildlich gemeint, sondern ganz handfest: An hohen Festtagen war er das Ziel von jüdischen Wallfahrern aus dem ganzen Mittelmeerraum. Dort brachte man seine Opfer dar. Unter der römischen Fremdherrschaft war der Tempel ein Symbol für die Identität des Judentums. Davon rückt nun die Erneuerungsbewegung der Pharisäer ein wenig ab und legt mehr Gewicht auf die Einhaltung der religiösen und sozialen Gesetzesvorschriften aus dem Alten Testament. Dabei geht es ihnen keineswegs um Kadavergehorsam: Stundenlang debattieren und streiten Vertreter verschiedener pharisäischer Schulen heftig über die Auslegung einzelner Vorschriften. Welche Weisungen sind unbedingt einzuhalten? Welche sind zweitrangig? Wann kann welches Gesetz außer Acht gelassen werden? Welches ist das überhaupt das oberste Gebot, nach welchem sich alle anderen beurteilen lassen müssen? Auch Jesus setzt sich mit diesen Fragen auseinander. Seine Haltung gegenüber dem jüdischen Gesetz ist eine sehr pharisäische, egal, was später behauptet worden sein mag. Über Gebote darf emotional und ausufernd diskutiert werden, und auch Jesus bezieht Stellung und verteidigt sie vehement. So debattiert er in Mk 12,28-34 darüber, welches das höchste Gebot sei - und stößt dabei auf große Zustimmung eines Schriftgelehrten! Ein anderes Beispiel ist die vorliegende Perikope, in der es um die Einhaltung bestimmter Speisevorschriften geht. Dass Jesus mit den Pharisäern über die Tora streitet, ist also kein Zeichen von Feindschaft, sondern zeigt eher, wieviel er mit ihnen gemeinsam hat. Was sie trennt, liegt auf einer ganz anderen Ebene. Die Pharisäer sind stark um ihre rituelle Reinheit bemüht. Sie achten darauf, keine Speisegebote oder andere kultische Gebote zu verletzen, wie z. B. das Fasten an bestimmten Tagen und die Beschneidung. Solche rituellen Vorschriften, die es in jeder Religion gibt, regeln nicht das menschliche Zusammenleben, sondern dienen dazu, die religiöse Identität zu erhalten: Wer diese Regeln, die oft von außen gar nicht einsichtig sind, befolgt, unterscheidet sich von den anderen und bekennt sich als Angehöriger der jüdischen / christlichen / hinduistischen Religion. Für eine kleine religiöse Gruppe inmitten einer übermächtigen, viel eindrucksvolleren fremden Kultur helfen diese Vorschriften, sich von den anderen Religionen abzugrenzen. In dieser Situation war das Judentum im Alten Orient seit jeher und ist es auch noch zur Zeit Jesu. Daher sind diese rituellen Gebote keine lächerliche Fleißaufgabe, sondern garantieren das Überleben des Judentums und der Jahwereligion in der überlegenen hellenistischen Kultur. Die Pharisäer sind also auf Reinheit bedacht. Das heißt auch, dass sie sich streng unterscheiden und abgrenzen wollen, und zwar nicht nur von den Andersgläubigen (den Heiden), sondern auch von Juden, die sich durch ihre Lebensführung "unrein" gemacht haben: Zöllner, Dirnen, Diebe, Aussätzige und Sünder im allgemeinen. Von diesen Menschen halten sie sich fern, weil sie diese Unreinheit für ansteckend halten: Die Berührung mit diesen "Outcasts" macht unrein. Darin unterscheidet sich Jesus nun radikal von den Pharisäern. Er lebt ohne diese Trennlinie und kennt keine Berührungsängste. Wie wir aus der vorliegenden Perikope erfahren, hängt das damit zusammen, dass er neu interpretiert, was man unter rein und unrein zu verstehen hat. Aus anderen Bibelstellen erfahren wir: Die Lauterkeit, die Jesus gerade im Umgang mit den "unreinen" Ausgestoßenen an den Tag legt, befreit und verändert diese. Sie wirkt ansteckend. Und sie holt sie alle herein: Juden und Heiden, Pharisäer und Zöllner.


Nachdem an den letzten Sonntagen in mehreren Schüben die sogenannte Brotrede aus dem Johannesevangelium (Joh 6) im Mittelpunkt stand, ist der Text des Evangeliums dieses Sonntags nun wieder dem Markusevangelium, der Hauptschrift des Lesejahres B, entnommen, wobei sich die uns vorliegende Perikope aus drei zwar thematisch einheitlichen, aber nicht im Textfluß zusammenhängenden Stellen des siebten Kapitels zusammenfügt. Das Thema unserer Perikope ist dem Grundduktus nach die Auseinandersetzung Jesu zur Problematik "rein und unrein", eine Problematik, die stark auf dem Hintergrund des jüdischen Lebens zur Zeit Jesu beruht, weshalb sie der Evangelist in den Versen 3 - 5 mit Erläuterungen ein wenig besser verständlich zu machen versucht. Nicht das, was der Mensch an äußeren Vorschriften und Geboten zu erfüllen trachtet, macht ihn rein oder unrein, sondern seine innere Einstellung ("das Herz"), auf der die Handlungen beruhen. Ein kleinkrämerisches, ängstliches, objektivistisches Sündenverständnis wird damit abgelehnt. Das Gesetz Gottes ist als lebensfördernd zu verstehen, nicht als Belastung.


Ungekürzte Fassung des
Evangeliums vom 22. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B:
Mk 7,1-23

Aus dem heiligen Evangelium nach Markus:

Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, hielten sich bei Jesus auf. Sie sahen, daß einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft und haltet euch an eure eigene Überlieferung. Mose hat zum Beispiel gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter!, und: Wer Vater oder Mutter verflucht, soll mit dem Tod bestraft werden. Ihr aber lehrt: Es ist erlaubt, daß einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Was ich dir schulde, ist Korbán, das heißt: eine Opfergabe. Damit hindert ihr ihn daran, noch etwas für Vater oder Mutter zu tun. So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.
Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes. Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Seht ihr nicht ein, daß das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.
Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.
Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.